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Bälle und Biere

Am leichtesten verdienen deutsche Fußballspieler ihr Geld in der Schweiz. Das Spieltempo ist langsamer, die Gage nicht selten höher als daheim.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Wohlgefällig beobachtete Otto Luttrop von seinem Balkon den Sonnenuntergang über dem Luganer See, sah sich satt am Panorama von Campione und Monte Bre. »Ich möchte mit keinem tauschen«, verriet er auf seinen Zinnen mit vergnügten Sinnen.

Villenbesitzer Luttrop, 32, ist weder Industriekapitän noch Filmstar wie Nachbar Vico Torriani und auch keiner der vielen Steuerflüchtlinge im Tessin. Er ist Fußballer -- gebürtig im westfälischen Altenbögge bei Kamen. Dort nennen sie ihn noch heute wegen seines strammen Schusses »Atom-Otto«. Der Kraftmeier machte Karriere und wurde Bundesligaspieler bei München 1860.

An meinem 27. Geburtstag fragte ich mich«, erinnert er sich. »wie ich noch einmal volle Kasse machen könnte.« Das klappte in der Schweiz. Der FC Lugano bezahlte 80 000 Mark Ablösesumme an den Münchner Klub. »Was ich bekam, will ich lieber nicht sagen«. ziert sich Luttrop. Nach fünf Jahren als Spieler -- als einziger in der Mannschaft bezog er ein festes Salär -- trainiert er nun den Klub. Nur ein Plan mißriet dem Ballartisten: der Handel mit einer italienischen Met-Marke »Birra Luttrop«,

Wie Luttrop hatten sich in den letzten zehn Jahren immer mehr deutsche Fußballer in die Schweiz abgesetzt. Derzeit kicken allein in der Spitzenliga 23 Deutsche. Fünf arbeiten als Trainer. Die vier bestplacierten Klubs in der Tabelle stützen sich auf deutsche Gastspieler. Nur drei von 14 Vereinen verzichten auf Deutsche, zwei davon schweben in Abstiegsgefahr.

Der FC Basel gewann mit dem Westfalen Helmut Benthaus seit 1965 drei Meisterschaften und einmal den Pokal. Im Europapokal trotzten sie sogar Spar. tak Moskau. Doch im vergangenen Sommer verlor die Benthaus-Equipe den Titel an Grashoppers Zürich -- wo der Münchner Rainer Ohlhauser als Spielregisseur wirkt.

Für 100 000 Mark hatte ihn sein Münchner Verein an die Grashoppers verkauft. Experten schätzen, daß Ohlhauser selbst nicht viel weniger beim Wechsel verdient hat. Da auch er eine Trainerlizenz besitzt, hofft er wie Luttrop und Benthaus. eines Tages als Fußballtrainer in der Schweiz arbeiten zu können.

»Man muß sich zwar erst daran gewöhnen, daß man hier nicht jeden Tag in der Zeitung steht«, berichtet Ohlhauser über die beschauliche Fußball-Idylle, »doch dafür haben wir auch keinen Präsidenten, dem die Augen tränen. wenn wir mal verlieren.«

Vorwiegend ältere Spieler bevorzugen die Angebote aus der Schweiz. Während in Vereinen der deutschen Bundesliga und selbst in der zweitklassigen Regionalliga fast täglich trainiert wird, trimmen sie sich in Schweizer Vereinen höchstens zwei- bis dreimal wöchentlich. Nur Benthaus -- den sich viele Schweizer als Nationaltrainer wünschen -- führte in Basel viermaliges Training ein. Außerdem bevorzugen Schweizer Mannschaften langsameres Tempo und individuelleres Spiel.

»In Deutschland erteilt der Trainer strikte Anweisungen, an die man sich im Spiel halten muß«, erklärt der jetzt für Servette Genf spielende frühere Nationalspieler Bernd Dörfel aus Hamburg, der auf Anhieb zum »Fußballer des Monats« gewählt wurde und mit Servette den Schweizer Pokal gewann. »Hier kann ich machen, was mir in den Sinn kommt.« Jetzt muß sich Dörfel freilich umstellen: Seit dem 1. Januar ist sein Landsmann Jürgen Sundermann Trainer der Servette-Spieler.

Verärgerung hatte auch den früheren Bergmann und Nationalspieler Friedhelm »Timo« Konietzka außer Landes getrieben. In einem Bundesligaspiel seines Klubs München 1860 gegen Borussia Dortmund schlug der erboste Konietzka dem Schiedsrichter die Pfeife aus dem Mund, trat ihm gegen das Schienbein und beschimpfte ihn. Er wurde vom Platz gestellt und für sechs Monate gesperrt. Als er wieder spielen durfte, pfiffen ihn die Zuschauer aus.

Nun wanderte Konietzka nach Winterthur ("Ich wußte nicht einmal. daß es das gibt") aus und verhalf dem Klub zum Aufstieg in die erste Liga. Inzwischen trainiert er den FC Zürich und beendete die Herbstserie der laufenden Saison als Tabellenerster. Lohn seiner Gagen: ein Tabakgeschäft und ein Haus in München. Am Hausbau in der Schweiz hinderte ihn bislang lediglich ein allgemeiner Baustopp.

Aber für die meisten Kicker erwies sich die Rückkehr zu bundesdeutschen Spitzenmannschaften als nahezu aussichtslos. Der Münchner Rudolf Nafziger scheiterte in Hannover ebenso wie Hans-Jürgen »Yogi Bär« Ferdinand in Aachen. Auch Nationalspieler Georg Volkert fand beim Hamburger SV seine alte Form noch nicht wieder.

»Fußball in der Schweiz ist ein Feierabend-Job«, meint der Braunschweiger Bundesligatrainer Otto Knefler. »Schnelligkeit ist dort ein Fremdwort.« Tatsächlich siegte er mit seiner Mannschaft in Zürich und Bern gegen die alten Kameraden jeweils mit 5:1.

Auch als der 1. FC Nürnberg den Schweizer Nationalspieler Anton Allemann verpflichtete, zerschlugen sich alle Hoffnungen, die Equipe zu verstärken. Der Gastkicker wurde wieder in die Schweiz abgeschoben.

Nur noch eins erinnert an seine Fußball-Taten in Deutschland: Mit vier Treffern hält er den Rekord auf eine hölzerne Torwand -- im ZDF-Sportstudio.

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