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Bammel vor Boykott

Das Internationale Olympische Komitee steht bei seinem bevorstehenden Kongreß vor unlösbaren Problemen. Eine Spaltung ist nicht mehr ausgeschlossen.
aus DER SPIEGEL 14/1979

Bevor IOC-Präsident Avery Brundage abtrat, hinterließ er seinem Nachfolger bei der Trauerfeier für die Opfer des Münchner Olympia-Attentats: »Die Spiele müssen weitergehen.« Bald könnten sie doppelt stattfinden -- als miteinander konkurrierende Olympiaden für Ost und West.

Olympische Spiele gemäß seinen eigenen Statuten kann das IOC nicht mehr durchsetzen. Um vertretbare Reformen oder drohende Spaltung geht es in dieser Woche bei der 81. IOC-Session in Montevideo.

Die erste knifflige Entscheidung betrifft die beiden chinesischen Staaten. »Ohne Zweifel wünscht die Sowjet-Union, daß die Volksrepublik China in Moskau teilnimmt«, erklärte IOC-Präsident Lord Killanin. Aber sie will erst mitspielen, wenn das IOC zuvor Taiwan ausgeschlossen hat. Eben das beantragte die UdSSR. China wirft dem IOC vor, es habe sich durch die Anerkennung Taiwans in seine inneren Angelegenheiten eingemischt.

Kein Weg führt aus dem Dilemma: Eine IOC-Mehrheit dafür, nach dem Muster der Uno und der USA Taiwan zu verstoßen, ist keineswegs sicher. Denn Taiwan hat die olympischen Regeln sorgfältiger eingehalten als viele Länder, die das Insel-China loswerden wollen. Im Welt-Fußballverband war der brasilianische Präsident Joao Havelange 1978 mit einem entsprechenden Antrag durchgefallen.

Falls das IOC Taiwan dennoch ausschlösse, geschähe es aus Opportunismus; das olympische Oberhaus müßte entgegen seinen eigenen Statuten Taiwan aus politischen Gründen diskriminieren. Bleibt dagegen die Volksrepublik vor den Stadiontoren, fehlte der volkreichste Staat der Welt, ohne daß es Taiwan hülfe. Kanadas Ministerpräsident Pierre Trudeau hatte die unerwünschten Taiwanesen schon 1976 nicht zum Olympia nach Montreal einreisen lassen.

Damals beschloß das IOC Sanktionen für den Wiederholungsfall. Aber niemand nimmt ernsthaft an, daß es die Spiele in Moskau absagt, falls die Sowjet-Union, wie anzunehmen, Taiwans Mannschaft nicht zuläßt. »Chinesen und Isrealis in Moskau -- man kann sich das kaum vorstellen«, schrieb der deutsche IOC-Insider Karl Adolf Scherer dazu.

Die Volksrepublik China will Athleten aus Formosa aufnehmen -- falls die Restchinesen sich dem Nationalen Olympischen Komitee in Peking unterordnen. Darüber mochte Taiwan nicht einmal verhandeln und hält nun den Schwarzen Peter in der Hand.

Israel belastet die Olympier ähnlich wie China. »Das vornehm unterdrückte Rülpsen eines Mannes« nannte die »Frankfurter Rundschau« eine drohende Warnung des sowjetischen Sportministers Sergej Pawlow an Israel, »der sich von einem unverdaulichen Brocken befreien möchte«.

Pawlow warf Israel sportliche Beziehungen zum rassistischen Südafrika vor. Aber auch Frankreich (das ebenfalls eine Warnung aus Moskau erhielt), Großbritannien, Neuseeland, die USA und die Bundesrepublik unterhalten Sportbeziehungen zu Südafrika.

Die Afrikaner wollen alle Länder boykottieren, die noch mit Südafrikanern spielen. Weil Neuseeland gegen Südafrika im Rugby angetreten war, hatten die Afrikaner die Olympischen Spiele 1976 in Montreal verlassen. Gegen Israels Olympia-Teilnahme opponieren seit je arabische Staaten.,. In Moskau sind die Zionisten dran«, versprach der Funktionär Keffyalew Medhin aus Äthiopien.

Im Fall Israel versuchen »gewisse pressure groups die olympische Bewegung zu manipulieren«, beschönigte der IOC-Präsident. An Israels Teilnahme in Moskau hegt er »überhaupt keinen Zweifel«.

Israel verschlimmerte seine Lage unnötig selbst: Sein Nationales Olympisches Komitee (NOK) brach die Beziehungen zu Südafrika ab, Wasserballspieler, die gegen Südafrikaner angetreten waren, wurden gesperrt. Anderntags mußte das NOK auf Druck der Regierung Begin seinen Beschluß aufheben.

Sollte Israel diskriminiert werden, droht ein Boykott von anderer Seite. Der republikanische Abgeordnete des US-Kongresses Jack Kemp sammelte für einen solchen Fall an einem Tag 129 Unterschriften seiner Kongreß-Kollegen für einen Moskau-Verzicht.

Dabei ist Südafrika inzwischen bereit, den Regeln olympischer Toleranz zu entsprechen und eine gemischtrassige Mannschaft zu schicken. Unter dem Druck der Isolation hatte der Sportminister Piet Koomhof 1976 die Rassentrennung auf dem Sportsektor quasi aufgehoben: Klubs dürfen Mitglieder jeder Hautfarbe aufnehmen. Die französische Sportzeitung »L'Equipe« urteilte: »Die Integration ist nicht befohlen worden, sie ist möglich geworden.«

Die für Schwarze, Mischlinge und Weiße gesonderten Verbände haben sich in den verbreiteten Sportarten Fußball und Cricket vereinigt. Gemeinsamer Fußball-Präsident ist George Thabe, ein Schwarzer, dem multirassi-

*In Montreal.

schen Cricket-Verband präsidiert der Inder Rashid Varachia.

In sieben Sportarten, einschließlich Boxen, Leichtathletik und Golf, trugen Athleten aller Rassen schon gemeinsame Meisterschaften aus. Obwohl die Verhältnisse in Rhodesien ähnlich lagen, hatte das IOC auf Boykottdruck der Afrikaner 1972 eine schwarz-weiße rhodesische Mannschaft aus München wieder zurückgeschickt.

»Aus Angst vor den Afrikanern« gab ein IOC-Mitglied zu, »erkennt das IOC die Fortschritte in Südafrika nicht an.« Die gemeinsame Front gegen Südafrika ist für die meisten afrikanischen Länder auch der einzige gemeinsame, politische Nenner. Seit 1972 würzen erpresserische Boykott-Drohungen das olympische Politspiel. 1980 in Moskau trifft es den ersten kommunistischen Olympia-Veranstalter.

Auf die Schwäche des IOC, das wie der Papst über keine Division verfügt, kann Moskau sicher bauen. Doch nun sind die sowjetischen Sportpolitiker dabei, den Durchschnittsamerikaner zu verprellen. Die in München stationierten US-Sender Free Europe/Radio Liberty, die vor allem in den Ostblock senden, nannte UdSSR-Sportchef Pawlow »Agenten des amerikanischen Geheimdienstes«, die er keinesfalls »in mein Land lassen« will.

Bei den Winterspielen 1976 in Innsbruck erhielten die Reporter der bei den Ostblockregierungen verhaßten Sender keine Akkreditierung' aus Montreal durften sie senden. Das lOC bereitete eine Lex RFE/RL vor: Sie soll Sender von der Berichterstattung ausschließen, die in fremden Sprachen und in fremde Sendegebiete ausstrahlen. Verwirklicht das IOC seinen Plan, dürften die US-Sender in Europa auch nicht aus ihrem eigenen Land von den Olympischen Winterspielen 1980 in Lake Placid und 1984 in los Angeles berichten. Das erstärkte die Opposition der Menschenrechts- Demonstranten in den USA.

IOC-Mitglieder schließen nicht einmal aus, daß die USA auf Druck der öffentlichen Meinung die Moskau-Spiele boykottieren. Dann geraten auch Amerikas Verbündete in Konflikt. Der britische Außenminister David Owen unterstützte jedenfalls schon Boykottforderungen der Menschenrechtler.

Der IOC-Präsident kündigte an, jeder Moskau-Boykott zöge den Olympia-Ausschluß nach sich. Das mag die Tendenzen zur Spaltung noch bestärken. Nur im IOC, das seine Mitglieder selbst auswählt, befinden sich die Vertreter der westlichen Welt noch in der Mehrheit gegenüber der Koalition aus Ostblock und Dritter Welt.

Aber die Sowjet-Union fordert seit langem eine Demokratisierung. eine Stimme für jedes angeschlossene Land. Das IOC hat nur 86 persönliche Mitglieder, erkennt aber 132 Nationale Olympische Komitees an; auf der Warteliste stehen 22 Bewerber. 38 Europäern sitzen im IOC schon 29 Afrikaner und Asiaten gegenüber.

Sobald die westliche Mehrheit aus Europäern, Amerikanern und Australiern umkippt, hinderte nichts mehr den Ostblock, die vor den Spielen 1980 in Moskau eher gebremste Boykott-Politik auch im Sport massiv durchzusetzen: Nach Südafrika und Rhodesien müssen Taiwan, Israel, Südkorea und Chile damit rechnen, aus dem internationalen Sportbetrieb hinausgeboxt zu werden. West-Berliner müßten zumindest im Ostblock um ihr Startrecht in Bundesmannschaften bangen.

Solange sie das IOC nicht majorisieren können, versuchen die Ostblockpolitiker. es über den Sportrat der Unesco und andere außerolympische Gremien wie die Europäische Sportkonferenz auszuhebeln. Ihr Ziel ist ein staatlich gelenkter und kontrollierter Sporiverkehr, den ausschließlich Sportverträge zwischen Staaten regeln. So ist es im Ostblock Praxis. Wie im Sportverkehr zwischen den beiden deutschen Staaten hätten Vereine keine Chance, Wettkämpfe mit Klubs jenseits der Grenzen unmittelbar abzuschließen.

Mehr noch: Die Sportorganisationen im Westen, die zwar auch die politischen Instanzen konsultieren, aber doch ihre Enscheidungen selbst fällen, gerieten in völlige Abhängigkeit von ihren Regierungen. Außer im Ostblock haben die meisten Länder Afrikas und Asiens den Staatssport eingeführt. In den wichtigsten westlichen Sportländern lehnen Regierungen und Sportverbände den politisch reglementierten Sport dagegen ab.

Gegen den Druck der Staatssportländer, das IOC in eine »Uno des Sports« umzuwandeln und den internationalen Sportverkehr der jeweiligen, wechselnden Außenpolitik anzupassen, bliebe den selbstverwalteten Sportorganisationen nur eine Alternative -- die Spaltung.

Eben daran kann zumindest den Ostblockstaaten wenig liegen. Milliarden-Investitionen im Leistungssport wären für ruhmlose Siege gegen Vietnam oder Äthiopien verschwendet. Die UdSSR will gegen die USA siegen, die DDR gegen die Bundesrepublik.

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