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Ski Barbarei im Kunstschnee

Die Ski-Weltmeisterschaft in der Sierra Nevada geriet den Spaniern zum Musterfall für Korruption, Bausünden und Umweltzerstörung.
aus DER SPIEGEL 4/1995

Der Kontrast könnte dramatischer nicht sein: Unten, in den Dörfern und Städten der Ebenen von Andalusien, fließt das rationierte Wasser nur noch stundenweise aus den Leitungen, auf den Feldern verdorrt die Aussaat - der Süden Spaniens erlebt die größte Trockenperiode des Jahrhunderts. 1994 fielen nur noch 15 Prozent der Niederschläge des ohnehin schon dürren Vorjahres.

Hoch oben, auf der Sierra Nevada, mit der höchsten Erhebung der iberischen Halbinsel (3478 Meter), werden indes pro Stunde 360 000 Liter Wasser zu Kunstschnee verpulvert - wenn es die Temperatur erlaubt, surren 130 Schneekanonen rund um die Uhr.

Die Zeit ist knapp, denn kommende Woche wollen die besten Skirennläufer in der kargen Gebirgslandschaft, 30 Kilometer südöstlich von Granada, ihre Weltmeister ermitteln. Doch das einzige Naß, das die Natur bis Mitte voriger Woche freigab, war ein kurzer Gewitterregen, der tiefe Rinnen in die mühsam produzierte Kunstschneepiste grub.

Es schien, als ob der Himmel partout nicht bereit war, den Umweltfrevel in den spanischen Bergen unter einem Schleier aus gefrorenen Wasserkristallen zu verstecken: Die schmalen Skiautobahnen schlängelten sich wie wäßrige Narben durch die braune Landschaft.

Die Ski-Weltmeisterschaft in der Sierra Nevada steht - als hätten die Verantwortlichen aus den zahlreichen ökologischen Debakeln der Vergangenheit nichts gelernt - wieder einmal exemplarisch für Sportspektakel, die den falschen Ort heimsuchen. »Diese WM«, klagt der oppositionelle Kommunalpolitiker Alvaro MartInez an, »ist nur ein Vorwand, um gigantische Baugeschäfte zu tätigen und gewisse Herren noch reicher zu machen.«

Schwärmerisch berichtet der Weltskiverband (Fis) von »der höchsten Investitionssumme«, die je ein WM-Ort in seine Anlagen gesteckt habe: 160 Milliarden Peseten (rund 1,8 Milliarden Mark) flossen aus den öffentlichen Haushalten in die Bergregion. Dafür erhielt Pradollano, eine auf 2100 Meter liegende Retorten-Skistation, endlich eine Schnellstraße nach Granada, eine vierstöckige Tiefgarage für 3000 Autos sowie Unterkünfte und Lokalitäten für 8000 Gäste. Massive Erdbewegungen waren nötig, um den Ansprüchen der Skiprofis gerecht zu werden, störende Gebirgsflüsse wurden in Kanalrohre umgeleitet.

»Andalusiens Bürger«, prophezeit MartInez, der als Abgeordneter der Grünen im Regionalparlament von Sevilla und im Senat von Madrid sitzt, »werden die Radikalerschließung bis ins nächste Jahrtausend mit ihren Steuern bezahlen müssen.« Der Mathematik-Dozent an der Universität Granada ist der schärfste Kritiker der eigens für die WM gegründeten Betreibergesellschaft Cetursa, in der sich öffentliche Hand, Banken und Baulöwen zu einem Zweckbündnis zusammengefunden haben.

Als erstes sorgten die in der Cetursa vertretenen Kommunalpolitiker dafür, daß die Sierra Nevada zum Naturpark erklärt wurde. Die inmitten dieser Schutzzone liegende Skistation wurde hingegen zum Gebiet intensiver Nutzung erklärt. Damit war der bebaubare Boden in der Region verknappt - der Wert der Skistation-Immobilien schnellte in die Höhe. Auch in der Folge sorgte die Cetursa dafür, daß sich von den spanischen Medien eher Spezialisten für politische Affären als Sportreporter für die Ski-WM interessierten.

So vergab die Cetursa zunächst die meisten Bauaufträge an den landesweit operierenden Ferrovial-Konzern. Doch dann beteiligten sich die Ferrovial- und die Cetursa-Manager auch an den An- und Verkäufen von Immobilien. MartInez fand heraus, »daß Appartements und Autostellplätze hin- und hergeschoben wurden und mit jedem Verkauf erst um ein Vielfaches teurer und dann plötzlich wieder spottbillig geworden sind«. Für den streitbaren Senator, der die Ungereimtheiten in einem mehrere Aktenordner dicken Dossier zusammengetragen hat, ist damit klar: »Die Baufirma hat sich mit verdeckten Provisionen für die Aufträge revanchiert.«

In einem Fall, so recherchierte die Tageszeitung Diario 16, habe die Cetursa eine Parzelle für 14 Millionen Peseten an Geschäftsleute verkauft, die das Objekt zwei Monate später für 300 Millionen veräußert hätten. Bei der Operation, behauptet das Blatt, hätten zwei Cetursa-Vorstände 250 Millionen Peseten (rund 2,9 Millionen Mark) für sich behalten.

Auch der andalusische Rechnungshof interessiert sich inzwischen für die undurchsichtigen Immobilientransfers der Cetursa-Verwaltung, die sich einer »wirkungsvollen Kontrolle« entziehe. Nach der WM soll sich eine parlamentarische Untersuchungskommission mit den dubiosen Geschäften befassen.

Cetursa-Chef Jeronimo Paez, ein prominenter Steueranwalt, der fast alle politischen Granden der Region in seiner Mandantenkartei führt, bestreitet die Vorwürfe: MartInez sei bloß »das Trojanische Pferd und der nützliche Idiot« der nicht mit WM-Aufträgen bedachten Baufirmen. Paez strengte eine Verleumdungsklage an, mit der inzwischen der Oberste Gerichtshof befaßt ist.

Ungerührt führt Senator MartInez seinen Feldzug gegen die »ökologische Barbarei« fort: Die bis zu 70 Meter breite Autobahntrasse belaste die Natur, die wegen der kargen Vegetation und der enormen Temperaturschwankungen extrem erosionsgefährdet sei. Und daß Gebirgsbäche, die während der Schneeschmelze mächtig anschwellen, in unterirdische Rohrsysteme abgeleitet wurden, werde »in einer Katastrophe enden«.

Solche Schreckensvisionen, entgegnet die Cetursa, gefährden die 3000 Arbeitsplätze in der Skistation. Die Gesellschaft will sich mit einer Anklage wegen Volksaufwiegelung wehren. Die WM-Betreiber wissen die Beschäftigten von Pradollano hinter sich. Zuletzt versammelten sich rund 500 Bedienstete - Skilehrer, Skiliftpersonal, Kellner und Verkäufer - zu einer Protestkundgebung vor dem Cetursa-Sitz und nannten MartInez lauthals einen »Verbrecher«. In einer anonymen Presseerklärung kündigten Unbekannte an, dem Grünen-Politiker werde »eines Tages zustoßen, was ihm zusteht«.

Den Weltskiverband kümmern die lokalen Scharmützel kaum. Wenngleich die Fis über Termin-Notplänen brütet, wonach die WM im März oder gar erst 1996 stattfinden könnte, muß sie insgeheim über den milden Winter froh sein: Zu einer Zeit, da in normalen Jahren die Sierra Nevada längst unter einer dicken Schneedecke versunken ist, konnten die Baufirmen ihre beträchtlichen Zeitrückstände aufholen - und werden pünktlich zur Eröffnungsfeier die Abschlußrechnungen versenden können.

Während die Cetursa-Manager, so MartInez, bei einer WM-Absage folglich »keinen Schaden nehmen« werden, fürchten neben den vielen Restaurant- und Boutiquen-Besitzern, die sich in der Hoffnung auf den schnellen WM-Profit hoch verschuldet haben, vor allem die örtlichen Hotel-Bediensteten den Ausfall der Rennen: Seit einem Jahr schleppen sich ihre Tarifverhandlungen hin. Mit einem Streik während der Weltmeisterschaft wollten sie die Arbeitgeber zum Nachgeben zwingen. Y

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