Wechsel von Basketball-Superstar Harden Der Hoch-Risiko-Transfer

Der für seine Eigenheiten bekannte James Harden spielt nun für die Brooklyn Nets – an der Seite zweier weiterer Superstars. Ein Plan, so vielversprechend wie gewagt.
James Harden zieht das Trikot von Houston aus

James Harden zieht das Trikot von Houston aus

Foto: Harry How / GETTY IMAGES NORTH AMERICA / AFP

Mindestens fünf NBA-Teams waren am Verhandeln. Fünf General Manager mitsamt Stäben, die feilschten und taktierten, die über das Schicksal von 13 aktuellen und zukünftigen Profis entschieden. Das alles, damit ein Mann bekommt, was er will: James Harden.

Am Mittwochabend folgte die Einigung: Der Superstar wechselt von den Houston Rockets nach Brooklyn. Harden, der mehrfach in der NBA zum Allstar gewählt wurde, der in den Vorjahren zu den Topscorern gehörte, der mit den USA schon Weltmeister und Olympiasieger wurde. Einer der ganz Großen. Und künftig einer der Brooklyn Nets.

Die Nets zahlten dafür einen enormen Preis. Abgeben mussten sie:

• die Leistungsträger Caris LeVert, Jarrett Allen und Taurean Prince,

• den Ergänzungsspieler Rodion Kurucs,

• drei Erstrundenpicks für die Drafts, also die Talent-Ziehungen, in den Jahren 2022, 2024 und 2026,

• vier sogenannte Pick Swaps: Sie geben den Rockets das Recht, mit den Nets in den Jahren 2021, 2023, 2025 und 2027 die Picks zu tauschen, sollten sie an früherer Stelle in der Draft ein Talent ziehen dürfen. Um die Gehaltsbestimmungen der Liga einzuhalten, wurden außerdem die Cleveland Cavaliers und die Indiana Pacers involviert:

• Die Cavaliers erhalten Allen und Prince und gaben dafür Dante Exum und einen Erstrundenpick nach Houston ab.

• Die Pacers erhalten LeVert und einen Zweitrundenpick aus Houston im Tausch für den ehemaligen Allstar Victor Oladipo.

Es ist ein komplexer, spektakulärer Vier-Team-Deal, ein Erdbeben, das die Kräfteverhältnisse an der Ligaspitze und vor allem Brooklyns Titelchancen entscheidend verändern könnte. Zum Guten oder zum Schlechten.

Glücklose Zeit in Houston

Hardens Markenzeichen ist der Rauschebart. Er trägt ihn seit seinen Anfangstagen bei den Oklahoma City Thunder, als noch niemand ahnte, dass er einmal der dominanteste Scorer der Liga werden würde. Erst in Houston, wo er 2012 anheuerte, wurde Harden zum Superstar, zu einem der besten Punktesammler der Geschichte. Und zur Ikone des gepflegten Gesichtshaars.

Ein Bild aus besseren Zeiten bei Houston

Ein Bild aus besseren Zeiten bei Houston

Foto: Marcio Jose Sanchez/ AP

Als Mitte Dezember jedoch die Vorbereitungen auf die neue NBA-Saison begannen, da war der Bart weg. Also nicht abrasiert. The Beard, so Hardens Spitzname, war einfach nicht da. Er schwänzte unentschuldigt den Trainingsauftakt in Houston und bestätigte damit indirekt, was schon lange vermutet worden war: Harden wollte weg. So schnell wie möglich.

Hardens Zeit in Houston hätte erfolgreicher sein können. Vielleicht sogar müssen. Die Rockets hatten ihr gesamtes System auf seine herausragenden Scoring-Fähigkeiten zugeschnitten. Und Harden brillierte: MVP 2018, achtfacher Allstar, Scoring-Champion 2018, 2019 und 2020. Über ein Dutzend individuelle NBA-Rekorde gehen auf sein Konto.

Hardens Pech war, dass er während fünf seiner acht Jahre bei den Rockets in direkter Konkurrenz mit den historisch guten Golden State Warriors stand. Fünfmal in Folge erreichten die Kalifornier die Finals (2015-2019). Viermal räumten sie dabei die Rockets aus dem Weg.

Als die Titelchancen der Franchise in den vergangenen zwei Jahren spürbar sanken, sank spürbar auch Hardens Zufriedenheit. Mit Beginn der laufenden Saison nahm die Situation schließlich Slapstick-Charakter an: Statt beim Training ließ sich Harden auf Partys in Atlanta blicken, in Las Vegas – und maskenlos in einem Stripklub.

Als Harden schließlich beim Team erschien, war er sichtbar außer Form. Was ihn allerdings nicht davon abhielt, in den ersten drei Saisonspielen 37 Punkte im Schnitt zu erzielen. So gut ist dieser Harden: Topscorer in der NBA, trotz Urlaubsspeck.

Trotzdem gingen vier der ersten sechs Saisonspiele verloren. Als die Rockets anschließend zweimal deutlich dem Champion L.A. Lakers unterlagen, war das Tischtuch offenbar endgültig zerschnitten. »Wir sind einfach nicht gut genug«, sagte der 31-jährige Shooting Guard Harden bei der anschließenden Pressekonferenz. »Die Probleme können nicht gelöst werden.«

In seinen letzten vier Spielen für Houston kam er nicht über die 20-Punkte-Marke hinaus. Das ist ihm seit 2012 nicht mehr passiert. Damals war er noch die Nummer drei in der Hackordnung bei Oklahoma, hinter Russell Westbrook, den die Rockets vergangene Saison extra für Harden nach Houston geholt hatten. Und hinter Kevin Durant – mit dem Harden nun in Brooklyn wieder vereint ist.

Zu viel Talent in Brooklyn?

Mit dem Forward Durant und Point Guard Kyrie Irving stehen bereits zwei absolute Superstars in Brooklyn unter Vertrag. Dazu verfügte das Team über einen tiefen, wohltemperierten Kader. Bereits ohne Harden galten die Nets daher hinter den Lakers als Topanwärter auf den Titel 2021. Nun ist das Team nochmals besser.

Oder doch nicht?

Natürlich ist Harden eine enorme Hilfe für die Nets. Sein Dreier-Wurf, sein bulliger Zug zum Korb, seine Fähigkeit, etliche Fouls zu ziehen, nicht zuletzt sein Spielverständnis: All das bringt Harden nach Brooklyn – und dazu sein Vermögen, wie kaum ein anderer heiß zu laufen. Dass etwa Stephen Curry vor einigen Tagen ligaweit gefeierte 62 Punkte erzielte, dürfte Harden kaum beeindruckt haben: Er machte in Houston schon vier Mal über 60 Punkte – einmal in unter 30 Minuten Spielzeit und einmal mit einem Triple Double (60 Punkte, 11 Assists, 10 Rebounds).

Defensiv hingegen ist Harden allenfalls Durchschnitt. Genauso wie Irving. Unterm eigenen Korb steuern die Nets daher auf ernste Probleme zu, zumal sie mit Jarrett Allen ihren besten Ringbeschützer abgaben, der die Schwächen seiner Guards am besten hätte kaschieren können.

Die Defense ist indes nicht das einzige Risiko hinter dem Harden-Deal – und vor allem nicht das größte: Zum einen opferten die Nets angesichts der zahlreichen abgegebenen Draftpicks ihre komplette mittelfristige Zukunft. Zum anderen zertrümmerten sie die bestehende Teamhierarchie und Flexibilität: Schließlich zahlen sie einem verletzungsanfälligen 28-Jährigen (Irving) und zwei Ü30-Profis in den kommenden drei Saisons 357 Millionen Dollar.

Kyrie Irving bekommt einen neuen Teamkollegen

Kyrie Irving bekommt einen neuen Teamkollegen

Foto:

Nick Wass/ AP

Am schlimmsten aber: Sie taten all das für ein äußerst gewagtes Sozialexperiment. Denn Harden, Durant und Irving sind nicht nur drei dominante Alpha-Spieler, die sich künftig den Ball teilen müssen. Sie gelten auch allesamt als allürenfreudig.

Drei große Egos

Durant, 32, kassierte 2017 einen Shitstorm, als bekannt wurde, dass er mit Fake-Accounts in den sozialen Medien einige seiner Hater beleidigte. Zuvor zerstritt er sich in Oklahoma mit seinem Co-Star Russell Westbrook aufs Übelste.

Irving verließ 2017 die Cleveland Cavaliers und LeBron James, um in Boston die Nummer eins zu sein. Seine zwei Jahre dort waren ein einziges Missverständnis. Dazu kommen seine teils schrägen Ansichten: 2017 behauptete Irving, die Erde sei flach. Vor wenigen Wochen verbrannte er vor dem Auswärtsspiel bei den Boston Celtics Salbei in der Halle, um den Ort von böser Energie zu befreien.

Aktuell fehlt Irving seit fünf Spielen aus persönlichen Gründen. Niemand weiß Genaueres, doch es tauchten Videos auf, die ihn gut gelaunt bei einer Geburtstagsparty zeigen sollen.

Kevin Durant, der Dritte im Bunde

Kevin Durant, der Dritte im Bunde

Foto: Chris Carlson / AP

Zu diesem in vieler Hinsicht explosiven Duo stößt nun Harden. Und Coach Steve Nash, der sein erstes Jahr als Cheftrainer bestreitet, muss nun Wege finden, drei große Egos in nur 48 Minuten Spielzeit zufriedenzustellen. Zusammen erzielen die drei aktuell 81,1 Punkte pro Spiel. Am meisten zurückstecken muss vermutlich Irving, der unter den Superstars noch der schwächste Spieler ist – bei aktuell 27,1 Punkten pro Spiel.

Sollte es Nash gelingen, seine Topleute – und den Rest des Kaders – bei Laune zu halten, wären die Nets wohl mindestens so stark wie der große Favorit, die Lakers. Doch für diese Hoffnung gingen die Nets ein gigantisches Risiko ein.