Zum Tod von Kobe Bryant Auf eigene Faust

Beim Basketball spielen fünf gegen fünf. Für Kobe Bryant galten oft andere Regeln. Er entschied Spiele im Alleingang, das brachte ihm Rekorde und Titel ein. Und Kritik.
Eine Analyse von Marvin Rishi Krishan
Kobe Bryant nach dem siebten Spiel der Finalserie 2010 gegen die Boston Celtics - sein fünfter NBA-Titel

Kobe Bryant nach dem siebten Spiel der Finalserie 2010 gegen die Boston Celtics - sein fünfter NBA-Titel

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Nathaniel S. Butler/ NBAE/ Getty Images

Der Tod von Sportlern verleitet dazu, ihre Leistungen zu überhöhen. Bei Kobe Bryant besteht diese Gefahr nicht - er war nun mal der beste Basketballer seiner Zeit. Bryant, der im Alter von 41 Jahren gemeinsam mit seiner 13-jährigen Tochter Gianna und sieben weiteren Menschen bei einem Hubschrauberunglück starb, spielte 20 Jahre lang für die Los Angeles Lakers, er gewann Titel, brach Punkterekorde, war 18 Mal Allstar, hatte in drei verschiedenen Jahrzehnten Erfolg, von 1996 bis 2016. Statistiken, die über jeden Zweifel erhaben sind. Über das Wie aber gab es Zeit seiner Karriere Diskussionen. Bekam er den Ball, wurde Bryant zum Egomanen.

"Wie, glaubst du, kann man Frieden schaffen?", fragte  Bryant einst seinen Mitspieler Ron Artest. Der wusste darauf keine Antwort, Bryant schon: "Durch Krieg." Kobe Bryant war jemand, der die Konfrontation suchte. Auf und neben dem Spielfeld.

Im Jahr 2021 hätte Bryant in die Hall of Fame des Basketballs aufgenommen werden können, vier Jahre müssen zwischen Karriereende und Eintritt in die Ruhmeshalle liegen. Vor drei Jahren erzählte er der Website "Complex", wen er sich bei seiner Zeremonie wünschen würde: seinen langjährigen Trainer Phil Jackson und Michael Jordan. "Sie waren meine größten Mentoren, nicht nur in meiner Karriere als Sportler, sondern auch als Mensch."

Der Erbe

Dirk Nowitzki und Kevin Durant bezeichneten ihn als "Jordan unserer Zeit". Ähnlich wie der Superstar von den Chicago Bulls war Bryant als Spieler von Beginn an selbstsicher und herausfordernd, geradezu überheblich. Als er noch die High School besuchte, verkündete er bei einer Pressekonferenz, das College zu überspringen und direkt in die NBA wechseln zu wollen. Damals eine absolute Ausnahme, doch es kam so wie angekündigt: Als erst fünfter Spieler kam Bryant auf diesem Weg in die beste Basketballliga der Welt. Dort angekommen verkündete der 17-Jährige, er könne Jordan im Eins-gegen-Eins bezwingen. Ein Wahnsinn, eigentlich. Doch von Jordan selbst ist das Zitat überliefert, wenn es überhaupt einen gebe, der ihn im direkten Duell schlagen könne, dann Bryant - mit dem sehr Jordan-esken Nachsatz: "Weil er alle meine Moves kopiert."

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In der NBA angekommen gab es allerdings einen Dämpfer, Bryant musste sich bei den Profis erst einmal gedulden. Mit dem Center Shaquille O’Neal hatten die Lakers einen Superstar verpflichtet, Bryant sollte als Shooting Guard zuarbeiten. "Shaq" als Batman, Bryant als Robin. In den Playoffs scheiterte das Team an Utah Jazz, Bryant warf in der Schlussphase des entscheidenden Spiels drei Mal von der Dreierlinie, ohne den Korb auch nur zu berühren. Diese "Airballs" sind eine Blamage für Spieler dieser Klasse, Bryant erntete reichlich Spott. Ehrenrettung kam von O'Neal: "Niemand außer ihm hatte den Mumm, diese Würfe zu nehmen."

Die Lakers funktionierten erst, nachdem Trainer Jackson zur Saison 1999/2000 gekommen war. Er hatte mit Jordan bei den Chicago Bulls von 1991 bis 1993 sowie 1996 bis 1998 sechs Titel gewonnen. Mit seiner "Triangle Offense", bei der das Raumspiel auf Eins-gegen-eins-Situationen im Post, also mit dem Rücken zum Korb, ausgelegt ist, gelang Jackson mit den Lakers 2000, 2001 und 2002 die nächste Dreierserie. Bryant fungierte als Spielmacher für O’Neal und Scorer, vor allem in den Schlussminuten.

Revierkampf und Alleingang

Die Hierarchie zwischen den beiden Superstars verschob sich ab etwa 2002, als O’Neal außer Form geriet und Gewicht zulegte. Bryant bekam mehr Spielanteile und zeigte, dass er das Zeug hatte, ein würdiger Nachfolger für Jordan als größter Star der Liga zu sein. Es kam zum Konflikt zwischen O'Neal und Bryant, bei einem Training kam es zu Fausthieben, wie beide später erzählten. "Shaq" wechselte zu Miami und gewann dort einen vierten Titel, während Bryant mit einem Kader zurückblieb, der kaum konkurrenzfähig war. Der Streit mit O’Neal geriet zum Medienspektakel, einer der Höhepunkte: "Shaq" rappte in einem Comedy-Club einige Zeilen  gegen Bryant.

Was folgte, war einer der spektakulärsten Alleingänge der NBA-Geschichte. Mit einem Spielstil, der dem Jordans extrem ähnelte, punktete Bryant bei den Lakers nach Belieben und brach Rekord um Rekord: 81 Punkte in einem Spiel 2006, eine Serie von vier 50-Punkte-Spielen im Folgejahr, die Liste ist lang. Er war flink, trickreich und schloss am Korb oft akrobatisch ab. Distanzwürfe, Dribblings, Verteidigung - Bryant hatte so gut wie alles. Es gab keinen Wurf, den der Shooting Guard zu schwierig fand, wofür er gleichermaßen gefeiert und kritisiert wurde. Er traute sich alles zu, seinen Mitspielern weniger.

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Kobe Bryant ist tot: Ein Rückblick auf seine Basketball-Karriere

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Lucy Nicholson/ REUTERS

Er sei egoistisch, sagten Kritiker, seine Wurfauswahl ineffizient. Im Web 2.0 kursierten Memes , dass er den Ball nie zu seinen Mitspielern abgab. Tatsächlich wollte die "Black Mamba" das Spiel oft auf eigene Faust entscheiden, was er mit dem mangelnden Talent seiner Mitspieler rechtfertigte. Erst nach der Verpflichtung des Spaniers Pau Gasol und der Rückkehr Phil Jacksons holten die Lakers 2009 und 2010 wieder Meistertitel.

"Kobe!"

Durch seinen immensen Erfolg und seinen Spielstil erarbeitete Bryant sich über die Jahre einen Nimbus, wie sonst vielleicht nur Michael Jordan. Bryant pflegte sein Image, indem er Slogans wie "Mamba Mentality" erschuf (oder erschaffen ließ). Bis heute rufen Basketballfans auf der ganzen Welt "Kobe! ", wenn sie in ihrem Büro versuchen, aus scheinbar unmöglichem Winkel eine Papierkugel in den Müllkorb zu werfen.

Nach den Titeljahren funktionierte Jacksons System im neuen, schnellen Basketball mit Fokus auf Dreipunktewürfe nicht mehr. Bryant spielte zwar noch ein paar Jahre auf hohem Niveau, erlitt 2014 aber einen Achillessehnenriss, von dem er sich sportlich nicht wieder erholte. Tiger Woods sprach am Sonntag, kurz nachdem er von Bryants Tod erfahren hatte, von dem Moment, den er am meisten mit seinem verstorbenen Freund verbinde. Es sei genau dieses Spiel gewesen, in dem Bryant mit zerfetzter Achillessehne noch an die Freiwurflinie ging und anschließend auf Krücken verkündete, er freue sich auf die Herausforderung, nochmal zurückzukommen.

Ein anderes Spiel, in dem man diesen Willen besonders bewundern konnte, war seine letzte Partie im April 2016. Mit seinen 37 Jahren schleppte er sich über das Parkett, warf viel und meist daneben, sein Team geriet in Rückstand. Aber Bryant hörte einfach nicht auf zu werfen, kam bei absurden 50 Versuchen und 22 Treffern auf 60 Punkte - und erzielte den entscheidenden Korb in der Schlussminute.

DER SPIEGEL
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