NBA-Star Giannis Antetokounmpo Sein Potenzial ist grenzenlos

Der beste Basketballspieler der Welt wird immer besser. Diese Saison überwindet Giannis Antetokounmpo seine letzte Schwäche.
Giannis Antetokounmpo

Giannis Antetokounmpo

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Thibault Camus/ AP

Seit sieben Jahren läuft in Wisconsin in den USA ein Experiment. Die Versuchsperson heißt Giannis Antetokounmpo, 25 Jahre alt, wertvollster Spieler (MVP) der vergangenen NBA-Saison und der beste Basketballer der Welt. Das Experiment folgt der einfachen Frage: Wo ist Schluss?

Antetokounmpo nimmt auf dem Court eine in der Basketballgeschichte einzigartige Rolle ein, ihn als vielseitig zu beschreiben wäre untertrieben.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein Basketballspieler als Alleskönner bezeichnet wird, doch diesmal stimmt es tatsächlich. Antetokounmpo ist der erste Point Center, er überschreitet die Grenzen des Positionsspiels.

Mit 2,11 Metern und rund 110 Kilogramm erfüllt der Grieche die körperlichen Voraussetzungen, um als Big Man unter dem Korb zu spielen. Das war aber nicht immer so. Als Antetokounmpo 2013 an 15. Stelle von den Milwaukee Bucks gedraftet wurde, war er noch lange nicht ausgewachsen. Damals wurde Antetokounmpo offiziell noch als Small Forward geführt, niemand wusste so genau, was seine Rolle sein würde. Er galt als Projekt und nicht als Supertalent, aufgrund seiner langen Gliedmaßen und seiner Athletik trug er aber bereits den Spitznamen "Greek Freak".

Antetokounmpo in seiner ersten NBA-Saison

Antetokounmpo in seiner ersten NBA-Saison

Foto: Benny Sieu/ USA Today Sports/ Reuters

Nach seiner Rookie-Saison kam Jason Kidd als Cheftrainer und schulte ihn zum Point Guard um, die traditionell kleinste Position. Antetokounmpos Körpergröße half ihm in seiner neuen Rolle, limitierte ihn aber auch. Zum einen vermochte er, über die Köpfe der Gegenspieler hinwegzusehen und zu passen, zum anderen fehlte ihm schlichtweg die Übersetzung, um wie die anderen Elite-Spielmacher über den Court zu huschen. Zusätzlich wurde Antetokounmpo immer größer und muskulöser - seine Physis verlangte seine Präsenz unter dem Korb.

"Point alles"

Aus dem Point Guard wurde ein Point Forward, im Angriff spielte er mal als Spielmacher und mal als Scorer vom Flügel. Anders als Scottie Pippen und LeBron James etwa, die ebenfalls als Flügelspieler den Spielaufbau übernahmen, kamen bei Antetokounmpo Big-Men-Aufgaben wie das Stellen von Blocks und Rebounding hinzu. Kidd bezeichnete seinen Schützling im Gespräch mit der "New York Times " 2017 als "Point alles".

Tatsächlich stimmte das erst, nachdem Kidd zur Saison 2018/2019 entlassen wurde. Sein Nachfolger Mike Budenholzer installierte ein passorientiertes System mit sicheren Distanzschützen, vor allem aber verbesserte er die Verteidigung. Am weniger glamourösen Ende des Courts war Antetokounmpos Stärke bislang seine Vielseitigkeit gewesen, nun beschützte er auch noch in echter Center-Manier den Korb.

Gleichzeitig wurde der Grieche im Angriff mutiger, besonders im Umschaltspiel machte er aggressive Läufe zum Korb, wo er seitdem nicht zu stoppen ist. Bei nur 58 Prozent seiner 279 Dunks profitierte er von einem Zuspiel eines Mitspielers, einsamer Spitzenwert in der NBA. In Bewegung sah das so aus:

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"Er kann so ziemlich jede Position spielen", beschrieb Eric Bledsoe seinen Mitspieler am Rande der Partie gegen die Charlotte Hornets in Paris am vorvergangenen Freitag: "Es kommt darauf an, wie das Spiel läuft, mal spielt er auf der Fünf, mal als Point Guard." Die Bucks hatten mit 60 Siegen die beste Bilanz der regulären Saison, Antetokounmpo wurde MVP und Zweiter bei der Wahl zum Verteidiger des Jahres, Budenholzer gewann den Trainer-Award.

Alle Schwächen in Stärken verwandelt

Dieses Jahr ist Milwaukee auf Kurs, als drittes Team der NBA-Geschichte die Saison mit mindestens 70 Siegen zu beenden. Im Schnitt gewinnen die Bucks ihre Spiele mit 12,7 Punkten Vorsprung, das wäre über eine gesamte Spielzeit ein neuer Rekord. Der MVP-Award wird auch diesmal wohl an Antetokounmpo gehen, dessen Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen ist, wie Bledsoe weiß: "Natürlich kann er noch viel besser werfen."

Der Distanzwurf war bislang die einzige Lücke in Antetokounmpos Skillset, in dieser Saison gilt das nicht mehr. Seine Trefferquote bei Dreiern ist von 25,6 auf 32,1 Prozent gestiegen, bei fast doppelt so vielen Versuchen. Das sind zwar noch keine sehr guten Werte, aber gut genug, dass Verteidiger an der Dreierlinie aufpassen müssen. Ob es noch mehr wird, weiß Antetokounmpo selbst nicht, nur: "Es macht mir Spaß, ich liebe es, Dreier zu werfen!"

Dass der in Korbnähe dominanteste Spieler seit Shaquille O’Neal plötzlich anfängt, einen Distanzwurf zu entwickeln, ist absurd. Solche Figuren gibt es eigentlich nur in Videospielen, wenn fantasievolle Teenager ihren perfekten Basketballer zusammenbasteln. Auf die Frage nach Antetokounmpos Schwächen lachen seine Mitspieler ungläubig: "Alle seine Schwächen hat er in Stärken verwandelt", sagt etwa Khris Middleton. Bledsoe stimmt zu: "Ich kann zurzeit keine Makel erkennen."

Antetokoun-Bros

Antetokounmpo selbst betont immer wieder, ihm seien Demut und seine Familie wichtig, was er mit seiner Vergangenheit als Sohn nigerianischer Flüchtlinge in den Straßen Athens begründet. Ein weiterer Faktor dürfte die Anwesenheit seiner Brüder Thanasis und Kostas sein. Das Spiel gegen die Los Angeles Lakers war das erste, bei dem drei Brüder gemeinsam auf einem NBA-Court standen.

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Bei Trainingseinheiten und Presserunden ist Antetokounmpo seine bescheidene Haltung anzumerken: Er grüßt höflich, er bedankt sich, er lacht über sich selbst. Wenn Coach Budenholzer sein Team zusammenruft, ist Antetokounmpo derjenige, der den Ball nicht stillhalten kann. Er wirkt wie ein Jugendlicher, gelenkt von seinem Spieltrieb – und nicht wie der beste Basketballer der Welt, den seine Mitspieler für nahezu perfekt halten.

Budenholzer ist anderer Meinung als seine Spieler: "Wir glauben, dass er sich noch weiterentwickeln wird und dass er in vielen Bereichen noch Luft nach oben hat."

Das Experiment dürfte noch ein paar Jahre dauern.

Sehen Sie hier eine Reportage über Antetokounmpos Anfänge in Griechenland:

DER SPIEGEL
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