NBA-Konflikt mit China Verdribbelt

Die US-Basketballliga steckt in der Sinnkrise: Ein Tweet hat der NBA den Zorn Chinas beschert, seines größten Auslandsmarkts. Es geht um Milliarden - aber auch um die Werte des Sports.
Die NBA hat in China einen herausragenden Stand - bis jetzt

Die NBA hat in China einen herausragenden Stand - bis jetzt

Foto: REUTERS/Jason Lee/File Photo

Keine US-Sportliga ist so stolz auf ihr progressives Image wie die NBA. Die Basketballprofis engagieren sich oft gegen Rassismus, Polizeigewalt und Waffenwahn. Sie boykottierten den Bundesstaat North Carolina, als der Transsexuelle diskriminierte. NBA-Superstar LeBron James attackiert US-Präsident Donald Trump regelmäßig.

Kein Wunder: Drei von vier NBA-Spielern sind Schwarze, keine Liga ist so divers. Sie vermarktet sich entsprechend aufgeklärt - "woke", wie das hier heißt. Jeder Sportler habe das "Recht", sich politisch zu äußern, sagte NBA-Chef Adam Silver letztes Jahr. Die Fans erwarteten das: "Großunternehmen haben heutzutage keine Wahl mehr."

Außer, es geht um China.

Der größte Auslandsmarkt der NBA, so stellt sich heraus, hat solche Macht über das US-Sportgeschäft, dass sich die Liga über Nacht in eine geopolitische Krise hinein gedribbelt hat. Bei der geht es plötzlich um viel mehr als die Freude am Basketball - sondern um die Wahl zwischen Meinungsfreiheit und Profit, Demokratie und Repression.

Und der Sport droht dabei auf der Strecke zu bleiben.

Das Drama begann, wie oft, mit einem Tweet. Am Freitag postete Daryl Morey, der langjährige Manager der Houston Rockets aus Texas, einen eigentlich harmlosen Solidaritätsslogan mit den Anti-China-Protesten in Hongkong: "Kämpft für Freiheit. Steht zu Hongkong."

Daneben getwittert: Rockets-Manager Daryl Morey

Daneben getwittert: Rockets-Manager Daryl Morey

Foto: USA TODAY Sports/ REUTERS

China reagierte umgehend. Fans und Prominente empörten sich zuhauf, die meisten in den sozialen Medien. Chinesische Großsponsoren der Rockets sprangen ab. Fanprodukte verschwanden von chinesischen Websites, das Staatsfernsehen CCTV stoppte die Übertragung zweier NBA-Spiele, ein Charity-Event der NBA wurde gecancelt.

Die Kontroverse fällt in eine höchst sensible Phase der US-chinesischen Beziehungen: Diese Woche trifft eine Delegation aus Peking in Washington ein, um einen Ausweg aus dem Handelskrieg zu finden, der die Konjunkturen beider Länder in Mitleidenschaft zieht und die US-Börsen verunsichert hat.

Die NBA schmerzt es an einem besonders wunden Punkt. Seit den Achtzigerjahren ist sie in China aktiv. 2018 fanden ihre Basketballspiele dort dank lukrativer Lizenzverträge mit CCTV und dem Tech-Konzern Tencent rund 800 Millionen Zuschauer, mehr als das Doppelte der US-Bevölkerung - was der NBA wiederum enorme Sponsorendeals generierte.

Mit in die Krise gerissen: Rockets-Star James Harden

Mit in die Krise gerissen: Rockets-Star James Harden

Foto: Marco Garcia AP

Parallel stiegen chinesische Milliardäre in die NBA ein. Joe Tsai, der Mitbegründer des Onlineriesen Alibaba, kaufte im September die Brooklyn Nets und wurde damit zum ersten taiwanesisch-chinesischen Besitzer eines US-Basketballteams. Im gleichen Atemzug blätterte er fast eine Milliarde Dollar für die Heimarena der Nets hin, das Barclays Center.

Die Rockets, eines der beliebtesten NBA-Teams in China, haben beim chinesischen Mikrobloggingdienst Weibo mehr als doppelt so viele Follower wie bei Twitter. Ihre Popularität geht zurück auf den Basketballriesen Yao Ming aus Shanghai, der in Houston spielte und jetzt die Chinese Basketball Association (CBA) leitet. Ming hat Moreys Tweet ebenfalls kritisiert.

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Morey - der Freunde in Hongkong hat und von der Reaktion offenbar überrascht war - löschte den Tweet schnell wieder: Er habe niemanden beleidigen wollen. Auch Rockets-Star James Harden entschuldigte sich. Selbst Teambesitzer Tilman Fertitta, ein US-Unternehmer, der vor zwei Jahren fast 2,3 Milliarden Dollar für die Rockets gezahlt hat und nun eine entsprechende Rendite erwartet, ging öffentlich auf Distanz.

Den schnellsten Rückzieher machte aber die NBA. Sie erklärte Moreys Tweet für "bedauerlich", die chinesische Version war noch unterwürfiger: "Wir sind zutiefst enttäuscht von Moreys unangemessenen Kommentaren." Die Sport-Website "The Ringer" meldete, es werde "debattiert", Morey als Bauernopfer zu feuern.

Die NBA ist nicht die erste US-Organisation, die so ins Kreuzfeuer gerät. Jeder Konzern, der in China Geschäft machen will, muss sich arrangieren, von Apple bis Disney.

Doch der panische Rückzieher der Basketballer ging daheim nach hinten los. Politiker beider US-Parteien kritisierten, dass die NBA sich Peking beuge. Die Schöpfer der US-Zeichentricksatire "South Park" reagierten auf eine eigene Zensur durch China mit einem Seitenhieb auf die Liga: "Wie die NBA begrüßen wir die chinesische Zensur in unseren Häusern und in unseren Herzen. Auch wir lieben Geld mehr als Freiheit."

Weshalb Silver inzwischen einen Rückzieher vom Rückzieher machte. Die NBA, sagte er am Dienstag, stehe für Meinungsfreiheit, und auch Morey genieße dieses Recht, man akzeptiere die Konsequenzen. Was wieder neue Proteste in China auslöste.

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Schon positionieren sich die Brooklyn Nets als neues Lieblingsteam der Chinesen. "Die Rockets", schrieb Teameigner Tsai auf Facebook, "sind nun vom chinesischen Markt praktisch ausgeschlossen." Da klang auch ein bisschen Genugtuung durch.

Unterdessen trafen die Stars der Brooklyn Nets und der Los Angeles Lakers in Shanghai ein, allen voran LeBron James. Zwei Freundschaftsspiele stehen auf dem Programm. Nachdem ein Fanevent sowie eine Pressekonferenz abgesagt wurden, kamen allerdings Gerüchte auf, auch das erste Match am kommenden Samstag könne womöglich abgesagt werden. Offiziell hat sich zu den Gerüchten aber noch kein Verantwortlicher geäußert.

Anmerkung: Wir haben die Nationalität des Brooklyn-Nets-Besitzers Joe Tsai korrigiert.

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