NBA-Spieler Jimmy Butler Die kitschigste aller kitschigen Geschichten

Mit 13 wird Jimmy Butler von seiner Mutter verstoßen. Mit 31 steht er als Star von Miami Heat in den NBA-Finals. Eine Aufstiegsgeschichte, die selbst für die NBA außergewöhnlich ist.
Jimmy Butler: "Bitte schreiben Sie nicht so, dass ich den Leuten leidtue"

Jimmy Butler: "Bitte schreiben Sie nicht so, dass ich den Leuten leidtue"

Foto: Michael Reaves / Getty Images

Dass es Miami Heat als Fünfte ihrer Conference überhaupt in die Finalserie der amerikanischen Basketballliga NBA geschafft hat, ist eine unwahrscheinliche Geschichte.

Nun aber trifft Miami in der Nacht zum Samstag (3 Uhr, Stream: DAZN) in Spiel zwei der Finals auf die LA Lakers. Und zu dieser unwahrscheinlichen Geschichte kommt eine zweite dazu. Die vom Superstar, der für viele kein Superstar ist - und dessen halbes Leben daraus besteht, Unerwartetes zu vollbringen: Jimmy Butler.

"Ich mag nicht, wie du aussiehst. Du musst gehen." Butler ist 13, als er mit diesen Worten von seiner Mutter vor die Tür gesetzt wird. Den Vater hat er nie wirklich gekannt. In den kommenden Jahren lebt er wochenweise bei Freunden und Mitschülern. Ein Zuhause findet er erst in seinem letzten Highschooljahr, bei seinem Kumpel Jordan Leslie, der später als Wide Receiver in der Footballliga NFL auflaufen sollte. Dessen Mutter Michelle Lambert nimmt Butler auf, als achtes Kind der Familie. Die Bedingungen: Schulnoten verbessern, Hausarbeit verrichten, Vorbild sein.

Auf dem Basketballcourt ist Butler talentiert, ein Highschoolstar, doch erst ein starkes Jahr an einem Junior College beschert ihm Angebote von Top-Unis. Auch dann noch sind die Zweifel groß, selbst in der Familie. Butler entscheidet sich für die Marquette University, wegen der akademischen Möglichkeiten. "Ich sagte ihm, er solle dort hingehen, weil Basketball langfristig nicht funktionieren könnte", sagte Michelle Lambert.

An der Marquette University machte Butler erst spät auf sich aufmerksam

An der Marquette University machte Butler erst spät auf sich aufmerksam

Foto: Damen Jackson / AP

Die ersten zwei Jahre sitzt Butler oft auf der Bank. Coach Buzz Williams macht es ihm schwer, kein bisschen Spielzeit oder Anerkennung gibt es geschenkt. "Ich war schonungslos, weil er nicht wusste, wie gut er sein könnte", erzählte Williams später. "Sein ganzes Leben wurde ihm erzählt, er sei nicht gut genug."

Bis zu seinem Senior-Jahr reift Butler zu einem vielseitigen Flügelspieler heran - wuchtig und athletisch -, der nicht unbedingt punkten muss, um ein Spiel zu beeinflussen. In NBA-Kreisen kennt man ihn inzwischen - doch das Underdogmuster setzt sich fort. Bevor Butler bei der NBA-Draft 2011 ausgewählt wird, fallen 29 Namen. 24 davon werden es bis zum heutigen Zeitpunkt nicht in ein Allstar-Team schaffen. Dem 30. Namen, Jimmy Butler, gelingt das ab 2014 fünfmal in sechs Saisons.

"Ich liebe, was mir passiert ist. Es hat mich zu dem gemacht, der ich bin"

Jimmy Butler über seinen Werdegang

Selbst in der NBA, die viele Geschichten des sozialen Aufstiegs erzählt, ist Butlers Werdegang bemerkenswert. Doch der 2,01-Meter-Mann hält sich meist bedeckt, wenn es um seine Vergangenheit geht. "Bitte schreiben Sie nicht so, dass ich den Leuten leidtue", sagt er kurz vor der Draft einem Reporter von ESPN. "Ich liebe, was mir passiert ist. Es hat mich zu dem gemacht, der ich bin."

Butlers NBA-Karriere beginnt in Chicago

Butlers NBA-Karriere beginnt in Chicago

Foto: Kamil Krzaczynski / AP

Seine NBA-Karriere beginnt in Chicago, wo er auf einen Coach trifft, der wie für ihn gemacht scheint: Tom Thibodeau, berüchtigt für seine raue Art und harte Trainingseinheiten. Vier Jahre braucht Butler unter dessen Führung, um seinen Punkteschnitt von 2,6 auf 20 zu steigern, den langjährigen Topstar Derrick Rose zu überflügeln und zum "Most Improved Player" gewählt zu werden. Weil jedoch der Teamerfolg ausbleibt, verlässt 2015 erst Thibodeau die Bulls und zwei Jahre später auch Butler.

Die folgenden zwei Saisons spielt er in Minnesota und Philadelphia, bei Franchises, deren Teams und Stars als eher lasch gelten. Kein fruchtbarer Boden für einen wie Butler, der im Sommer vor seiner ersten Allstar-Saison 2015 auf Internet und Fernsehen verzichtete, um keine Alternativen zum Trainieren zu haben. Bezeichnend, wie er bei einer seiner letzten Trainingseinheiten in Minnesota lautstark Mitspieler, Trainer und Manager herausforderte; mit den Spielern aus der dritten Garde spielte er gegen die Starter um Topstar Karl-Anthony Towns - und gewann.

Aktionen dieser Art verschaffen Butler das Image eines schwer zu integrierenden Profis. Dann ging er 2019 nach Miami.

Besonders hart, besonders loyal

Am South Beach findet Butler ein Umfeld, das ligaweit als besonders gilt. Besonders hart, besonders anspruchsvoll. Aber auch besonders familiär und loyal. Hier gedeihen immer wieder Spieler mit unentdecktem Potenzial. In diesem Jahr gleich drei: Center Bam Adebayo, 23, Dreierspezialist Duncan Robinson, 26, und Erstjahres-Profi Tyler Herro, 20.

Jimmy Butler identifiziert sich mit der viel zitierten "Heat Culture" wie kaum ein Star vor ihm. Nur wenig eint ihn mit LeBron James, dem alles überstrahlenden Giganten, der Heat zwischen 2011 und 2014 viermal in Folge in die Finals und zu zwei Titeln führte - und der mit den LA Lakers nun der Gegner in den Finals ist. Anders als James nimmt Butler nicht die meisten wichtigen Würfe, hat nicht ständig den Ball in der Hand.

Seine 20,8 Punkte, 5,5 Rebounds und 4,6 Assists in dem bisherigen Verlauf der Play-offs sind keine Superstarzahlen. Doch Butler ist ein "Glue Guy", einer, der alle um sich herum besser macht. Ob er den Rhythmus eines Spiels durch Punkte ändert, durch Steals, Pässe, gute Verteidigung oder schlicht vertrauensvolle Zurückhaltung, ist für ihn nicht relevant. Er ist der Katalysator eines Teams, das es im Vorjahr nicht einmal in die Play-offs geschafft hatte.

Butler im Dezember 2019

Butler im Dezember 2019

Foto: Vaughn Ridley / Getty Images

In Spiel eins der Finals verlor Miami in der Nacht zu Donnerstag 116:98 gegen dominante Lakers, deren Superstar-Duo aus LeBron James und Anthony Davis insgesamt 59 Punkte erzielte. Butler stand mit 23 Punkten klar in deren Schatten. Noch dazu verletzten sich mit Adebayo und Spielmacher Goran Dragic zwei essenzielle Säulen des Teams.

Wieder einmal stehen also viele Wetten gegen Butler, der nun zeigen muss, dass er ein Finals-Team auch in klassischer Superstarmanier schultern kann. Selbst für ihn wirkt diese Herausforderung übergroß, und doch nimmt man ihm ab, wenn er nach dem ersten verlorenen Spiel der Best-of-Seven-Serie sagt: "Ihr glaubt alle, dass es jetzt noch dreimal so läuft. Aber ich glaube das nicht."