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TENNIS »Becker ist der letzte große Charakter«

Die Veteranen John McEnroe und Yannick Noah über die Krise ihres Sports, angepaßte Profis, ihre Seniorentour und alte Feindschaften
aus DER SPIEGEL 50/1998

SPIEGEL: Mr. McEnroe, brauchen Sie Geld?

McEnroe: Keine Sorge, ich komme klar.

SPIEGEL: Warum treiben Sie sich dann mit anderen Herrschaften im fortgeschrittenen Alter auf Tennisplätzen rum?

McEnroe: Es ist einfach angenehm, sich den Lebensunterhalt so zu verdienen. Ich bin gerne ein professioneller Athlet, und außerdem genieße ich es, körperlich gut in Schuß zu bleiben.

SPIEGEL: Monsieur Noah, Sie sind ebenfalls nicht notleidend geworden?

Noah: Kaum. Es geht mir wie John. Es ist schwer für mich, eine Motivation zu finden, um fit zu bleiben. Wenn ich allerdings ein Turnier spielen muß, hat sich dieses Problem erledigt. Während meiner Profijahre ist eine intensive Abhängigkeit zwischen Körper und Geist entstanden - nur wenn mein Körper fit ist, fühle ich mich wohl.

SPIEGEL: War Ihnen schon damals klar, daß Sie ohne Tennis nicht leben können?

Noah: Nein. Als ich 1991 mit dem Profisport aufhörte, wollte ich mir Tennis nicht einmal mehr im Fernsehen ansehen. Ich dachte, ich würde nie wieder einen Schläger anfassen. Drei Jahre später rief man mich während einer Aufnahme im Musikstudio an. John war für einen bereits ausverkauften Showauftritt gegen Jimmy Connors ausgefallen, und sie suchten verzweifelt nach Ersatz - komm und spiel, sagten sie, du kriegst anschließend auch drei Tage lang Massagen. Nach dem Spiel wollte Connors mich erstmals für seine Seniorentour gewinnen, aber ich sagte: niemals.

McEnroe: Connors ist der einzige von uns, der auf diese Tour vorbereitet war. Er rief 1993 die Serie ins Leben und gewann fast jedes Turnier. Er ist wirklich ein großer Spieler. Ich muß das so sagen. Dabei hasse ich es eigentlich, ihn zu loben: Er ist nämlich ein richtiges Arschloch.

SPIEGEL: Ihre Meinung über die Konkurrenz von früher scheint sich nicht geändert zu haben.

McEnroe: Connors ist genauso wie damals. Eine Weile kamen wir beide ganz gut miteinander aus, aber jetzt denkt er wieder, jeder wäre gegen ihn. Noch heute unternimmt er alles - und ich meine wirklich alles -, um zu siegen. Das Merkwürdige ist: Er kommt auch noch durch damit. Er ist 46, er ist ein Opa, und trotzdem könnte er heute noch immer einige Jungs von der ATP-Tour schlagen. Es ist beschämend. Er hat drei Jahre lang die Seniorentour als Nummer eins abgeschlossen. Aber in diesem Jahr werde ich gewinnen.

Noah: Was du da erzählst, ist mir vollkommen fremd. Ich spüre jetzt, wenn ich nicht gerade auf dem Platz bin, überhaupt keine Rivalitäten mehr. Wenn du McEnroe gegenüberstehst, mußt du ernsthaft spielen, sonst überlebst du es nicht. Dasselbe gilt für Connors. Die beiden haben auch die unausgesprochene Regel, von ihren Gegnern härteste Gegenwehr zu erwarten. Sie haben überhaupt kein Problem, dich vor 5000 Zuschauern in zwei Sätzen zu Null abzuschießen. Das würde ich nie machen.

McEnroe: Was er über mich sagt, ist nur die halbe Wahrheit. Ich habe erst jetzt gemerkt, daß ich den Sport damals mehr hätte genießen können. Ich war zu verbissen. Einige Spieler haben das besser hingekriegt. Aber natürlich meine ich auch heute noch, daß der Spaß ein Ende hat, sobald es um Punkte geht.

SPIEGEL: Tennisprofis behaupten immer, in diesem Metier ließen sich keine Freundschaften schließen. Ist das im reiferen Alter immer noch so?

Noah: Im Gegensatz zu früher läuft jetzt alles entspannter ab. Du lernst jeden auf einer anderen Ebene kennen, ich komme mit den meisten besser aus als damals. In Amerika hat Gene Mayer mit meinem Sohn gespielt - so etwas wäre vor zehn Jahren noch unmöglich gewesen. Und erst hier habe ich auch Björn Borg besser kennengelernt und festgestellt, daß er in Wirklichkeit ein lockerer Typ ist. Früher hätte ich das für unmöglich gehalten.

SPIEGEL: Ihr Senioren-Ensemble scheint so ausgeglichen besetzt zu sein wie ein Schauspiel: Borg und sein Landsmann Anders Jarryd geben den Schweiger, Connors und McEnroe besetzen die Rolle des Cholerikers, Noah und der Iraner Mansur Bahrami sind für die Clownsnummer zuständig.

Noah: Wir brauchen uns alle gegenseitig. Wenn du zum Zirkus gehst und nur lustige Clowns siehst, ist es nicht mehr witzig - einer muß den Traurigen geben. Manchmal sind schon Sponsoren gekommen, um uns zu sagen, daß wir vernünftig spielen und den Unsinn lassen sollen. Du entwickelst ein Gespür für das Publikum. Wenn es zu Profiturnieren geht, will es Top-Sport sehen, bei uns sind Charaktere gefragt, die Erinnerungen wecken.

McEnroe: In meinem Vertrag steht, daß ich - wie es mir früher in emotionalen Momenten öfter passiert ist - regelmäßig auf den Stuhlschiedsrichter losgehen muß. Die Leute würden andernfalls wahrscheinlich etwas vermissen. Ehrlich gesagt finde ich das selbst heute manchmal langweilig.

Noah: Das ist dasselbe, als wenn ich ein Konzert gebe. Das Publikum will nicht meine neuen Lieder hören, das will meine Greatest Hits. Aber bei allem Spaß geht es hier immer noch um Tennis - und da will jeder am Ende gewinnen. Ich zerstöre meinen besten Gag, wenn ich ihm einen Doppelfehler folgen lasse.

SPIEGEL: Mr. McEnroe, Sie bestreiten am Dienstag dieser Woche in Berlin einen Showkampf gegen Boris Becker. Treibt Sie die Sehnsucht nach richtigem Tennis?

* Spieler Björn Borg, Anders Jarryd, John McEnroe, Gene Mayer, Mansur Bahrami (u.), Guillermo Vilas, Henri Leconte, Yannick Noah (o.) mit Ali Al-Fardan, Präsident des Tennis-Verbandes, im Scheichtum Katar.

McEnroe: Ich glaube, er fordert mich heraus, um festzustellen, ob er noch spielen kann.

SPIEGEL: Ihr Match lockt möglicherweise mehr Fans als manches Turnier-Endspiel.

McEnroe: Vielleicht, aber das wäre gut. Wir Alten sind auch dazu da, die Haupttour anzuschieben. Das ist allerdings gar nicht so einfach. Denn der letzte wirklich große Charakter auf der ATP-Tour ist Becker. Ihm ist niemand mehr gefolgt.

SPIEGEL: Können Sie verstehen, daß er nur schrittweise Abschied nimmt?

McEnroe: Nein, nicht alles, was er tut, kann ich verstehen. Warum spielt er nur die kleinen Turniere und nicht die Grand Slams? Ich würde es genau umgekehrt machen.

SPIEGEL: Werden Sie Becker zur Seniorentour einladen?

McEnroe: Er ist noch ein bißchen jung und so fit, daß wir alle verlieren würden. Also wird er ein bißchen warten müssen.

Noah: Aber er wäre einer der letzten, der zu uns paßt.

SPIEGEL: Andre Agassi oder Marcelo Rios dürften bei Ihnen nicht auftreten?

McEnroe: Okay, Agassi vielleicht noch. Aber Rios ganz sicher nicht. Er verkörpert nur Negatives. Wenn er sich ein wenig mehr bewußt wäre, welche Qualitäten in ihm stecken, könnte er einen guten Bösewicht abgeben. Aber er tut gar nichts für den Sport. Er ist talentiert, sonst nichts. Von Rios hörst du immer nur, wie beschissen alles ist. Dem Tennis schadet es, wenn die Spieler den Anschein erwecken, sich nicht zu hundert Prozent zu verausgaben.

Noah: Trotz gewisser Ähnlichkeiten zu Rios: Bei McEnroe konnte jeder sehen, wie sehr ihm das Spiel am Herzen lag. In einer Zeit, als Tennis blühte und einige Kollegen sich nur um sich selbst kümmerten, stand John als einziger Top-Spieler immer seinem Davis-Cup-Team zur Verfügung. Rios zieht nur seinen Nutzen aus dem Sport, aber er gibt dem Spiel nichts zurück.

SPIEGEL: Das war bei Ivan Lendl nicht anders, und der spielte in Ihrer Generation. Verherrlichen Sie jetzt nicht die alten Zeiten?

Noah: Keineswegs. Meine Generation kannte noch ein Verantwortungsbewußtsein. In unserer Zeit ist die Spielergewerkschaft ATP entstanden. In der Zeit vor uns mit Rod Laver und Arthur Ashe war der Sport nicht professionell organisiert. Wir haben diese Strukturen erst entwickelt. Ich gehörte mal dem Spielerrat an, McEnroe auch. Bei den Jungen achtet jeder nur noch auf sein Tennis.

SPIEGEL: Boris Becker klagt, daß sich Spielertypen heute auch deshalb nicht entwickeln können, weil jede Emotionalität mit Strafen belegt wird. Züchtet das Reglement angepaßte Profis?

McEnroe: Das mag sein. Aber ich hoffe ja immer noch, daß die Sponsoren Spieler mit Charisma wollen. Das Publikum will keine Roboter ohne Charakter.

Noah: Die Spieler betreiben Tennis nur, weil sie damit Millionär werden wollen. Als wir aufwuchsen, war die Aussicht darauf noch nicht gegeben.

SPIEGEL: Würde es Sie reizen, heute als Tennisprofi zu leben?

McEnroe: Ich wäre gerne einmal in der Blüte meines Spiels gegen einen Pete Sampras in Höchstform angetreten. Aber ich bin glücklich, in meiner Zeit groß geworden zu sein. Die späten Siebziger waren sehr aufregend in diesem Sport.

SPIEGEL: Wenn Ihnen soviel daran gelegen ist - warum setzen Sie Ihre Arbeitskraft nicht sinnvoller ein und helfen dem Tennis als Funktionär auf die Beine?

McEnroe: Ich würde mich selbst als Tennispräsident anbieten. Das meine ich ernst. Ich könnte bessere Arbeit abliefern als jeder andere: Ich bin lange dabei, ich verstehe das Geschäft, ich bin nicht dumm, der Sport hat mir viel gegeben, und ich glaube, die Spieler hätten Respekt vor mir. Es wäre grundlegend anders als jetzt, wo diese Hohlköpfe an der Macht sind, die früher mal Politiker waren. Die Spieler müßten mich nur fragen. Aber es hat noch niemand angerufen. Möglicherweise wäre auch jemand in Wimbledon dagegen, nachdem sie mein Auftreten als Spieler in Erinnerung haben.

SPIEGEL: Haben Sie Hoffnung, daß Ihre jungen Kollegen wenigstens davon aufgeschreckt werden, daß selbst die Frauentour derzeit bessere Quoten macht?

McEnroe: Beim Masters in New York war die Aufregung immens, weil Steffi Graf plötzlich wieder groß aufspielte, Monica Seles meldete sich zurück, außerdem drängen lauter junge, interessante Spielerinnen nach, auch wenn die Williams-Schwestern die Sprüche manchmal übertreiben. Eine Veranstaltung wie das Herren-Masters in Hannover lockt doch niemanden hinter dem Ofen hervor.

SPIEGEL: Es spricht kaum für die Qualität der Frauen-Konkurrenz, wenn Graf nach einer Verletzung gleich zwei Turniere und beinahe das Masters gewinnt.

McEnroe: Ich glaube auch nicht, daß es dem Spiel zugute kommt, wenn ständig 16jährige die Nummer eins werden. Das zeigt nur, daß das Spielniveau nicht annähernd so hoch ist, wie die Quoten Glauben machen. Die Konkurrenz bei den Frauen ist zwar größer geworden, aber immer noch nicht vergleichbar mit der bei den Männern.

SPIEGEL: In den USA meldet die Seniorentour der Golfer enorme Publikumserfolge. Glauben Sie an einen ähnlichen Zulauf bei Ihrer Serie?

Noah: Ich hoffe darauf. Gute Gründe gäbe es jedenfalls. Der Unterschied ist nämlich der, daß sich der Ball bei uns bewegt, bevor wir ihn schlagen. Das heißt also: Wir müssen laufen. Die Golfer können sich drei Stunden Zeit nehmen, bis sie beim Ball ankommen.

SPIEGEL: Spielt Ihr früherer Kollege Ivan Lendl deshalb heute nur noch Golf?

McEnroe: Lendl hat Angst vor uns, deshalb spielt er Golf. Er rennt eben nicht mehr so gut. Er kneift.

Noah: Lendl hat Rückenprobleme.

McEnroe: Auch mit Rückenproblemen wird er noch als 140jähriger ein guter Golfer sein. INTERVIEW: JÖRG WINTERFELDT

* Spieler Björn Borg, Anders Jarryd, John McEnroe, Gene Mayer,Mansur Bahrami (u.), Guillermo Vilas, Henri Leconte, Yannick Noah(o.) mit Ali Al-Fardan, Präsident des Tennis-Verbandes, imScheichtum Katar.

Jörg Winterfeldt
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