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Fußball Befreite, glückliche Jäger

Von Christoph Scheuring
aus DER SPIEGEL 22/1996

Da sitzt er also in dieser Diskothek des Tower Thistle Hotels in London herum, und nichts ist da, was ihn aufheitern könnte: Die Bar hat keinen Dom Pérignon im Regal, der Diskjockey keinen Geschmack, und selbst die Gäste sehen nicht aus, als ob sie vom Leben etwas verstünden: Es gibt ein paar blasse Studenten hier, ein paar vertrocknete Manager und jede Menge Friseusen, die Bailey's schlürfen und dann über die Tanzfläche schmieren, als hätte ihnen der Alkohol das Gefühl für Erotik verkorkt. »Was für ein Elend«, sagt Gary Powell und schaut verzweifelt auf das Geschiebe vor seinen Augen.

So hat er sich den Höhepunkt des Jahres nicht vorgestellt. Eher schon denkt er an literweise Champagner und an eine atemberaubende Schlägerei. Denn morgen steigt das Pokalfinale in Wembley, und da spielt Manchester United gegen den FC Liverpool, und das ist für Gary ungefähr so wichtig wie seine Hochzeit oder die Geburt eines Sohnes.

Gary, 37, ist so was wie ein Hardcore-Fußballfan und ein notorischer Schläger. Er ist einer von diesen Hooligans, auf deren Konto jede Menge Krawalle gehen und auf die zur Zeit die halbe Welt starrt, weil sie Angst hat, diese Typen könnten auch die Fußball-Europameisterschaft für ein Blutbad nutzen.

Bei Gary scheint das nicht sonderlich abwegig zu sein. Zumindest hat er schon 1976 mit seinen Kollegen halb Turin aufgemischt. Er hat geholfen, die Innenstadt von St. Etienne zu verwüsten, er hat sich in Moskau mit den Russen geprügelt und in Düsseldorf mit den Holländern, und warum sollte das im kommenden Monat bei der Europameisterschaft anders sein?

»Weil ein Hooligan das Gegenteil ist von einem Idioten«, sagt Gary und bestellt beim Kellner »drei Brandy«, und dann schiebt er seine Ärmel hoch, setzt sich gerade und sagt: »Die englische Mannschaft ist eine ganz arme Truppe. Nur Idioten gehen da hin. Und seh' ich vielleicht aus wie einer?«

Er sieht nicht aus wie einer. Er sieht sogar fast aus wie ein Filialleiter eines Supermarkts. Er trägt eine blaue Burberry-Jacke, eine gebügelte Diesel-Jeans und schwarze Mokassins mit kräftiger Sohle. Er hat auch keine Tätowierung am Arm und keine ausgeschlagenen Zähne. Dafür aber hat er so eine körperliche, breitbeinige Form von Selbstvertrauen. Gary muß nicht lange rufen, bis endlich der Kellner kommt. Er muß sich auch nicht den Weg durch die Menge bahnen. Ihm macht die Menge freiwillig Platz.

Dabei wäre das bei ihm gar nicht nötig. »Es gibt«, sagt Gary »was uns angeht, ein paar grundlegende Irrtümer. Erstens: Wir rennen nicht durch die Fußgängerzone und versuchen, unbeteiligte Passanten durch die Schaufenster zu hauen. Zweitens sind wir keine Rechtsradikalen, und drittens sind es diese Schwachköpfe, die sich für England prügeln. Ein normaler Hooligan würde das niemals tun.«

Und viertens meint er noch, daß sowieso keiner begreift, was ein Hooligan ist, solange er sich nicht mit dessen Wurzeln beschäftigt.

Bei ihm begann alles Ende der sechziger Jahre in einer Arbeitersiedlung südlich von Manchester, wo keiner Geld hatte und jeder ein Fußballfan war, nur nicht er selbst. Er interessierte sich damals noch nicht für United und schwärmte auch nicht für George Best wie seine Freunde, aber Fußballspiele waren das einzige, was sich ein Arbeiterkind überhaupt leisten konnte. Und so stand er mit zehn Jahren zum erstenmal auf der Tribüne und schaute reichlich gelangweilt auf das Spielfeld hinunter - bis zu dem Zeitpunkt, als United den Ball im Tor des Gegners versenkte. Was danach passierte, war nicht irgendein warmer Applaus. Das war das totale Chaos. Die Leute brandeten durch das Stadion wie eine Sturmflut, und Gary wurde durch die Ränge gespült, überall grölten sie ihre Lieder, und der Gegner grölte wütend zurück, und von da war es dann nur noch ein kleiner Schritt bis zu einer Keilerei. Gary fühlte sich, als hätte er die Quelle des Lebens gefunden.

Dabei war es nicht so, daß er sich selbst gern geprügelt hätte. Er hielt sich sogar immer heraus, aber er verpaßte seitdem kaum noch ein Spiel von United. Bei jedem Wetter ging er ins Stadion und fluchte und betete und tat so idiotische Dinge, wie verschiedenfarbige Socken zu tragen, in der Hoffnung, daß dies der Mannschaft Glück bringen könnte. Er brauchte United so sehr, wie er fühlte, daß United ihn brauchte, es war die erste, tiefe Liebe in seinem Leben.

Irgendwann nahm ihn dann mal ein älterer Junge zur Seite. »Du bist in Ordnung«, sagte er, »hast du nicht Lust, auf unserer Seite zu stehen?« Gary fand das bedenkenswert, weil der Junge ein ganz cooler Bursche war, der schon Alkohol trank und eine Freundin hatte. Also wechselte Gary von seinem Stammplatz rüber auf die andere Seite. Dort hatten die harten Jungs ihr Lager.

An diesem Tag, es war kurz vor dem Ende des Spiels, bemerkte er dann, wie sich der ganze Block fast unmerklich in Bewegung setzte. Einer nach dem anderen schlich sich in das feindliche Lager, und als alle drüben waren, brach plötzlich die Hölle los, als hätte jemand mit einem Stock in einen Ameisenhaufen gestochen. Gary blieb fast das Herz stehen dabei, am liebsten wäre er sofort weggerannt, aber er war unfähig, sich zu bewegen. Dann sah er, wie der Feind die Flucht ergriff und die Polizei einrückte und die Jungs zurück in ihren Block eskortierte. Im ganzen Stadion applaudierten die Massen, sein neuer Freund klatschte ihm auf die Schulter, und Gary fühlte sich, als wäre er dem Himmel ein Stückchen näher. Schließlich hatte er die Ehre des Klubs verteidigt und dabei seine Gesundheit riskiert, und deshalb mußte auch seine Liebe größer sein als bei jedem friedlichen Fan, da gab es für Gary nicht den geringsten Zweifel. Ein Hooligan war schon fast soviel wert wie ein Spieler. Darüber stand eigentlich nur noch ein Hooligan, der sein Team auch in die Fremde begleitet.

Also fuhr Gary zu diesen Auswärtsspielen. Die funktionierten ungefähr so wie ein Eroberungskrieg. Es ging darum, ein Territorium zu besetzen und die Macht zu übernehmen, und am besten ließ sich das demonstrieren, indem man etwas Gesetzloses tat: Ticketstand anzünden, Auto umwerfen, Geschäft ausplündern, irgend etwas in dieser Art.

Die Taktik bei solchen Feldzügen folgte dabei einem schlichten Prinzip: Man kam grölend am Bahnhof an, walzte grölend zum Stadion und machte alles platt, was einem den Weg versperrte. Erfolg war allein eine Frage der Masse, und davon hatte United reichlich, wenn es sein mußte, konnten sie 10 000 Mann mobilisieren. Für kleinere Klubs war das eine frustrierende Sache.

Deshalb reagierten sie darauf wie jede angegriffene Armee dieser Erde: Sie drehten an der Rüstungsspirale. Das tat jeder Klub auf seine spezifische Weise: In Newcastle schmissen sie Mollies, in Middlesbrough benutzen sie CS-Gas, Cardiff war bekannt für Golfbälle, in denen Rasierklingen steckten, und in Liverpool gab es spezielle Messer, die aus zwei Klingen bestanden, mit einem Streichholz dazwischen. Die rissen häßliche Wunden, die man nicht mehr mit ein paar Stichen vernähen konnte.

Außerdem gründeten die Fans dieser Klubs straff organisierte »Hooligan-Firmen«. United hatte am Ende zwei davon. Da gab es die »Cockney Reds«, die von London aus operierten, und die »Intercity Jibbers«, die so hießen, weil es bei den Hooligans Tradition war, ohne Fahrkarte mit dem Intercity zu den Spielen zu fahren. Ein Jibber gab prinzipiell kein Geld aus bei einem Auswärtsspiel. Und ein guter Jibber kam sogar mit Gewinn wieder nach Hause. Deshalb hatte sich Gary auf Juweliergeschäfte spezialisiert. An einer Bewaffnung hatte er kein Interesse.

Trotzdem bewirkte die neue Organisationsform eine Brutalisierung. Enggeschlossen zogen die Truppen jetzt durch die Städte und peilten nach ihrem Feind. Und wenn sich zwei Schläger-Firmen trafen, war das ungefähr so, als würden zwei Autos gegeneinanderrasen.

Wie bei den Autos war das dann vor allem eine Sache der Nerven. Wenn einer Angst bekam und wegrannte, verlor auch der Rest. Eine aufgesplitterte Gruppe war immer ein leichtes Opfer. Deshalb kam den Jungs in der ersten Reihe eine spezielle Bedeutung zu. Sie waren es, die zuerst Prügel bezogen, ganz egal, wie stark die Macht war, die nach ihnen kam. Sie waren es, die möglicherweise mit dem Leben bezahlten, wenn der Feind über sie hinwegwalzte und sie es nicht schafften, auf den Beinen zu bleiben. Nach Garys Erfahrung gab es da eine Art kritische Distanz, in der sich alles entschied: so ungefähr 15 Meter.

Gary liebte diesen Augenblick in der ersten Reihe. Diese Situation, wenn er das Weiße in den Augen der Gegner sah und das Adrenalin schlagartig das Gehirn überschwemmte und jeden Gedanken ertränkte. Da spürte er keinen Schmerz mehr und kein Gewissen, kein Mitleid und keine Angst, und es spielte auch keine Rolle mehr, ob er den Gegner dabei tottrampeln würde. Wer auf dem Boden lag, hatte aufgehört zu existieren.

Dieses Phänomen führte 1985 zur Katastrophe im Brüsseler Heyselstadion, als 39 Fußballfans zu Tode kamen. Auch die Katastrophe in Hillsborough 1989, als 95 Menschen zerquetscht wurden, hatte ähnliche Ursachen, obwohl es da nicht um eine Schlägerei ging, sondern nur um den Einlaß zu einem Fußballspiel.

Spätestens da wußte England, daß die Sache aus dem Ruder gelaufen war. Zuerst wurden deshalb auf den Tribünen die Stehplätze abgeschafft. Dann wurden überall Kameras installiert, mit denen die Polizei in jedes einzelne Nasenloch hineinzoomen konnte, was den Erfolg hatte, daß die Gewalt aus den Stadien fast völlig verschwand. Statt dessen blühte sie in den U-Bahn-Schächten.

Drittens bekamen die harten Jungs an den Spieltagen eine Rundumüberwachung verpaßt. Und viertens gab es spezielle Polizeifotografen, die jeden Schritt ablichteten, den ein Hooligan tat. Sie saßen unter Baustellenzelten, in Postautos und sogar in den Gullys, und das bewirkte irgendwann, daß bei den Jibbers 32 Leute einkassiert werden konnten. Sie bekamen Haftstrafen bis zu sechs Jahren und ein lebenslängliches Stadionverbot, und da wußten alle, daß der Staat es jetzt ernst meinte mit ihnen. Auch Gary zerrten sie viermal vor Gericht, aber bei ihm reichten die Beweise nie aus, ihn mußten sie jedesmal laufenlassen. Man kann nicht sagen, daß ihn das beeindruckt hätte.

Viele andere aber sprangen zu dieser Zeit ab, liefen über in das Lager der Bürger, kauften sich im Mega-Store des Klubs einen Vereinsschal und setzten sich auf die Familientribüne. Übrig blieb ein kleiner, ganz harter Kern. 50 Typen vielleicht, die bereit waren, für ihre Krawalle Haus, Familie und Beruf zu riskieren. Und das war nicht wenig, weil jeder auf seine Weise erfolgreich war, entweder in einem bürgerlichen Beruf oder als Krimineller. Es gab Versicherungsvertreter, Ärzte und Bauunternehmer und Leute, die von Banküberfällen lebten. Und es gab Gary, der Busreisen zu den Fußballspielen organisierte und Schwarzmarkt-tickets verkaufte. Was es nicht mehr gab, waren diese entscheidenden 15 Meter.

Denn das ständige Observieren hat die Gruppe als Krafteinheit paralysiert. Heute reisen sie nicht gemeinsam an, sondern schleichen sich einzeln zu den Treffen der Gegner, um dann zu explodieren und wieder weg zu sein, bevor noch irgend jemand etwas kapiert. Es ist eine Art Partisanenkrieg, den sie da führen, an zwei verschiedenen Fronten, das schränkt ihre Möglichkeiten beträchtlich ein und bremst die Brutalität, und das ist der Stand an diesem lausigen Abend vor dem englischen Pokalfinale.

Einer nach dem anderen erscheint jetzt in dieser Disco. Da ist Jimmy Einauge, der zur Bekräftigung des Namens sein Glasauge aus der Höhle pulte. Paul ist gekommen, der eine goldene Discovery für 40 000 Mark am Handgelenk trägt, und Chris, der aus Irland kommt und von dem Gary behauptet, er sei Millionär. Insgesamt sind es ungefähr 30 Mann. Die meisten tragen Anzüge und echte Manschettenknöpfe und haben Schenkel wie schlachtreife Bullen. Bei einigen hängt auch die Nase schief, bei anderen fehlt ein Stück vom Ohr, und langsam wird es dem Kellner eng hinter seiner Krawatte. Er kennt die Jungs noch vom letzten Jahr, als sie für 8000 Mark Champagner soffen und gingen, ohne dafür zu bezahlen.

In diesem Jahr rattert deshalb das Eisengitter vor der Bar schon herunter, als einer der Jungs etwas lauter wird, dann geht das Licht an, die Polizei steht im Raum und beendet den Abend. Gary und die Jungs wechseln rüber zur Halle, wo es auch nichts zu trinken gibt, aber ein langer Kühltresen steht, in dem das Restaurant seine Getränke lagert. Davor sind ein paar buntgemusterte Sessel drapiert.

Dort hocken sie bis spät in die Nacht, besingen die Großartigkeit von United, drücken ihre Zigaretten auf dem Teppich aus, und immer wenn gerade kein Hotelangestellter schaut, schaufeln sie eine Palette Bier aus der Truhe. Ein paar drehen sich einen Joint, einer zieht sich auf seinem Hausschlüssel etwas Koks in die Nase, und jede halbe Stunde lugt ein vietnamesischer Kellner besorgt um die Ecke. »Alles klar, Billy«, brüllt Gary dann, und der Kellner nickt, weil es keiner im Hotel wagen würde, gegen diese Jungs vorzugehen. »Das ist alles Kindergarten«, sagt Gary, »die richtige Schlacht steigt morgen, das ist absolut sicher.«

Dieser Tag beginnt gegen neun Uhr in Euston-Station, hinten bei der Gepäckaufbewahrung. Dort treffen sich alle mit einem merkwürdigen Leuchten in den Gesichtern. Das sind nicht mehr die coolen, versoffenen Typen der letzten Nacht. Eher schon befreite, glückliche Jäger. Sie tragen jetzt Turnschuhe und Pullis von der Marine und peilen angestrengt durch den riesigen Raum. Der ist vollgepackt wie ein Autobus zur Rush-hour, aber es sind nur normale, dumpfe, unschuldige Liverpool-Fans mit den Vereinsfarben um den Hals, und die sind überhaupt nicht ihr Thema. Außerdem läuft jede Menge Polizei durch die Gänge. Neben dem Fahrkartenautomaten lehnt sogar die ständige United-Eskorte. Ist extra aus Manchester angereist.

Sie besteht aus einem Fotografen mit 300-Millimeter-Tüte, einem kleinen Spießer, der nie etwas sagt, und einem Typen mit Schnauzer, der bei den Jungs nur »Bart« heißt, aber in Ordnung ist, weil er bei der letzten Schlägerei in Middlesbrough gerufen hat: »Los Jungs, gebt ihnen Saures.«

Diese drei machen der Truppe keine Sorgen. Außerdem ist so ein Bahnhof der ideale Ausgangspunkt für einen Krieg, weil es unmöglich ist, einen einzelnen im Blick zu halten, der in der Menge schwimmt. Deshalb löst sich einer nach dem anderen aus dem Verbund und treibt an den Freßständen vorbei bis zur Rolltreppe, die runter zur U-Bahn führt. Dort kauft er dann brav ein Ticket für 1,90 Pfund und schmeißt das Wechselgeld in den Pappbecher einer Bettlerin, die dort mit einem Kleinkind kauert.

Von Euston schaukeln dann alle nach Green-Park, und dort wechseln sie die Linie und fahren nach Neasden, und währenddessen reden sie kaum noch ein Wort. Nur Gary spricht manchmal leise in sein Mobiltelefon. Am anderen Ende ist dann der Kundschafter, der durch die Stadt schwirrt auf der Suche nach den Liverpool-Hools. Aber noch hat er keine Informationen über den Gegner.

Deshalb verlassen sie in Neasden den Zug und gehen zu einem Pub, der während der Fußballspiele in London traditionell den Fans von United gehört. Es ist ein riesiger Schuppen, in dem bestimmt 1000 Leute grölen, und vor der Tür klumpen noch einmal 200 Fans, die mitfeiern wollen, und dazwischen steht ein hilfloser Alter in schwarzem Anzug und Fliege und versucht den Einlaß zu organisieren. Er sagt: »Nun seid doch vernünftig«, und dann kann er nur noch in Deckung gehen, weil die Masse durch den Eingang drückt, mit einer Entschlossenheit, daß sie niemand mehr aufhalten könnte.

Gary und seine Jungs lassen sich in einer Art Innenhof nieder, trinken Budweiser aus Flaschen, und manche tauchen noch einmal ihre Nase in die Plastiktüte mit Kokain. Dabei erzählen sie irgendwelche Geschichten, von der Sorte, die immer auftauchen, wenn Männer zusammen sind: Wie sie in Rotterdam in eine Stripbar gerieten und den Zuhälter rauswarfen, weil er was dagegen hatte, daß sie die unglaubliche Oberweite der Tänzerin genauer anschauen wollten. Oder wie sie einem Hotel in Istanbul von 2000 Türken belagert wurden, die nicht den Mumm hatten, das Haus zu stürmen, und wie sie dann die israelische Flagge hißten, damit endlich Leben in die Angelegenheit kam. Und wie die Türken dann das Hotel zerlegten, daß man es eigentlich nur noch abreißen konnte.

Heldengeschichten halt, mit denen sie ihre Zeit vertreiben, bis die Nachricht kommt, daß der Feind im Hilton sei, ganz in der Nähe des Wembleystadions. Das hält Gary für wenig wahrscheinlich. Aber mittlerweile ist es Viertel nach eins, und um drei wird das Spiel angepfiffen, und da bleiben nicht mehr so ganz viele Alternativen.

Natürlich ist im Hilton kein einziger Hooligan. Nur lauter Leute, die verzweifelt nach Tickets fragen und bereit sind, 1500 Mark für eine einfache Karte zu zahlen. Aber nichts geht mehr an diesem Nachmittag. Geschlossen rücken die Jungs wieder ab und hasten zum Stadion, denn zum Stadion müssen sie alle, es ist die letzte Möglichkeit für einen Krawall.

Normalerweise tun sie das nicht, weil dort auf zwei Hooligans zehn Polizisten kommen und ein Überfall deshalb unheimlich schnell gehen muß und nicht den Thrill bietet, den sie eigentlich suchen. Trotzdem beschleunigen sie jetzt ihre Schritte. Gary rennt ungefähr zehn Meter vorneweg und ist kaum noch ansprechbar. Ganz aufmerksam und vollständig weggetreten. Vor den Einlässen stehen die Fans eng gepreßt, aber die Jungs haben so eine Technik, da durchzuschwimmen, daß es sie kaum bremst in ihrem Tempo: Sie bohren die Arme zwischen die Vorderleute bis über den Ellenbogen, und dann drücken sie sich nach vorn und sind schon beim nächsten. Sie bewegen sich in Richtung Portal, wo die Hauptzufahrt mündet, und die Wasserscheide ist für die Fans: links Richtung Liverpoolkurve und rechts zum UnitedBlock. Eine Hundertschaft Polizei hat dort Stellung bezogen. Auch eine berittene Einheit ist mit dabei.

Trotzdem geht dann plötzlich alles ganz schnell. Ohne Warnung spurtet Gary zu einem Typen, der gekämmte Haare hat und eine beigefarbene Jacke und eher aussieht wie ein harmloser Lehrer. Ansatzlos trifft ihn die Faust links unten am Kopf, ein zweiter Schlag erwischt ihn im Nacken, dann duckt er sich weg und bleibt immerhin auf den Beinen. Aus einer Platzwunde am Kinn sickert Blut, eine Frau schreit, »nein, aufhören, o mein Gott«, und die Menge spritzt auseinander wie eine Pfütze, in die ein Stiefel getreten ist. Plötzlich ist jede Menge Platz an der Stelle. Nur drei, vier verkeilte Kämpfer stehen noch da, dann flutet die Polizei heran und reißt einen der United-Hooligans auf den Boden. Ein Polizist drückt ihm das Knie ins Kreuz, ein anderer fesselt die Hände. Auch Gary ist jetzt umzingelt.

Regungslos steht er da, wie in Trance, mit gerecktem Kinn, offenem Mund und vibrierendem Atem. Sein Blick ist starr, und er reagiert nicht auf Fragen. Sein Gegner dagegen ist längst schon verschwunden. Keiner mehr da, der was gesehen hat, nichts ist passiert, also läßt die Polizei Gary bald wieder laufen.

Er erreicht seinen Platz auf der Tribüne deshalb noch vor dem Anpfiff. Das Spiel selbst ist dann ein ganz müder Kick. Fünf Minuten vor Ende steht es immer noch Null zu Null, dann kriegt der Torhüter von Liverpool das Leder nicht weg, und irgendwie landet der Ball bei Eric Cantona, und der wuchtet das Ding ins Netz zum einzigen Tor des Abends.

Ausgerechnet Cantona, den die Fans hier verehren wie einen Gott, weil er der einzige echte Hooligan ist auf dem Rasen. Cantona gehört nicht zu diesen Reihenhaus-BMW-Phil-Collins-Fußballern, die sonst das Spielfeld bevölkern. Lieber beschimpft er die Journalisten öffentlich als »Toiletten«. Und einen Zuschauer, der ihn beschimpfte, holte er mit einem filmreifen Kung-Fu-Kick von den Beinen.

Dafür lieben ihn die Leute hier wie keinen anderen Spieler in den letzten 20 Jahren. Deshalb ertrinkt das Wembleystadion jetzt in einem Meer von Eric-Cantona-Fahnen. Deshalb brandet die Begeisterung durch das Stadion wie damals, als Gary das erstemal beim Fußball war. Überall liegen sich die Zuschauer in den Armen und heulen hemmungslos. Auch die harten Jungs machen da keine Ausnahme. Ihr Cantona gewinnt für sie den Pokal. Das ist das Paradies. Als ob sich jeder einzelne kaputte Knochen in ihrem Leben gelohnt hätte.

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