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»Beim Bauchschuß nützt kein Helm«

Radprofi Erik Zabel über die Angst der Sprinter, Doping und die Hysterie um Jan Ullrich
aus DER SPIEGEL 12/1998

»Du bist von der Telekom? Ich bin Postbezirk 34 - verrat mir doch mal, wo ich wohne«

SPIEGEL: Herr Zabel, die Deutschen wissen, wer letztes Jahr die Tour de France gewonnen hat - glauben Sie, daß noch jemand weiß, wer den Radklassiker Mailand-San Remo gewonnen hat?

Zabel: Jemanden gibt''s bestimmt. Er sitzt vor Ihnen.

SPIEGEL: Sie können bei noch so vielen Rennen vorn landen - man kennt Sie vor allem deshalb, weil Sie bei der Tour de France im Grünen Trikot gefahren sind.

Zabel: Es stimmt: Mittlerweile dominiert die Tour alles. Und es ist heute nicht mehr möglich, die Radszene das ganze Jahr über so zu beherrschen, wie es Eddy Merckx konnte, der die Klassiker gewonnen hat, den Giro d''Italia, die Tour und der am Ende auch noch Weltmeister geworden ist. Dafür ist dieser Sport zu gnadenlos geworden.

SPIEGEL: Sie sind immer dann der Beste, wenn es am gefährlichsten ist, etwa bei Massenspurts kurz vor dem Ziel. Der Radprofi Andreas Kappes hat gesagt, in diesen Situationen fürchte er um sein Leben. Ist Ihnen dieser Gedanke fremd?

Zabel: In dieser Form schon.

SPIEGEL: Und in welcher ist er Ihnen vertraut?

Zabel: Vertraut ist mir, daß ich Situationen kenne, die ich als gefährlich einschätze. Aber ich habe immer noch die Möglichkeit, darauf zu reagieren. Rechts und links am Lenker habe ich ja jeweils ''ne Bremse, und die kann ich benutzen, wenn ich glaube: dieses Risiko ist nicht mehr kalkulierbar. Wenn man Angst hat um sein Leben, dann sollte man lieber aufhören.

SPIEGEL: Ihre Mannschaftskollegen strampeln für Sie bis kurz vor dem Ziel, um Ihnen Windschatten zu geben. Fühlen Sie sich deshalb in der Pflicht, besonders riskant zu fahren?

Zabel: Ich habe noch nie jemanden erlebt in meinem Team, der mir einen Vorwurf gemacht hat, wenn es nicht funktionierte mit dem Sprint. Es sagt dir keiner: Da war doch noch eine Lücke.

SPIEGEL: Sie haben mal behauptet: »Wenn es nicht klappt, werden dir die Eier kürzer

Das Gespräch führten die Redakteure Matthias Geyer und Michael Wulzinger.

geschossen.« Wie muß man sich das vorstellen?

Zabel: Wenn sich acht Mann hundertprozentig für mich einsetzen und ich dann zu früh den Sprint antrete, weil ich die Nerven verliere und dadurch die Arbeit der anderen kaputtmache, dann kommen die nicht unbedingt begeistert ins Hotel und sagen: Das hast du aber toll gemacht. Die sagen eher: Heute hat der Meister hier einen echten Fehler gemacht.

SPIEGEL: Oft können Sie sich das nicht leisten.

Zabel: Für mich ist es mittlerweile kein Beinbruch mehr, wenn ich so ein Tagewerk mal kaputtmache. Dann sage ich mir: Alles ist nur ein Spiel, und morgen geht es weiter. Entweder habe ich die innere Stärke, so eine Sache durchzustehen, oder ich zerbreche daran. Wenn Ullrich mit dem Gelben Trikot vor Aufregung nicht mehr hätte schlafen können, dann hätten wir den Tour-Sieg vergessen können.

SPIEGEL: Der Belgier Tom Steels hat im letzten Jahr seine Wasserflasche nach einem Kollegen geworfen, um eine Tour-Etappe zu gewinnen. Wie weit würden Sie gehen?

Zabel: Ich habe eine innere Grenze: Die Hand vom Lenker zu nehmen, um mir einen Weg freizumachen, der nicht da ist, das ist für mich tabu.

SPIEGEL: Wenn Sie den Berg runterfahren, erreichen Sie Geschwindigkeiten von bis zu 100 Stundenkilometern. Machen Sie sich dabei klar, daß Sie ungeschützt über den Asphalt schießen?

Zabel: Man schiebt das ein bißchen von sich. Wenn man allerdings nach so einer Abfahrt auf seinen Tacho guckt und sieht: Ui, das war aber verdammt schnell, dann denkt man schon: Gut, daß jetzt die Reifen gehalten haben. Solange ich mich im Grenzbereich bewege, kann ich mich nicht damit beschäftigen, über Störfaktoren zu sinnieren. Ich muß meinen Vordermann im Auge haben und dessen Hinterrad halten, um vom Windschatten zu profitieren.

SPIEGEL: Fahren Sie immer mit Helm?

Zabel: Nicht immer.

SPIEGEL: Wovon machen Sie das abhängig?

Zabel: Vielleicht ist das ein bißchen naiv, aber ich ziehe dann einen Helm auf, wenn ich denke: Heute gibt es eine Chance. Damit habe ich ein Gefühl der Sicherheit. Bei Hochgebirgsetappen ist es nun mal angenehmer, nur mit einer Mütze zu fahren, als immer diesen Dampfkessel aufzuhaben und den über die Berge zu schleppen.

SPIEGEL: Wenn der Reifen mal nicht hält - würde Ihnen dieser Dampfkessel helfen?

Zabel: Unbestritten ist der Helm ein Sicherheitsfaktor. Nur: Die Logik ist das eine, die Anwendung das andere. Es gibt bei uns einen schönen Spruch: Was nützt mir ein Helm, wenn ich einen Bauchschuß kriege?

SPIEGEL: Vor drei Jahren ist Ihr Kollege Fabio Casartelli während einer Tour-Etappe in den Pyrenäen ums Leben gekommen. Denken Sie manchmal daran, daß Sie der nächste sein könnten?

Zabel: Ich weiß nicht, ob Casartelli mit Helm überlebt hätte. Er hat sich die Halsschlagader und einen Teil des Kopfes an der Bordsteinkante zerstört. Man kann diese Frage nicht so pauschal beantworten.

SPIEGEL: Waren Sie damals, als der Unfall passierte, genauso abgeklärt?

Zabel: Mich hat das schon sehr bewegt. Es gab gewisse Parallelen zwischen Fabio und mir. Ich will da nicht zuviel draus machen, aber wir haben uns unter Kollegen sehr gut verstanden. Ich hab''s irgendwo für mich unter Schicksal abgebucht. Und trotzdem frage ich mich: Warum erwischt es den und nicht mich oder die anderen?

SPIEGEL: Bedeutet Geschwindigkeit für Sie den besonderen Kick?

Zabel: Natürlich haben wir bei den großen Rundfahrten ein anderes Tempo drauf als beim Rennen »Rund um den Kirchturm«. Nur: Ein besonderer Kick ist das nicht. Das macht die Sache eher schwieriger. Höheres Tempo bedeutet mehr Leistung. Und dabei leidet man mehr Schmerzen.

SPIEGEL: Der richtige Kick kommt nur mit Dopingmitteln? Ihr Kollege Dschamolidin Abduschaparow ist bei der letzten Tour erwischt worden, andere hatten bei den Kontrollen womöglich mehr Glück als er.

Zabel: Ich kann nur für mich sprechen und teilweise für meinen unmittelbaren Zimmernachbarn. Wir haben ein besonders enges Kontrollsystem, mindestens sieben Fahrer müssen nach dem Rennen zur Dopingprobe.

SPIEGEL: Und dabei bleiben immer wieder welche hängen. Der Italiener Claudio Chiappucci ist gleich zweimal aufgefallen: Sein Hämatokritwert war überhöht. Über 50 Prozent des Blutvolumens bestanden aus Blutzellen. Das deutete auf die Einnahme des Dopingmittels Epo hin.

Zabel: Der Radsport-Weltverband geht nicht besonders glücklich mit der Doping-Problematik um. Was mit den Blutproben versucht wurde, nämlich dem Metier zu einem besseren Ruf zu verhelfen, ist nach hinten losgegangen. Wir waren die Vorreiter, aber die Analyseverfahren sind noch lange nicht wasserdicht. Und deswegen sage ich: Freunde, laßt uns anständige Nachweismethoden entwickeln, und zwar für alle verbotenen Mittel. Nur dann haben wir Nägel mit Köpfen gemacht.

SPIEGEL: Offensichtlich ist, daß Radsport den Körper malträtiert. Ein aufgescheuerter Hintern ist eine eher harmlose Berufskrankheit. Unter welchen Gebrechen leiden Sie?

Zabel: Ich bin von der Natur verwöhnt und habe kaum Probleme damit. Wenn ich allerdings sonntags zwischen Paris und Roubaix 50 Kilometer über Kopfsteinpflaster gefahren bin, kann ich montags kein Marmeladenglas mehr öffnen, weil meine Hände so geschwollen sind. Der kleine Finger sieht dann aus wie der Daumen. Dienstags ist das wieder vergessen. Für mich sind das die letzten Abenteuer, die es in unserem Sport gibt.

SPIEGEL: Sie sind im Leistungssport der DDR groß geworden. Wie hat man Ihnen dort eingebimst, sich zu quälen?

Zabel: Ich habe da gelernt, meinen Kopf zu gebrauchen.

SPIEGEL: Wir dachten immer, den hätte man eher ausschalten müssen.

Zabel: Das Problem war, daß dieses Sportsystem zur Glorifizierung des Staatssystems mißbraucht wurde. Wenn acht Mann in einer Trainingsgruppe waren, hieß es: Wer ist der potentielle Olympiasieger? Für den wurde trainiert. Über die Jahre sind die sieben anderen kaputtgegangen.

SPIEGEL: Wie haben Sie sich diesem Mechanismus entzogen?

Zabel: Ich habe diesen Sport für mich gemacht. Als nach der Wende der Druck von oben weg war, haben sich nur noch die durchgesetzt, die diese innere Flamme hatten. Alle diejenigen, die im Ost-System gefangen waren und damit auch Erfolg hatten, haben es nach der Wende nicht geschafft. Als der Druck weg war, haben sie aufgehört zu trainieren - und rucki, zucki waren sie alle verschwunden.

SPIEGEL: Ihr ostdeutscher Kollege Jan Ullrich hat es demnach geschafft, weil auch er seinen Kopf eingesetzt hat?

Zabel: Würde ich sagen, ja.

SPIEGEL: Daß erstmals ein Deutscher die Tour gewonnen hat, ist auch dem Nachlaß des DDR-Sportsystems zu danken?

Zabel: Es wäre zu einfach, alles auf das Ost-System zu reduzieren. Ich möchte zwar diese Erfahrungen nicht missen. Das war eine wunderbare Zeit, aber die war ''89 zu Ende. Und geschafft haben es die, die umgedacht haben, ohne ihr Fähnchen in den Wind zu halten. Henry Maske ist auch so ein Beispiel dafür.

SPIEGEL: Sie haben neulich für Aufsehen gesorgt, weil Sie in einem Interview mit der »Süddeutschen Zeitung« behauptet haben, der Toursieg von Ullrich habe dem Radsport in Deutschland geschadet.

Zabel: Ich bin da falsch verstanden worden.

SPIEGEL: Wie muß man Sie denn richtig verstehen?

Zabel: Ich unterscheide zwischen einem Radsport-Boom und einem Telekom-Boom. Für meine Begriffe haben wir einen

* Bei der Tour de France 1997.

Telekom-Boom. Wenn man den vielzitierten Radsport-Boom an der Zahl verkaufter Fahrräder abliest, dann muß man sagen: Der Tour-Erfolg hat kaum etwas bewegt.

SPIEGEL: Sie meinen, daß etwa in Hamburg eine halbe Million Menschen nur deshalb an den Straßen standen, weil sie den Helden Ullrich sehen wollten?

Zabel: Stimmt, und das ist zunächst mal auch gut so. Wo war denn der Radsport vorher? Als Telekom 1992 voll eingestiegen ist und wir noch mit einem Posthorn auf dem Trikot rund um Köln gefahren sind, da waren die Leute böse, weil sie dachten, jetzt würde das Telefonieren teurer. Als ich damals im Trainingslager war, hat einer im Hotelfahrstuhl zu mir gesagt: Du, ich bin Postbezirk 34. Dann habe ich geantwortet: Sagt mir nichts. Ja, sagt der, du bist doch von der Telekom, verrat mir doch mal, wo ich wohne. So war das am Anfang.

SPIEGEL: Und wie ist das jetzt?

Zabel: Wir sind diejenigen, die das Ding angeschoben haben. Wir haben den Radsport in ein anderes Licht gerückt. Aber es darf nicht alles an uns hängenbleiben. Vielleicht gibt es ja noch ein paar andere Wirtschaftsunternehmen, die erkennen, daß man auf diesen Zug aufspringen kann.

SPIEGEL: Jan Ullrich ist nach seinem Tour-Sieg gelegentlich auf eine Stufe mit den deutschen Sport-Ikonen Max Schmeling, Franz Beckenbauer und Boris Becker gehoben worden. Zu Recht?

Zabel: Warum nicht? Man muß unterscheiden zwischen den Menschen und dem, was sie sportlich geleistet haben. Man kann nicht hergehen und sagen, Jan habe jetzt schon diesen Kaiserstatus von Beckenbauer. Er hat, sagen wir mal, sehr erfolgreich begonnen. Und was hatten Beckenbauer und Becker menschlich mit 24 Jahren, was Jan fehlen sollte?

SPIEGEL: Sie waren nicht so spröde.

Zabel: Ich glaube, daß es Jan völlig egal ist, ob er mal eine ähnliche Anerkennung kriegt. Wenn er alles mitgenommen hätte, was zu seinem Heiligenschein hätte beitragen können, dann wäre er so kraftlos, daß er dieses Jahr mit Sicherheit nicht mehr die Tour fahren könnte.

SPIEGEL: Sie selber fühlen sich als Mann hinter Ullrich von den Deutschen ausreichend gewürdigt?

Zabel: Öffentliche Anerkennung kannst du nicht erzwingen, die kommt, oder die kommt nicht. Glauben Sie im Ernst, daß jemand in einem Vierteljahr zum Hackl Schorsch nach Hause kommt und Fotos macht? Dazu gibt Rodeln nicht genug her. Ich will Ihnen mal ein kleines Geheimnis verraten. Wissen Sie, warum ich dieses Interview mit der »Süddeutschen Zeitung« auch gemacht habe?

SPIEGEL: Na?

Zabel: Nun, es war ja bekannt, daß ich meinen Vertrag, der bis 1998 lief, gerne vorzeitig verlängert hätte. Und es hat nicht geschadet, daß im Winter dem einen oder anderen noch mal aufgefallen ist: Ach, da ist ja auch noch der Zabel. Der Sponsor und ich haben danach ein paar Worte deutsch miteinander geredet, und dann haben wir einen neuen Vertrag abgeschlossen. Für mich ist es wichtig, daß ich im Team meinen Platz habe und daß ich das Salär bekomme, das ich meiner Meinung nach wert bin. Wenn diese Kriterien erfüllt sind, dann ist der Zabel glücklich.

SPIEGEL: Zabels Salär beträgt angeblich 800 000 Mark im Jahr, außerdem hat er zwei Werbeverträge. Wenn er das mit den Gehältern von Fußballprofis vergleicht - ist Zabel dann auch noch glücklich?

Zabel: Sicher. Zu den 800 000 Mark: Stimmt nicht, es ist weniger. Zu den Werbeverträgen: Stimmt, es sind zwei. Zu den Fußballprofis: Stimmt, die verdienen einen Haufen Geld. Aber schuld ist nicht der, der nimmt, sondern der, der das bezahlt. Und trotzdem wage ich mal die These: Ich bin ein glücklicher Mensch, und wer weiß, wie viele von den Fußballprofis so glücklich sind wie ich?

SPIEGEL: Herr Zabel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Matthias Geyer und MichaelWulzinger.* Bei der Tour de France 1997.

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