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FERNSEHEN Beinahe nonstop

ARD und ZDF senden immer mehr Sport live, um so den Kampf gegen die private Konkurrenz vorzeitig zu gewinnen.
aus DER SPIEGEL 33/1987

Wann immer »Monitor«-Moderator Klaus Bednarz in der letzten Juliwoche durch die Flure des Funkhauses am Kölner Wallrafplatz ging, wurde er von Kollegen des WDR hinterlistig gefragt: Ob er der Sportredaktion schon eine Kiste Champagner spendiert habe?

»Monitor« hatte am 28. Juli einen Rekord erreicht. 30 Prozent aller bundesdeutschen Fernseher waren während der Magazin-Sendung eingeschaltet, gewöhnlich sind es nur knapp 20 Prozent. Den Rekord, so die allgemeine Ansicht beim Westdeutschen Rundfunk, hätten weniger etwa besonders attraktive »Monitor«-Themen bewirkt als eine vorangegangene Sportsendung: die Live-Übertragung des Fußballspiels um den Supercup Bayern München gegen den Hamburger SV. Die hatte eine Sehbeteiligung von 36 Prozent - und die meisten Sportfans waren nach dem Schlußpfiff trotz Bednarz nicht abgewandert.

Vor Jahren noch wurde Magazin-Machern nach Fernseh-Fußballabenden eher Mitleid bekundet - weil ihre Sendungen unter den Sportübertragungen am meisten zu leiden hätten, verschoben, gekürzt oder gar gekippt würden. Inzwischen aber, so hat WDR-Sportchef Heribert Faßbender festgestellt, sei es einhellige Meinung in allen Funkhäusern, »daß Sport eine Programm-Lokomotive ist«.

Die Zahl der Live-Übertragungen in ARD, ZDF und vor allem in den Dritten Programmen ist in den letzten Monaten sprunghaft gestiegen. Gesendet wurde, beinahe nonstop, neben Top-Ereignissen wie Ski-Weltmeisterschaften, Fußball-Länderspielen und Europacup, Tennis-Daviscup und Federation Cup, auch, was zuvor allenfalls im Nachrichtenblock registriert worden war.

So kamen Hockey-Länderspiele, die German Open der Golferinnen, das Training für den Formel-1-Grand-Prix in Hockenheim oder das Abschiedsspiel für einen Durchschnittsprofi wie Dieter Hoeneß live auf den Bildschirm.

Und der Höhepunkt der neuen Welle steht erst noch bevor. In den zwölf Tagen vom 26. August bis zum 6. September bietet allein die ARD über 40 Stunden Sport an, das ZDF nur unwesentlich weniger.

Daß die Zuschauer von den Öffentlich-Rechtlichen in dieser Zeit, so ARD-Sportkoordinator Fritz Klein, »mit Sport überschüttet« werden, hat System. Im September überträgt der private Sender Sat I die Offenen amerikanischen Tennismeisterschaften in Flushing Meadow, voraussichtlich ein Publikums-Renner. Schon vor einem Jahr waren die Privaten fixer gewesen und hatten sich die Rechte gesichert. Damals kamen die ARD-Sportchefs überein, so etwas dürfe nicht wieder passieren. Als aber die US-Veranstalter in diesem Jahr 400000 Dollar Gebühren verlangten, verzichteten sie dennoch. Sat 1 zahlte.

Das Massenangebot ist so etwas wie ein öffentlich-rechtlicher Return. Wenn - wegen der Zeitverschiebung- Boris Becker und Steffi Graf spätabends bei Sat 1 antreten, haben ARD und ZDF die Fernsehzuschauer womöglich schon sportmüde gesendet.

Die böse Absicht wird offiziell bestritten. »Allenfalls unterschwellig«, so Faßbender, spiele bei den Entscheidungen der öffentlich-rechtlichen Programmplaner die Konkurrenz der Privaten eine Rolle. Und Klein erklärt treuherzig, die Sportflut sei lediglich eine »sinnvolle Auslastung ohnehin bestehender Verträge«. Zudem nutze man einmal aufgebaute Kameras nun intensiver.

Doch was als ökonomische Pfiffigkeit verkauft wird, hat einen ganz konkreten Hintergrund. Im September will das Bundeskartellamt entscheiden, ob der sogenannte Globalvertrag von ARD und ZDF mit dem Deutschen Sportbund (DSB) weiterhin Bestand haben kann.

Dieser 1985 geschlossene Vertrag sichert 38 Sportverbänden (nur Fußball-, Eishockey- und Motorsport-Verbände verhandeln separat) bis 1990 Lizenzeinnahmen von 30 Millionen Mark, den beiden Fernsehanstalten das erste Zugriffsrecht auf alle Sportveranstaltungen der Verbände. Nach Meinung des Kartellamtes eine »unbillige Behinderung« der Privaten.

Auch einige Verbandsfunktionäre sähen inzwischen gerne eine Lösung des Vertrags. Sie glauben sich angesichts des zunehmenden Sport-Stellenwertes nicht mehr marktgerecht bezahlt. Jetzt soll die zusätzliche Sendezeit die Verbände bei Laune halten. Denn Sport-Veranstaltungen,

die ausgiebig im Fernsehen gezeigt werden, sind für die Werbung interessant. Die Veranstalter kassieren dort, was ihnen das Fernsehen zuwenig zahlt.

Gegenüber seinem Amtsantritt vor fünf Jahren, so hat Faßbender errechnet, biete der WDR heute 70 Prozent mehr Sport an. Die ARD steigerte sich von 16175 Sport-Sendeminuten im Jahr 1982 auf 27342 im vergangenen Jahr. Das ZDF brachte es 1986 auf 21793 Sport-Minuten, ein Zuwachs um rund 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Klein glaubt, daß die ARD in diesem Jahr die Rekordzahl fast wieder erreichen wird, obgleich 1987 keine Fußball-WM auf dem Programm steht. Und auch das ZDF erklärte, »das Live-Element weiter verstärken und zu einem entscheidenden Kriterium des Programms« machen zu wollen.

Die Offensive zeigte bereits Wirkung. Roland Mader, Sprecher der Spitzenverbände im DSB, verteilte die Rolle des Buhmannes neu. Die Privaten, befand er, müßten »sich schämen, wie wenig sie vom Sport zeigen«. Sie würden sich nur noch die Highlights heraussuchen.

Die Privaten üben sich derweil in demonstrativer Gelassenheit. Mit Ausnahme des Fußballs, so erklärte Helmut Thoma, Programmdirektor des Luxemburger Senders RTL plus, seien die Sportarten nur dann interessant, »wenn ein neuer deutscher Recke die Welt das Fürchten lehrt«.

Sat-1-Sportchef Helmuth Bendt nannte »Qualität statt Quantität« als neue Maxime, auf die man den Sport zurückfahre. Das bedeute neben den Standardsendungen drei bis fünf Übertragungen von großen nationalen oder internationalen Ereignissen.

Das hatte sich beim Start vor zweieinhalb Jahren noch ganz anders angehört. Da sollte vor allem der Sport die Kunden ans Kabel locken. Doch inzwischen haben sich die Privaten sowohl an den finanziellen als auch an den fachlichen Grenzen derart die Köpfe gestoßen, daß nur noch der geordnete Rückzug bleibt.

Die Schwäche des Gegners will Klein nutzen. Er legte einen Plan vor, nach dem die Dritten Programme samstags oder sonntags nachmittags regelmäßig mehrere Stunden Sport live senden sollen. Die eine Hälfte der Sendezeit wäre dabei der gemeinsamen Übertragung eines größeren Ereignisses reserviert, die andere bliebe jeder Anstalt für Regional-Veranstaltungen vorbehalten.

Alle ARD-Sportchefs votierten bereits für diesen Plan, auch die Beauftragten der Dritten Programme von NDR und der Südkette. Die anderen haben noch Bedenken gegen die Live-Sendungen als feste Einrichtung. Jetzt soll deshalb erst einmal »von Fall zu Fall entschieden werden«. Klein sieht seinen Plan im neuen Klima dennoch reifen: »Ich gebe mir ein Jahr Zeit, um das hinzubekommen.« Beim ZDF, das ja nicht ausweichen kann, experimentiert man vor allem mit dem Satellitenprogramm 3-Sat. Dort liefen von der Segel-WM in Kiel täglich fünfstündige Marathon-Sendungen. Und beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring wurde gar rund um die Uhr live gesendet. Reporter Karl Senne fuhr das Rennen mit, kommentierte aus einem BMW M3.

Angesichts dieser Entwicklungen prophezeit Südwestfunk-Sportchef Rudi Michel: Bald sei Usus, »was bisher verpönt war - nämlich Sport gegen Sport zu senden«. Was nichts anderes heißt, als daß dann auf zwei der drei öffentlichrechtlichen Kanäle gleichzeitig Sport flimmert.

Daß der Kunde die häufigen Sportsendungen als Überangebot empfindet, müssen die Verantwortlichen offensichtlich noch nicht befürchten. So wertete die »Stuttgarter Zeitung« die Tatsache, daß das ZDF am Karfreitag gegen den Protest der Kirche Eishockey übertrug, nur als »kleine Sünde«. Als im »Aktuellen Sport-Studio« am vorletzten Samstag Tennis vor der Fußball-Bundesliga gezeigt wurde, monierten Anrufer nur die Reihenfolge, nicht aber die Übertragung generell.

Und als die ARD vor zwei Wochen am Samstagabend auch noch das Daviscup-Doppel zwischen den USA und Deutschland übertrug, meldeten sich »nur wenige, vor allem ältere Zuschauer« (Klein), die statt Tennis lieber das Lustspiel »Es geigt sich was« sehen wollten.

Die aber sind leichter zu besänftigen als die protestierenden Sport-Fans vergangener Zeiten. Die waren zum Beispiel, als der damalige ARD-Koordinator Hans-Heinrich Isenbart mal wieder eine Sport-Übertragung nicht durchgesetzt hatte, in dessen Wohnung eingestiegen, hatten die komplette Einrichtung zerlegt und nur den Wohnzimmertisch heil gelassen. Dort hatten sie einen Zettel mit der Aufschrift deponiert: »Du Sport-Schwein.« _(links: Fernsehzuschauer im Hamburger ) _(Hotel Elysee während des Spiels Werder ) _(Bremen - Bayern München im April 1986. ) _(Oben: Steffi Graf (links) und Claudia ) _(Kohde-Kilsch beim Federation-Cup-Sieg ) _(über die USA am 2. August; )

links: Fernsehzuschauer im Hamburger Hotel Elysee während des SpielsWerder Bremen - Bayern München im April 1986.Oben: Steffi Graf (links) und Claudia Kohde-Kilsch beimFederation-Cup-Sieg über die USA am 2. August;

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