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BERLIN-BOYKOTT Besuch bei Hertha

aus DER SPIEGEL 19/1965

Ein Los bewirkte, was durch Verhandlungen seit Jahren nicht verwirklicht werden konnte: Eine Leipziger Fußballmannschaft durchbrach den West -Berlin-Boykott der Zone.

Am Dienstag vergangener Woche trat der SC Leipzig, Tabellendritter der DDR-Oberliga, zum ersten Vorfinalspiel des Rappan-Pokals im Olympia-Stadion gegen Berlins Bundesligavertreter Hertha BSC an.

Den Rappan-Pokal organisieren die europäischen Toto-Gesellschaften, um während der sommerlichen Fußball -Pause den Totoschein mit attraktiven internationalen Paarungen füllen zu können. Vereine, deren Mannschaften sich durch einen oberen Tabellenplatz qualifiziert haben, erhalten aus Totomitteln pro Heimspiel 3000 Mark.

Die Auslosung zum Vorfinale, die West-Berlin als ersten Spielort für den SC Leipzig und Hertha BSC vorschrieb, stellte die Zonen-Sportführer vor ein Dilemma. Beugten sie sich dem Los, verstießen sie gegen ihren 1958 nach dem Berlin-Ultimatum von Chruschtschow praktisch verhängten Boykott und ihre Drei-Staaten-Theorie. Durch einen Verzicht hätte sich der Zonen -Fußball nach den Bestimmungen automatisch auf fünf Jahre von der Teilnahme am Rappan-Pokal ausgeschlossen.

Ein Spielverzicht mit politischem Hintergrund hätte zudem die Bemühungen der Zonen-Strategen gehemmt, auf allen Gebieten des Sports die Gleichberechtigung mit der Bundesrepublik zu erlangen. In Berlin hatte Avery Brundage, der amerikanische Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, noch am 8. April die Zonen-Forderung auf ein gesondertes Olympia-Komitee für West-Berlin barsch abgetan: »Das höre ich mir nicht mehr an.«

Den Berlin-Besuch des kommandierenden Olympiers verschwieg die Zonen-Presse völlig. Die Nachricht vom Berlin-Spiel der Leipziger Kicker (unter ihnen drei DDR-Auswahlspieler) wurde den Zonen-Bürgern nur in homöopathischen Dosen verabreicht: Je fünf Zeilen erschienen im »Deutschen Sport-Echo« und im SED-Organ »Neues Deutschland«. Die letzten Gegner des SC Leipzig hatten die Zonen-Zeitungen noch in ausführlichen Vorschauen vorgestellt.

Gegenüber Hertha BSC sind die Sportführer der Zone besonders allergisch. Denn Hertha übte als einer der traditionsreichsten Berliner Klubs auch auf viele Ost-Berliner mehr Anziehungskraft aus als die dortigen traditionslosen Vereine »Vorwärts« oder »Dynamo«.

Bis zum Bau der Mauer hatte Hertha BSC bei den Spielen am Gesundbrunnen, unweit der Sektorengrenze, ein festes Stammpublikum aus dem Ostsektor. Drei Hertha-Fußballplätze im Bezirk Pankow wurden durch die DDR Behörden enteignet. Von etwa 1000 Mitgliedern leben noch neun Prozent in Ost-Berlin. Keines von ihnen trat bisher aus dem Verein aus.

Erst vier Tage vor dem (4:1 gegen Hertha BSC gewonnenen) Rappan -Match äußerte der Leipziger Klub-Präses Horst Papst seine Wünsche: 1000 Westmark Tagegeld im Austausch gegen 1000 Ostmark für Hertha BSC beim Rückspiel am 5. Mai in Leipzig. Sollten die Berliner - etwa durch Übernachtung - in Leipzig mehr Geld benötigen, müßten sie es zusätzlich im Verhältnis eins zu eins umtauschen. Über die Polemik in West-Berliner Blättern erbittert, verzichteten die Leipziger dann später auf den Tausender.

Das Westgeld hätten die Zonenspieler freilich unmöglich ausgeben können Um 16.25 Uhr, erst gut eine Stunde vor dem Anpfiff, fuhr ein Ost-Berliner Bus die Leipziger Elf und elf weitere Leipziger unmittelbar an die Kabinen im Unterring. Den Gruß des Toröffners erwiderten die Gäste nur mürrisch: Der Tormann sächselte. Ein prominenter Sachse begutachtete die Leistungen seiner Landsleute von der Tribüne aus: West-Berlins Unterhändler für Passierscheine, Senatsrat Horst Korber.

Im Umkleideraum kontrollierte der Berliner Regierungsdirektor Horn, ob die Zonen-Kicker auf ihren gelben Trikots kein Hammer-und-Zirkel-Symbol einschmuggelten. Sie trugen jedoch nur ungefährliche Leipziger Wappen - Löwen auf der Brust.

Doch die Leipziger Gäste unterliefen die Kontrolle mit einem Trick. Sie benutzten ihren Vereinswimpel gleichsam als Trojanisches Pferd. Ihr Spielführer (Name: Trojan) überreichte seinem Hertha-Kollegen Faeder ein Dreieckstuch, das janusköpfig ein Leipziger Löwenwappen auf der Vorder-, aber Hammer und Zirkel nebst Schwarzrotgold auf der Rückseite zeigte.

Die Stadionverwaltung war von Horn angewiesen worden, keinerlei Flaggen zu hissen. So schwenkten nur 16 Hertha -Anhänger ihre Vereinswimpel und die zwei Linienrichter rote Fähnchen.

In blauen Trainingsanzügen, wie sie ins Stadion gekommen waren, fuhren die Leipziger unmittelbar nach dem Abpfiff zurück, die Einladung zu dem nach internationalen Wettkämpfen üblichen Bankett schlugen sie aus. Nur vier Stunden hatten die Leipziger in West -Berlin zugebracht. Dann begann erneut die Sport-Blockade.

Die Ostblock-Gäste von Slovnaft Bratislava, Herthas Gegner in der vorangegangenen Rappan-Runde, hatten die Berliner Gastfreundschaft noch unbedenklich genossen und dutzendweise Grußkarten in die Tschechoslowakei heimgeschickt. Bevorzugtes Motiv: Berliner Ansichten mit der Unterschrift »Die Mauer muß weg«.

Wimpelübergabe, Pokalkampf Hertha BSC gegen SC Leipzig in West-Berlin: Für Totogeld nicht linientreu

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