Zur Ausgabe
Artikel 31 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

DOPING »Betrüger bestrafen«

Leichtathletik-Präsident Clemens Prokop, 49, über die Vorteile eines Anti-Doping-Gesetzes und den Widerstand des obersten deutschen Sportfunktionärs Thomas Bach
aus DER SPIEGEL 37/2006

SPIEGEL: Herr Prokop, warum braucht der deutsche Sport im Kampf gegen Doping die Hilfe des Staates?

Prokop: Weil er allein mit der Problematik überfordert ist. Der kriminellen Energie, mit der ganze Netzwerke arbeiten, muss mit intensiveren Mitteln begegnet werden als bisher.

SPIEGEL: Diese Woche berät der Ministerrat in Bayern den Entwurf eines Anti-Doping-Gesetzes, das der Freistaat im Bundesrat einbringen will. Wie stehen die Chancen, dass die Initiative durchkommt?

Prokop: Wir, die Befürworter, haben die besseren Argumente. Das hat auch die Politik erkannt. Die Berliner Koalition steht mittlerweile zu einem beachtlichen Teil hinter einem Gesetz, erst vorige Woche hat sich der SPD-Vorsitzende Kurt Beck für eine Ausdehnung der Strafverfolgung ausgesprochen. Ich bin optimistisch.

SPIEGEL: Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble ziert sich aber noch. Er meint, das Arzneimittelgesetz reiche aus.

Prokop: Das Arzneimittelgesetz hat sich in der Vergangenheit als totes Recht erwiesen. Die Voraussetzung zur Strafbarkeit ist immer eine Abgabe an Dritte, und dieser Nachweis ist schwer zu erbringen. Wenn ein Trainer mit einem Koffer voller Dopingsubstanzen erwischt wird, braucht er nur zu sagen, er habe die Mittel allein für sich dabei, und er ist aus dem Schneider.

SPIEGEL: Auch innerhalb der Disziplinen herrscht Uneinigkeit. Die Wintersportverbände sind gegen ein Anti-Doping-Gesetz, weil sie eine »Kriminalisierung« der Sportler fürchten.

Prokop: Für so einen Einwand habe ich wenig Verständnis. Es geht nicht darum, Sportler zu kriminalisieren, sondern Betrüger zu bestrafen. Wer im normalen Wirtschaftsleben manipuliert, um sich einen Vermögensvorteil zu verschaffen, macht sich strafbar. Warum sollte man bei Sportlern, die möglicherweise Millionen verdienen, eine Ausnahme machen?

SPIEGEL: Kann die Sportgerichtsbarkeit noch schnell und hart bestrafen, also Sperren aussprechen, wenn sich staatliche Gerichte um die Dopingverfolgung kümmern?

Prokop: Das bisherige Kontrollsystem bleibt unangetastet. Es bleibt auch dabei, dass der Sport einen positiv getesteten Athleten nach seinem Regelwerk sanktioniert. Neu wäre, dass der Staat ein zusätzliches Verfahren anknüpfen und, wenn etwa ein vorsätzliches Handeln nachgewiesen wird, Geld- oder sogar Freiheitsstrafen verhängen könnte.

SPIEGEL: Was aber passiert, wenn ein gesperrter Sportler vor einem normalen Gericht freigesprochen wird? Kann der dann gegen seine Sperre klagen?

Prokop: Nein. Sportgerichte und staatliche Strafgerichte entscheiden nach unterschiedlichen Voraussetzungen und Verfahren.

SPIEGEL: Welche Fortschritte bringt ein Gesetz?

Prokop: Die Dynamik bei der Aufklärung würde sich erhöhen. Ein Anti-Doping-Gesetz macht den Besitz oder die Anwendung von Dopingmitteln strafbar, das heißt, der Doper selbst wäre neuerdings Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens. Man hätte also von Anfang an einen Ansatz für Hausdurchsuchungen und Vernehmungen. Und wenn ein Sportler weiß, dass da ein staatliches Verfahren auf ihn zurollt, hat er natürlich einen höheren Anreiz, die Strafe durch hilfreiche Aussagen einzudämmen. So käme man endlich auch an die Hintermänner heran.

SPIEGEL: Die generelle Bereitschaft zum Doping kann ein Gesetz aber nicht eindämmen. Wäre eine Ausweitung der Sperren nicht ein geeigneteres Mittel?

Prokop: Solange ein Athlet nicht ernsthaft Angst haben muss vor Entdeckung, hält ihn eine mögliche Sperre nicht ab, egal, ob sie zwei oder vier Jahre beträgt. Eine abschreckende Wirkung erzielt man nur, wenn das Risiko, erwischt zu werden, zu groß wird.

SPIEGEL: Warum kommt der Impuls für ein Gesetz erst jetzt?

Prokop: Wir stecken in einer Glaubwürdigkeitskrise. Wenn wir den Betrug nicht stoppen, dann wird der Sport degenerieren und irgendwann, wie einst die Olympischen Spiele der Antike oder die Ritterspiele im Mittelalter, seine kulturelle Berechtigung verlieren. Diesen Prozess müssen wir stoppen.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, dass der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach, gegen ein Anti-Doping-Gesetz ist?

Prokop: Ich kenne seine Motive nicht.

SPIEGEL: Schadet Bach mit seiner Haltung dem Sport?

Prokop: Ich würde mir wünschen, dass der Präsident des Dachverbandes mit der Ankündigung einer Nulltoleranz gegen Doping auch das Engagement verbinden würde, alle denkbaren Möglichkeiten der Dopingbekämpfung zu fördern.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt Bachs Position innerhalb des IOC, er gilt als Kandidat für die Nachfolge von Präsident Jacques Rogge?

Prokop: Ich glaube wahrzunehmen, dass das IOC einen starken Einfluss des Staates in der Dopingbekämpfung nicht will. Ich weiß aber nicht, ob Herr Bach von dieser Stimmung geprägt ist.

INTERVIEW: GERHARD PFEIL

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 31 / 100
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel