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ATHLETEN-MITBESTIMMUNG Bier gezapft

aus DER SPIEGEL 43/1968

Bundesdeutsche Studenten und Gewerkschaftler kämpfen noch immer darum. Die 297 Olympia-Teilnemer der Bundesrepublik in Mexiko haben es verwirklicht: die Mitbestimmung.

Zum erstenmal parieren die deutschen Olympia-Athleten nicht mehr blind den Anordnungen ihrer Funktionäre. Statt dessen bemüht sich der Kommando-Stab der Equipe, die Wünsche der aktiven Olympia-Kämpfer zu befriedigen, soweit sie von einer Mehrheit beschlossen worden sind. Bereits vor dem Abflug nach Mexiko verordnete der Leverkusener Chefarzt und Chef de Mission, Professor Dr. Josef Nöcker, der deutschen Olympia-Mannschaft das demokratische Rezept: »Die Funktionäre sind für die Athleten da -nicht umgekehrt.«

Schon vor den Olympischen Spielen 1932 in Los Angeles wollten die Leichtathleten einen Mannschafts-Sprecher wählen. Sie drangen bei den Funktionären nicht durch. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg trugen die Leichtathleten -- durch einen Vertrauensmann etwa -- bei Länderkämpfen Beschwerden vor.

Der erfolgreichste Ruder-Trainer der Welt, Karl Adam aus Ratzeburg, räumte seinen Athleten noch mehr Rechte ein. Mit seiner Achter-Crew besprach er Maß und Dauer des Trainings. Wenn die Ruderleute erschöpft im Boot sollen, verzichtete er gelegentlich auf einen Teil des Trainings-Pensums. Die Partnerschaft bewährte sich: Adams demokratische Goldachter ergatterten seit 1960 fast alle Medaillen, um die sie bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften gerudert waren.

Da gab der deutsche Ruder-Präsident Dr. Walter Wülfing, 67, vor zwei Jahren sein Amt freiwillig auf. Zu seinem Nachfolger bestimmte er Dr. Claus Heß, 35, der einige Jahre zuvor selbst Europameister geworden war. Heß übertrug Adams Erfahrungen auf die Ruder-Satzungen: Seit 1967 hat ein Ruderer im Verbandsausschuß Sitz und Stimme.

Vor dem Olympia-Start in Mexiko ließ nun auch Nöcker für die Olympia-Mannschaft von den Athleten jeder Sportart einen Sprecher wählen. Die Ruderer schickten den Schlagmann ihres Achters, Horst Meyer, in den Olympischen Aufsichtsrat, die Leichtathleten vertritt der Hürdenläufer und Kapitänleutnant Hinrich John.

In Flagstaff im US-Staat Arizona, wo sich die Leichtathleten, Boxer und Fechter seit September in 2200 Meter Höhe auf Mexiko vorbereitet hatten, nötigte der Freiburger Professor und Lauf-Trainer Woldemar Gerschler den Fechtern ein strapaziöses Lauf-Programm auf. Sie sollten zehnmal nacheinander 200 Meter spurten. Da begehrten die Fechter auf. Gerschler erleichterte ihre Lauflast.

Um den Zeitunterschied von sieben Stunden zwischen Deutschland und Amerika rasch zu überwinden, griffen die Athleten mit offizieller Billigung zu einem im Sport ungebräuchlichen Schlafmittel: Sie zapften täglich Bier.

Aber die Sportler wehrten sich auch durch Mehrheitsbeschluß gegen Störenfriede im eigenen Team. Nachdem Spätheimkehrer ihre Nachtruhe zerlärmt hatten, stimmten sie der Anordnung der Mannschaftsleitung zu, von 22.30 Uhr ab Bettruhe einzuhalten.

In Mexico City verhandeln die Mannschafts-Abgeordneten jeden Abend um 17.30 Uhr mit der Funktionärs-Regierung. Sie besprechen den Umzug zusammengepferchter Athleten aus dem Olympischen Dorf in Ausweich-Quartiere und regeln die Verteilung der VW-Mietwagen. Vor dem Einmarsch zur Eröffnungsfeier einigten sie sich auf einen Kompromiß: Handliche Photoapparate durften die Olympiamarschierer mitnehmen, übergroße mit kanonenrohrartigen Teleobjektiven nicht.

Es bedurfte keiner formellen Beschlüsse, um individuelle Abweichungen von der vielfach noch üblichen Sportler-Norm zu dulden. So empfangen Sportler mitunter auch Damen-Besuch oder schmücken ihre Zimmerwand mit dem Mädchen des Monats aus dem »Playboy«.

Während die ersten, ausgeschiedenen Mitglieder der DDR-Equipe schon vier Tage nach Olympia-Beginn heimverfrachtet werden, erwartet die Bundesdeutschen ein vielfältiges Touristen-Programm. »Sie sollen von der Kultur und Lebensart des Gastlandes möglichst viel kennenlernen«, begründete Walther Tröger aus der deutschen Mannschafts-Leitung.

Jeder Athlet hat nach seinem Wettkampf Gelegenheit, das mexikanische Prominenten-Bad Acapulco zu besuchen. Mit Privatwagen unternehmen sie Ausflüge zu den Pyramiden von Teotihuacán. Eine Exkursion führt nach Oaxaca. Zwei Chartermaschinen der Lufthansa mit je 168 Plätzen fliegen sie auf dem Rückweg über Mérida. Von dort aus können sie die ausgeschachteten Reste der Maya- und Tolteken-Kultur in Yucatán besichtigen.

Ein Teil der Leichtathleten fliegt sogar zu einigen nacholympischen Starts nach Südamerika. 100 Sportlern erfüllen die Funktionäre Sonderwünsche: Sie dürfen mit Linienmaschinen über die USA oder Kanada zurückfliegen, um Verwandte zu besuchen, oder mit einem Schiff zurückdampfen, um sich von den olympischen Strapazen zu erholen.

»Disziplin und Zusammenhalt waren noch nie so gut«, urteilte Mannschafts-Chef Nöcker. »Wir haben eben niemand vom SDS dabei.«

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