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RADRENNEN Bier, Whisky und ein Absturz

Die Tour de France wird von ihrem größten Dopingskandal erschüttert: Nur vier Tage nach seinem Triumph bei der Rundfahrt ist der Amerikaner Floyd Landis als mutmaßlicher Betrüger entlarvt. Die Selbstreinigung der Branche scheitert an der kriminellen Energie der Täter.
aus DER SPIEGEL 31/2006

Es war ein Bild des Jammers. Kaum noch hob er den Blick, das vom Schweiß durchnässte Gelbe Trikot klebte Floyd Landis, 30, am Körper, als er sich den Anstieg zum Etappenziel La Toussuire hochquälte, langsam wie ein Radtourist.

Es war aber auch ein Bild der Hoffnung. Darauf, dass nicht mehr hemmungslos gedopt wird. Landis' Leistung auf jener 16. Etappe der Tour de France am vorvergangenen Mittwoch sah ehrlich aus. Er hatte den Strapazen nicht standhalten können. Hier fuhr kein Übermensch, der auf den 3657 Kilometern Strecke niemals schwächelt, nicht einmal auf den Gebirgspässen der Pyrenäen und Alpen. Der Radsport schien ein Stück Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

Doch diese Hoffnung trog. Sie hielt bloß eine Nacht. Am nächsten Tag hängte Landis alle Konkurrenten ab. Unaufhaltsam erklomm er Berge der höchsten Kategorien, und als er nach 200 Kilometern Fahrt bei sengender Hitze in Morzine ankam, reckte er die Faust. Mit Leichtigkeit schwang er sich vom Rad, nichts erinnerte an das Desaster tags zuvor. Stattdessen war er zurück im Kampf um den Gesamtsieg. »So eine Leistung«, staunte Tour-Direktor Christian Prudhomme, »habe ich in 20 Jahren nicht erlebt.«

Heute weiß Prudhomme, dass er einen mutmaßlichen Betrüger bewundert hat. Denn bereits eine Woche nach seinem Parforceritt ist Landis des Dopings verdächtig - und wird wohl als Erster in der Geschichte der Tour seinen Sieg verlieren. Analytiker in Paris haben in der A-Probe, die ihm in Morzine abgenommen worden war, eine überhöhte Konzentration von Testosteron nachgewiesen, einem Sexualhormon.

Es muss eine Mischung aus Verzweiflung und eiskalter Berechnung gewesen sein, die den Mennonitensohn aus Farmersville, Pennsylvania, dazu bewogen hat, ausgerechnet das leicht nachzuweisende Mittel anzuwenden. Er wollte die Tour de France unbedingt gewinnen - und er musste auf jener 17. Etappe, der letzten durch die Alpen, rund acht Minuten Rückstand auf den Spitzenreiter wettmachen, um seine Chancen zu wahren.

Niederlage oder Betrug? Landis wählte offenbar den Betrug - und bescherte einer Sportart den nächsten Tiefschlag in einer Kette von Dopingskandalen. Mittlerweile sind die letzten Sieger der drei großen Rundfahrten - neben der Tour de France der Giro d'Italia und die spanische Vuelta - aus dem Verkehr gezogen (siehe Grafik).

Auf einer Pressekonferenz am vorigen Freitag in Madrid bestritt Landis jedoch, gedopt zu haben. Es sollen »zwei Bier und mindestens vier Whisky« gewesen sein, die seinen Testosteronwert ansteigen ließen. Fuhr Landis der Weltelite tatsächlich mit ordentlich Promille im Blut mal eben so davon?

Eine kabarettreife Begründung. Nirgendwo sonst im Sport wird so dreist, unbeirrbar und mit solch krimineller Energie betrogen wie bei den Radfahrern. Erst im Mai hatte die spanische Polizei einen eng mit dem Feld vernetzten Drogenring ausgehoben, der nach Erkenntnissen der Fahnder 58 Rennfahrer als Kunden führte, darunter Ivan Basso und Deutschlands Radstar Jan Ullrich. Seit der sogenannten »Operación Puerto« ("Operation Bergpass") diskutieren Sponsoren, Rennveranstalter, Teamchefs, Medien, Dopingjäger und Funktionäre darüber, ob und wie der Radsport zu retten sei. An der Erkenntnis, dass er dopingverseucht ist, zweifelt niemand mehr. Der Fall Landis, prophezeite die spanische Tageszeitung »El País« sogar, sei »das Todesurteil für den Radsport«.

Dass sich Landis überhaupt erwischen ließ, ist verblüffend genug. Denn bei den obligatorischen Tests geht kaum noch einer ins Netz. Die manipulationswilligen Sportler haben sich kriminellen Ärzten und Biochemikern anvertraut - und diese international operierenden Netze stellen die Sportler mit allem ein, was die Pharmaindustrie so hergibt, eigentlich zuverlässig knapp unter den Grenzwerten.

Die Möglichkeit, fein zu dosieren, sorgt auch beim Klassiker Testosteron für eine wahre Renaissance. Schon der Doyen der internationalen Anti-Doping-Forschung, der 1995 verstorbene Manfred Donike, war fasziniert, wie sich die Athleten »am Abend vor dem Wettkampf das Zeug einwerfen, um am nächsten Tag auf den Punkt topfit zu sein«. Während des Trainings fördern die Wundermittel den Muskelaufbau und verringern die Zeit der Regeneration.

Während eines Wettkampfs haben sie einen zusätzlichen Zweck: Sie steigern die Galligkeit, den Kampfesmut der Athleten.

Um Testosteron nachzuweisen, entwickelte Donike eine indirekte Testmethode: Die Fahnder messen, wie sich das Verhältnis von Testosteron zu Epitestosteron im Urin verhält. Beim Normalbürger liegt dieses Verhältnis zwischen 1:1 und 2:1. Um allen Sonderbarkeiten von Spitzenathleten Rechnung zu tragen, legten die Verbände den Grenzwert auf 4:1 fest. Wer darüber liegt, gilt als gedopt. Bei Landis soll bei der A-Probe ein Wert von 11:1 gemessen worden sein - selbst für einen trinkfesten Ami ein ganz und gar erstaunliches Resultat.

Schon die Dopingkapazitäten der DDR tüftelten viele Jahre lang an neuen Manipulationsmöglichkeiten, um Donikes Fahndungsmethode auszuhebeln. Das enorme Betrugswissen erlebte seine Wiedergeburt im Kapitalismus. Der Chemiker Patrick Arnold aus dem US-Staat Illinois sagte, er habe deutsche Dokumente aufmerksam studiert. Gemeinsam mit dem Kalifornier Victor Conte verkaufte Arnold über dessen Firma Balco Hormonpräparate, bis beide aufflogen. Heute steht der Name Balco für den größten Dopingskandal der USA.

Eines der ehrgeizigsten Projekte von Balco war es, die alte DDR-Methode des Dopens mit Testosteron zu verfeinern. Einerseits testeten sie in privaten Labors Urin, um zu bestimmen, wie schnell bestimmte Spitzenathleten Dopingpräparate abbauen. Andererseits entwickelten sie neue Kreationen wie »The Cream«, ein Gel mit Testosteron und Epitestosteron, das Balco seinen Kunden als todsichere Betrugsmasche verkaufte. Darüber hinaus stellten sie ein Menü aus Testosteron-Produkten, Epo und Wachstumshormon zusammen - eine Kombination zur rechtzeitigen Wirkung beim Wettkampf.

Warum aber fiel Landis trotzdem wie ein Anfänger auf? Der hohe Testosteron-Quotient spricht dagegen, dass seine Entlarvung ein Unfall war - dass also Pflaster oder Gel auf seinem Hodensack stärker wirkten als geplant. Wahrscheinlicher ist, dass Landis in seiner Not etwa zu Andriol gegriffen hat, einer weitverbreiteten Testosteronpille, im Fachjargon als »Mexican Bean« bekannt, die normalerweise nur im Training eingeschmissen wird. Dass Sportler zu solchen Affekthandlungen neigen, wusste auch Balco-Mann Conte. Immer mal wieder musste er Athleten, die Gerüchte über wirksame Manipulationsmittel ihrer Konkurrenten gehört hatten, streng zügeln: »Bist du verrückt geworden? Du bekommst von mir, was du brauchst.«

Dass der Radsport aus eigener Kraft die Dopingseuche in den Griff bekommt, daran

glaubt niemand mehr. Für eine Selbstreinigung ist die Branche zu voll von Tätern, Leugnern und Vertuschern. Bei kaum einem anderen wird das deutlicher als bei Richard Virenque, 36.

Der schmächtige Franzose war tief in den ersten großen Dopingskandal der Tour 1998 verstrickt, als sein damaliger Rennstall Festina als Hort der Manipulierer aufflog. Virenque leugnete zwei Jahre lang. Erst als die Last der Beweise erdrückend war, gestand er unter Tränen. Halb so schlimm: Nach sieben Monaten Sperre fand er bald wieder ein Team.

Obwohl er keine Rennen mehr fährt, bleibt Virenque bei der Tour präsent. Er arbeitet als Fernsehkommentator, und eine Organisation, die herzkranken Kindern aus armen Verhältnissen Operationen finanziert, findet nichts dabei, mit dem Betrüger zu werben. Auf lebensgroßen Plakaten trägt Virenque ein Trikot mit der Aufschrift: »Um die Tour zu gewinnen, muss man ein Herz haben«.

Zur Scheinheiligkeit der Branche gehört auch das Auftreten von Hagen Boßdorf, dem Sportkoordinator der ARD. In seinem »Tagesthemen«-Kommentar vorigen Donnerstag gab er den forschen Aufklärer. »Die Fernsehsender müssen ihr Recht konsequent umsetzen, dass sie bei positiven Dopingfällen die Berichterstattung bei Radrundfahrten beenden können«, sagte der TV-Mann etwas verquer. »Eine Sportart, die so verseucht ist, dass die Leistung von Athleten von Journalisten nicht mehr beurteilt werden kann, ist nur schwer zu übertragen.«

Er selbst war nur schwer zu ertragen. Jahrelang schwadronierte Boßdorf als Tour-Kommentator lieber über Käse, Wein und Loire-Schlösschen, statt über Doping zu sprechen. In jener Zeit schrieb er mit an der gefälligen Autobiografie Jan Ullrichs und moderierte Veranstaltungen von der Telekom, mit deren Rennstall die ARD kooperierte.

Hagen Boßdorf war es auch, der mit der ARD ein Gerichtsverfahren gegen den Molekularbiologen Werner Franke anstrengte. Der Dopingexperte aus Heidelberg hatte ihm und der ARD vorgeworfen, mit der Berichterstattung »Teil des kriminellen Unternehmens Radsport« und an der »systematischen Lügnerei« beteiligt zu sein.

Das Verfahren endete mit einer Einigung. Jeder darf behaupten, dass die ARD das Thema Doping ausgeklammert und nicht ausreichend erörtert hat.

Jetzt wollen plötzlich alle zu den Aufklärern gehören. Am vergangenen Mittwoch, einen Tag bevor Landis' positive Probe bekannt wurde, saß etwa Rudolf Scharping mit finster-besorgter Miene im Salon Imperator des Hotels Park Hyatt in Hamburg. Der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer war Gast vor dem Cyclassics-Rennen.

Als Scharping zum spanischen Dopingskandal um Ullrich befragt wurde, lehnte er sich nach vorn und rückte das Mikrofon zurecht. »Gott sei Dank ist das vor der Tour passiert. So bietet dieser brutale Schlag die Chance zur Gesundung«, sagte der frühere Verteidigungsminister. »So ein Ding nach der Rundfahrt wäre ein absoluter Alptraum.«

Jetzt hat er ihn.

Mittlerweile fordern Funktionäre, Politiker und Juristen vehement ein Anti-Doping-Gesetz. Denn »die deutschen Vorschriften im Arznei- und Betäubungsmittelgesetz«, sagt Scharping, »sind eine stumpfe Waffe«.

Da ist er sich einig mit Britta Bannenberg. Doch anders als der Ex-Politiker tut diese Frau etwas. Die ehemalige Leichtathletin ist Dozentin für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Bielefeld, und sie hat Jan Ullrich und den ehemaligen T-Mobile-Sportchef Rudy Pevenage wegen Betrugs angezeigt. Ihr Vorgehen sei »ein Versuch festzustellen, wie weit wir mit unserer jetzigen Rechtsprechung kommen«, Ullrich habe »sonnenklar seinen Sponsor betrogen«.

Bannenberg fordert außerdem eine kundige Schwerpunktstaatsanwaltschaft, so wie es sie etwa für Korruptionsfälle gibt. »Nur dann kann effektiv ermittelt werden«, sagt die Juristin.

Derweil verliert der Radsport eine ganze Generation seiner Stars. Wie Landis wird wohl auch Jan Ullrich nie mehr als Profi zu sehen sein. Der Radsport-Weltverband UCI hat den 500 Seiten starken Ermittlungsbericht aus Spanien mittlerweile gesichtet und wird in dieser Woche seine Analyse an den Schweizer Verband schicken - der hat Ullrich die Lizenz ausgestellt. Spätestens Ende August wird eine Disziplinarkommission ihr Urteil fällen. Dass er Ullrich sperren werde, sagt der Präsident dieses Gremiums, der Jura-Professor Gerhard Walter, sei »wahrscheinlich«.

Auch Pat McQuaid, der Präsident des Radsport-Weltverbandes, rechnet mit einem Schuldspruch. Für den Fall, dass Ullrich mit seinen Anwälten dagegen vorgehen sollte, kündigt der Ire gelassen an: »Dann ziehen wir vor den Internationalen Sportgerichtshof.«

Der Deutsche ist wie Landis nur noch geschäftsschädigend.

MAIK GROSSEKATHÖFER, DETLEF HACKE,

UDO LUDWIG

Maik Grossekathöfer
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