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»BIN KEIN OSTLER MEHR«

aus DER SPIEGEL 4/1995

SPIEGEL: Herr Maske, Ihren nächsten Gegner, den Kanadier Egerton Marcus, kennen Sie gut - Sie haben ihn als Amateur schon 1988 im olympischen Finale besiegt. Ist Marcus ein würdiger Gegner für Sie?

Maske: Das ist ein Boxer wie ich, taktisch klug und robust. Ihm klarzumachen, daß ich der bessere bin, war schon damals eine schwierige Sache.

SPIEGEL: Marcus sagt, er habe in Seoul mit gebrochener Hand verloren.

Maske: Davon weiß ich nichts.

SPIEGEL: Und jetzt soll er sogar unter Knochenbrüchigkeit leiden, einer von Boxern gefürchteten Alterskrankheit.

Maske: Knochenbrüchigkeit soll der haben? Das sind ja dolle Sachen. Wollen Sie mir den Marcus madig machen? Der ist doch nicht zufällig offizieller Herausforderer, sondern steht in allen Ranglisten oben. Marcus ist eine absolute Gefahr, er kann bis zur letzten Runde einen K.o.-Schlag landen. _(Das Gespräch führten die ) _(SPIEGEL-Redakteure Klaus Brinkbäumer und ) _(Helmut Schümann. )

SPIEGEL: Das haben Sie auch von Ihrem letzten Gegner behauptet. Dann stellte sich heraus, daß Iran Barkley wegen zweier Netzhautablösungen in England sogar die Lizenz entzogen worden war. Reden Sie sich Ihre Gegner schön?

Maske: Im Gegenteil, sie werden schlechtgeredet. Nur weil ich einen Mann klar und dominierend geschlagen habe, ist der noch nicht dritt- oder viertklassig. Denken Sie nur an George Foreman, der lag klar zurück und hat mit nur einem Schlag gewonnen. Jeder Gegner ist gefährlich, und es ist Unsinn, wenn es plötzlich heißt, der Maske hat bisher nur Pfeifen geboxt. Wenn selbst Werner Schneyder . . .

SPIEGEL: . . . der Kommentator Ihres Vertragspartners RTL . . .

Maske: . . . einen Gegner wie Barkley als Aufhörer bezeichnet, der am Ende seiner Karriere sei, läuft etwas falsch. Das ist Miesmacherei.

SPIEGEL: Ihr Manager Wilfried Sauerland und RTL verdienen nur gut, solange Sie Titelträger bleiben. Also haben beide ein Interesse daran, Ihnen Gegner auszusuchen, mit denen Sie gut fertig werden.

Maske: Diese Hose kann ich mir nun überhaupt nicht anziehen. Ich habe selten einen Wunschgegner, denn ich muß meist gegen die offiziellen Herausforderer antreten. Daß ich als Weltmeister gegen Männer kämpfe, die nicht Weltmeister sind, liegt in der Natur der Sache. Soll ich mir einen Gegner backen oder warten, bis Mike Tyson aus dem Gefängnis entlassen wird?

SPIEGEL: Selbst Ihr Freund, der Dichter Wolf Wondratschek, rät Ihnen, endlich gegen die Besten der Welt anzutreten, bevor Sie Ihren Ruf ruinieren.

Maske: Mir sagte er nach meinem letzten Kampf, daß das der beste Maske gewesen sei, den er je gesehen habe. Wolf Wondratschek war noch nie so oft in der Zeitung wie in den letzten Monaten durch seine Kommentare über den Boxsport - mehr sage ich dazu nicht.

SPIEGEL: Wollen Sie behaupten, im Boxen gäbe es weder abgesprochene Kämpfe noch Fallobst - also Gegner, die unterqualifiziert sind?

Maske: Es gibt Aufbaukämpfe. Auch ich habe am Anfang meiner Karriere gegen schwächere Gegner geboxt und bei diesen Veranstaltungen außer ein paar Mark nichts gewonnen. Sicherlich gibt es schlechte Kämpfe en masse, weil das Niveau durch vier Weltverbände und die vielen Fernsehübertragungen verwässert ist. Aber ich nehme meine Arbeit ernst und möchte auch ernst genommen werden.

SPIEGEL: Sie sind Titelträger nur in einem der vier Verbände. Warum fordern Sie die anderen Weltmeister Ihrer Gewichtsklasse nicht heraus und machen sich so unangreifbar?

Maske: Wir wollen ja. Aber sowohl Virgil Hill als auch Mike McCallum sind bei Promoter Don King unter Vertrag. Und der riskiert keinen Showdown der Weltmeister.

SPIEGEL: Weil ein Verlierer nicht mehr zu vermarkten wäre?

Maske: Natürlich. Trotzdem möchte ich nicht in zwei, drei Jahren aufgehört haben und mich fragen: Warum hast du diesen Kampf nicht gewagt? Ich suche das Besondere, den Kick habe ich immer schon gewollt.

SPIEGEL: Dafür würden Sie auch in Amerika antreten?

Maske: Auf jeden Fall, ich muß allerdings sicher sein, daß der Promoter die Veranstaltung so gut im Griff hat, daß wirklich der Bessere gewinnt.

SPIEGEL: Das können Sie nicht voraussetzen?

Maske: Ringrichter-Entscheidungen sind immer eine gefährliche Sache.

SPIEGEL: Hat unter diesen Vorzeichen Ihr Schwergewichtskollege Axel Schulz überhaupt eine theoretische Chance, George Foreman im Frühjahr in den USA den Titel streitig zu machen?

Maske: Das ist die größte Chance seiner bisherigen Sportler-Karriere. Ich glaube fest daran, daß er sie nutzen wird.

SPIEGEL: Mehr noch als Schwergewichtler Schulz gefährdet der Wahl-Hamburger Dariusz Michalczewski Ihre Stellung als Vorzeigeboxer der Nation - er ist in Ihrer Gewichtsklasse Titelträger des vierten Weltverbandes, der WBO.

Maske: Ich schätze ihn als Boxer sehr, weil er mit mir an einem Strang zieht: Er will Erfolg über Leistung erzielen. Aber ich glaube, es ist ein bißchen leichter, an Titel des kleinen WBO-Verbandes ranzukommen. Sein letzter Gegner Nestor Giovannini galt doch schon vor drei Jahren als drittklassiger Boxer.

SPIEGEL: Würden Sie sich Michalczewski stellen?

Maske: Mein Manager hat ihm ein schriftliches Angebot für den 11. Februar unterbreitet, das wurde von seinem Manager Kohl abgelehnt. Außerdem ist Michalczewski bei Premiere unter Vertrag, ich bei RTL; aber falls sich unsere Fernsehsender über die Übertragungsrechte einigen, bin ich sofort dabei. Ich werde den Kampf fordern, weil ich eine ehrliche Haut bin. Von Sprüchen halte ich nicht viel. Gewisse Fragen kann man als Boxer nicht mit Worten, sondern nur mit Taten im Ring beantworten.

SPIEGEL: Die Sticheleien aus dem Stall der Konkurrenz haben Sie provoziert?

Maske: Ich finde es schon ein bißchen lächerlich, daß der Herr Kohl in dem Moment, in dem er sich über den zweiten Titelgewinn freuen könnte, wieder nur an Maske denkt und große Sprüche klopft. Ich muß ihm schon ein arger Dorn im Auge sein.

SPIEGEL: Jetzt hat Ihr Manager Sauerland dem Rivalen Kohl angeboten, Sie könnten zunächst gegen den früheren Weltmeister Graciano Rocchigiani antreten. Ist das Angebot an den abgehalfterten Altstar des Kohl-Stalles nur ein Trick, Zeit zu gewinnen?

Maske: Dieses Angebot liegt schon länger vor und wurde jetzt erneuert, nachdem Rocchigiani Interesse zeigte.

SPIEGEL: Die deutschen Boxfans wünschen sich aber offenbar nichts sehnlicher als das Duell gut gegen böse, »Gentleman« Maske gegen den Straßenkämpfer Rocchigiani oder »Tiger« Michalczewski.

Maske: Michalczewski ist nicht böse. Diese grundsätzliche Konfrontation gibt es für mich nicht.

SPIEGEL: Gehören solche Stilisierungen nicht zum Profiboxen?

Maske: Es geht schließlich um ein paar Mark, da muß man gewisse Dinge inszenieren. Vor einiger Zeit hat man mir vorgehalten, der Maske ist ja so farblos. Damals gab es für irgendwelchen Schnickschnack noch keinen Grund: Der Maske war nicht interessant genug. Jetzt machen wir die Show, und den Leuten gefällt''s.

SPIEGEL: Sie produzieren ein Video, Sie treten in Alfred Bioleks TV-Kochstudio auf, Sie tragen einen Bademantel, den Wondratscheks Verse zieren . . .

Maske: . . . und ich muß nicht einmal viel dazu beitragen. Es stört mich nicht, es belastet mich nicht. Ich gehe konzentriert in den Ring und boxe.

SPIEGEL: Ihre Kämpfe werden wie bessere »Rocky«-Spielfilme aufgezogen. Und Sie glauben ernsthaft, inmitten des Theaters der grundehrlich malochende Athlet bleiben zu können?

Maske: Henry Maske hat sich absolut nicht verändert. Im Ring wird bei uns immer noch ehrlicher Sport geboten. Ich bin nach wie vor kein Schauspieler, ich bin nach wie vor so, wie ich mich sehen will. Wir haben genau das Maß gefunden, das ich vertreten kann.

SPIEGEL: Sie hätten sich früher nicht - nur mit Designershorts bekleidet - von Modephotographen vor den Spielhöllen von Las Vegas ablichten lassen.

Maske: Manche Leute werden sagen: »Der Kerl hat abgehoben.« Für mich drücken diese Fotos eine Befreiung aus. Sie sind das Symbol für eine vollbrachte Leistung, die mir keiner zugetraut hätte. Früher habe ich über solche Sachen nie nachgedacht, weil ich diesen Horizont nicht hatte und in der Richtung nicht kreativ war. Heute finde ich so etwas charakterstark. Ich bin kompakter geworden, freier und lockerer.

SPIEGEL: »Ich verabscheue, daß der Mensch zur Ware wird.« Was sagt Ihnen dieses Zitat?

Maske: Ich habe das vor der Wende gesagt und auch so gemeint. Ich habe gedacht, daß im Profiboxen der Manager und ein ganzer Troß von Leuten den Athleten ausnehmen, der nichts zu sagen hat. Ich war ein junger Knabe und kannte die andere Welt nur so, wie sie mir präsentiert wurde.

SPIEGEL: Heute akzeptieren Sie Ihre Rolle als Ware?

Maske: Jeder Mensch ist doch die Ware, die er verkauft, egal in welchem Beruf. So gesehen bin ich gerne Ware, denn ich habe großen Einfluß auf alles, was mein Team tut. Wir machen ja nicht nur einen Boxkampf, sondern wir bieten _(* Mit Ehefrau Manuela und Sponsor ) _(Helmuth Penz vor ihrer neuen Villa in ) _(Frankfurt/Oder. ) ein Ereignis. Wenn zehn Millionen Leute nicht nur einen Wettkampf wollen, sondern ein bißchen mehr fordern, dann sollen sie das haben.

SPIEGEL: Mit dieser profitorientierten Haltung kappen Sie Ihre Wurzeln im Osten.

Maske: Man kann es nicht allen recht machen. Ich habe nur eine folgerichtige Entwicklung durchgemacht. Ich bin kein Ostler mehr, sondern mittlerweile deutscher Staatsbürger.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich als neuer gesamtdeutscher Vorzeigeathlet?

Maske: Der Knackpunkt war mein erster Titelkampf gegen Charles Williams. Ich mußte lange darauf warten, und über Monate wurde diskutiert: »Ist Maske überhaupt ein Profi? Wenn er den Kampf verliert, kannst du ihn abhaken.« Mit diesem Sieg und meinem Verhalten danach habe ich mich etabliert.

SPIEGEL: Ihre Anpassungsfähigkeit nehmen Ihnen viele Ostdeutsche übel. Ihr Stammverein erteilte dem Profi Maske sogar Hallenverbot.

Maske: Wir Ostdeutschen waren aufgrund der beschränkten Reisemöglichkeiten in gewisser Weise eben eingeengter in unserem Denken. In den Alt-Bundesländern gehen junge Leute zum Studium nach Amerika. Im Osten hatten wir schon Schwierigkeiten, wenn es nur nach Gera ging - o Gott, so weit weg, Wahnsinn! Weltoffenheit ist eine Gewöhnungssache.

SPIEGEL: Bekämpfen Sie die drohende Distanz zum ostdeutschen Publikum, indem Sie auch als Millionär in Frankfurt/ Oder wohnen bleiben?

Maske: Ich bin hiergeblieben, weil ich mich hier wohl fühle und es für mich sicherer war, aus einer alten Position heraus den Schritt in die neue Welt der Profis zu wagen. Wenn ich jetzt woanders hingehen würde, würde meine Arbeit vielleicht noch perfekter werden, andererseits könnte vieles umkippen.

SPIEGEL: Bewahrt Sie die Tristesse an der polnischen Grenze etwa davor abzuheben?

Maske: Nicht die Tristesse, aber die Normalität der gewohnten Umgebung.

SPIEGEL: Auch Boris Becker und Michael Schumacher kommen aus der Provinz und sind nun Weltbürger.

Maske: Die beiden stehen ohnehin bereits auf dem internationalen Podium, ich doch nur auf dem nationalen.

SPIEGEL: Spüren Sie dennoch, wie Becker es formuliert, eine »Seelenverwandtschaft« unter erfolgreichen Athleten?

Maske: Ähnlichkeiten haben wir schon. Sportlerfreundschaften sind sehr intensiv, weil wir alle voneinander wissen, wie schwer es ist, immer wieder ins Wasser zu springen oder in den Ring zu steigen und erfolgreich zu sein. Gerade Becker würde ich gerne einmal kennenlernen: Er ist kein Hochintelligenter, aber er hat Unglaubliches durchgemacht und seine Linie gefunden.

SPIEGEL: Ist Boxen schon so gesellschaftsfähig wie Tennis?

Maske: Das grundsätzliche Interesse ist da, nur war es jahrelang eingeschlafen. Im Gedächtnis hafteten allenfalls noch Ali und Mildenberger. Zu einem beständigen Hoch fehlt noch, daß die Leute auch fachlich einen Kampf einschätzen können.

SPIEGEL: Das Publikum will immer auch Blut sehen und Aggressivität ausleben. Hassen Sie Ihre Gegner?

Maske: Haß ist blind und dumm. Wer Haß verspürt, ist als Feldherr kein Kluger. Im Ring aber muß man ein umsichtiger Stratege sein.

SPIEGEL: Haben Sie Mitleid mit Ihren Opfern?

Maske: Einer, der Jawe Davis, tat mir leid. Seine Frau war gestorben, er war mit seinem Jungen allein, und er hatte nie die Chance, um die Weltmeisterschaft zu kämpfen. Und dann, es war mein zehnter Kampf, muß ich ihn schlagen.

SPIEGEL: Das Los eines Boxers.

Maske: Wenn ich es nicht tue, dann macht er es mit mir. Nach dem Gong zur ersten Runde hören Show und Theaterdonner auf - und dann sind die beiden im Ring ganz allein: Mann gegen Mann.

SPIEGEL: Der nüchterne Weltmeister glaubt noch an die Romantik dieses Sports?

Maske: Ich habe mir früher oft die Szenen aus den »Rocky«-Filmen angeschaut, wo Sylvester Stallone alleine im Training durch den Wald gehetzt ist, um sein Ziel zu erreichen. Da wollte ich immer in die Halle und das gleiche tun.

SPIEGEL: Herr Maske, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Y

Das Gespräch führten die SPIEGEL-Redakteure Klaus Brinkbäumer undHelmut Schümann.* Mit Ehefrau Manuela und Sponsor Helmuth Penz vor ihrer neuen Villain Frankfurt/Oder.

Helmut Schümann
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