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ZEHNKAMPF Bis zum Direktor

aus DER SPIEGEL 39/1964

Aus einem enttäuschten Zehnkämpfer wurde der erfolgreichste Zehnkampf-Trainer der Welt: Friedel Schirmer, 38, beendete seine Sportlerlaufbahn 1956, nachdem er nicht in die deutsche Olympia-Mannschaft für Melbourne eingereiht worden war.

Vier Jahre später, 1960, übernahm Schirmer die Olympia-Vorbereitung der deutschen Zehnkämpfer. Innerhalb von vier Jahren stellten seine Schüler die Weltrangliste auf den Kopf: Von elf Zehnkämpfern auf der ganzen Welt, die mehr als 8000 Punkte schafften, hatte Schirmer fünf trainiert. Im Olympiajahr 1964 überboten bisher fünf Zehnkämpfer die 8000-Punkte-Grenze - der nationalchinesische Weltrekordler Yang Chuan-kwang und vier Deutsche.

Die drei deutschen Zehnkämpfer Willi Holdorf, Hans-Joachim Walde und Horst Beyer, die sich für die Olympischen Spiele in Tokio qualifizierten, gehören zu den sichersten Medaillen-Anwärtern.

Schirmer, als Zehnkämpfer dreimal Deutscher Meister, dazu 1952 in Helsinki Olympia-Achter und Fahnenträger der deutschen Olympioniken, entwickelte als Trainer eine völlig neue Taktik. Vorher war es üblich, spezielle Stärken in bestimmten Zehnkampf-Übungen weiter auszubauen.

Der ehemalige deutsche Zehnkampf -Rekordler Martin Lauer verließ sich beispielsweise besonders auf Glanzleistungen im Hürdenlauf, Sprint und Weitsprung. Den Stabhochsprung vernachlässigte er. Schirmer: »Es gibt mehr Punkte, wenn man zunächst die Schwächen beseitigt und alle Leistungen auf ein gleichmäßiges, möglichst hohes Niveau bringt.«

Zur Schirmer-Taktik gehört es auch, die Mängel der gültigen Punkttabelle auszunutzen. So forcierte er das Training für den Stabhochsprung. In dieser Übung führte der Fiberglasstab durch seinen Katapult-Effekt zu einer sprunghaften Leistungssteigerung. Die der Entwicklung noch nicht angepaßte Tabelle belohnt gute Stabhochsprungleistungen unverhältnismäßig hoch.

Den deutschen Zehnkämpfern erschloß Schirmer überdies eine Punktequelle, die fast alle anderen Zehnkämpfer bisher verschmähten: den 1500 -Meter-Lauf. Gewöhnlich waren Zehnkämpfe eigentlich nur Neunkämpfe. Sie waren meist vor dem abschließenden 1500-Meter-Lauf entschieden, weil die in der Welt führenden Mehrkämpfer so langsam liefen, daß sie selten viel mehr als 300 Punkte herausholten.

Bessere Ergebnisse auf der längsten Zehnkampf-Distanz sind besonders schwer zu erreichen, weil ein spezielles Ausdauer-Training für die Mittelstrecke die Entwicklung von Schnellkraft und Spritzigkeit behindern würden die für die meisten anderen Übungen entscheidend sind.

Schirmer ließ seine Schüler nach einer eigenen Methode verschiedene kürzere Strecken im Intervall laufen. Ergebnis: Die besten deutschen Zehnkämpfer laufen Zeiten, die in der Tabelle mit 500 bis 600 Punkten bewertet werden. »Wenn Weltrekordler Yang in Tokio vor den 1500 Metern nur 300 Punkte Vorsprung hat«, sagte Schirmer voraus, »können unsere Zehnkämpfer ihn noch schlagen.«

Es genügte nicht mehr, die Kondition und Technik zu verbessern. »Man muß auch die Voraussetzungen für Höchstleistungen schaffen.« Deshalb hält Schirmer ständig brieflich Kontakt mit den acht besten deutschen Zehnkämpfern. Er schlichtete Ehe-Zwist und vereinbarte mit einem sportfreudigen Chef eine Halbtagsbeschäftigung für den deutschen Rekordler Manfred Bock.

Schirmer glaubt, daß täglich etwa zweieinhalb Stunden reiner Trainingszeit nötig sind, um Weltklasse-Leistungen im Zehnkampf zu erreichen. Als dem Tokio-Kandidaten Horst Beyer, der als Kalkulator im Wolfsburger Volkswagenwerk arbeitet, nicht genügend Vorbereitungszeit bewilligt wurde, kündigte Schirmer an: »Das werde ich regeln - und wenn ich bis zum Direktor gehen muß.«

Auch die nötigen Steaks sind den deutschen Zehnkampf-Stars sicher. Ein westdeutscher Mäzen überwies Schirmer genügend Verpflegungsgeld.

Trotz dieser Entlastung sind dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) die Zehnkämpfer teuer genug; Ihre Olympia-Vorbereitung kostete rund 40 000 Mark.

Alle zwei Wochen überprüfte Schirmer in Drei-Tage-Lehrgängen die Fortschritte der acht Olympia-Anwärter und korrigierte die langfristigen Trainingspläne für die weitere Heimarbeit. Um auch im Winter in der Halle mit Speer und Diskus trainieren zu können, beschaffte Schirmer Spezialnetze.

Eine andere Schirmer-Anschaffung ist inzwischen wertlos geworden. Die Sprechfunkgeräte, über die er bei den Europameisterschaften 1962 in Belgrad den Zehnkämpfern Anweisungen erteilte, dürfen in Tokio nicht benutzt werden.

»Wir brauchen sie nicht mehr«, befand Schirmer, »weil unsere Zehnkämpfer inzwischen erfahren genug sind. Außerdem haben wir für dringende Fälle unsere Zeichensprache.«

Zehnkampf-Trainer Schirmer

Für dringende Fälle ...

... in Tokio Zeichensprache: Deutsche Zehnkämpfer Walde, Beyer, Holdorf

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