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SCHIESSEN Blattschuß verpaßt

Der Deutsche Schützenbund steht ohne Nationalmannschaft da. Die Schützen meutern gegen ihren Bundestrainer. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Im Lande der Schützenfeste, in dem es von Schützenkönigen wimmelt, gibt es keine Eliteschützen mehr, die gegen ausländische Gegner ausrücken mögen.

Insgesamt 23 von 26 Mitgliedern des A- und B-Kaders, darunter 6 Olympiateilnehmer, bekundeten dem Bundestrainer Walter Schumann, sie hätten »kein Vertrauen in seine Fachkenntnisse und menschlichen Qualitäten« - sie traten zurück.

Die Meuterei trifft den Deutschen Schützenbund, einen der erfolgreichsten und größten Verbände (1,2 Millionen Mitglieder), kurz nach seiner bittersten Niederlage. Beim Olympia in Los Angeles hatten die Schützen nur eine Silbermedaille gewonnen, das schlechteste Ergebnis seit 20 Jahren. »Die Schützen haben total versagt«, urteilte Helmut Meyer, der Leitende Direktor des Bundesausschusses Leistungssport, über die Fehlschüsse von Kalifornien. »Enttäuschend« nannte das Nationale Olympische Komitee das Resultat.

Als Sündenbock nahm die Nationalmannschaft der Gewehrschützen ihren Bundestrainer aufs Korn. Schumann versuche, »seine ausschließlich auf Theorie aufgebaute Technik jedem Schützen aufzuzwingen«, lehne es ab, »mit der Mannschaft oder einzelnen Personen über deren Probleme zu reden«, scheue sich nicht, »bei einem schlechten Wettkampfausgang seine eigenen Aktiven unqualifiziert zu kritisieren«, fühle sich durch abweichende Meinungen »sofort persönlich angegriffen« und halte nichts von Wettkampf-Psychologie. Die 23 Unterzeichner »lehnen eine künftige Zusammenarbeit mit Herrn Schumann ab«.

Ähnlich massive Kritik war im Vorfeld der Olympischen Spiele ungehört verhallt. Gottfried Kustermann, einer der vielseitigsten Schützenbrüder, der Meistertitel mit Luftgewehr, Armbrust und Kleinkaliber erreichte und zweimal bei Olympischen Spielen mitschoß, hatte schon - vergebens - gefordert, den Bundestrainer abzulösen. Er war aus der Nationalmannschaft zurückgetreten und liest heute hin und wieder die damalige, brüsk ablehnende Antwort des Verbandes, »um mir zu bestätigen, wie richtig meine Entscheidung war«.

Auch Konrad Wirnhier, Olympiasieger 1972 im Skeetschießen auf Wurftauben, bemängelte die Ausbildung im Millionenverband. »Da kommen nur noch Schützen raus, keine Wettkämpfer mehr«, sagte der Büchsenmacher aus Pfarrkirchen. Der deutsche Verband vertraute ihm keine Aufgabe an.

Wirnhier präparierte statt dessen in München den peruanischen Trap-Schützen Franzisco Boza, 19, auf Los Angeles. Der Außenseiter schoß Silber, der beste Deutsche erreichte den 28. Rang. Auch den US-Olympiasieger im Kleinkaliber, Ed Etzel, hat ein deutscher Trainer vorbereitet. Fast alle Olympiaschützen feuerten mit deutschen Waffen, sogar den olympischen Schießstand hatte eine deutsche Firma aufgestellt.

Trotz günstiger Voraussetzungen schossen die Bundesschützen Fahrkarten. »Ihr müßt schnell schießen«, empfahl Bundestrainer Schumann den Kleinkaliber-Schützen als Mittel gegen den zunehmenden Wind. Sie ließen sich dennoch

Zeit. Der Amerikaner Etzel schoß wie ein Maschinengewehr und siegte.

Bei der Suche nach Ausreden waren die Deutschen freilich unschlagbar. Einem klemmte angeblich der Abzug, Luftgewehrschützin Silvia Sperber machte das Fernsehen verantwortlich, weil es sie um ein Interview gebeten hatte. Trapschütze Peter Blecher verkroch sich gar hinter Mäusen, die das Kabel der Anlage angeknabbert und vier Stunden Unterbrechung erzwungen hatten. Präsident Andreas Hartinger, im Zivilberuf Steueroberamtmann, stellte sich vor seine Schützen und hielt ihnen die »flirrende Luft« zugute. Noch zu Hause zeigte sich Hartinger »hoch zufrieden«, weil seine Truppe dank einiger Endkampfplätze Dritter der Nationenwertung hinter den USA und China geworden sei.

Dabei hatten die Schützen in der Vergangenheit viel sicherer ins Schwarze getroffen, 1968 und 1976 je einmal Gold, Silber und Bronze erbeutet, 1972 einen Olympiasieger gestellt. Im vorolympischen Jahr 1983 waren in den vielfältigen Schießwettbewerben bei Europa- und Weltmeisterschaften gar insgesamt 61 Medaillen angefallen.

So wird die Trainerhatz wohl auch enden wie das Hornberger Schießen. Das Präsidium teilte den Rebellen mit, es sei »einstimmig zu der Ansicht gekommen, daß die vorgebrachten Gründe nicht ausreichen«. Der Verband kann den Bundestrainer, selbst wenn er wollte, nicht einfach entlassen: Er beschäftigt ihn zwar, doch Arbeitgeber ist der Deutsche Sportbund. Der Schützenvorstand beabsichtigt sogar, den seit acht Jahren tätigen Schumann in seinem 5000-Mark-Job bis zum Olympia 1988 zu bestätigen.

»Vieles ist unwahr«, sagt Hartinger zum Sündenkatalog, den die Sportler präsentierten. »Bei uns Schützen ist es halt mal so, daß du den einen blöd anreden mußt, damit er in Wut kommt und Weltmeister wird, und den anderen mußt am Händchen halten.«

Schumann sitzt die Krise aus: »Das muß ich über mich ergehen lassen.« Den Protestlern wirft er vor, »wenn wir beim Schießen noch einen Psychologen brauchen, kann ich euch nicht mehr helfen«. Er sieht die Front seiner Feinde bereits wanken und setzt auf die Mitläufer unter den Rebellen, »die ich kenne und mit denen ich zum Teil schon gesprochen habe«. Zudem verspricht er: »Es wird wieder eine Nationalmannschaft geben.«

Den Urheber der Rebellion wittert Schumann in Werner Seibold, einem zweimaligen Olympiateilnehmer und Bronzemedaillen-Gewinner. »Ich habe versäumt, Herrn Seibold rechtzeitig rauszuschmeißen«, trauert er einem verpaßten Blattschuß nach. Inzwischen ist es zu spät: Auch Seibold trat zurück.

So sprach Präsident Hartinger das Schlußwort: »Wir müssen die Dinge, die da vorgefallen sind, so schnell wie möglich vergessen.«

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