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Blinde Kuh in Barcelona

aus DER SPIEGEL 38/1992

Christoph, 39, ist querschnittsgelähmt und Autor des Buches »Tödlicher Zeitgeist - Notwehr gegen Euthanasie«.

Überall in Barcelona steht Petra, die kleine, freche, liebenswerte Göre. Sie erinnert an Pippi Langstrumpf mit ihren wilden Zöpfen. Nur leider fehlen ihr beide Arme.

Das Krüppelmädchen soll um Sympathie werben - Petra ist das Maskottchen der Paralympics. Vier Wochen nach dem Ende der Olympischen Spiele ringen mehr als 3000 behinderte Athleten aus 94 Ländern um Medaillen. Die sind zwar auch aus Gold, Silber und Bronze - aber längst nicht soviel wert.

Freitag abend, 21 Uhr, Basketballhalle: Die Stimmung im deutschen Lager ist nicht gut. Die Damen-Nationalmannschaft bestreitet ihr erstes Spiel; die Gegnerinnen aus Australien führen. Das Spiel ist ruppig und erinnert gelegentlich an Rugby. Da wirkt es ganz normal, wenn beim Zweikampf eine Spielerin aus dem Rollstuhl kippt. Nicht umsonst wird im Training geübt, wie man der Gegnerin in die Seite fährt.

Die Kieler Firma Ortopedia hat einen Techniker zu allen Veranstaltungen des Teams abgestellt, um einen optimalen Service zu gewährleisten. Das Engagement erklärt Marketingchef Udo Breitschwerdt lakonisch: »Wenn die Damen in unseren Rollstühlen Basketball spielen, ist dies noch immer die billigste Teststrecke, die wir uns vorstellen können.«

Samstag nachmittag, Leichtathletikstadion: 30 000 Besucher, die Arena ist gut gefüllt, der Eintritt ist frei. Die geschädigten Athleten gibt es zum Nulltarif; sie sollen nicht entmutigt vor leeren Rängen kämpfen. Das Publikum genießt die Show, im Stadion kommt so etwas wie Jahrmarkt-Atmosphäre auf.

Was dort früher die Frau ohne Unterleib war, sind in Barcelona die Einbeinspringer. Und die Behinderten nutzen immer häufiger technische Tricks und dopingähnliche Methoden zur Leistungssteigerung - ihr Maßstab sind die Leistungen gesunder Helden wie Carl Lewis.

Einer der Stars der Leichtathletikwettbewerbe ist der oberschenkelamputierte Journalist Gunter Belitz, der als Vierjähriger sein Bein bei einem Unfall verlor. Er wollte im Weitsprung, im Hochsprung und im 100-Meter-Lauf Höchstleistungen bringen. Zusammen mit seinem Sponsor Biedermann Motech aus Villingen-Schwenningen entwickelte er eine Superprothese - seine Geheimwaffe für den Wettbewerb.

Die Belitzsche Sprungmaschine, die das linke Bein ersetzt, besteht aus federnder Kunstfaser, wie sie auch in den Geräten der Stabhochspringer verwendet wird. Sein Traumziel, die Fünf-Meter-Marke im Weitsprung, hat er zwar nicht erreicht, aber Technik hat in Barcelona doch gewonnen: Mit 4,82 Metern holte Belitz Gold und verbesserte den Weltrekord um 33 Zentimeter. Auf den weiteren Plätzen folgten Al Meat aus USA (4,62 Meter) und Andreas Siegl aus Österreich (4,31 Meter), die ebenfalls mit technisch hochgerüsteten Gerätschaften sprangen.

Noch immer ist nicht geklärt, ob es sich bei den Kampfmaschinen, die als Renn- oder Sprungbeine eingesetzt werden, um individuell geformte Hilfsmittel oder um Sportgeräte handelt. Fest steht nur: Im Alltag des Amputierten sind sie eher hinderlich.

So kam Belitz, als er sich statt mit der Alltags-Prothese versehentlich mit seinem Renn- und Springgerät zur Toilette bewegte, arg ins Straucheln. Das Feder-Bein machte es ihm unmöglich, vor einer Menschengruppe zu stoppen. Er war zum Rennen oder Springen verdammt.

Auch an beiden Unterschenkeln amputierte Läufer sind ins Gerede gekommen. Die neue Prothesentechnik scheint eine solche Leistungssteigerung zu bewirken, daß mancher sogar eine Prothese über sein fast intaktes Bein stülpt. Würde Carl Lewis mit Prothese laufen, so flachsten Orthopädie-Experten im Olympischen Dorf, liefe er die 100 Meter locker unter neun Sekunden.

Für Sportler aus ärmeren Verbänden sind solche High-Tech-Hilfen nicht mehr als ein Wunschtraum. Ihnen bleibt nur die Möglichkeit, auf weniger kostspielige Sportarten auszuweichen. Zum Beispiel Sitzvolleyball: Hier gilt der Iran als weltbestes Team. Viele Sportler, die ihre Beine auf dem Schlachtfeld geopfert haben, dürfen sich nun doch noch als Sieger fühlen.

Die Behindertenolympiade ist immer auch Kriegsgeschichte. Die große Zeit des Rollstuhlbasketballs begann gegen Ende des Zweiten Weltkrieges. In einigen Jahren besteht durchaus die Möglichkeit einer Sitzvolleyball-Begegnung zwischen Serbien und Bosnien. Das Potential von guten Spielern vergrößert sich täglich.

Immer wieder wird im Olympischen Dorf demonstriert, was Behinderte angeblich erst zu Menschen macht - die bedingungslose Anpassung an Nichtbehinderte. Doch während die spanischen Journalisten im Pressezentrum ihre Beiträge über die tapferen Behinderten schreiben, verfolgen sie gleichzeitig am Monitor die spanische Fußball-Liga. Das eine mag bewundernswert sein. Das andere ist spannend.

Die Grundregel im Umgang mit den Behinderten heißt für die sensiblen Nichtbehinderten: »Sie sind anders, aber das dürfen wir sie nicht merken lassen, denn sie sind zu empfindlich.«

Das freilich hat der Berliner Sport-Senator Jürgen Klemann nicht berücksichtigt. Er muß für Olympia 2000 noch viel lernen: Bei einem Besuch im Mannschaftsquartier bleibt seine Delegation in der ärztlichen Abteilung vor einem Behandlungstisch stehen, auf dem eine halbnackte behinderte Athletin liegt. Eine Heike Henkel würde sich derartige Instinktlosigkeiten wohl verbitten.

Im Goalball hechten Sehbehinderte und Blinde einem Ball mit Glöckchen hinterher. Hier, sagt eine Spielerin, bestehe noch Chancengleichheit. Denn alle Wettkämpfer tragen eine Augenbinde, um die Sehbehinderten den Blinden anzugleichen. Wie makaber, wenn Blinde Blindekuh spielen.

Eine Schwimmerin - um so vieles schneller als der durchschnittliche Normal-Planscher bei seinen Hallenbadrunden - klagt: »Unser Sport wird nur als Bewegungsübung und ewige Rehabilitation betrachtet.« Obwohl allenthalben Vorurteilsfreiheit beteuert wird, bleibt als Grundtenor vieler Kommentare: Trotz ihrer Behinderung zeigten die Athleten bemerkenswerte Leistungen.

Behinderte als Trotzdem-Athleten, als Trotzdem-Menschen.

Die Sportreporter strotzen vor Andacht und Betroffenheit: Keiner stöhnt und bangt mit den Athleten, keiner schimpft, keiner jubelt beim Sieg. Hier springt keine Heike Drechsler für Deutschland, für alle also. Hier zeigt nur eine behinderte Frau eine »erstaunliche« Leistung.

Oder, wie es der Bundespräsident in seinem Brief an die deutsche Mannschaft formulierte: »Ihr Engagement im Behindertensport zeugt von einer Meisterung Ihrer Lebenssituation.«

Es ist unmöglich, Behinderte als Vorbilder, gar als Helden zu betrachten, wenn doch das Leben eines Nichtbehinderten geprägt ist von der Angst, einmal behindert zu sein.

Die meisten Athleten sind nicht seit ihrer Geburt behindert, sondern Opfer einer Krankheit oder eines Unfalls geworden. Sie haben noch die Normalitätsvorstellungen der Nichtbehinderten im Kopf. Eine Athletin erzählt, daß besonders die Männer nach großen Wettkämpfen zu Depressionen neigen. Denn ein behinderter Olympiasieger wird zwar gefeiert - doch er ist deshalb noch lange nicht der Liebling der Frauen, was ihm schon bei den ersten Annäherungsversuchen sehr schnell klar wird.

Bei soviel Anpassungsbereitschaft an die Nichtbehinderten-Normalität drängt sich die Frage auf, ob nicht dem Erfolg mit unerlaubten Mitteln nachgeholfen werde. Dopingforscher registrieren schon lange die angeblich antrainierten Muskelpakete mancher behinderter Sportler.

Montag. Der erste Dopingfall wird bekannt: Ein blinder Kugelstoßer aus Ungarn hat sich unerlaubter Mittel bedient. Eine spanische Ärztin, zuständig für die Entnahme von Dopingproben, erklärt, daß es bei den Paralympics zwar fast 2000 Medaillen, aber nur rund 200 Kontrollen geben wird. Die Athleten werden per Los ermittelt. »Es ist jedesmal ein Lotteriespiel«, meint Rafael de la Torre, der Vizedirektor des Dopinglabors.

Der deutsche Mannschaftsarzt Martin Grunze akzeptiert die allgemeinen Dopingrichtlinien, die auch für Behinderte gelten, nur widerwillig. Viele seiner Schützlinge sind auf Medikamente angewiesen, die auf der Dopingliste stehen. Wer etwa an Muskelrückbildung leidet, muß Anabolika nehmen - und wenn er darauf verzichtet, gefährdet er seine Gesundheit.

Bei zahlreichen Behinderten, berichtet der Mediziner, sei es sogar möglich, ohne Medikamente eine Leistungssteigerung zu provozieren. Eine noch nicht veröffentlichte Studie des kanadischen Rick Hansen Center für Rehabilitation in Edmonton belege dies: Bei Querschnittsgelähmten könne man durch Reizung der Blase einen Bluthochdruck provozieren, welcher die körpereigenen Hormonproduktion erhöhe.

Das Dichtmachen der Blase durch Abklemmen des Katheters könne eine Leistungssteigerung von 25 Prozent und mehr bewirken, schätzt Grunze - Doping bei Nichtbehinderten ergibt nur Verbesserungen bis zu 10 Prozent.

Um solch phantastische Leistungsexplosionen zu erreichen, gehen die behinderten Athleten ein hohes Risiko ein: Im Hirn können Adern platzen, der Schlaganfall droht. Andererseits sind diese Manipulationen bei Dopingkontrollen nicht nachweisbar, da der Urin - quasi naturrein - nur menschliche Substanzen aufweise. Eine Art Bio-Doping also.

Manche Querschnittsgelähmten können nur durch ein Klopfen mit der Hand auf die Blase urinieren, sind also durchaus ohne technische Hilfsmittel in der Lage, ihre Blase zu blockieren und durch den entstehenden Bluthochdruck die gewünschte körpereigene Hormonproduktion anzukurbeln.

Schon sind in Kanada Bestrebungen im Gange, diese Methode auf die Dopingliste zu setzen. Nur dürfte die Kontrolle ziemlich schwierig sein; die einzige Möglichkeit wäre, bei den startenden Athleten nach zugedrehten Kathetern zu fahnden. Unappetitlich, der Sportästhetik nicht zuzumuten.

Der Trick mit dem Bio-Doping belegt nur noch deutlicher, worauf auch schon der Krampf mit den Kampf-Prothesen verweist: Die Paralympics dienen nicht der Emanzipation der Behinderten, sondern nur deren Anpassung an einen ihnen grundsätzlich fremden Maßstab - an die vermeintlich Normalen.

Franz Christoph
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