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Artikel 96 / 114

»Boris, dein letzter Aufschlag«

Tennisprofi Becker über das Karriereende, seine Heldenrolle und den Ärger mit Steuerfahndern
Von Helmut Sorge und Klaus Brinkbäumer
aus DER SPIEGEL 2/1997

SPIEGEL: Herr Becker, erschreckt Sie die neu entflammte nationale Euphorie um Ihre Person?

BECKER: Es gibt Momente, in denen es überschwappt. Ich dachte immer, das hätte es nur in grauer Vorzeit mal gegeben und würde nie wiederkommen: 1985, nach meinem ersten Wimbledonsieg. Aber in den letzten Wochen bewegte es sich in neuen Sphären. Daß meinetwegen ganze Familien die Fassung verlieren, ist eigentlich kaum zu begreifen.

SPIEGEL: Zeitungen schreiben von »gottgleicher Verehrung«.

BECKER: Das ist fehl am Platze, Note sechs.

SPIEGEL: Auch Sie scheinen die kollektive Ekstase doch zu genießen. Während der Weltmeisterschaft in Hannover träumten Sie von einem »Flug ins Nirwana«.

BECKER: Ich reflektiere das ja nicht immer, sondern tauche ab und an in diese Welle ein: Man glaubt dann, daß man alle Dinge beherrschen kann, daß man mit dem Finger schnippen muß und alles klappt, daß man klug und wunderschön und in allen Bereichen perfekt ist. Aber nachher komme ich schon wieder runter. Ich bin ein Mensch mit viel Humor und Zynismus und mache mich darüber lustig. Ich frage mich: Bin ich verrückt, oder sind alle anderen verrückt?

SPIEGEL: Und?

BECKER: Ich bin nicht verrückt, es müssen die anderen sein. Ich bin ein wahnsinniger Tennisspieler, mehr nicht.

SPIEGEL: Müssen Sportler gesellschaftspolitische Aufgaben erfüllen?

BECKER: Man schiebt ihnen eine Botschafter- und Symbolfunktion zu. Steffi Graf, Henry Maske, Michael Schumacher und Boris Becker - wir sollen Ersatzhelden sein, weil viele Deutsche bestimmte Dinge in ihrem Leben vermissen und in uns wiederzufinden versuchen. Und vielleicht haben auch einige Deutsche den Glauben verloren - an die eigenen Fähigkeiten, an die Politiker, an die Sicherheit der Arbeitsplätze.

SPIEGEL: Wenn Ihr früherer Manager Ion Tiriac Sie als typischen Deutschen bezeichnet, ist das für Sie Lob oder Beleidigung?

BECKER: Weder noch. Der Germane hat gute Seiten: Deutsche Häuser etwa sind perfekt gebaut. Und er hat weniger gute: Die Leichtigkeit des Seins und die Fähigkeit zur Unpünktlichkeit fehlen ihm.

SPIEGEL: Pünktlich war auch die deutsche Steuerfahndung.

BECKER: Sie kommen sehr elegant zum Thema. Aber es stimmt: Das Münchner Finanzamt hat mich besucht.

SPIEGEL: Ihr Haus in München ist kurz vor Weihnachten durchsucht worden. Was wollte man dort finden?

BECKER: Die Fahnder haben nicht nur bei mir, sondern offensichtlich auch bei Tiriacs Firmen, bei Anwälten, Steuerberatern und bei meinen Eltern in Leimen die Bude auf den Kopf gestellt.

SPIEGEL: Warum?

BECKER: Das frage ich mich auch. Ich lebe seit drei Jahren als Steuerzahler in Deutschland, ich zahle Millionen an das Finanzamt.

SPIEGEL: Es soll sich um den Verdacht auf Hinterziehungen der Herren Tiriac und Becker von 1990 bis 1993 handeln.

BECKER: Ich habe in diesen Jahren in Monte Carlo gelebt und war bei Tiriac und seinen Firmen seit 1984 unter Vertrag. Zu einer Zeit also, wo ich mit 16 Jahren noch nicht einmal geschäftsfähig war.

SPIEGEL: Sie wurden damals von Ihren Eltern vertreten.

BECKER: Ja, unter Beratung eines deutschen Steuerfachanwalts.

SPIEGEL: Daß in Ihren Steuererklärungen Fehler gemacht wurden, schließen Sie aus?

BECKER: Ja. Meine Steuererklärungen wurden von Fachanwälten erstellt, denen alle Hintergründe im Detail bekannt waren. Mir wurde immer wieder versichert, daß alles ordnungsgemäß und den Behörden offengelegt sei.

SPIEGEL: Ist es denkbar, daß die Behörden über Sie an Tiriac herankommen wollen?

BECKER: Weiß ich nicht.

SPIEGEL: Aber Sie fühlen sich schikaniert?

BECKER: Lassen Sie es mich emotionslos sagen: Ich war die letzten zwei Monate fast ausschließlich in Deutschland und habe immer offen erklärt, daß ich über Weihnachten nach Florida fliege. Jeder wußte also, wann ich zu Hause war und wann nicht. Man hätte mit mir oder meinen Vertretern reden können. Natürlich habe ich nichts dagegen, daß Steuerzahler überprüft werden. Aber es gab keine Nachfrage, kein Schreiben. Daß dann drei Tage vor Weihnachten, als ich weg war, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mein Haus und mein Büro auf den Kopf gestellt und Unterlagen - auch höchst private - beschlagnahmt und meine Eltern wie Komplizen eines Kriminellen überprüft wurden, ist zuviel des Guten. Und daß trotz des angeblichen Steuergeheimnisses zwei Stunden nach der Fahndungsaktion vier Tageszeitungen davon wußten, spricht für sich.

SPIEGEL: Die Scheu der Behörden gegenüber Prominenten hat abgenommen.

BECKER: Prominente dürfen keinen Bonus beanspruchen. Hier aber wird fast so etwas wie Rufmord betrieben. Sogar CNN berichtete über Ermittlungen gegen mich, und so mancher wird mich jetzt in Miami und weltweit für einen Steuerbetrüger halten. Ich bin dennoch sicher, daß die Vorwürfe der Münchner Finanzbeamten wie ein Kartenhaus zusammenfallen werden.

SPIEGEL: Das alles klingt, als wollten Sie das Land sehr bald wieder verlassen.

BECKER: Ich könnte meine Steuern auch woanders zahlen. Mein Beruf ist nicht abhängig von meinem Wohnsitz. Ich bin aus privaten Gründen in München und selbstverständlich bereit, dafür meinen Preis zu zahlen - aber das Faß darf nicht überlaufen. Anders gesagt: Die Kuh Boris Becker, die man melken will, sollte man nicht unbedingt schlachten oder fortjagen. Ich muß 1997 nicht in Deutschland wohnen, die Abmeldung geht ganz schnell, und dann gehen dem Finanzamt Millionen verloren.

SPIEGEL: Sie haben die Rückkehr nach Deutschland schon bereut?

BECKER: Nein, weil ich in München Jahre erlebt habe, die sehr wichtig für die Familie Becker waren. So oft können die Steuerfahnder gar nicht kommen, daß sie mir das kaputtmachen könnten.

SPIEGEL: Zur Hochzeit Ihrer Schwester waren Sie wieder einmal daheim in Leimen. Ist das noch Ihre Welt?

BECKER: Nein. Das ist ein Teil meines Lebens, und dazu sollte man sich bekennen. Ich habe auf dieser Hochzeit Menschen getroffen, die ich jahrelang nicht gesehen hatte, mit denen ich früher Tennis gespielt habe oder im Skiurlaub war. Dann wurden die Abstände größer, und irgendwann traf man sich nicht mehr. Die zweite Hälfte meines Lebens habe ich nicht mehr in Leimen verbracht, deswegen ist da eine große Distanz.

SPIEGEL: Was hatten Sie sich zu sagen?

BECKER: Nicht zuviel.

SPIEGEL: Das ist der Preis für den Ruhm.

BECKER: Nein, das ist gelebtes Leben. Ich bin froh, daß ich mich für diesen Beruf entschieden habe. Das ist kein Preis, das ist ein Bonus. In Schubladen passe ich ohnehin nicht mehr.

SPIEGEL: Sie haben sich eine eigene Welt geschaffen: in Florida und sonstwo, umgeben von Leibwächtern und in Tuchfühlung mit den Größen dieser Welt.

BECKER: Wenn man wohlhabend ist, kann man anders leben. Die Vorteile, die ich durch so ein Leben habe, sind so groß, daß ich die Nachteile ertrage.

SPIEGEL: Morddrohungen gehören ebenso dazu wie Versuche, Ihr Kind zu entführen?

BECKER: Die Münchner Polizei hat die Probleme mit dem nötigen Ernst behandelt. Mehr will ich dazu nicht sagen.

SPIEGEL: Dennoch haben Sie bereits vor dem Besuch der Steuerfahndung angekündigt, ins Ausland zu ziehen, sobald Ihr Kind eingeschult wird.

BECKER: Mein Sohn soll zumindest eine Chance bekommen, in Ruhe aufzuwachsen. Wir haben die ersten drei Jahre hervorragend überstanden: Noah ist in dem Trubel nicht verrückt geworden und vom dauernden Jetlag nicht geschädigt. Er ist ein ganz normaler Junge - aber wenn die Schulzeit anfängt, würde er in Deutschland mit Problemen konfrontiert, die nicht seine sind, sondern die seiner Eltern. Da würde er per se in der Ecke stehen: Er hat sehr bekannte Eltern und sieht dazu nicht aus wie ein weißes Kind. In Leimen gibt es keine Schwarzen, und in München gibt es nur sehr wenige, von der Politik mal abgesehen.

SPIEGEL: Wohin zieht die Familie Becker?

BECKER: Eigentlich wollten wir bleiben, wo wir sind. Aber New York wäre möglich, Paris, London - Städte, wo unsere besondere Situation eine kleinere Rolle spielt.

SPIEGEL: Spüren Sie in Deutschland offenen Rassismus?

BECKER: In München weniger, weil meine Frau dort bekannt ist. Trotzdem kommt es vor, daß sie, wenn sie in teure Geschäfte geht, angesprochen wird: »Die billigen Sachen sind vorne links.« Am nächsten Tag gehe ich hin, und man entschuldigt sich.

SPIEGEL: In früheren Jahren haben Sie politische Ambitionen gehegt, um die Welt zu verändern. Das ist vorbei?

BECKER: Wenn ich wirklich wollte, hätte ich wahrscheinlich eine Chance, in den Bundestag zu kommen, weil ich immer ein Forum habe. Aber ich bin farbenblind und gegen alle Schablonen. Es gibt schöne rote, schwarze und grüne Ideen. Ich lasse mich nicht mehr einspannen. Politiker verändern viel zu wenig und dürfen kaum die Wahrheit sagen, weil sie dann nicht gewählt werden. Das ist nicht meine Welt. Ich muß mich schon als Tennisspieler manchmal dümmer stellen, als ich bin.

SPIEGEL: Wir dachten, Sie könnten sich nur auf dem Tennisplatz wirklich ausleben.

BECKER: Das Gegenteil ist richtig. Tennis ist Pokern. Ich muß immer die besten Karten haben - und wenn ich sie nicht habe, muß ich so tun, als hätte ich sie. Wenn ich ehrlich bin und Schwächen zeige, führt mein Gegner schon 30 : 0. Ich muß mich als Mensch zurücknehmen, damit ich als Sportler Erfolg habe.

SPIEGEL: Warum spielen Sie dann noch?

BECKER: Alle drei, vier Jahre ändern sich die Gründe. Heute spiele ich, weil ich die zwei, drei Momente im Jahr suche, in denen ich auf dem Platz noch absolut frei bin und nicht mehr nachdenken muß.

SPIEGEL: Sie sprechen von den großen Endspielen gegen Pete Sampras?

BECKER: Ja, dann kann ich mich gehenlassen. Dann habe ich Spaß. Dann sind die Zuschauer und alle Menschen Nebensache. Und ein bißchen Geld gibt''s auch.

SPIEGEL: Diese Matches werden seltener, denn dem Tennis gehen die Typen aus.

BECKER: Wir dürfen nicht mehr sein, wie wir sind.

SPIEGEL: Welche Regel verbietet Ihnen das?

BECKER: Es sind so viele Mikrofone auf dem Platz - wenn wir einen Furz lassen, werden wir gesperrt. John McEnroe und Jimmy Connors hätten heutzutage nicht mehr überlebt. Heute ist nur noch heile Welt angesagt: Alles ist nett, alles sauber, wir sind alle schöne Jungs von nebenan. Das System läßt uns keine Wahl.

SPIEGEL: Die nächste Profigeneration wird eine angepaßte sein?

BECKER: Die heutige ist es schon. Die »jungen Wilden« - das ist Satire. Der einzige, der noch etwas herausläßt, ist Goran Ivanisevic, die letzte Persönlichkeit. Daß die Spielervereinigung ATP jede Spontaneität bestraft und alle gleichzumachen versucht, wird sich negativ auswirken.

SPIEGEL: Noch gibt es Sie. Sie haben mit 29 Jahren ein Comeback erlebt, das Ihnen Experten nicht mehr zugetraut hatten.

BECKER: Die waren nicht allein, ich habe im vergangenen Sommer selbst noch gezweifelt. Generell weiß ich zwar, was ich kann und was nicht, aber wenn Verletzungen dazukommen, ist man kurzfristig hilflos. Doch da ich seit 13 Jahren Profi bin, weiß ich, wie ich damit fertig werde.

SPIEGEL: 1993, so scheint es, waren Sie dem Karriereende so nahe wie nie zuvor.

BECKER: Da haben sich einige über mich lustig gemacht - im spiegel stand: »Der Held stürzt.« Ich war der Depp der Nation.

SPIEGEL: Als Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle 1968 vor dem Sturz stand, titelte der spiegel: »De Gaulle am Ende«. Drei Wochen später hatte er sich gerettet, und folglich meldete der spiegel: »Am Ende de Gaulle«. Das ist Ihnen vertraut?

BECKER: Ich will mich nicht mit dem General vergleichen, aber mein Ende ist in regelmäßigen Abständen vorausgesagt worden: 1987, 1993 und vielleicht 1997 erneut. Es trifft mich, wie verantwortungslos Menschen und Journalisten, in dieser Reihenfolge, ihre Kritik überzeichnen und zu öffentlichen Hinrichtungen schreiten. Ich bin da sehr nüchtern geworden und habe den Glauben an diese Form von Wahrheit verloren: Sobald eine Person schwach erscheint, wird sie journalistisch ermordet, überall auf der Welt. Als Betroffener freilich wird man am Ende härter.

SPIEGEL: Sind Sie nachtragend?

BECKER: Ich habe ein elefantöses Gedächtnis.

SPIEGEL: Trotz Ihres Selbstbewußtseins wirkten Sie in frühen Jahren zuweilen tatsächlich überfordert.

BECKER: Ich habe herrliche Fehler gemacht - in Millionenhöhe. Aber ich habe immer meinen Weg gesucht. Und aus diesem Grund habe ich mich vor drei Jahren entschieden, noch einmal ernsthaft mein Tennisspiel in Angriff zu nehmen.

SPIEGEL: Sie wollten es ein letztes Mal wissen?

BECKER: Wissen Sie, sportlich war mein größter Fehler mein erster Wimbledonsieg. Der hat mich daran gehindert, ruhig weiterzutrainieren, normaler zu reifen. Ich hätte ohne den 7. Juli 1985 später wahrscheinlich mehr gewonnen - statt dessen mußte ich erst einmal lernen, mit dem Phänomen Becker zu leben und bin in alle möglichen Löcher gefallen. Ich habe eine Rolle gespielt und bin durch den Rummel sportlich gehemmt worden.

SPIEGEL: Sie hatten also, als Sie in der Rangliste abstürzten, das Gefühl, noch nicht alles versucht zu haben?

BECKER: Exakt, ich wußte, daß da noch viel Potential war, das ich noch nicht herausgelassen hatte. 1993 hätte ich auch die Sporttasche zumachen können. Ich hatte viel erreicht: genügend Siege, genügend Geld, genügend Respekt. Ich war aber erst 25 und noch nicht reif für die Rente. Ich wußte noch nicht, wie gut ich wirklich bin. Da habe ich angefangen, anders zu leben.

SPIEGEL: Professioneller.

BECKER: Viel ernsthafter. Ich habe mir meine kleine Combo zusammengesucht, in der jeder sein Instrument beherrscht.

SPIEGEL: Berater Axel Meyer-Wölden, Trainer Mike de Palmer, Schlägerbespanner Uli Kühnel und Masseur Waldemar Kliesing - das Team, das den Leadsänger Becker schützt?

BECKER: Ja, und dann ging es los. Ich habe die Trainingsintensität verdoppelt und verdreifacht, mit Videokameras meine Bewegungen zerlegt, Krafttraining eingebaut, am Schläger herumgearbeitet. Ich habe Sampras analysiert und den ganzen Tennissport auseinandergenommen.

SPIEGEL: Als Stefan Edberg und alle anderen, gegen die Sie schon vor zwölf Jahren angetreten sind, langsam verschwanden, haben Sie erst richtig angefangen?

BECKER: Anders hatte ich gegen die Jungen keine Chance. Ich habe neulich im Fernsehen das U. S.-Open-Finale von 1976, Borg gegen Connors, gesehen, das hätte 1876 sein können, so langsam ging es da zu. Unser Sport hat sich gewaltig geändert; um mitzuhalten, muß ich mich immer wieder erneuern. Ich mußte lernen, nicht eindimensional, auf meinen Aufschlag beschränkt, Tennis zu spielen, sondern Grundschläge und Beinarbeit verbessern.

SPIEGEL: Und jetzt fordern Sie Sampras, den Besten, zum letzten Duell heraus?

BECKER: Er ist die Nummer eins, ich orientiere mich an ihm.

SPIEGEL: Die Weltrangliste ist für Sie noch immer wichtig?

BECKER: Das ist unsere Bibel. Jeden Montag schaut jeder Tennisspieler in den Teletext und sucht seinen Namen in der Rangliste.

SPIEGEL: Und Sie können noch einmal die Nummer eins werden?

BECKER: Solange ich Tennis spiele, ist das der ultimative Traum. Ich bin froh, daß ich es schon war, aber ein bißchen kurz war die Zeit schon - zwölf Wochen. Spielerisch habe ich es drauf, und in den nächsten sechs Monaten ist vieles möglich. Ich mache mich deshalb nicht verrückt, aber ich weiß, am Ende des Weges könnte die Nummer eins stehen.

SPIEGEL: Gleichwohl waren Sie in den vergangenen Jahren schon mehrfach nahe dran aufzuhören.

BECKER: In dieser Situation bin ich in jedem Dezember, dann ziehe ich Bilanz. Irgendwie muß sich alles die Waage halten. Der Erfolg, das, was ich zurückbekomme, muß mindestens so groß sein wie die Anstrengungen, sportlich und privat.

SPIEGEL: Haben Sie sich für Ihren Abschied bereits ein Drehbuch geschrieben?

BECKER: Auf keinen Fall mache ich eine Abschiedstournee.

SPIEGEL: Edbergs Beispiel hat Sie abgeschreckt?

BECKER: Ja, sicher, ich brauche nicht jede Woche diese Zeremonie und die Belobigung: »Du warst wertvoll, es war so wunderschön mit dir.« Ich habe mit Stefan darüber gesprochen, er hat mir gebeichtet: »Das hätte ich mir ersparen sollen.« Ich will nicht jede Woche öffentliche Tränen vergießen, das bin nicht ich.

SPIEGEL: Wie ist Ihr Abschied zu erwarten?

BECKER: Bei mir geht das rucki, zucki.

SPIEGEL: Sie verkünden vorher nichts, sondern schockieren Deutschland mit der Meldung: »So, das war''s.«

BECKER: Ja, wenn ich die Kraft und Stärke dazu finde, ist das meine Idealvorstellung.

SPIEGEL: Die Abdankung nach einem krönenden Sieg?

BECKER: Das sind meine Träume, man strebt ja nach dem Optimalen. So nach der Vorstellung: Vor dem Matchball gegen Sampras in Wimbledon, der mich zur Nummer eins machen wird, sage ich: Boris, dies ist dein letzter Aufschlag.

SPIEGEL: McEnroe hat bekundet: Das erste Leben eines Tennisprofis sei beendet, wenn andere ihre Karrieren beginnen - er hatte Angst vor dem Dasein als Frührentner. Können Sie das nachvollziehen?

BECKER: Klar. Für Sportler ist die magische Grenze um die 30; dann ist man alt. Da man nichts anderes gelernt hat und, in meinem Fall, nichts anderes mehr machen müßte, stellt sich die Frage: Was nun, Boris? Das kann ich noch nicht beantworten.

SPIEGEL: Angst davor haben Sie schon?

BECKER: Es ist eine Reise in die Ungewißheit. Vor einem dunklen Raum fürchtet man sich.

SPIEGEL: Entscheiden Sie über das »Wann« ganz alleine?

BECKER: Ja, das muß ich. Meine Frau begleitet mich erst seit fünf Jahren. Sie kennt nur ein Drittel meiner Leidenszeit. Ich stehe alleine auf dem Platz, ich muß den Druck aushalten, also ist es meine ganz persönliche Entscheidung. Ich muß mein eigenes Kreuz tragen, abnehmen kann mir das keiner. Spätestens ist in drei Jahren Schluß, wenn mein Sohn eingeschult wird.

SPIEGEL: Unwiderruflich?

BECKER: Wenn ich dann noch bei klarem Verstand bin, ja.

SPIEGEL: Hören Sie noch auf Kritik?

BECKER: Ja, natürlich, jeden Tag, vor allem von meiner Frau. Sie hält mir den Spiegel vors Gesicht und ist immer äußerst kritisch. Unsere tägliche Auseinandersetzung ist konstruktiv und Teil unserer Ehe.

SPIEGEL: Bei Turnieren hingegen umgeben Sie sich mit Verehrern, die für Sie arbeiten dürfen und Ihnen huldigen.

BECKER: Dieser Eindruck ist absolut falsch. Vom Schlägerbespanner - das ist lediglich seine offizielle Berufsbezeichnung - bin ich emotional absolut abhängig, wie eben auch von meinem Physiotherapeuten. Das ist meine Familie. Die begleiten mich in erster Linie, weil sie tolle Menschen sind, und erst an zweiter Stelle kommen ihre beruflichen Qualitäten. Sie geben mir Sicherheit und sagen mir ihre Wahrheit. Und wer Axel Meyer-Wölden kennt, weiß, daß er sagt, was er denkt.

SPIEGEL: Von Tiriac, der ja einer war, der Ihnen die Wahrheit sagen konnte, haben Sie sich vor vier Jahren getrennt. Haben Sie sich jemals wieder an einen Tisch gesetzt?

BECKER: Mit ihm war ich in der Tat verbunden, und er hat mir in den frühen Jahren den Weg gezeigt. Aber viel mehr als »Guten Morgen« und »Guten Abend« ist in den letzten Jahren zwischen uns nicht gewechselt worden.

SPIEGEL: Die Entfremdung müßte Sie bedrücken.

BECKER: Das gerade nicht. Dieser Mensch hat mir geholfen und mir viel beigebracht. Aber er hat mich auch - vielleicht ist das ein bißchen hart ausgedrückt, aber es trifft den Kern - beschissen.

SPIEGEL: Er hat sie schwer enttäuscht?

BECKER: Er hat sich wirklich nicht moralisch und ehrenhaft verhalten, vor allem meinen Eltern gegenüber. Meine Mutter hat ihm die Unterwäsche und die Socken gewaschen, ihn versorgt, und er hat sich nicht wie ein Gentleman verhalten. Mehr will ich dazu nicht sagen. In zehn Jahren werden wir wohl mal ein Bier zusammen trinken, aber ein Verhältnis, wie es mal war, wird es zwischen uns nie mehr geben.

SPIEGEL: Mit Günther Bosch, Ihrem Trainer der ersten Profijahre, haben Sie ebenfalls gebrochen. Man gewinnt den Eindruck, Sie wollten Ihre frühen Väter töten.

BECKER: Bosch mag mich noch immer und würde vieles für mich tun. Aber es gibt keine Ebene mehr, auf der wir uns verständigen könnten. Natürlich, wenn er jetzt hier hereinkäme, würden wir einen Kaffee zusammen trinken. Aber diese Situation wird sich nicht ergeben, weil er erkannt hat, was uns trennt. Er redet nur noch von der Vergangenheit, von früher.

SPIEGEL: Sie sind unversöhnlich?

BECKER: Bosch hat sich mit seiner Art selbst in die Ecke gestellt. Eines Tages wird mir das vielleicht auch widerfahren, und mein Sohn wird mir sagen: »Ey, Alter, du redest an der Zeit vorbei.«

SPIEGEL: Konnte Ihr leiblicher Vater Ihre Entwicklung nachvollziehen?

BECKER: Wichtig ist, was er mir mitgegeben hat. Daß er mir die Chance gab, mich selbst zu entwickeln. Alles andere war ein Selbstläufer. Mit 15 war ich weg von zu Hause. Ich respektiere und liebe ihn, er lebt sein Leben in Leimen, ich lebe meines irgendwo. Wir befinden uns in unterschiedlichen Welten, unsere Beziehung ist dennoch sehr gut. Ich weiß, wie ihn jetzt diese Hausdurchsuchung erregt hat. Stellen Sie sich das vor: Die haben ihm das ganze Haus auf den Kopf gestellt, sogar unter dem Sofakissen haben sie nachgeschaut und die Papierschnipsel aus dem Mülleimer zusammengeklebt - na Mensch, hatten die nichts anderes zu tun? Das hat mein Vater einen der Beamten auch gefragt. Und der hat geantwortet: »Das befriedigt mich unglaublich, wenn ich etwas finde.«

SPIEGEL: Menschen, die angeblich Steuern hinterziehen, verstecken ihre Akten kaum unter dem Sofakissen.

BECKER: Mal abgesehen davon, daß ich mir nichts vorzuwerfen habe - für wie blöd halten die einen?

SPIEGEL: Im Gegensatz zu Vater Graf hat Vater Becker den Sohn ohne Widerstand in die Freiheit entlassen.

BECKER: Dazu gehören immer zwei. Der eine, der losläßt, und der andere, der die Zügel übernehmen will. Bei uns hat es schon mal geknallt, das muß so sein.

SPIEGEL: Waren Ihre Eltern über die Wahl der Ehefrau beglückt?

BECKER: Lassen Sie mich nur soviel sagen: Sie haben inzwischen erkannt, welche Schwiegertochter ich ihnen beschert habe. Barbara hält den Kontakt zwischen meinen Eltern und mir, und zwar mit großer Hingabe. Und Oma und Opa sind von dem kleinen Noah unglaublich verzaubert.

SPIEGEL: Haben Sie Mitleid mit Steffi Graf?

BECKER: Sie ist anders, als die Öffentlichkeit sie wahrnimmt. In Pressekonferenzen und im Fernsehen erfährt niemand die volle Wahrheit über uns. Wir stehen wie Schauspieler auf der Bühne und zeigen nur ein Gesicht, eines von vielen. Steffi ist in Deutschland aus verständlichen Gründen nicht so frei, wie sie sein könnte. In New York bewegt sie sich viel entspannter.

SPIEGEL: Gibt es einen deutschen Sportler, der für Sie so etwas wie ein Vorbild ist?

BECKER: Ich habe Max Schmeling getroffen und über ihn so manches gelesen. Er ist 91, und zuweilen erscheint er mir jünger als ich selbst. Dahin möchte ich kommen, das Leben so positiv zu leben wie er. Keiner unter den aktiven Sportlern kann sich mit ihm messen, auch ich nicht. Schmeling ist in jener Phase, in der sich Deutschland an der Welt vergangen hat, über die Wirklichkeit hinausgewachsen.

SPIEGEL: Es wundert uns doch, daß Franz Beckenbauer kein Vorbild für Sie ist, ein Mann, dem Sie nach der Profikarriere nacheifern könnten.

BECKER: Muß ich das? Ewig im Rampenlicht zu stehen ist ja auch nicht so dolle. Der Franz kann das, der sagt mit seinem Charme immer genau das, was man sagen muß. Das kann ich nicht.

SPIEGEL: Sie mühen sich um den Nachwuchs für Mercedes statt für den Deutschen Tennis Bund - der Freiheit wegen?

BECKER: Auch. Und weil mir Mercedes ein umfassendes Angebot gemacht hat. Davon ist ein Teil die Jugendarbeit.

SPIEGEL: Sie haben einen DTB-Vertrag.

BECKER: Als Spieler und Förderer der DTB-Interessen, nicht als Trainer. Wir arbeiten nicht gegeneinander. Letztendlich wird der Verband die Früchte ernten, die Mercedes und ich gesät haben. Wir reden hier über eine sehr langfristige Kooperation, zehn Jahre. Natürlich gibt es beim DTB einige, die Neidgefühle hegen, aber der Präsident Claus Stauder und andere verstehen mich.

SPIEGEL: Einmal mehr ist die Rivalität zwischen Michael Stich und Ihnen vorgezeichnet. Er könnte bald mit dem DTB arbeiten und Sie mit dem Mercedes-Team.

BECKER: Ja und? So viele Wimbledonsieger haben wir ja nun nicht, daß wir auf einen von uns beiden verzichten sollten. Einen Mann wie Stich muß man auf jeden Fall halten. Im übrigen, wer sagt denn, daß Mercedes und der DTB demnächst nicht zusammenarbeiten?

SPIEGEL: Eile tut Not, denn ohne einen Ersatz für Boris Becker wird das Interesse der Deutschen am Tennis erheblich sinken.

BECKER: Wenn wir jetzt nicht in den Zug springen, dann wird sich die Tenniswelt von Deutschland nach Asien verlagern. Hannover findet dann in Hongkong statt, und wir sitzen wieder vor der Glotze.

SPIEGEL: Dennoch sind Sie nicht bereit, 1997 im Daviscup zu spielen?

BECKER: Falsch, generell bin ich dazu bereit.

SPIEGEL: An allen Spielen nehmen Sie aber nicht teil.

BECKER: Ich habe nur für die erste Runde abgesagt. In Spanien, auf Sand, bin ich keine Verstärkung. Das ist keine Ausrede, sondern leider die Wahrheit. Und als Ersatzspieler bin ich eher eine Belastung, wie man im vergangenen Jahr in Limoges gesehen hat. Ich muß auch in meinem Alter der Gesundheit wegen vorausdenken. Wenn ich generell keine Böcke mehr habe zu spielen, sage ich das schon.

SPIEGEL: Setzt der Einsatz im Daviscup-Team keine Emotionen in Ihnen mehr frei?

BECKER: Eine Gänsehaut beim Abspielen der Nationalhymne habe ich nicht mehr, warm ums Herz wird mir schon. Natürlich habe ich noch Lust. Aber da wird doch an der Realität vorbeigelebt. Daviscup ist Geschäft, für Kapitän Nikola Pilic, den DTB, für das Team, für mich. Bleiben wir doch bei der Wahrheit. Da gibt es eine Fernsehanstalt, die hat sehr viel Geld dafür bezahlt, daß die Besten und Bekanntesten spielen. Wir leben in der Marktwirtschaft. Folglich haben die Spieler, um die es geht ...

SPIEGEL: ... ein Recht auf prozentuale Beteiligung?

BECKER: Ja, wenn Sie so wollen. Denn wenn die Stars nicht spielen würden, gäbe es die Verträge mit dem Fernsehen und den Sponsoren nicht. Aber immer wenn es ums Geld geht, wird mit dem Ehrgefühl herumgespielt und dem Nationalstolz.

SPIEGEL: Letztlich weckt nicht der Daviscup die Emotionen, sondern ein Mann namens Becker. Und das kommt Ihnen zugute.

BECKER: Es wird immer verrückter. Und ich muß das nationale Päckchen auf meinen schmalen Schultern tragen.

SPIEGEL: Herr Becker, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Helmut Sorge und Klaus Brinkbäumer in Miami.* Physiotherapeut Waldemar Kliesing, Trainer Mike de Palmer,Schlägerbespanner Uli Kühnel, Ehefrau Barbara.

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