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RASSISMUS Boxershorts mit Judenstern

Der Antisemitismus der Vichy-Regierung traf auch verdiente französische Athleten: Jetzt will die Sportministerin das Tabuthema ans Licht bringen.
aus DER SPIEGEL 50/1999

Frankreich war stolz auf diesen Athleten. Alfred Nakache schwamm Europa- und Weltrekorde, erreichte ein Olympiafinale; die Sportpresse feierte ihn als »größten Schwimmer« der Republik.

1940 schlug die Stimmung um. Staatsbeamte dekretierten, dass Nakache »das Wasser französischer Schwimmbäder verseucht«. Er durfte deshalb an keinem Wettkampf mehr teilnehmen, Rekorde wurden gelöscht. Der Grund: Alfred war Jude.

Victor »Young« Perez errang bereits mit 20 Jahren die Weltmeisterschaft im Fliegengewicht. Doch später durfte der Boxer in keinen Ring mehr steigen - weil er Jude war.

Nakache und Perez wurden 1943 nach Auschwitz deportiert. Der Faustkämpfer musste zur Unterhaltung der Wächter gegen einen SS-Hünen boxen. Nach nur drei Runden hatte der ausgemergelte Champ den Arier aufgabereif geknockt. Hitlers Schergen ermordeten ihn dennoch. Der Schwimmer Nakache verlor im Lager Frau und Tochter, er selbst kam mit dem Leben davon.

Die beiden Spitzensportler gehörten zu den 74 000 französischen Juden, die während der deutschen Besatzung zwischen 1940 und 1944 in Viehwaggons in KZ verfrachtet wurden. Nur 2600 von ihnen überlebten den Holocaust.

Das Thema war jahrzehntelang tabu. Denn Frankreich tut sich noch heute schwer mit der Bewältigung seiner Vergangenheit unter der deutschen Besatzung. Erst 1995 bekannte Staatspräsident Jacques Chirac, dass sein Land Verantwortung trage für die Zusammentreibung und Deportation von Juden.

Unlängst hat die kommunistische Sportministerin Marie-George Buffet, 50, die sich schon im Kampf gegen Doping beherzt mit Verbandsapparatschiks angelegt hatte, eine Kommission beauftragt, »das Irreparable, das Schändliche aus dem Schatten des Vergessens« zu zerren: die »Säuberung« des französischen Sports von Juden.

Erfreulich wird die Wahrheitsfindung für Frankreich ganz gewiss nicht ausfallen. Schon lange vor dem deutschen Einmarsch pflegten französische Politiker das Herrenmenschenideal von der anderen Rheinseite. Als etwa 1938 ermittelt wurde, dass 33 Prozent der Jungen (Deutschland: 17 Prozent) wegen körperlicher Gebrechen wehruntauglich waren, wurde den Schulen ein Programm zur Heranziehung einer »neuen, gesunden, ländlichen, virilen« Spezies verpasst.

Das während der Besatzung in Vichy, einer Bäderstadt nordwestlich von Lyon, ansässige Regime des Marschalls Philippe Pétain kollaborierte nicht nur mit Hitler, es ahmte ihn auch beflissen nach: Frankreich machte sich seine eigenen Judengesetze, die kaum weniger perfide waren als die der Deutschen. Die Sportfunktionäre setzten die antisemitischen Richtlinien mit Eifer in die Tat um. Juden wurden aus Tennis- und Rugbyclubs ausgeschlossen, von »juifs« erkämpfte Laufrekorde wurden aus den Bestenlisten getilgt. Französische Journalisten schmähten untadelige jüdische Sportler wie den britischen Olympiasieger über 100 Meter von 1924, Harold Abrahams (verewigt im Film »Chariots of Fire"), und die deutsche Fecht-Olympiasiegerin von 1928, Helene Mayer.

An die Sporterzieher erging der Aufruf: »Seid Vorbild, seid rassistisch.« In Stadien in Paris und Vichy defilierten tausende Läufer, Springer und Werfer vor Marschall Pétain - den rechten Arm gestreckt: Das nannten sie den »Athletengruß«.

Das große Auslüften wird - postum - auch etablierte Nationalhelden nicht verschonen. Zu den Namen, die in Buffets Dokumentation auftauchen, gehört auch der des Tiefseetauchers und Meeresforschers Jacques-Yves Cousteau. In einem Brief vom 1. Mai 1941 äußerte Cousteau die Hoffnung, dass er mit Ehefrau Simone in Marseille eine bessere Wohnung werde beziehen können, wenn erst »die widerlichen ,youtres'', die uns belästigen, rausgeschmissen sind«. Youtres ist ein Schimpfwort für Juden.

Alfred Nakache schwamm nach seiner Rückkehr aus Auschwitz wieder Rekorde. Als er 1983 an einer Herzattacke im Meer starb, listete die Nachrichtenagentur AFP in einem Nachruf seine größten Erfolge auf - die Deportation ins Konzentrationslager erwähnte sie mit keinem Wort.

Um ihrer Absicht, die Vergangenheit auszuleuchten, Symbolkraft beizugeben, hat Madame Buffet in der Halle ihres Ministeriums eine Glasvitrine aufgestellt. Darin ist eine Reliquie: verblasste blaue Boxershorts mit den Buchstaben Y. P. - um die Initialen des ermordeten Weltmeisters rankt sich wie ein Fanal der Judenstern. LUTZ KRUSCHE

* Salutierende französische Athleten vor der Ehrentribüne desPrinzenparkstadions am 29. Juni 1941.

Lutz Krusche
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