Brasiliens Top-Star Martas Zauber

Zwei Tore, eine Vorlage: Brasiliens Superstar Marta ist bei der Frauenfußball-WM angekommen, gegen Norwegen spielte die Stürmerin überragend. Doch ihr Team hat Schwächen, ist von der 25-Jährigen abhängig - deshalb dürfte es für den Titel nicht reichen.

AFP

Von , Wolfsburg


Energisch zog Fernanda Costa an der Hand von Marta Vieira da Silva. So kräftig, dass auch die flinke, fünffache Weltfußballerin nicht mehr stehenbleiben konnte. Irgendjemand musste ja am Sonntagabend in der Wolfsburger Arena das Signal zum Aufbruch geben, und die für die Pressearbeit zuständige Dame des brasilianischen Frauen-Nationalteams sah keine andere Möglichkeit, um die Vorzeigefrau vom Frage-Antwort-Spielchen zu befreien.

Marta hatte bereitwillig über ihre zwei Tore und die Torvorlage beim 3:0 (1:0) von Brasilien gegen Norwegen Auskunft gegeben. "Ich freue mich über dieses schöne Spiel. Und auf die nächste Phase, denn wir haben noch viel vor." Die "Seleção Feminina", wie das Ensemble in der Heimat genannt wird, ist vorzeitig fürs Viertelfinale qualifiziert - das letzte Gruppenspiel am Mittwoch gegen Äquatorialguinea (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) ist ein Muster ohne Wert, denn die Brasilianerinnen stehen bereits als Gruppensieger fest. Mögliche Gegner in der Runde der letzten acht: Schweden oder die USA.

Beides wären besondere Begegnungen für Marta: In der schwedischen Liga hat sie für fünf Jahre bei Umea IK gespielt, in der nordamerikanischen Profiliga WPS ist sie gerade bei den Western New York Flash beschäftigt. "Natürlich denke ich daran", sagte Marta, "ich bin bereit, obwohl Schweden und die USA starke Teams haben." Brasilien hat die Ausnahmeerscheinung Marta, die an guten wie schlechten Tagen den Unterschied ausmachen kann und die nach ihrer Gala gegen Norwegen wie befreit wirkte.

"Brillant, bescheiden und bodenständig"

Bei der Ehrung zur Spielerin des Spiels erschien die 25-Jährige in kurzer Hose und mit Kaffeebecher in der Hand, und als ihr Nationaltrainer Kleiton Lima sie überschwänglich lobte ("Marta ist brillant - und dabei bescheiden und bodenständig"), lauschte sie artig. "Marta hat keine Privilegien", ergänzte Lima. Die weltweit bekannte Star-Stürmerin will bei dieser WM endlich die Trophäe gewinnen, und natürlich hat sie eine Wiederholung des Vorjahresfinals gegen Deutschland im Kopf.

"Es wäre etwas Besonderes, ich habe diesen Titel noch nicht", sagte Marta, sie selbst habe sich weiterentwickelt, "vielleicht bin ich noch schneller als 2007." Der Nieselregen in Wolfsburg habe ihr übrigens geholfen, so flott unterwegs zu sein. "Durch die Nässe war der Ball noch schneller", sinnierte sie, "und ich musste noch schneller rennen."

Für Norwegen war Marta jedenfalls zu schnell. Nationaltrainerin Eli Landsem zeigte sich ratlos: "Wir haben getan, was wir konnten. Aber es war nicht möglich, Marta zu stoppen." Beim 1:0 (22.) benötigte sie noch eine Regelwidrigkeit, um Nora Berge beiseite zu räumen und dann nach schönem Übersteiger zu vollenden. Marta beschrieb die Szene so: "Meine Gegenspielerin ist vor mir gestolpert."

Pfiffe vom Publikum

Regelgerecht und famos, wie sie dann mit eindrucksvollem Sololauf das 2:0 von Rosana (46.) vorbereitete; abgeklärt und formidabel, wie sie dann wieder selbst das 3:0 erzielte (48.). Deshalb spendete das Publikum spätestens in der zweiten Halbzeit Applaus - nachdem Marta wegen des umstrittenen Führungstores in der ersten Hälfte noch ausgepfiffen worden war. Darüber sah sie grinsend hinweg.

"In Europa halten die Zuschauer zu europäischen Mannschaften. Das ist für mich kein Problem." Schwieriger ist schon der Umstand, dass die 1,62 Meter große Sportlerin nie genügend Trikots dabei hat, um all die Wünsche nach einem Souvenir zu erfüllen. "Unsere Delegation erlaubt es nur, dass wir nach dem letzten Spiel die Trikots weggeben." Wird das finale Turnierspiel wirklich das Endspiel am 17. Juli in Frankfurt sein?

Bei all dem Rummel um Marta ging am Sonntag ein bisschen unter, dass die Südamerikanerinnen nie wie ein eingespieltes Kollektiv wirkten, sondern sich allein auf die individuelle Klassen verließen. Es ist verwunderlich - und für ein modernes Spiel kontraproduktiv - noch eine letzte Frau hinter die Abwehr zu postieren. Doch Nationaltrainer Lima, 37 Jahre jung, benötigt tatsächlich eine Libera. Abwechselnd postierten sich Daiana oder Erika zehn, zwölf Meter hinter die Dreierreihe. Ein Anachronismus, der auch im Frauenfußball selten ist und über den sich nach dem ersten Match auch schon Australiens Trainer Tom Sermanni lustig gemacht hatte.

Lima verteidigte die Maßnahme mit dem Argument, er habe nicht genügend Verteidigerinnen, sein Team sei diese Formation zudem gewohnt. Doch die Folge ist, dass ein vernünftiges und durchdachtes Aufbauspiel nicht stattfindet. Und alle nur auf die Inspiration von Marta hoffen. Trotz der besten Fußballerin der Welt hat deshalb die Fachfrau Landsem ihr Urteil schon gefällt. "Wir haben jetzt gegen Deutschland und gegen Brasilien gespielt", sagte die norwegische Nationaltrainerin, "ich bin mir sicher, dass die Deutschen das stärkere Team sind."

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Seite 1
coebi85 04.07.2011
1. Naja...
...2 Tore von denen eines nicht hätte gegeben werden dürfen. Ein "Top-Star" der so offensichtlich foult und schwalbt ist meines erachtens nicht so zu bejubeln...
frubi 04.07.2011
2. .
Zitat von coebi85...2 Tore von denen eines nicht hätte gegeben werden dürfen. Ein "Top-Star" der so offensichtlich foult und schwalbt ist meines erachtens nicht so zu bejubeln...
Das brasilianische Fußballer gerne fallen ist nicht erst seit gestern bekannt und die Norwegerin hätte die Situation vor dem Foul auch besser lösen können. Man kann den Ball ins Aus dreschen oder Marta, die ja auch kein Bulldozer ist, besser abschirmen. Natürlich hätte die Schiedsrichterin pfeiffen müssen aber das ist im Fußball eben nicht immer garantiert.
Günter Butter 04.07.2011
3. Nicht wirklich beeindruckend
Zitat von coebi85...2 Tore von denen eines nicht hätte gegeben werden dürfen. Ein "Top-Star" der so offensichtlich foult und schwalbt ist meines erachtens nicht so zu bejubeln...
Dem kann ich nur beipflchten. Wirklich nicht zu bewundern, wenn man so tief in die "Trickkiste" greift - vielleicht auch greifen musste? Vielleicht sehen wir ja noch eine brasilianisch "Hand Gottes" diese WM?! Und die Schiedrichterin hat ihr übriges zur norwegischen Niderlage beigetragen...die Dame pfeift bestimmt keine Spiel mehr in den Finalspielen.
tomkey 04.07.2011
4. Brasilien nicht überzeugend
Überzeugt haben weder Martha noch die brasilianische Damenfußballmannschaft. Die Lobeshymnen auf die Spielerin und ihre Mannschaft sind völlig überzogen. Warum werden bei den brasilianischen Mannschaften (auch Männer) jeder Hackentrick, jede Finte immer so huldvoll gepriesen? Das können und machen andere auch, meist sogar effektiver eingesetzt wie von Brasilien. Wenn die Brasilianerinnen auf Japan, USA, oder Frankreich treffen, ist es mit Martha hier Martha da vorbei. Die spielen besser, allein der Spielaufbau ist variabler und technisch sind sie so und so in der Lage, jede Mannschaft zu schlagen. Eigentlich müßte ich noch Deutschland dazu nehmen, aber den deutschen Damen fällt es zur Zeit nicht leicht, befreit in der Heimat aufzuspielen.
probstheida 04.07.2011
5. ...
Im Gegensatz zu manchen Kommentatoren konnte ich mich über das Spiel gestenr nicht freuen. Und der Einstellung, daß das "illegale" Tor Martas durch die zwei folgenden Tore gewissermaßen egalisiert wurde, kann ich mich nicht anschließen. Ich habe das Spiel nämlich gesehen. Und das kann man eben nicht rechnerisch lösen. Bis zum 1:0 waren die Brasilianerinnen nämlich sehr unorganisiert. Es gelang ihnen nur wenig und die Norwegerinnen waren ihnen ebenbürtig. Erst mit dem 1:0 änderte sich die Situation, die Brasilianerinnen agierten ab da aus dem Gefühl der (unverdienten) Überlegenheit sicher und kombinationsstark, während die Norwegerinnen aufgrund der Situation teilweise völlig von der Rolle waren. Dieses 1:0 hätte aber eben nicht gegeben werden dürfen. Marta hätte Gelb bekommen müssen, ja selbst eine rote Karte hätte sie nicht wundern dürfen, so rüde, wie sie die Verteidigerin aus dem Weg gerempelt hat. Eine Spielerin mit den Möglichkeiten einer Marta *darf* nicht zu solch üblen Methoden greifen. Leider hat dieses ungültige Tor das ganze Spiel gedreht. Das 3:0 ist damit also auch in dieser Höhe ein sehr zweifelhafter Sieg der Brasilianerinnen.
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