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DAMEN Brotmesser für Daume

aus DER SPIEGEL 10/1963

Das strategische Oberkommando des

bundesdeutschen Sports - Willi Daumes Olympisches Komitee - hat sich urplötzlich aufgemacht, der Bonner Republik in der kümmerlichsten und unterentwickeltsten ihrer Wintersportdisziplinen Respekt zu verschaffen: im Schnellauf der Damen auf dem Eis.

Acht Jahre lang, schien diese Sportsparte in der Bundesrepublik unrettbar dem Untergang geweiht. Die letzten Deutschen Meisterschaften fanden 1955 statt. Nur wenige Frauen und Mädchen schnallten, sich seitdem noch die 40 Zentimeter langen, brotmesserartigen Schnellauf-Spezialkufen unter. Sie fanden für ernsthaften Spottbetrieb weder Trainer noch Gegnerinnen.

Schuld daran war der für Eisschnelllauf, Kunstlauf, Eisschießen und Eishockey zuständige »Deutsche Eissport -Verband« (DEV). Er schien eher interessiert, den Eisschnellauf aus seinem Programm zu streichen, als ihn zu fördern.

Zwar haben Bundesdeutschlands männliche Eisschnelläufer das Desinteresse ihres Fachverbandes überwunden; indem sie eigene Trainingsinitiative entwickelten. Ihr schnellster Läufer, der Schweinfurter Günter Traub, machte unlängst auf internationalen Meisterschaften eine gute Figur und lief sogar einen - allerdings wenig später übertroffenen - Weltrekord heraus.

Die Schnellauf-Mädchen hingegen blieben, gemessen am internationalen Standard, hoffnungslos im Hintertreffen. Daumes Olympiakomitee will die Misere so schnell wie möglich überwunden wissen. Grund des hektischen Interesses ist der Wunsch, die Läuferinnen des Mauer-Architekten Walter Ulbricht in der einzigen Wintersportdisziplin zu übertrumpfen, in der die Bundesrepublik bisher auch nicht annähernd der Sowjetzone gewachsen ist.

Auf Weisung Daumes nahm sich daher der vom Olympischen Komitee gebildete »Ausschuß zur wissenschaftlichen und methodischen Förderung des Leistungssports« (Vorsitz: Professor Josef Nöcker) der kleinen Damen-Riege an, deren beste Läuferinnen die 18jährige Mannheimer Primanerin Ellen Hauß und die ebenfalls in Mannheim beheimatete 20jährige Arzthelferin Julia Urban sind. Ausschußmitglied Woldemar Gerschler unterzog die talentiertesten Eisläuferinnen alsbald einem gründlichen Test auf dem bayrischen Frillensee und verordnete individuelles Training. Wenig später wurden die Läuferinnen zwecks weiteren Drills zu einem Spezial-Lehrgang in das holländische Eisläufer-Zentrum Deventer gebeten.

Daß Willi Daumes Talentsucher und

Leistungsförderer überhaupt geeignete Schnellauf-Damen vorfanden, war im Grunde nur einem Mann zu verdanken: dem 27jährigen Mannheimer Ingenieur Karl Ostertag. Er trainierte und förderte von 1960 an im »Mannheimer Eis- und Rollsport Club« (MERC) schnelllaufwillige Mädchen und verrichtete mithin auf schmaler Vereinsbasis, was der

Eissport-Verband auf Bundesebene versäumte.

Der DEV maß den Eisschnellauf von jeher mit der Elle der Popularität. Er unterstützte Kunstlauf und Eishockey, weil diese Sportarten Geld einbrachten, und außerdem das Eisschießen, dem DEV-Geschäftsführer Baumer persönlich zugetan ist. Den Schnellaufsportlern, die kein Geld einbrachten und nur Kosten verursachten, mangelte es hingegen stets an Reisegeld, Trainern

und Startmöglichkeiten.

Selbst im »Kölner Eis-Klub«, der auf sämtlichen sieben Deutschen Meisterschaften von 1949 bis 1955 die Siegerinnen gestellt hatte, erlahmte das Interesse am Schnellauf. Da sich fürderhin Meisterschaftsanwärterinnen nicht mehr in genügender Anzahl fanden, nahm der DEV die Gelegenheit wahr. Er strich den ohnehin knapp bemessenen Schnelläufer-Etat so rigoros zusammen, daß die Meisterschaften der

Männer zwei Jahre lang, die der Frauen sogar überhaupt nicht mehr ausgetragen werden konnten.

So war es kein Wunder, daß bei der Zusammenstellung der gesamtdeutschen Olympia-Mannschaft von 1960 die fünf Mannschaftsplätze für den erstmals zur olympischen Disziplin erhobenen Eisschnellauf der Damen sämtlich an DDR-Sportlerinnen fielen. Walter Ulbrichts schnellste Läuferin, die Berlinerin Helga Haase, erwies sich bei den Olympischen Spielen in Squaw Valley als hochtrainierte Elite-Athletin: Sie gewann trotz Konkurrenz der im Eisschnellauf vorherrschenden Russinnen eine Gold- und eine Silbermedaille.

Dieser Erfolg spornte den Mannheimer Eishockeyspieler Ostertag an, weibliche Schnellauf-Talente um sich

zu scharen. Versehen mit Trainingstips aus Finnland, nahm er bis 1962 vier Mädchen in seine Obhut. Das Trainingspensum war bescheiden: Vier Stunden Eislauf pro Woche auf der Mannheimer Kunsteisbahn, außerdem Hantelarbeit zur Stärkung der Oberschenkel, Waldläufe und Gymnastik. In der Saison 1962/63 unterwies Ostertag zwar bereits elf Schülerinnen, fand aber noch immer nicht die für einen nachhaltigen Erfolg ausschlaggebende finanzielle Hilfe durch den DEV.

Denn um den internationalen Standard zu erreichen, war Training auf einer großflächigen Bahn vonnöten, wie es sie weder in Mannheim noch in einer anderen deutschen Stadt gibt. Zwar hatte der Münchner Drogist Alfons Fritz, Schnellauf-Obmann des DEV, den Eisschnelläufern als eissicheres und großflächiges Trainingsgewässer den Frillensee bei Inzell entdeckt, wo sich auch der Schweinfurter Schnelläufer Traub in Form brachte. Doch Ostertags Läuferinnen konnten nur selten über den Frillensee gleiten, weil sie - von kargen Zuschüssen des Vereins abgesehen - die Reisekosten vom Taschengeld bestreiten mußten.

Auf internationale Wettkampferfahrung mußten Ostertags Damen sogar vollends verzichten und im Dezember 1962 einen in Deventer vorgesehenen Länderkampf gegen Holland und Italien absagen. Anlaß der Absage war, daß der DEV - er zahlt immerhin dem amerikanischen Trainer der international nahezu bedeutungslosen deutschen Eishockey-Nationalmannschaft ein Saisongehalt von 40 000 Mark - nicht die 2000 Mark für die Teilnahme der Eisschnelläuferinnen am Länderkampf beisteuern wollte.

Dabei hat sich trotz aller Trainingsmiseren die beste Läuferin aus Ostertags Rennstall, Ellen Hauß, bereits so gut entwickelt, daß Weltrekordläufer Traub glaubt, sie könne »unsere erste Weltklasseläuferin werden«.

Schon waren Ostertag und seine Schülerinnen gewiß, daß auch diese Saison mit Frillensee-Training und Lokaiderbys beendet sein würde, da kamen ihnen Willi Daumes Schnellauf -Förderer zu Hilfe. Ostertag: »Wir haben daraufhin die Schlittschuhe schnell wieder ausgepackt.«

Daurne entschloß sich allerdings nur deshalb zur Entwicklungshilfe, weil er wünscht, daß möglichst viele Läuferinnen zu den Olympischen Spielen im Januar 1964 olympiareif werden. Für Daumes Olympiakomitee geht es darum, in der gesamtdeutschen Olympiamannschaft die Mehrheit der Teilnehmer zu stellen. Denn nur dann kann die Bundesrepublik - wie auch 1960 - den »Chef de Mission« für sich beanspruchen, der in allen internen Fragen der Mannschaft die letzte Entscheidung treffen darf.

Nach längerem gesamtdeutschem Hickhack, das auf eine Trennung der Mannschaft hinauslief (SPIEGEL 51/ 1962), ließ der Präsident des »Internationalen Olympischen , Komitees«, Brundage, die deutschen Olympier wissen, daß auch diesmal eine gesamtdeutsche Mannschaft zu bilden sei. Schon drei Tage später wurden die fünf besten westdeutschen Schnelläuferinnen zu ihrem ersten vorolympischen Lehrgang geladen.

Eisschnelläuferin Ellen Hauß

Eine Waffe gegen Ulbricht

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