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Schwimmen Brust und Haare

Im Schwimmen fielen für Deutsche bei Olympia immer nur wenige Medaillen ab. Ausnahme: die Brustschwimmer.
aus DER SPIEGEL 32/1972

So dumm schwimmt in der Welt nur einer«, dozierte Brustschwimmer Walter Kusch, 18, grienend: »Das bin ich.«

Zuerst hatte der Gymnasiast aus Hildesheim im Vorlauf bei den Deutschen Meisterschaften vorletzte Woche in der Münchner Olympia-Schwimmhalle unbeabsichtigt über 200 Meter Brust einen deutschen Rekord aufgestellt. Er erhaschte auf halber Strecke eine mäßige Zwischenzeit, die für einen Konkurrenten galt, und beschleunigte. Am Ziel schlug er in Rekordzeit an.

Dann ließ er sich im Endlauf, in dem er den Europarekord brechen wollte, auf den ersten 100 Metern zuviel Zeit und verfehlte die Bestzeit um drei Zehntelsekunden. Erst als er noch einmal auf Rekordjagd ging, glückte das Vorhaben. Über 100 Meter Brust verfehlte er den Weltrekord nur knapp.

Für beide Bruststrecken bei den Olympischen Spielen in München räumen ihm immer mehr Experten sogar Chancen auf Goldmedaillen ein. Über 100 Meter Brust schwamm in diesem Jahr noch keiner schneller, über 200 Meter nur der US-Weltrekordler Brian Job. Australiens Trainer Forbes Carlile: »Einen Brustschwimmer wie Kusch müßte man haben.«

Deutsche Trainer hatten solche Talente seit 70 Jahren häufiger. Ausgerechnet in der langsamsten Schwimmart waren Deutsche oft am schnellsten. Während sie in den anderen Stilarten selten in Medaillen schwammen. brüsteten sie sich in der zeitweilig bis zum Schönschwimmen hochstilisierten Kategorie der gemächlichen Gleiter mit 16 von 66 möglichen Medaillen bei elf Olympischen Spielen seit 1904. Ein Grund: Schwimmunterricht an Schulen und in Badeanstalten begann und beschränkte sich oft auf den Bruststil.

1904 in St. Louis überließen die Deutschen der Konkurrenz von drei Medaillen nur die bronzene. Anders als die Freistilschwimmer, die in nahezu jeder Lage und mit bisweilen komischen Verrenkungen zum Ziel planschten, mußten sich die Brustschwimmer mit steifem Nacken und ohne zur Seite zu blicken ihren Wasserweg bahnen. So verfehlte der Berliner Georg Zacharias den Wendebalken und drehte erst drei Meter dahinter bei: Er siegte dennoch -- in Weltrekordzeit.

Als nach dem Ersten Weltkrieg 1928 deutsche Athleten wieder zur Olympiade eingeladen wurden, gewann der Magdeburger Weltrekordler Erich ("Ete") Rademacher Silber; Vierter wurde der Hamburger Erwin Sietas.

Damals dominierten erstmals auch deutsche Brustschwimmerinnen: Gold für Hildegard Schrader und Bronze für Lotte Mühe. 1936 im eigenen Land erfüllten die Brustschwimmer mit zwei Silbermedaillen ihre Olympiapflicht.

Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg, als deutsche Schwimmer bei der Medaillenverteilung immer mehr untertauchten. behielten die Brustschwimmer den Kopf oben. Weltrekordler Herbert Klein gewann 1952 wenigstens Bronze. Dafür erschwamm 1956 die Hausfrau Ursula Happe Gold.

1970 warf sich ein Hildesheimer Schuljunge bei den Europameisterschaften erfolgreich in die Brust: Walter Kusch gewann die Bronzemedaille. Anders als die meisten Schwimmer, die auf den ersten 100 Metern, begünstigt vor allem durch den Startsprung, schneller waren, erreichte Kusch erst auf den zweiten 100 Metern sein Höchsttempo. Zudem arbeitete er mit starkem Hüftschwung und einer kleinen Beingrätsche. so daß Rivalen gleich mißtrauisch in den Schwimmregeln nachblätterten, ob das zulässig sei. Es ist.

Kusch rasierte sich gleich anderen Spitzenschwimmern Arme und Beine glatt, um Zehntel- und Hundertstelsekunden herauszuschinden. Nur sein langes Kopf haar mochte er nicht stutzen. Auf Vorhaltungen. daß er nie im Samson-Look Olympiasieger werden könne. antwortete er: »Sie wissen ja nicht, wie lang oder wie kurz meine Haare bei den Olympischen Spielen sein werden.«

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