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BOXEN Champ aus dem Knast

Der Promoter Klaus-Peter Kohl hat sich die Resozialisierung eines Verurteilten vorgenommen: In drei Jahren soll der Mann Weltmeister sein.
aus DER SPIEGEL 50/1999

Der Boxprofi Jürgen Brähmer, 21, führt ein für sein Alter ungewöhnlich solides Leben. In der Woche steht er morgens um halb sieben auf, nach Hause kommt er nie später als halb acht. Und während seine Kollegen vom Hamburger Boxstall »Universum« bei einem Glas Wein den Tag ausklingen lassen, liegt der Mann vom Supermittel-Gewicht schon im Bett. Punkt 22 Uhr ist für ihn Zapfenstreich.

Den strengen Tagesablauf schreibt ihm ein Wohnungsgeber vor, der es mit der Hausordnung sehr ernst meint: Brähmers neun Quadratmeter großes Zimmer befindet sich in einem unscheinbaren Backsteinbau mit kleinen, vergitterten Fenstern. Hier, in der Jugendarrestanstalt Hamburg-Wandsbek, verbüßt der schlaksige Faustkämpfer, der 1996 auf Kuba Junioren-Weltmeister wurde, derzeit den Rest einer dreieinhalbjährigen Haftstrafe. Im Frühjahr dieses Jahres wurde der gebürtige Stralsunder wegen Einbruchs und Körperverletzung in Schwerin verurteilt. Die Ermittler sahen in Brähmer damals einen, »der auf dem toten Gleis steht«. Doch neuerdings erfährt das Leben des einst hoffnungslosen Falls eine wundersame Wendung.

Denn der Häftling mit dem Stoppelhaarschnitt ist die neueste Entdeckung eines Mannes, der weiß, wie man Box-Geschichten schreibt. Zuletzt managte der Hamburger Promoter Klaus-Peter Kohl die Ukrainer Wladimir und Witali Klitschko zu bundesweit umtosten Heroen. Mit dem Neuzugang aus dem Gefängnis bastelt der Universum-Chef nun an einem Box-Märchen, das die Erfolgsstory der K.-o.-Brüder noch toppen könnte.

Vom Knastbruder zum Champion. Der bisherige Verlauf der Karriere des drahtigen Boxers aus Mecklenburg-Vorpommern erfüllt alle Anforderungen an eine erstklassige Milieusaga: Als eines von sieben Kindern wächst Brähmer in Stralsund auf. Mutter Heike ist mit der Erziehung oft überfordert, sein Vater Klaus ist auch kein rechtes Vorbild. Gern erzählt er, wie er früher bei Streitigkeiten »ooch schon mal ordentlich zulangte«.

Halt findet der Spross nur beim Boxen. Schon bald gilt Brähmer als Ausnahmetalent. Er wechselt in das Boxinternat des renommierten Schweriner SC. Nach seinem Sieg bei der Juniorenweltmeisterschaft gewinnt er auch souverän den Titel des deutschen Amateurmeisters. Erster Gratulant ist der damalige Ministerpräsident Berndt Seite.

Doch auch abseits des Ringgevierts lässt der wortkarge Zeitgenosse nun zunehmend die Fäuste fliegen. Einmal hat er 2,8 Promille intus, als er nach einem Kneipenabend einen jungen Mann vermöbelt.

Nach zahlreichen Gerichtsterminen kommt Brähmer im August 1998 in Haft. Er ist gerade 19 Jahre alt, als er das Klischee des gescheiterten Boxers verkörpert: Karriere versoffen, Zukunft vergeigt. Endstation Knast?

Sechzehn Monate später sitzt Jürgen Brähmer dekoriert mit einer Weihnachtsmann-Zipfelmütze im Universum Box-Zentrum und posiert, eingerahmt von einer schönen blonden Frau und den berühmten Klitschko-Brüdern, für ein Adventsfoto. Inzwischen hat er einen Vertrag bei der derzeit führenden deutschen Profischmiede. Vergangenes Wochenende bestritt er im Rahmenprogramm von Witali Klitschkos WM-Titelverteidigung seinen ersten Kampf als Berufssportler.

Jürgen Brähmer findet vor lauter Schüchternheit keine Worte. Er zuckt mit den Achseln und macht ein Gesicht wie einer, der sich selbst schon abgeschrieben hatte. Denn so viel ist ihm klar: »Ich hab hier meine letzte Chance.«

Brähmers letzte Chance war im Frühling 1999 in Person von Promoter Kohl erschienen. Über seinen Rechtsanwalt Peter Wulf lässt der Universum-Boss durchsetzen, dass Brähmer vom Gefängnis in Neubrandenburg in die Hamburger Haftanstalt Hahnöversand verlegt wird. Am Ende der beispiellosen Transaktion wird ein Schweriner Richter sagen: »Es war wie eine Entführung.«

Michael Timm, Coach im Universum-Stall, übernimmt die Betreuung Brähmers. Beide sind seit ihrer gemeinsamen Zeit beim Schweriner SC befreundet. Timm, 37, sieht in der Aufgabe eine höhere Pflicht. Wenn ein Sportler so wie Brähmer abstürze, so sieht das der Vater von zwei Kindern, »dann hat man auch als Trainer versagt«.

Zweimal pro Woche übt Timm als »freier Vollzugshelfer« mit seinem Zögling in der Sporthalle des Gefängnisses auf der Elb-Insel. Er sorgt auch dafür, dass seinem Schüler die Motivation nicht abhanden kommt. Während einer Trainingseinheit kündigt er beiläufig an, dass Weltmeister Dariusz Michalczewski kommen werde. Minuten später dröhnt ein Hubschrauber über dem Hof der Haftanstalt. Heraus winkt der Universum-Star.

Die rührende Fürsorge - neulich hatte Brähmer einen Termin beim Logopäden, der ihm das Stottern abgewöhnen soll - geschieht nicht nur aus Nächstenliebe. Der Faustkämpfer aus Ostdeutschland, der mittlerweile Freigänger ist und täglich mit dem Kohl-Team trainiert, verspricht vor allem Rendite.

»Kalt wie ein Fisch« gehe das »Jahrhunderttalent« im Ring zu Werke, rühmt Universum-Anwalt Wulf, 1974 selbst Deutscher Meister im Mittelgewicht. Kein Zweifel, dass sich die »Resozialisierung« Brähmers, der demnächst eine Wohnung für seine freien Wochenenden beziehen wird, lohnen werde. In maximal drei Jahren »ist der Jürgen Weltmeister«.

Klaus-Peter Kohl, der Investor, weiß, was eine Karriere von ganz unten wert sein kann. Die Film- und Buchrechte an der Story hat sich der Universum-Chef schon mal sichern lassen. GERHARD PFEIL

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