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Cobi treibt's mit allen

aus DER SPIEGEL 31/1992

Man wird wohl nie erfahren, was Gustavo Gorriaran von der Herrentoilette des »Nick Havanna« hält, dieser Kultstätte der olympischen Familie. Wo in gewöhnlichen Pinten ein kleines weißes Porzellanbecken das Naß des Gastes aufnimmt, stürzt in Barcelonas ultimativer Bar ein breiter Wasserfall von der Decke, bedeckt den großen Spiegel, gegen den die Männer neonfarben schiffen, und reißt ihre Notdurft fort, hinab in die Katakomben Kataloniens.

Daheim in Uruguay sucht Gustavo Gorriaran selten Bodegas auf, er führt das Leben eines richtigen Athleten. Täglich vier Stunden lang zieht er seine Bahnen in der städtischen Schwimmanstalt, nur gestört von den Badenden, die er umkurvt.

Nach dem Training verspürt der 22jährige kaum Neigung, sich in das wenig aufregende Nachtleben seiner Heimat zu stürzen. Und jetzt, da er zu Gast ist in der Welthauptstadt der Bars, in der Metropole des ausgefallenen _(* Generalprobe in der vorigen Woche. ) Geschmacks, im Zentrum der Nacht, da denkt er Tag und Nacht nur an den Vorlauf über 200 Meter Brustschwimmen.

Gorriaran ist mehrfacher uruguayischer Meister über diese Distanz; von Olympia träumt er seit seinem siebten Lebensjahr; gesponsert wird er von seinen Eltern; seine Badehose hat er selbst gekauft - Baron de Coubertin hätte ihm stolz übers schwarze Haar gestrichen. Für den amtierenden Vater der olympischen Familie, Juan Antonio Samaranch, ist Gorriaran allerdings einer jener Touristen, die nichts mehr zu suchen haben bei den modernen Spielen: Seine Bestzeit liegt zehn Sekunden über dem Weltrekord.

Weil das Nationale Olympische Komitee Uruguays Gorriarans Trainer den Flug nicht bezahlen wollte, hat sich der Sohn eines Taxifahrers und einer Kinokartenabreißerin allein auf den Weg ins olympische Dorf gemacht. Er ist Uruguays einziger Schwimmer, und darum ist er auch sein eigener Funktionär.

Wenn er Trainingszeiten im Olympiabad ergattern will, schlüpft er in den Funktionärsanzug. Am Beckenrand sitzt er dann in T-Shirt und Shorts, geduldig wie ein Autogrammsammler und zu unscheinbar, um den australischen Anabol-Riesen Respekt einzujagen, die noch immer in seinem Trainingsrevier durchs Wasser pflügen.

Am liebsten zieht er so lange seine Bahnen, bis er allein ist in dem riesigen Bad. Die Jungs mit den glattrasierten Schädeln sind gegangen und mit ihnen ihre Beckenrandschreier; die Sonne steht tief; vor sich hat Uruguays Hoffnung nur das weite, glatte Wasser und den Olympiasieg.

Am Samstag, als Gorriaran hinter der Fahne Uruguays ins Olympiastadion marschierte, hat er über die TV-Kameras seinen Eltern zugewunken und seinen Freunden, die nicht schwimmen, aber ihm in ihrer Bodega Mut machen.

Figuren wie aus tiefen Kinderträumen sind im Stadion über den blauen Rasen gehuscht, Fabeltiere, Seeräuber und Kraken, vereint zu einer Show, die so war wie diese Olympischen Spiele von Barcelona sein werden. Höher, größer, schöner.

Seit Gorriaran und seine 9568 Mitstreiter den olympischen Boden betreten haben, sind sie von Schönheit umstellt. Als seien sie in Wahrheit Gäste einer Designer-Olympiade, eilen die Athleten von gestalterischer Höchstleistung zu gestalterischer Höchstleistung: vom Designer-Flughafen (Bofill) zum Designer-Dorf (Bohigas), aus dem Designer-Sportpalast (Isozaki) zum Designer-See (Mariscal), mit der Designer-Fackel (Ricard) zur Designer-Flamme (anonym), nach der Designer-Zeremonie (Bassat) durch die Designer-Bar (Arribas) ins Designer-Klo (Mariscal).

War 1936 Jesse Owens der Star der Spiele, 1972 Mark Spitz und 1988 Ben Johnson, so wird 1992 ein Mann namens Xavier Mariscal alle anderen Olympioniken überstrahlen.

Bereits vor Beginn der Spiele stellte sich der größte Designer der olympischen Geschichte aufs Podest und präsentierte das Ergebnis seines fünfjährigen Design-Marathons: ein 260-Seiten-Buch voller Mutationen eines katalanischen Berghundes namens »Cobi«.

Nicht die Millionen, die Mariscal mit dem Olympiamaskottchen macht, verdienen Bewunderung, sondern die Kraft und Freude, mit der dieser Meister der spanischen Designer die Olympiade mißbraucht: Nicht Cobi macht Olympia bekannt, Olympia soll Cobi bekannt machen, so bekannt wie Mickey Mouse. Bisher schon sechs Cobi-Comic-Bände sollen dafür sorgen, daß die erste kubistische Comicfigur nach Verlöschen der olympischen Flamme unsterblich wird.

Während der Diktatur Francos fiel Mariscal durch regierungsfeindliche Comics auf; durch körperfeindliche Barhocker machte er nach Francos Tod von sich reden; und nun wird er durch einen industriefreundlichen Hund weltberühmt: Cobi säuft Coke und Estrella-Bier, Cobi fährt Seat und ißt Mars, Cobi treibt''s mit allen Sponsoren.

Der Ästhetik der Franco-Diktatur ließ Barcelonas Designeria die Diktatur der Ästhetik folgen: Ihr gestalterischer Fanatismus fängt beim Handtuchautomaten an und hört beim Seifenspender noch längst nicht auf.

Diese Kultur des Scheins hat in Mariscal den Anführer gefunden und in der olympischen Bewegung den Geistesverwandten und Geldgeber, und so wurde aus Barcelona in sechsjährigem, sechs Milliarden Dollar teurem Lifting die schönste Stadt der olympischen Geschichte.

Barcelona ist - dank nicht unwesentlicher Vorarbeiten von Gaudi, Miro, Picasso und anderen - so schön, so rund, so edel, daß der Eröffnungsfeier gleich die Schlußfeier hätte folgen müssen: Schweiß, Blut und Urin können das hehre Bild dieser Spiele nur verdüstern.

Kein Weltrekord, kein Dopingfall, kein Attentat ist mehr nötig: Die Spiele von Barcelona sind so symbolträchtig, daß sie schon jetzt in die Geschichte eingehen, als Spiele der neuen Dimension.

1936 sollten in Barcelona schon einmal Olympische Spiele stattfinden, doch das IOC gab sie nach Berlin. Seither waren die Olympiaden Instrumente im Kampf der Systeme, mal von den Nazis genutzt, mal von den Kommunisten, mal von den Amerikanern.

Wenn Gustavo Gorriaran am Mittwoch zum Vorlauf über 200 Meter Brustschwimmen das olympische Bad betritt, wird ihm ein älterer Herr ein Handtuch überreichen und ihn zur Umkleidekabine führen. Er trägt einen grünen Trainingsanzug und ist einer der über hunderttausend freiwilligen Helfer dieser Spiele; bereits 1936 stand Lluis Correal, so ist sein Name, im Dienst Olympias. Damals sollte der 19jährige während der Eröffnungsfeier Fahnen schwingen und an den Schwimmwettbewerben teilnehmen.

Aus Protest gegen die Nazi-Spiele in Berlin waren 6000 Sportler aus 23 Ländern nach Barcelona geeilt, um eine »Volksolympiade« abzuhalten. Die Idee dieser Gegenspiele war in der Volkshochschule entstanden, in der Correal, von Beruf Drucker, am Abend Kraftsport betrieb und Philosophie studierte. Neben Landesmeistern sollten auch Sportler, die nicht zu den Besten zählten, teilnehmen dürfen; neben Boxern, Fußballern und Ringern waren auch Schachspieler, Zeichner und Segelflieger geladen; neben Länderdelegationen durften auch Stadtmannschaften und internationale Teams starten.

Viele dieser Ideen, meint Correal, würden auch den heutigen Spielen guttun, »aber im Fernsehen würden sie dann wohl nicht mehr übertragen«.

Die Sportler schliefen im Stadion oder bei Privatleuten. Am Vorabend des Eröffnungstages putschte General Franco gegen die Spanische Republik, Truppen zogen in Barcelona auf. Die Athleten flohen außer Landes oder griffen zu den Waffen und kämpften.

»Die meisten Organisatoren der Spiele von 1936 kann man da oben treffen«, sagt Correal und zeigt von der Tribüne des Schwimmstadions auf den Berg MontjuIc. Dort oben, auf dem Friedhof Sud-oest, liegen die Toten der Franco-Diktatur, in sechs Etagen gestapelt.

Damit Olympias Athleten nicht die langen Reihen der verglasten Grabkammern vor Augen haben, die von weitem aussehen wie das Leichenschauhaus eines Designers, setzte die Stadtverwaltung breite stählerne Sichtblenden vor den Friedhof.

Correal hat sich dort oben eine Nische reservieren lassen, neben seinen Sportfreunden von damals. Nach Francos Sieg mußte er für einige Monate ins Konzentrationslager, verlor seine Arbeit und die Mitgliedschaft im Schwimmverein. In seinem neuen Klub brachte er es später bis zum Präsidenten. Als jetzt Helfer gesucht wurden für die Olympischen Spiele, hat sich der 75jährige in die Liste eingetragen.

Seine politischen Freunde waren entsetzt, denn Correal ist immer noch der, der er 1936 war: ein Anarchist, der alles, was von oben kommt, ablehnt. Und wenn es in dieser Welt etwas gibt, daß von ganz oben kommt, dann ist es »dieses Fest der verschrobenen Herrchen«.

Der elegante Weißhaarige ist ein Feind »dieser Sport-Bourgeois«, aber ein Freund der Wassersportler, und darum streifte er schon Tage vor der Eröffnung der Spiele durch das Bad, inspizierte die Dopingkontrolle, die Pressetribüne und den Kampfrichterraum.

Im September, während der Behinderten-Olympiade, darf er selbst richten, beim Synchron-Ballett der Amputierten, aber jetzt, jetzt darf er nur Handtücher verteilen und nicht, wie er wollte, am Informationstisch für die Sportler sitzen. Natürlich wittert er dahinter eine Bösartigkeit des Internationalen Olympischen Komitees, das einen Anhänger Bakunins, einen Vertreter der freien Liebe, der freien Schule und der Selbstverwaltung, von wichtigen Aufgaben fernhalten möchte.

Gewalt wird von Correal während der Olympischen Spiele nicht ausgehen. Anschläge plant der Anarchist nicht, weil er »der Liebe näherstehe als dem Haß«. Mit Sätzen, die wie Keulen sind, drischt er allerdings auf diese Spiele ein, wann immer er kann. Er schimpft über die MP-Mündungen, in die man nun überall starrt; über die Polizeiheere, die größer sind als bei Francos Putsch; über den »olympischen Trust«, der die Sportler und die hunderttausend Helfer »ausbeutet«.

»Natürlich wissen wir, daß die unsere Begeisterung mißbrauchen«, sagt Correal, na und, ein Mückenstich mache keine Narben, »aber den Spaß, den lassen wir uns nicht auch noch rauben«. Sechs Frauenbeine ragen hinter ihm aus dem Wasser des Olympiabades, muskulös und schlank, von Walzerklängen sanft bewegt. Dem Synchronschwimmen gehört sein Herz: Als Klubpräsident regte er die Frauen seines Vereins an, mit dem Wasserballett zu beginnen.

Das war in den fünfziger Jahren; damals wurde sein Klub Europameister im Wasserball. Und Correal mußte gelegentlich zur Stadtverwaltung, um mehr Geld für seine Schwimmer loszueisen. Auf der anderen Seite des mächtigen Schreibtisches saß Francos Sportbeauftragter in Barcelona, »ein kleiner Aufsteiger mit großem Gehabe«, dem Sport nicht besonders zugetan, aber arrogant und geizig. Er machte Karriere. Nach dem Ende der Diktatur verschwand er aus Barcelona; am letzten Samstag war er wieder da, saß in der Ehrenloge des Olympiastadions, inzwischen mächtiger, als Franco je war: Als Präsident des IOC beherrscht Juan Antonio Samaranch die Welt des Sports.

Den Aufstieg seines Widersachers kommentiert Correal mit der gütigen Ironie des Mannes, der weiß, daß dem anderen die Macht gehört, ihm selbst aber die Moral. »Es mußte erst ein Katalane kommen, um aus Olympia das zu machen, was es jetzt ist.« Samaranch, der katalanische Bourgeois, habe aus dem Altherrenklub einen profitablen Geheimbund gemacht, so geldgierig wie eine Bank, so demokratisch wie Francos Regiment, sagt Correal, und er sagt es mit Abscheu und Bewunderung.

Tatsächlich ist Samaranch für die olympische Bewegung so richtungweisend wie Coubertin: Der Baron verschaffte Olympia die Ideale; der Bourgeois das Geld; Coubertin verpaßte den Spielen den Heiligenschein, Samaranch vergoldete ihn.

Zu einem strahlenden Markenartikel hat der francophile IOC-Präsident die Spiele gemacht; 516 Millionen Dollar gaben ihm 63 Firmen, um mit den fünf Ringen ihren Schreibmaschinen, Brillen oder Bieren die Illusionen olympischer Reinheit verleihen zu können.

Mit seinem Bekenntnis zum Kommerz hat Samaranch erreicht, daß es nichts mehr zu enthüllen gibt. Jetzt darf gelacht werden über die Einfältigkeit, mit der multinationale Konzerne ihre Millionen dem IOC hinterher- und zum Fenster hinauswerfen.

Am Fuße des MontjuIc ist er entbrannt, der Krieg der Sponsoren. Wie Kinder streiten sie sich darum, wer wo seine Pappschilder aufstellen darf, ob der IOC-Präsident Audi oder Mercedes fahren muß, wann der Athlet Asics oder Adidas tragen kann.

Wer wie Correal dazu neigt, an der Welt zu verzweifeln, der wird in Barcelona viele Anzeichen für ihren Niedergang entdecken. Den wird zum Kotzen bringen, wie ihm Coca-Cola, Mars und Uncle Ben''s Reis zum Ruhme des Sports in die Augen gestopft werden; den wird der Triumph der Heuchelei nerven; den wird der Siegeszug der Nationalismen anekeln.

Wer wie der Schwimmer Gorriaran dazu neigt, die Dinge lächelnd zu ertragen, der wird sich köstlich amüsieren.

Olympische Spiele sind die wahren Weltausstellungen; sie geben ziemlich genau Auskunft über den moralischen Zustand der Welt. Das war 1936 in Berlin so, 1968 in Mexiko, 1972 in München, 1980 in Moskau, 1984 in Los Angeles und 1988 in Seoul.

Die Spiele von Barcelona vermitteln den Völkern der Welt vor allem eine Botschaft: Geld macht glücklich! Olympia ist befreit vom Kampf der Systeme, jetzt läuft der Kapitalismus gegen sich selbst, und das erlaubt, jenseits des Medaillenspiegels, einen unverstellten Blick auf das Wesen der Olympiade.

Die Spiele der neuen Neuzeit, die 1992 in Barcelona begonnen hat, sind nicht mehr Wettkämpfe des Kalten Krieges, sondern pure 28-Milliarden-Dollar-Shows, bei denen die besten Athleten der Erde nicht mehr zum Ruhme des Sports, sondern zum Wohle der Sponsoren, der Fernsehanstalten und des IOC gegeneinander kämpfen.

Für die 17 000 Großen und Reichen dieser Welt, die mit Jet und Jacht nach Barcelona strebten, ist die Olympiade die größte Party der Saison.

Für die Milliarden Fernsehzuschauer ist sie eine 16tägige Reality-Show, ein Potpourri aus »Sportschau«, »Notruf« und »Auf Leben und Tod«, nur schneller, besser, echter.

Für Lluis Correal sind die Spiele eine Bühne, auf der die Katalanen der Welt zeigen können, daß Franco sie nicht kleingekriegt hat. Denn noch mehr als die Anarchie und das Schwimmen liebt Correal die Katalanen, dieses Sechs-Millionen-Volk rund um Barcelona, das unter Franco seine Sprache verloren hatte.

Als Freitag nacht die Olympische Flamme Barcelona vom Meer erreichte, unter dem Gedröhne von Schiffssirenen und den Detonationen von Tausenden Feuerwerkskörpern, da ist es, als habe Katalonien noch rechtzeitig vor den Spielen seine Unabhängigkeit von Spanien ausgerufen. Hunderttausende säumen kreischend den stundenlangen Weg des Feuers durch die Stadt, schwenken die rot-gelbe Fahne der Katalanen und rufen: »Freiheit für Katalonien.«

Am stahlschwarzen Himmel über Barcelona schwebt an diesem Abend der strahlende Zeppelin, auf dem Cobi die Athleten ermahnt, »Friends for Life«, Freunde fürs Leben, zu werden.

Von der Dachterrasse der Bar »Torres de Avila«, die Mariscal gestaltet hat wie eine Kneipe zwischen Mond und Sonne, wirkt dieser glühende Himmelskörper wie der Bote aus einer weit zurück oder weit voraus liegenden Welt.

Ein paar hundert Meter entfernt sehen die Cocktail-Schlürfer einen brennenden Pfeil im weiten Bogen durch die Nacht fliegen, noch einen und noch einen, schnell wie eine Sternschnuppe. Immer wieder übt der unsichtbare Schütze, die olympische Feuerschale zu treffen. Er trifft sie nie, aber trotzdem schießt die Flamme jedesmal empor - eines dieser vielen Wunder, die zwei Wochen lang vom Olymp, dieser Welt des Scheins, zu vermelden sein werden.

Im »Nick Havanna« hingegen, der Bar mit der Wasserfallspülung, surren im Vorraum der Toilette die Meldungen dieser Welt aus dem Fernschreiber, zur schnellen Information des rasenden Trinkers: Moskau: Miss-Brust-Wettbewerb 1992 mit 30 Teilnehmerinnen - USA: Über 2000 Schwimmverbote wegen Umweltverschmutzung - Irak droht neuer Militärschlag - Jugoslawien/ Flüchtlinge: Zweiter Sonderzug abgefahren.

Nebenan im schicken »Zsa-Zsa«, einer der 12 000 Bars in Barcelona, in denen sich die olympische Familie in diesen Tagen näherkommt, finden sich nicht Freunde fürs Leben, aber Freunde für eine Nacht. Sie erkennen einander an den Plaketten, die ihnen die olympische Bürokratie um den Hals gehängt hat. »F« heißt »Athlet«, »E« bedeutet »Journalist«, »CNO« heißt »Nationales Olympisches Komitee«.

Die Toiletten des »Zsa-Zsa« sind außerordentlich einladend, was sehr wichtig ist für Olympische Spiele, bei denen letztendlich der Urin entscheidet über Sieg und Niederlage. Alle halbe Stunde wechselt das Licht in der rundum verglasten Bar, und dann können die Olympioniken durch das Glas und den Schein hindurchsehen: Bols, Mirabelle, Tequilla, Cointreau, Metaxa, Old Kentucky Tavern, Mekong, Barack Palinka, Havana Club, China Martini, Ballantines, Moskovskaya - Jugend der Welt, die Spiele können beginnen!

Gustavo Gorriaran verbringt seine Abende im olympischen Dorf, vor den Automaten in der dorfeigenen Spielhalle, in der die Athleten kosten- und gefahrenlos Rennen, Zehnkämpfe und Kriege gewinnen dürfen.

Verlogen wie Weihnachten findet der Schwimmer aus Uruguay Olympia, aber er hat 15 Jahre lang für Olympia trainiert. Ungerecht wie Cobi gegen Batman findet er Olympia, aber er tritt an gegen die Breitschultrigen mit den Sponsoren und den Spezialisten im Rücken und den Steroiden in den Bizeps.

Während des Morgentrainings hat er wieder ihre Wellen gespürt, die von den Nebenbahnen herüberschwappen. Schwimmt er seine Kilometer herunter - Kraulen, Brust, Kraulen, Brust -, denkt er wenig, schon gar nicht, wenn er Tempo macht, dann hat er nur seine Bewegungen im Kopf und seine Zeiten.

Während der ruhigen Strecken jedoch, da wechseln seine Gedanken gelegentlich die Bahn. Auch wenn sie dopen, auch wenn sie Reklame laufen, auch wenn irgendwann Profis mitschwimmen, auch wenn das IOC schließlich die Harlem Globetrotters teilnehmen läßt - Gorriaran glaubt nicht, daß »sie« seinen Traum kaputtkriegen werden. Es wird immer welche geben, die ihn sich erfüllen werden. »Ich bin hier, das ist das Höchste, das Maximum, ich kann mich nun zurückziehen«, sagt der Junge aus Uruguay.

* Generalprobe in der vorigen Woche.

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