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DOPING Cocktail aus der Badewanne

Die Entdeckung des Steroids THG zeigt, mit welch untauglichen Mitteln der Kampf gegen Doping nach wie vor geführt wird. Fahnder fordern nun eine Ausweitung der Analyseverfahren.
aus DER SPIEGEL 44/2003

Die Quelle allen Ungemachs liegt gut 20 Kilometer südlich von San Francisco. Ein braungelbes Bürogebäude in einem heruntergekommenen Gewerbepark. »Bay Area Laboratory Co-Operative«, kurz Balco, steht weiß auf himmelblau am Eingang. Die Türen sind verriegelt, die Fenster verspiegelt, der Parkplatz ist leer gefegt. Der Hausherr, Victor Conte, 53, hat sich mit seinen Anwälten verschanzt.

In diesem tristen Ambiente in Burlingame also, an der lärmenden Verkehrsader durchs Silicon Valley, sollen die Leistungsträger des amerikanischen Sports ein- und ausgegangen sein. Ob Prominenz aus früheren Zeiten wie Schwimmheros Matt Biondi und Weitsprung-Weltrekordler Mike Powell oder die aktuelle Garde wie Baseball-Star Barry Bonds und die Sprintkönigin Marion Jones: Sie alle haben Pillen oder Pülverchen aus der Werkstatt Victor Contes geschluckt. Zum Stolz seiner Firma zählte eine illustre Empfehlungsliste von »World-Class Olympic and Professional Athletes« auf der Balco-Homepage - vorigen Mittwoch hat er sie von der Internet-Seite genommen.

Denn seit vorvergangener Woche ist Balco, der Spezialist für Nahrungsergänzungsmittel, nicht mehr gesellschaftsfähig. Das Unternehmen steht im Verdacht, zehn Monate vor den Olympischen Spielen in Athen den größten Dopingskandal in der Geschichte der US-Leichtathletik ausgelöst zu haben. An dieser »Verschwörung von Chemikern, Trainern und Sportlern«, sagt Terry Madden, Chef der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada, seien »mehr Athleten beteiligt« als in allen bislang bekannten Fällen von »absichtlichem Betrug«.

Charles Yesalis, Professor für Gesundheitspolitik und Sportwissenschaft an der Pennsylvania State University, hält die Affäre für größer als den Eklat um Ben Johnson 1988, die Medikamentenfunde bei der Tour de France 1998, »vielleicht sogar als das Staatsdoping in der DDR«. Die Sache könnte hochgehen, sagt der Autor und Herausgeber mehrerer Dopingbücher, »wie ein atomarer Sprengkopf«.

Dass die Sportler den Fahndern in die Falle gegangen sind, verdanken diese einem Insider-Tipp: Im Juni schickte ein amerikanischer Leichtathletik-Trainer der Usada anonym eine benutzte Spritze mit Spuren einer unbekannten Substanz.

Das Beweisstück wurde weitergeleitet an das Doping-Kontrolllabor in Los Angeles. Drei Monate lang mühten sich der Molekular-Pharmakologe Don Catlin und acht seiner Mitarbeiter, den Stoff zu identifizieren. Dann war klar: Es handelt sich im Prinzip um das Steroid Gestrinon, dessen chemischer Aufbau durch Hinzufügen von vier Wasserstoffatomen verändert wurde. Die Forscher nannten die Mixtur deshalb Tetrahydrogestrinon, kurz THG.

Die Drogenfahnder waren elektrisiert. Usada-Chef Madden ließ 350 Urinproben von den nationalen Leichtathletik-Meisterschaften in Palo Alto auf THG überprüfen, dazu 200 von Trainingskontrollen. Ein Überraschungscoup: In mehr als 20 Fällen war die A-Probe positiv, darunter bei so bekannten Athleten wie dem Kugelstoßer Kevin Toth. Der Weltmeisterschafts-Vierte hatte seine persönliche Bestleistung in diesem Jahr um bemerkenswerte 48 Zentimeter steigern können.

Nützlich war auch Maddens Hinweis an den Internationalen Leichtathletik-Verband, den britischen 100-Meter-Europameister Dwain Chambers zu kontrollieren. In einer am 1. August in Saarbrücken entnommenen Urinprobe entdeckten die Wissenschaftler THG - womit die Affäre auch in Europa angekommen ist.

Über das Ausmaß des Sportbetrugs lässt sich erst urteilen, wenn die 30 weltweit vom Internationalen Olympischen Komitee akkreditierten Anti-Doping-Labors ihre Bestände auf THG geprüft haben. So wird zum Beispiel das Pariser Institut sämtliche 400 Urinproben, die während der Leichtathletik-WM eingesammelt wurden, ein zweites Mal analysieren. Gleiches hat der internationale Schwimmverband mit den Tests von den Weltmeisterschaften in Barcelona angekündigt. Und in Köln untersucht Wilhelm Schänzer nach Rücksprache mit der Nationalen Anti-Doping-Agentur rund tausend erreichbare Proben auf THG.

Es ist, als raste ein riesiger Meteorit auf die Sportwelt zu. David Howman, Generaldirektor der Welt-Anti-Doping-Agentur, spricht von einer »neuen Dimension des Dopings«, weil ein Präparat eigens zur Leistungssteigerung im Sport von privater Hand zusammengemischt worden sei. Doch wie lange THG schon benutzt wird, in welchem Umfang es produziert wurde und wie es bei den Aktiven wirkt - das alles ist noch völlig unklar.

Zu den offenen Fragen zählen auch mögliche Nebenwirkungen und Folgeschäden von THG. Niemand wisse, »wie giftig das Zeug für den Körper ist«, sagt Dopingfahnder Catlin. »Diejenigen, denen es nach dem Gebrauch schlecht geht, melden sich aus verständlichen Gründen ja kaum bei uns.«

Gefahren für den Organismus, erklärt Gary Wadler, Dopingexperte und Medizinprofessor an der New York University, seien erst nach Jahren oder Jahrzehnten abzuschätzen: »Der Stoff wurde schließlich nie auf Sicherheit, Reinheit und Effizienz getestet, sondern in einem Badezimmer oder einer Garage angerührt.« Wadler nennt diese Art von Designerdrogen »Badewannen-Chemie«.

Und damit liegt er wohl richtig. Denn der geheime Informant der Usada sagte aus, das Wundermittel stamme aus der Chemieküche des 1984 gegründeten Sportnahrungsherstellers Balco.

Unternehmenschef Victor Conte, von den sechziger Jahren bis in die frühen Achtziger als Bassist ein gefragter Band- und Studiomusiker, gilt in der Bodybuilding-Szene als eine Art Guru. So wirbt Balco für das Zink-Magnesium-Präparat ZMA, das den Testosteronspiegel um ein Drittel steigere. Doch »allein mit Zink und Magnesium können diese Werte nicht erreicht werden«, sagt der Schweizer Ernährungswissenschaftler Christof Mannhart. »Das ist ein plumpes Ablenkungsmanöver davon, was die sonst machen.«

Zimperlich im Umgang mit Starkmachern ist Conte, der durch Burlingame wahlweise mit einem Jaguar, BMW oder Mercedes kreuzt, nie gewesen. »Ich verurteile die Anwendung von Wachstumshormonen nicht«, gestand er etwa dem Fachblatt »Testosterone«. Er kenne »viele Sportler, die damit arbeiten und von enormen Vorteilen erzählen«. THG entwickelt zu haben, bestreitet Conte jedoch vehement. Sein Anwalt Troy Ellerman behauptet: »Gegen unseren Mandanten läuft ein Komplott.«

Doch viele Indizien sprechen gegen Conte. In seiner Kundenkartei führt er die Namen des 100-Meter-Olympiasiegers Linford Christie und des früheren Kugelstoß-Weltmeisters C. J. Hunter - beide Athleten wurden des Nandrolon-Dopings überführt und gaben an, von Conte verunreinigte Präparate erhalten zu haben.

Zudem befindet sich Balco schon länger im Visier der US-Finanzbehörde Internal Revenue Service und der Food and Drug Administration. Sie ermitteln wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung und auf Verstoß gegen das Lebensmittelgesetz. 40 Sportler haben eine Ladung vors Bundesgericht erhalten, um als Zeugen auszusagen. Die Untersuchungen begannen vorige Woche und werden bis Dezember dauern.

Die Dopingjäger versprechen sich dabei auch Erkenntnisse über den Handel mit THG. So könnte die Affäre ein Meilenstein sein für die Dopingbekämpfung in den USA, die sich bisher nicht gerade durch Beharrlichkeit und Effizienz ausgezeichnet hat. »Dieses Mal haben sie keinen Besen, der groß genug ist, um es unter den Teppich zu kehren«, sagt Professor Yesalis.

Der US-Leichtathletikverband hat angekündigt, Geldbußen bis zu 100 000 Dollar und lebenslange Sperren in seinen Strafenkatalog aufzunehmen. Aber was die Fahnder jetzt als Sieg im Feldzug gegen Doping verkaufen, beweist in Wahrheit ihre chronische Unterlegenheit.

THG konnte bisher nicht nachgewiesen werden, weil sich die Labors an ein Verfahrensprotokoll halten müssen. Bei der Analyse einer Urinprobe suchen sie nur nach jenen Steroiden, »die verboten sind und relevant waren«, sagt Klaus Müller, Leiter des Instituts für Dopinganalytik in Kreischa. Außerdem benötigt man das Dopingmittel als Referenzsubstanz - doch THG existierte für die Chemiker bis Juni ja gar nicht.

»Die Labors haben nicht offen gesucht«, kritisiert der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke, »sie haben nicht bei den Analysen immer mal wieder geschaut, ob irgendwo ungewöhnliche Spitzenwerte auftauchen, die unbekannt sind.«

Um dem Problem zu begegnen, »müssen wir neue Verfahren entwickeln«, sagt Dopingfahnder Don Catlin. Sein deutscher Kollege Müller will »in die Vorwärtsverteidigung gehen«. Da neue Muskelmacher in der Regel nur zufällig oder auf Grund von Indiskretionen entdeckt würden, müssten die Labors künftig verstärkt »ohne konkreten Hinweis nach neuen Dopingmitteln« suchen. Zumal »wir uns darauf einstellen müssen«, sagt Müller, »dass ein Fall wie THG wieder auftaucht, weil es eine große Palette an Steroiden gibt, die mit einer ähnlichen Technik verändert werden können«. Ein Chemiestudium, etwas Erfahrung mit Anabolika und ein geeignetes Equipment, da sind sich die Experten einig, reichten bislang aus, um einen nicht nachweisbaren Cocktail zu kreieren.

Dopingexperte Yesalis ist sich sogar sicher, dass schon längst weitere Designerdrogen auf dem Markt erhältlich sind: Wer etwas anderes glaube, sagt er, »der glaubt auch an den Weihnachtsmann«.

MAIK GROßEKATHÖFER, JOCHEN SIEGLE

Jochen Siegle
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