Shutdown-Folgen für den Amateursport "Die Entscheidung hat nachhaltige Auswirkungen auf unsere Vereine"

Auch der Amateursport ist vom Corona-Shutdown betroffen. Für Frust sorgt, dass viele Vereine viel Arbeit in Hygienekonzepte gesteckt haben - und der Sport gar nicht als Pandemietreiber galt.
Der Shutdown im Amatuersport sorgt für verwaiste Turnhallen (Symbolbild)

Der Shutdown im Amatuersport sorgt für verwaiste Turnhallen (Symbolbild)

Foto: Dana Kesnerova / dpa

Sebastian Ploog klingt begeistert, wenn er über seinen Parkour-Verein spricht, von der "besonderen Community", die er in Hamburg aufgebaut hat. Anfangs acht Stunden täglich - meist neben der Arbeit - haben er und seine Partner seit 2013 bis zur Eröffnung der Sportstätte gänzlich ehrenamtlich an der Verwirklichung ihres Traums gearbeitet, so erzählt er es am Telefon. Mit Erfolg: Bis zu 650 Mitglieder hatte der Verein zwischenzeitlich.

Doch Ploog hat Angst, dass das Erschaffene nun wieder zusammenbricht. Knapp 150 Mitglieder hat der Verein infolge des ersten Shutdowns im Frühjahr verloren, Einnahmen sind weggebrochen. Und nun geht es wieder los. "Wir müssen die Halle schließen, es gibt keine Angebote mehr, unsere Mitarbeiter müssen in Kurzarbeit", sagt er: "Es ist eine große Belastung, und der Fortbestand des Vereins ist existenziell bedroht."

Der erneute Shutdown trifft auch den Amateur- und Breitensport hart. "Es ist eine bittere Entscheidung und hat nachhaltige Auswirkungen auf unsere Vereine", sagt Thomas Härtel vom Landessportbund Berlin dem SPIEGEL, auch sein Kollege Ralph Lehnert aus Hamburg spricht von einer "schwierigen Situation". Man wolle zwar seinen Beitrag leisten, um die Pandemie einzudämmen, sagt Härtel, aber: "Ich habe kein Verständnis, dass die Lage nicht differenziert betrachtet worden ist."

"Der Sport ist sicher kein Hotspot"

Thomas Härtel vom Landessportbund Berlin

Die Sportvereine hätten in den vergangenen Wochen und Monaten umfangreiche Hygienekonzepte entwickelt, und die Mitglieder hätten sich diszipliniert daran gehalten, sagt Lehnert. Auch Frank-Michael Rall, Pressesprecher des Landessportbunds NRW, Dachverband für 126 Mitgliedsorganisationen mit rund 18.000 Sportvereinen, sagt: "Unsere Vereine haben in den vergangenen Monaten mit vielen kreativen Lösungen und großer Disziplin versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Dann ist es schon bitter, wenn der Sportbetrieb trotzdem gestoppt wird."

Unklar ist, wie groß der Effekt der Maßnahme sein wird. Denn als Pandemietreiber war der Amateursport - auch wegen der vielen Hygienekonzepte – nicht aufgefallen. "Der Sport ist sicher kein Hotspot", sagt Härtel aus Berlin. Ähnlich äußern sich auch seine Kollegen aus Hamburg und NRW. "Zuletzt wurden im Fußballbereich auf Regionalliga- oder Oberliga-Ebene ein paar Fälle bekannt, aber es ist wirklich nicht erkennbar, dass gerade der Breitensport ein großer Virusverbreiter wäre", sagt Rall.

Die Vorsitzende des Sportausschuss des Bundestags, Dagmar Freitag, sieht das ähnlich: "Sportveranstaltungen unter Einhaltung stringenter Hygienekonzepte sind weder im Profi- noch im Breitensport als Superspreader aufgefallen." Aktuelle Zahlen dazu gibt es nicht. Die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung teilte auf SPIEGEL-Anfrage mit: "In Berlin lassen sich nur noch acht Prozent der Fälle Ausbrüchen zuordnen. Bei rund 90 Prozent der Fälle ist die Infektionsquelle dementsprechend nicht eindeutig festzustellen."

Fälle bei Indoorsportarten, in Fitnessstudios und Umkleiden

Das Gesundheitsministerium NRW verweist auf eine Untersuchung von Anfang Oktober, aus der hervorgehe, dass vier Prozent der erfassten Fälle, die zurückverfolgt werden konnten, unter dem Aspekt Freizeit, zu dem auch Vereine gehören, zusammengefasst werden können. Allerdings war damals lediglich in 57 Prozent der Fälle überhaupt das Infektionsumfeld bekannt.

Die Gesundheitsbehörde Hamburg teilt mit: "Wir können nicht spezifisch sagen, wie viele Fälle auf den Breitensport zurückzuführen sind, weil wir Infektionsumfelder nicht nach dieser Kategorie auswerten können." Man wisse aber, dass es bei Indoorsportarten, Fitnessstudios und Umkleiden Fälle gegeben habe. Die Behörde betont, dass der Shutdown nicht gezielt den Breitensport treffen soll, sondern dass die Begegnungsanlässe insgesamt reduziert werden sollen.

Die Maßnahmen werden die Vereine vor wirtschaftliche Herausforderungen stellen. Die Landessportverbände glauben aber nicht, dass allzu viele Vereine tatsächlich in ihrer Existenz bedroht sind. "Wir erkennen kein Vereinssterben. Die Mitgliederzahl ist nach dem ersten Shutdown weitgehend stabil geblieben, bei einigen Vereinen ist sie jedoch bis zu zehn Prozent aufgrund fehlender Neueintritte zurückgegangen", sagt Lehnert vom HSB. "Wir haben große Sorgen, aber es gibt nach unserem Wissen keine Vereine, die dramatisch am Existenzminimum knapsen", ergänzt Härtel.

Alle Bundesländer haben Fördertöpfe

Viele Vereine haben beim ersten Shutdown erlebt, dass ihre Mitglieder treu geblieben sind - auch wenn es wie beim Parkour-Verein aus Hamburg Gegenbeispiele gibt. Schwierig war es für Vereine, die zeitlich gebundene Zusatzangebote anbieten. Diese Einnahmen fallen nun natürlich weg. Es gibt auch Befürchtungen, dass die Mitglieder beim zweiten Shutdown weniger Vereinstreue zeigen – und doch kündigen.

Es gibt eine Reihe von Fördertöpfen, die den Vereinen zur Verfügung stehen. In Hamburg gibt es den Corona-Nothilfe-Fonds Sport, der noch etwa 2,5 Millionen Euro Steuergelder bereithält. In Berlin verwaltet der LSB einen Rettungsschirm über sechs Millionen Euro selbst, sagt Härtel, davon wurden bislang 1,2 Millionen Euro ausgezahlt. "Zu gegebener Zeit werden wir mit dem Berliner Senat Gespräche führen, sollte der Rettungsschirm aufgestockt werden müssen."  

"Sport leistet gerade in Krisen einen erheblichen Beitrag zum Zusammenhalt"

In NRW wurde vor einigen Monaten die Soforthilfe Sport mit einem Volumen von zehn Millionen Euro aufgesetzt, von dem Geld ist noch etwas mehr als ein Drittel verfügbar, sagt Rall. Dazu gab es zusätzlich drei Millionen Euro zur Förderung von Übungsleitungen. Zudem ist für nächste Woche ein weiterer Sondertopf des Landes über 15 Millionen Euro in Planung, speziell für Viertligisten, die von fehlenden Ticketerlösen betroffen sind.

Härtel hofft, dass zumindest Angebote für Kinder und Jugendliche bestehen bleiben oder Familien unter sich die Sportanlagen nutzen können. "Das digitale Angebot wird noch wichtiger werden. Und wir setzen darauf, dass Sportangebote durch Schulen und Kitas weiter möglich bleiben."

Beim Breitensport gehe es ja nicht nur ums Vergnügen, sagt Lehnert aus Hamburg. "Er hat auch eine gesellschaftliche Funktion, ist wichtig für Gesundheit, das soziale Miteinander, für die Entwicklung der Jugend", sagt der HSB-Vorstandsvorsitzende: "Sport leistet gerade in Krisen einen erheblichen Beitrag zum Zusammenhalt."

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