Virtueller Marathon Bestzeit - aber die Magie fehlt

Mit virtuellen Wettkämpfen reagieren Veranstalter auf die Absage von Marathonrennen. Aber macht das wirklich Spaß, 42,195 Kilometer laufen, ohne Zuschauer, ganz allein? Ein Selbstversuch.
Viele Veranstaltungen fallen aus, Laufen ist aber auch in der Coronakrise weiter erlaubt (Symobolfoto)

Viele Veranstaltungen fallen aus, Laufen ist aber auch in der Coronakrise weiter erlaubt (Symobolfoto)

Foto: Julian Stratenschulte/ picture alliance/dpa

Anfang April hatte es noch nach einer Schnapsidee geklungen. "Auf keinen Fall laufe ich allein einen Marathon", hatte ich einem Kumpel geantwortet, als er wissen wollte, ob ich mir so etwas vorstellen könnte - einen Marathon solo zu laufen, ohne eine echte Veranstaltung drumherum. Wir waren da gerade einen Halbmarathon gelaufen, als Ersatz für den ausgefallenen Lauf in Berlin, an dem wir eigentlich hatten teilnehmen wollen.

Aber die doppelte Distanz, 42,195 Kilometer, ohne Zuschauer am Seitenrand, ohne Trinkstationen, ohne Mitstreiter, die auf den letzten Kilometern genauso platt sind? Einen Marathon in Eigenregie laufen? Mir war klar: Da fehlt das Adrenalin, das schaffe ich nicht. Schnapsidee, abgehakt.

In den vergangenen drei Wochen ist eigentlich nicht viel passiert, was meine Meinung geändert haben könnte. Vielleicht ist das auch schon der Grund, warum ich sie doch geändert habe. Es ist halt nichts los, und so trainierte ich weiter - und am vergangenen Samstag bin ich dann doch einen Marathon gelaufen, allein, quer durch Hamburg, mit meiner Laufuhr mit GPS-Signal und eigener Verpflegung.

Das geschah ohne den ganzen Zirkus, der einen Marathon eigentlich so besonders macht, ohne Startnummer, ohne die schlaflose Nacht im Vorfeld, weil vor lauter Aufregung der Körper nicht zur Ruhe kommen will. Ohne den letzten Sprint zu einem Dixi-Klo, kurz bevor der Startschuss ertönt. Ohne die Umarmung mit einer wildfremden Person, einem anderen Läufer, der es im selben Moment wie man selbst über die Ziellinie geschafft hat.

Gratulation per E-Mail

Als ich am Samstag auf den Hamburger Landungsbrücken die letzten Meter geschafft hatte, gab es zumindest mal eine Medaille, eine virtuelle. Sie kam per E-Mail vom Düsseldorf-Marathon , der seinen Wettkampf wegen der Corona-Pandemie absagen musste, ihn aber als virtuellen Wettkampf austrägt und mich mit dieser Idee als Teilnehmer gewinnen konnte (Hier erfahren Sie, wie das geht ).

Ein Stück Kreide, eine Ziellinie

Ein Stück Kreide, eine Ziellinie

Foto: privat

Und nun sitze ich dort, erschöpft, mitten auf den Landungsbrücken, hinter einer Ziellinie, die ich schnell mit einem Stück Kreide gezogen hatte, als die Kilometeranzeige der Laufuhr auf 42,2 Kilometer sprang. Normalerweise ist dieser Ort ein Hotspot für Touristen, es riecht nach Fischbrötchen, Pommes und Bier, aber derzeit haben fast alle Buden zu. Jetzt ist man hier an einem Samstagvormittag praktisch allein, und es riecht nur nach den zermanschten Resten meiner zwei Bananen, die sich in meinem Laufrucksack verteilt und alles vollgeschmiert haben.

Dieses Bild, wie ich dort sitze, hat sich bei mir eingebrannt. Wahrscheinlich deshalb, weil es ein Foto davon gibt. Ein Freund hatte mich auf den letzten Kilometern mit seinem Fahrrad begleitet, mir gut zugeredet ("Jetzt nur noch den Berg runter", rief er, als noch fünf Kilometer zu laufen waren, also der härteste Teil), er hat die Dokumentation übernommen, ein Finisher-Foto gemacht.

Aber sonst ist mir von diesem Lauf sehr wenig in Erinnerung geblieben. Schon jetzt, wenige Tage später, ist alles sehr verschwommen. Das ist so merkwürdig, weil ich von meinen anderen Marathonrennen noch so viel weiß.

Wie mich vor einem Jahr ein niederländischer Läufer ins Marathonziel trieb, als ich kurz vor der Aufgabe stand. Mit seinem zersausten Haar erinnerte er mich an den niederländischen Fußballtrainer Gertjan Verbeek. Er hieß sogar Gertjan und konnte sich auch so herrlich aufregen wie Verbeek. Obwohl auch er schwer erschöpft war, hatte er noch genug Kraft, mich anzuschreien. "Heulen kannst du morgen", schrie er mich zur Motivation an. Die Angst vor ihm trieb mich so an, dass ich das Ziel wenige Sekunden vor ihm erreichte.

Oder wie mir mal ein kleiner Junge vom Straßenrand eine volle Flasche Wasser für die letzten Kilometer reichte. Einfach so, ein Riesengeschenk eigentlich in der Schlussphase eines Marathons. Aber ich dachte ernsthaft darüber nach, ob der Junge K.o.-Tropfen ins Wasser gemischt haben könnte - und schmiss die Flasche wieder weg. Erschöpfung frisst Glaube an Unschuld.

Geschichten, die hängen blieben

Oder wie beim Marathon in Paris die Zuschauer uns Läufern "Courage" zuriefen, und wie sie daran scheiterten meinem Vornamen, der auf meiner Startnummer stand, richtig auszusprechen: "Courage, Sean", "Courage, Dschan". Auf Französisch klingt auch das Falsche richtig, und es klingt noch heute schön, wenn ich an die Anfeuerungsrufe zurückdenke.

Wenn ich aus rein sportlicher Sicht meine bisherigen fünf Marathonsstarts betrachte, muss ich konstatieren: Meine Zielzeit, die habe ich bisher praktisch immer verpasst. Und in dem Moment, in dem das Adrenalin und die Freude über den Zieleinlauf nachlässt, hat auch immer etwas Enttäuschung bei mir eingesetzt. Man fragt sich, woran es gelegen hat. Man weiß es nicht, man grübelt weiter.

Aber so plötzlich dieser Hauch von Enttäuschung eingesetzt hat, so schnell ist er auch immer wieder verflogen. Weil da eben diese Geschichten sind, die man während des Laufs erlebt hat, die in keinem Ergebnis auftauchen, die aber hängenbleiben und aus dem Wettkampf ein schönes Erlebnis gemacht haben.

"Virtueller Düsseldorf-Marathon" - das war meine Laufstrecke: Start im Hamburger Grindelviertel, Ziel im Hamburger Hafen

"Virtueller Düsseldorf-Marathon" - das war meine Laufstrecke: Start im Hamburger Grindelviertel, Ziel im Hamburger Hafen

Der virtuelle Düsseldorf-Marathon am Samstag war nun mein sechster Marathonstart, und ich habe ihn sogar in einer persönlichen Bestzeit beendet. Das ist kurios, da ich mich auf die echten Veranstaltungen in der Vergangenheit viel bewusster vorbereitet hatte. Außerdem fehlte alles, was einem den Lauf erträglicher macht: abgesperrte Straßen, Verpflegungspunkte, Anfeuerung. Vielleicht gelang die gute Zeit, weil auch der Druck fehlte, den man vor einem Wettkampf selbst als Breitensportler spürt. Man will es nicht vermasseln. Diesmal konnte ich erst recht nichts vermasseln.

Aber die Zeit war sehr schnell Nebensache. Mich trieb eher die Frage um, was von diesem Lauf mal hängen bleiben wird.

Die Zeit ist der Kompass, aber sie ist nicht alles

Ich glaube, es sind vor allem die Schmerzen in den Oberschenkeln, die auch noch drei Tage später den Gang erschweren. Der übliche Muskelkater eben. Aber die motivierenden Geschichten, das Miteinander, das wird in der Erinnerung fehlen.

Deswegen bleibt wahrscheinlich auch eine Erkenntnis hängen: Für einen Amateur wie mich wird die 42,195-Kilometer-Distanz nicht dadurch magisch, weil ich irgendeine Zeit erreicht habe. Sicher. Sie ist wichtig und gibt Orientierung, zeigt, ob man sich verbessert hat oder nicht. Sie motiviert, sie ist ein Kompass und sie ist die Kurzfassung eines Marathonrennens. Aber ich bin von ihr nicht abhängig, anders als ein Profi.

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Jan Göbel, geboren 1990, Sport-Redakteur. In meiner Freizeit laufe ich: Mein erster Marathon-Wettkampf fand 2017 statt, es folgten fünf weitere Rennen über die 42,195-Kilometer-Distanz, unter anderem in Paris und Berlin. Pro Woche laufe ich meist an vier Tagen, zwischen 40 und 50 Kilometer, in Vorbereitungsphasen steigert sich das. Wobei ich gestehen muss: Irgendwann während der Corona-Zeit fehlte mir ein wenig die Motivation, ein Ziel, ein Wettkampf vor Augen. Da bin ich auch mal deutlich weniger gelaufen. Was ich am Laufen mag? Die frische Luft, neue Routen, den Ideenfluss und das Gefühl, wenn sich Körper und Kopf ganz leicht anfühlen, man gar nicht mehr merkt, dass man überhaupt läuft.

Magisch wird so ein Marathon für mich erst durch die Details, seine Geschichten, durch einen niederländischen Einpeitscher, durch einen (sehr, sehr wahrscheinlich) harmlosen Jungen mit einer Wasserflasche, durch die Zuschauer. Laufen ist auch eine Jagd nach einem Erlebnis, und am besten fühlt es sich an, wenn man das mit anderen Menschen teilen kann.

Deswegen finde ich einen virtuellen Marathon aber nicht schlecht. Es ist eher bemerkenswert, dass viele Laufveranstalter auf Rennabsagen reagiert und kurzerhand ein virtuelles Angebot eingerichtet haben. Sie verdienen damit kein Geld, dabei droht in der Coronakrise vielen die Insolvenz. Es ist nicht absehbar, wann Laufveranstaltungen wieder stattfinden können.

Einen virtuellen Marathon ausprobieren, wenn man gut in Form und vorbereitet ist, sich die Strecke zutraut, vielleicht schon etwas Erfahrung mitbringt? Das klingt nicht mehr nach einer absoluten Schnapsidee.

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