Coronavirus in der NFL "Die Klubs stellen ihre finanziellen Interessen über das Allgemeinwohl"

In der NFL häufen sich die Corona-Infektionen. Spiele werden verlegt, im schlimmsten Fall droht der US-Profiliga ein Abbruch der Saison. Trotzdem wollen die Klubs wieder mehr Fans in die Stadien lassen.
Cam Newton, Quarterback der New England Patriots, gehört zu den an Covid-19 erkrankten NFL-Profis

Cam Newton, Quarterback der New England Patriots, gehört zu den an Covid-19 erkrankten NFL-Profis

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Fred Kfoury III/Icon Sportswire / imago images/Icon SMI

Stephon Gilmore kennt sich aus mit Verteidigung. Seit acht Jahren spielt er in der amerikanischen National Football League (NFL) auf der Position des Cornerbacks. Vergangenes Jahr wurde er mit den New England Patriots Meister, die Liga wählte ihn zum besten Abwehrspieler der Saison. 

Seit Mitte dieser Woche weiß Gilmore, 30, dass es einfacher ist, Gegenspieler abzuwehren, als sich das Coronavirus vom Leib zu halten. Am Mittwoch twitterte er: "Ich habe mich an jedes Protokoll gehalten, trotzdem hat es mich erwischt. Bitte nehmt es ernst."

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Es ist eine Erkenntnis, zu der die Liga-Verantwortlichen bislang nur bedingt gelangt sind. Allen voran NFL-Boss Roger Goodell, der bis vor kurzem wohl noch glaubte, dass die populärste Sportart in den USA durch ein bisschen Maskenpflicht, Abstandsregeln und regelmäßigen Corona-Tests vom Schlimmsten verschont bleiben wird. Doch das Gegenteil deutet sich an.

In mindestens fünf NFL-Klubs haben sich Profis und Mitarbeiter mit dem Virus angesteckt, allein zwei Dutzend bei den Tennessee Titans. Auch in Gilmores Team sind Spielmacher Cam Newton und Verteidiger Bill Murray infiziert, das Trainingsgelände wurde am Sonntag geschlossen, offenbar weil es einen weiteren Corona-Fall im Kader gibt. Er wisse nicht, was da noch komme, twitterte Gilmore, aber er sei guter Dinge, weil er auf "Gott vertraut".

Die Liga setzt derweil auf Änderungen im Spielplan, hofft dadurch, betroffene Spieler rechtzeitig aussortieren und in Quarantäne stecken zu können. Drei Partien wurden bereits verschoben, darunter die Begegnungen am Sonntag zwischen den Titans und den Buffalo Bills sowie den Denver Broncos und den Patriots. 

Die Folge sind Terminüberschneidungen und weitere Spielverlegungen. Der NFL droht eine Chaos-Saison, im schlimmsten Fall ein vorzeitiges Ende.

Zu groß für die Bubble

Die Ursachen für den plötzlichen Virus-Ausbruch sind bisweilen hausgemacht. Anders als die National Basketball League oder die Fußballliga MLS verzichtet die NFL auf einen von der Außenwelt abgeschotteten Spielbetrieb, bei dem alle Spieler, Trainer und Betreuer in eigens reservierten Hotels wohnen und Partien zentral in einer Arena austragen.

Der NFL mit ihren 32 Teams, gut 8000 Spielern und Angestellten erschien ein solches Mammutprojekt offenbar zu aufwendig. Auch die Spielergewerkschaft stemmte sich dagegen, weil man den Beteiligten die monatelange Trennung von Familie und Partnern nicht zumuten wollte.

Stattdessen reisen die NFL-Teams quer durchs Land - ein Umstand, der teilweise bizarre Züge annimmt. So flogen die Patriots Anfang der Woche nach der Infektion von Quarterback Newton in zwei Flugzeugen zum Spiel nach Kansas City. In einem saßen jene Akteure, die Kontakt zu Newton hatten, im anderen der Rest der Mannschaft. 

Epidemiologe Zachary Binney von der Emory University in Atlanta kann Vorgänge wie diese schwer nachvollziehen. "Warum lässt man Spieler getrennt fliegen, wenn sie später ohnehin gemeinsam auf dem Platz stehen?", fragt er im Gespräch mit dem SPIEGEL. 

So kam es auch, dass der später positiv getestete Stephon Gilmore nach dem Spiel gegen Kansas mit Chiefs-Quarterback Patrick Mahomes plauderte und ihm ein High five gab. Mahomes, so erzählte er später, schlief dann vorsichtshalber nicht im Zimmer mit seiner schwangeren Frau.

Ein Saisonabbruch könnte bevorstehen

Binney zufolge müsste die Liga die Saison abbrechen, wenn drei bis vier Corona-Fälle in mehreren Teams gleichzeitig auftreten. "Die NFL befindet sich einem sehr wackeligen Zustand." 

Der Wissenschaftler vermutet hinter dem sprunghaften Anstieg der Covid-19-Fälle vor allem die Nachlässigkeit einzelner Athleten, die die Corona-Schutzmaßnahmen nicht allzu ernst nahmen. 

Profis wie Rodger Saffold von den Tennessee Titans, der sich entgegen der Vorschriften mit mehreren Teamkameraden privat zum Krafttraining traf, nachdem der Klub das Trainingszentrum wegen mehrerer Corona-Fälle geschlossen hatte. Und der sein Handeln damit begründete, dass er ja für seinen "Lebensunterhalt und die Familie" sorgen müsse.

Binney hofft, dass die NFL das aktuelle Infektionsgeschehen als "Weckruf" begreift. "Bei der Masse an Infizierten, die es in unserem Land inzwischen gibt, wäre es das Sicherste, wenn jedes Team im eigenen Trainingszentrum wohnt und auf Kontakte nach draußen verzichtet", sagt er.

Einen solchen Schritt behält sich die Liga bislang vor. Man sei dabei, dem Virus "alle Schlupflöcher zu nehmen", sagt Allen Sills, verantwortlicher Chef-Mediziner der NFL, der New York Times . "Natürlich werden wir Neuinfektionen nicht verhindern. Aber wir können die Ansteckungsgefahr minimieren." 

Die Fans kehren trotzdem zurück

Überwachungskameras auf dem Trainingsgelände sollen seit neustem kontrollieren, dass jeder Spieler, Trainer und Mitarbeiter eine Maske trägt. Andernfalls drohen heftige Geldstrafen. Einige Chef-Trainer mussten bereits 100.000 Dollar zahlen, weil sie während des Spiels Nase und Mund nicht bedeckt hatten. Ihre Klubs mussten eine Viertelmillion Dollar abdrücken.

So streng die Liga mit ihren Angestellten umgeht, so lax scheinen es die Klubs mit der Auslastung ihrer Stadien zu nehmen. Die Pittsburgh Steelers wollen zu ihrem Spiel gegen die Philadelphia Eagles diesen Sonntag 5700 Fans in ihre Arena lassen, die Miami Dolphins erlauben bis zu 13.000 Zuschauer auf den Rängen.

"Die Klubs stellen ihre finanziellen Interessen über das Allgemeinwohl der Bevölkerung", sagt Epidemiologe Binney. "Das Geld, das die Franchises mit dem Ticketverkauf einnehmen, rechtfertigt keinesfalls das hohe Infektionsrisiko."

Binney, der seit seiner Kindheit ein großer Football-Fan ist, wie er sagt, findet dieses Verhalten so verstörend, dass er sich in dieser Saison noch kein Spiel angesehen habe. "Und vielleicht", sagt er, "werde ich mir nie mehr eines anschauen." 

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