Coronavirus und Schach-Kandidatenturnier Das Prinzip Hoffnung

Zwei Weltklasse-Schachspieler haben um die Verschiebung der WM-Qualifikation gebeten. Doch sie findet trotz der Corona-Pandemie statt. Der Rückzug eines Spitzenspielers ist die Chance für Nachrücker Maxime-Vachier Lagrave.
Maxime Vachier-Lagrave (Archiv)

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Nir Alon via www.imago-images.de/ imago images/ZUMA Press

Maxime Vachier-Lagrave kam gerade von einer New-York-Reise nach Hause, als die Nachricht eintraf: Es bestehe die Möglichkeit, dass ein Spieler seine Teilnahme am Kandidatenturnier absagen werde, teilte der Schach-Weltverband dem Franzosen mit. Er sei dann aufgrund seiner Elo-Zahl aus dem vergangenen Jahr der Ersatzkandidat. Nach zwei Tagen Hoffnung setzte Gewissheit ein: Teimour Radjabov wird aus Sorge um den Umgang mit der Coronavirus-Pandemie nicht an dem am Dienstag in Jekaterinburg beginnenden Qualifikationsturnier für die Schach-WM teilnehmen.

"Natürlich freue ich mich über diese Gelegenheit, auch wenn ich mich eigentlich nicht auf diese Weise qualifizieren wollte", schrieb Vachier-Lagrave danach in einem Statement, anderthalb Wochen vor Beginn des Turniers. Er sagte direkt als Nachrücker zu. Seit Jahren kämpft er um sein erstes Kandidatenturnier und die Chance, gegen Magnus Carlsen um den Weltmeistertitel zu spielen.

Viermal schon verpasste Vachier-Lagrave die Qualifikation für das Kandidatenturnier. Besonders hart scheiterte die Nummer acht der Welt im vergangenen Jahr. Der 29-Jährige absolvierte so viele Turniere wie selten in seiner Karriere, wurde im Weltpokal und in der Grand-Prix-Serie aber nur Dritter. Einmal hätte er Zweiter werden müssen, um endlich beim Kandidatenturnier dabei zu sein. Nicht mal die Wildcard erhielt er, denn die russischen Organisatoren luden lieber ihren jungen Landsmann Kirill Alekseenko ein.

Kritik am Schach-Weltverband

Vachier-Lagrave profitiert nun aber von der Absage Radjabovs und spielt bis Anfang April gegen sieben Konkurrenten um die Chance seines Lebens. Für Aufsehen sorgte aber weniger seine Teilnahme als viel mehr die Begründung Radjabovs für seinen Rückzug: Er kritisierte den Schach-Weltverband für den Umgang mit Covid-19.

"Wie sich das Turnier während dieser globalen Epidemie entwickeln wird, welche Maßnahmen im Falle einer Entdeckung des Virus getroffen werden und welche Maßnahmen in Bezug auf einen kranken Teilnehmer getroffen werden, hat mir niemand erklärt", schrieb Radjabov in seiner Begründung. Er habe die Fide deswegen darum gebeten, das Turnier zu verschieben. So wie es auch die großen Fußball-Ligen mit ihren Spieltagen und die Formel 1 mit ihren Rennen machen. Darauf ließ sich der Weltverband jedoch nicht ein, Radjabov zog schließlich seine Teilnahme zurück.

Fide-Generaldirektor Emil Sutovsky verteidigte das Vorgehen des Verbands. Beim Kandidatenturnier handele es sich um einen Wettkampf von acht Spielern, das sei kein Massenevent, sagte er: "Das Turnier wird nicht nur von der Fide, sondern auch von den Gesundheitsbehörden genehmigt." Man stehe täglich im Austausch. In Russland waren am Montag über 90 nachgewiesene Coronavirus-Fälle bekannt, keiner davon in Jekaterinburg. Das russische Sportministerium sagte am Montag zwar alle internationalen Sportveranstaltungen im Land ab, das Kandidatenturnier ist davon aber nicht betroffen. Denn Indoor-Events mit weniger als 50 Personen sollen weiter erlaubt sein.

Eine Maßnahme Russlands gegen Covid-19 bekam der chinesische Kandidat Ding Liren zu spüren. Er reiste zwei Wochen vor Turnierbeginn an, weil er in ein Sanatorium in der Nähe von Moskau in Quarantäne musste.

Ding Liren musste vor dem Turnier in Quarantäne

Ding Liren musste vor dem Turnier in Quarantäne

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Arne Bänsch/ picture alliance / Arne Bänsch/dpa

Den anderen chinesischen Kandidaten, Wang Hao, betraf das nicht, weil er aus Japan einreiste. Doch auch er macht sich Sorgen und sprach sich wie Radjabov für eine Verlegung des Turniers aus. Insbesondere weil die Frage offen ist, wie die Organisatoren reagieren, wenn ein Spieler erkrankt. "Es ist auch möglich, dass er nur eine Erkältung oder Grippe hat. Aber wenn der Fall eintritt, was machen wir dann? Ich denke, dafür gibt es keine gute Lösung", sagte er chess.com .

Die Fide reagierte mit der Veröffentlichung von Sicherheitsmaßnahmen:

  • Eine Krankenschwester ist vor Ort und soll auch Zuschauer auf Symptome von Covid-19 untersuchen

  • Gesichtsmasken sollen zur Verfügung stehen

  • Zuschauer dürfen nicht in den Raum der Spieler

  • Händeschütteln vor und nach der Partie ist nicht mehr verpflichtend

Eine Antwort auf Haos Frage geben diese Maßnahmen nicht. Ab Dienstag wird also in 14 Runden innerhalb von 22 Tagen ermittelt, wer Weltmeister Carlsen herausfordern darf. Das Schach-Kandidatenturnier ist eins der wenigen größeren Sportevents, das trotz der Covid-19-Pandemie stattfindet. In der Hoffnung, dass sich das Coronavirus in Russland nicht ausbreitet und dass kein Spieler erkrankt.

Maxime Vachier-Lagrave will sich von den Unwägbarkeiten nicht ablenken lassen. "Mein Ziel ist der 17. März, der Tag der ersten Runde gegen Fabiano Caruana", schrieb er: "Es liegt an mir, mich auf das Schach zu konzentrieren, um an diesem Tag bereit zu sein."

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