Geisterrennen in der Coronakrise Vergaloppiert
Obwohl Bund und Länder frühestens kommende Woche entscheiden wollen, wann der Sportbetrieb in Deutschland wieder aufgenommen werden kann, machte sich ein Verband Hoffnungen auf ein früheres Comeback: Der Dachverband für den Galopprennsport, Deutscher Galopp, wollte bereits ab Anfang Mai Geisterrennen durchführen - mit einer vorläufigen Renntagsplanung, einem Hygienekonzept und dem Gesetz im Rücken.
Es klingt tollkühn: Was der großen Fußball-Bundesliga bislang nicht gelungen ist, wollte dieser Verband schaffen. Bis zum späten Freitagabend gab er sich zuversichtlich. Auf den letzten Metern ist das Vorhaben nun doch gescheitert.
Die Logik des Verbands ging so: Deutscher Galopp ist der Dachverband für den Galopprennsport - zugleich hat der Staat die Aufsicht über die Pferderasse Englisches Vollblut an ihn ausgelagert. Es gehe also nicht allein um die Frage, wer ein Rennen gewinnt. Veranstaltungen seien "Leistungsprüfungen" und notwendig, um die Zuchtchancen der Pferde zu ermitteln. Ohne Rennen könnten diese nicht festgestellt werden, schrieb Geschäftsführer Jan Pommer dem SPIEGEL. Man habe "den staatlichen Auftrag", diese durchzuführen.
Also organisierten Verband und der Dortmunder Rennverein einen kompletten Renntag. Ohne Zuschauer. Und ohne eine behördliche Genehmigung.
Ursprünglich war die Wiederaufnahme des seit Mitte März ausgesetzten Rennbetriebs zum 1. Mai in Hannover geplant. Doch der Termin war wegen der in Niedersachsen geltenden Corona-Einschränkungen nicht zu halten . Losgehen sollte es dann also am kommenden Montag in Dortmund, am 7. Mai in Hannover und am 8. in Köln sollten weitere Rennen folgen.
Dass es nicht allein um Zuchtchancen der Pferde ging, klang bereits an. Man wolle vor allen anderen Sportarten starten, um den Wettumsatz anzukurbeln, sagte Verbandspräsident Michael Vesper dem "Sportbuzzer" . Ohne die Konkurrenz durch andere Sportarten wäre wohl die Aufmerksamkeit gewachsen.
"Ich betreibe hier keinen Sportplatz"
Als der Präsident des Dortmunder Rennvereins, Andreas Tiedtke, begann, einen kompletten Geisterrenntag zu organisieren, stand eine Entscheidung seitens des Landes Nordrhein-Westfalen noch aus. Als er die Planung am vergangenen Freitagmittag abgeschlossen hatte, fehlte sie noch immer.
Laut Tiedtke gehe es bei dem Event weniger um gesteigerte Außenwettumsätze. Diese könnten die wegfallenden Einnahmen nicht kompensieren. Ihm sei ein anderer Aspekt wichtig: "Wir möchten den aktiven Berufsrennreitern und Trainern die Chance geben, ihren Beruf wieder auszuüben, daher hatten wir uns darauf vorbereitet, am 4. Mai wieder Rennen austragen zu können", sagte er dem SPIEGEL. 69 Pferde waren gemeldet. Sollten die Rennen ausfallen und sich die Zahl der Rennpferde verringern, hat das nicht nur Auswirkungen auf die Zucht, es kostet auch Jobs. Rund 3000 Beschäftigte arbeiten in der Branche.
"Wir haben das Hygienekonzept des Verbands umgesetzt, Checkpoints eingerichtet, halten FFP2-Schutzmasken vor, Tierärzte und Schmiede wären einsatzbereit. Es würden sich jetzt circa 80 Menschen auf einer Fläche verteilen, auf der an manchen Renntagen 15.000 zusammenkommen", sagte Tiedtke über das geplante Rennen unter besonderen Umständen: Auf der Dortmunder Sandbahn sind als Mundschutz auch Sturmhaube und Motocrosshelm zulässig .
"Ich persönlich sehe nicht, dass wir eine reine Sportveranstaltung sind. Ich betreibe hier auch keinen Sportplatz", sagte Tiedtke. Die Leistungsprüfungen stünden schließlich im Tierzuchtgesetz, mit klassischem Sport hätte das für ihn weniger zu tun.
Darauf zu setzen, dass Pferderennen in einer Schalte von Bund und Ländern eine Sonderbehandlung erfahren würden, erscheint allerdings mindestens gewagt.
Auch bei Pferderennen kommen sich die Jockeys nah - laut Verband sollen sie deshalb mit Mundschutz reiten
Foto: Peter Powell/ dpaVor dem Satteln Fieber messen
Die Galopper stützten ihre Hoffnungen auch auf das vom Verband zuvor veröffentlichte Hygienekonzept für Rennen ohne Zuschauer. Es sieht unter anderem deutlich weniger Personen auf der Rennbahn vor, Temperaturmessungen, das Tragen eines Mundschutzes, auch für die Jockeys.
Geschäftsführer Pommer gab sich optimistisch. Der Verband habe positives Feedback zu dem Hygienekonzept von Behördenseite erhalten, sowohl auf Landes- als auch auf kommunaler Ebene. Vor allem Präsident Vesper sei mit verschiedenen Ressorts im Gespräch. Auch der ehemalige Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und NRW-Staatsminister a.D. hoffte trotz der verschobenen Entscheidungen für den Berufssport am Freitagvormittag noch auf eine Startmöglichkeit , solange NRW seine zum 3. Mai auslaufende Corona-Schutzverordnung noch nicht angepasst hatte.
Das geschah am Freitagabend. Das Land machte keine Ausnahme: Die Rennen am 4. Mai in Dortmund und 8. Mai in Köln könnten nicht stattfinden, "weil Sportbetrieb und Wettkämpfe in NRW vorläufig weiterhin verboten sind", bestätigte das NRW-Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales dem SPIEGEL.
Eine Prüfung des Hygienekonzepts sei der Behörde nicht bekannt. Auch das NRW-Landwirtschaftsministerium hatte zuvor mitgeteilt, eine solche habe noch nicht stattgefunden. Die Stadt Dortmund verwies auf das Land.
Beim Galoppsport geben sie sich weiter kämpferisch. Gemeinsam mit dem Verband, so Tiedtke, wolle der Verein bereits Anfang der Woche einen neuen Termin kommunizieren . Der geplante Renntag in Hannover am 7. Mai wird allerdings auch ausfallen. Das teilte die niedersächsische Landesregierung dem SPIEGEL mit. Der Hannoversche Rennverein hatte den Termin auf seiner Website schon gar nicht mehr gelistet. Die Frage, ob das Konzept dem Land denn vorliege, konnte die Landesregierung am Samstag nicht beantworten.