Rassismus und Mobbing im Cricket Einer der größten Skandale des englischen Sports

Jahrelang wurde er rassistisch beleidigt, schikaniert, gemobbt. Das berichtet der ehemalige englische Cricketspieler Azeem Rafiq. Er hat damit eine Debatte ausgelöst, deren Wucht den Sport für immer verändern könnte.
Von Hendrik Buchheister, Manchester
Der ehemalige englische Cricketspieler Azeem Rafiq: »Glaube ich, dass ich meine Karriere durch Rassismus verloren habe? Ja, das glaube ich.«

Der ehemalige englische Cricketspieler Azeem Rafiq: »Glaube ich, dass ich meine Karriere durch Rassismus verloren habe? Ja, das glaube ich.«

Foto:

Richard Sellers / Getty Images

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Fast zwei Stunden hat Azeem Rafiq vor einem Sonderausschuss des britischen Parlaments gesprochen. Mehrmals brach dabei seine Stimme, mehrmals kamen ihm die Tränen. Er berichtete, wie ihm, einem in Pakistan geborenen Muslim, in der Jugend beim Cricket in England gewaltsam Rotwein eingeflößt worden sei, wie er und andere Spieler mit pakistanischen Wurzeln in ihrer Zeit beim Yorkshire County Cricket Club, dem erfolgreichsten Verein Englands, über Jahre von Mitspielern rassistisch beleidigt worden seien.

»Ihr sitzt da drüben, bei den Toiletten.« »Von euch haben wir zu viele, da müssen wir etwas tun.« Und wie die Klubführung, der Verband und die Spielergewerkschaft dabei versagt hätten, ihn und andere Rassismusopfer zu schützen. Auf die Frage eines Abgeordneten, ob er Rassismus für ein institutionelles Problem im englischen Cricket halte, antwortete Rafiq: »Ja, das tue ich.«

Der Auftritt des 30-Jährigen am Dienstag im Parlament war der vorläufige Höhepunkt eines Skandals, der seit Wochen Englands Cricket erschüttert und zu einer Angelegenheit von nationaler Tragweite geworden ist. Spitzenpolitiker wie Premierminister Boris Johnson oder sein Gesundheitsminister Sajid Javid, selbst Sohn pakistanischer Einwanderer, äußern sich zu den Vorgängen. Die Nachrichtensendungen der BBC machen mit dem Thema auf, und anstatt auf den Sportseiten im hinteren Teil (»back pages«) berichten Englands Zeitungen teilweise auf der Titelseite über den »Cricket-Rassismus-Krach«, wie die »Times« den Komplex nennt.

In dessen Zentrum steht Rafiq, einstiger englischer Junioren-Nationalspieler und der erste Kapitän des Yorkshire County Cricket Club mit südasiatischen Wurzeln. Von 2008 bis 2014 und von 2016 bis 2018 war Rafiq für den Verein aktiv. Nach eigener Aussage war diese Zeit für ihn eine Tortur. »Glaube ich, dass ich meine Karriere durch Rassismus verloren habe? Ja, das glaube ich«, sagte Rafiq.

Beleidigungen wurden verharmlost

Cricket mag in Deutschland kaum Bedeutung haben. Doch in vielen Ländern der Erde ist der Sport enorm populär. Zum Beispiel in England. Auch das verleiht dem Fall Azeem Rafiq nun die große Tragweite.

Vor etwas mehr als einem Jahr berichtete Rafiq in einem Gespräch mit dem »Wisden«, dem Zentralorgan des Sports in England, zum ersten Mal über seine Erfahrungen mit Rassismus beim Yorkshire County Cricket Club. Der Verein gab daraufhin eine angeblich unabhängige Untersuchung zu den Vorwürfen in Auftrag. Die Ergebnisse dieser Untersuchung und der Umgang mit ihnen führten dazu, dass aus Rafiqs Anschuldigungen einer der größten Skandale in der Geschichte des englischen Sports geworden ist. Die rassistischen Beleidigungen gegen ihn wurden als das verharmlost, was in England »banter« genannt wird, also als spaßig gemeinte Frotzeleien.

Vor dem Yorkshire County Cricket Club

Vor dem Yorkshire County Cricket Club

Foto: OLI SCARFF / AFP

Nur wenige von Rafiqs Vorwürfen wurden nachgewiesen, nämlich 7 von 43. Grund für personelle Konsequenzen sah der Yorkshire County Cricket Club nicht.

Diese Haltung hat sich mittlerweile geändert. Präsident Roger Hutton und Geschäftsführer Mark Arthur traten zurück, Trainer Andrew Gale wurde suspendiert. Grund dafür war der Druck von allen Seiten. Der englische Verband entzog dem Verein das Recht auf die Austragung von Länderspielen, Sponsoren kündigten ihre Verträge – von international operierenden Konzernen wie Ausrüster Nike bis zu lokal verankerten Unternehmen wie Yorkshire Tea.

Der Schaden für den Klub und für Englands Cricket allgemein ist immens, finanziell und was das Ansehen betrifft.

Kein reines Problem des Sports

Aus Rafiqs Vorwürfen und dem Umgang damit entsteht das Bild eines Sports, der die Herabwürdigung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft kultiviert, kritische Stimmen als Nestbeschmutzer abkanzelt, archaische Rituale pflegt und sich erst dann zum Handeln gezwungen sieht, wenn es aufgrund öffentlicher Empörung nicht anders geht. Und es wäre naiv, diese Zustände als reines Problem des Sports abzutun. Im »Guardian« hieß es dazu : »Dieser Fall spielte sich im Cricket ab, aber er hätte überall passieren können: bei der Polizei, im öffentlichen Dienst, in den Medien, bei einer Investment-Bank. Ein paar Köpfe rollen, die Mächtigen geloben Besserung, und die Welt dreht sich weiter.«

Auch deshalb ist das Thema so groß in England – weil es auf ein gesellschaftliches Problem hinweist. Den Rassismus, den Rafiq beschreibt, erleben viele Menschen in England im Alltag.

Rafiq, 2017

Rafiq, 2017

Foto: Charlie Crowhurst / Getty Images

Wobei im Moment die Hoffnung groß ist, dass sich die Welt nicht einfach so weiterdreht. In vielen englischen Medien werden Rafiqs Aussagen und die Wucht der öffentlichen Empörung als »watershed moment« bezeichnet, also als Wendepunkt für das englische Cricket. Ähnlich wie im englischen Fußball, wo seit ein paar Jahren aufgrund des Engagements von Spielern wie Raheem Sterling oder Marcus Rashford  eine erhöhte Sensibilität für Rassismus besteht, soll auch im Cricket eine freundlichere Kultur für Menschen jeglicher Herkunft geschaffen werden. Ein paar Veränderungen sind schon zu beobachten.

Neuer Präsident des Yorkshire County Cricket Club ist Lord Kamlesh Patel, der zu seinem Einstand berichtete, als Jugendlicher ein schneller Läufer gewesen zu sein – weil er ständig vor örtlichen Skinhead-Trupps habe fliehen müssen. Er kennt sich mit Rassismus aus. Auch ist der Yorkshire County Cricket Club einer von mehreren Vereinen, die eine Art Whistleblower-Hotline eingerichtet haben. Ehemalige Spieler können dort von Rassismuserfahrungen berichten.

Bei einer unabhängigen Kommission für mehr Gleichheit im Cricket in England haben sich nach eigenen Angaben innerhalb einer Woche mehr als tausend Menschen gemeldet, die über Rassismus berichtet hätten. Ihre Stimmen können künftig nicht einfach so ignoriert werden.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.