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Formel-1 »Da kriege ich einen Haß«

Formel-1-Rennfahrer Michael Schumacher über Deutschland, seinen Heldenstatus und das Weltmeisterschaftsduell mit Jacques Villeneuve
ein SPIEGEL-Gepräch mit Alfred Weinzierl
aus DER SPIEGEL 43/1997
Michael Schumacher (rechts) im Gespräch mit Jacques Villeneuve

Michael Schumacher (rechts) im Gespräch mit Jacques Villeneuve

Foto: imago images / Motorsport Images

SPIEGEL: Herr Schumacher, die Weltmeisterschaft wird im letzten Rennen entschieden. Fürchten Sie, daß Ihr Kontrahent Jacques Villeneuve am kommenden Sonntag in Jerez zu unfairen Mitteln greift?

Schumacher: Ich gehe davon aus, daß Jacques ein fairer Sportsmann ist. Ich frage mich vielmehr, ob sein Stallkollege Heinz-Harald Frentzen das Zünglein an der Waage spielen wird - etwa indem er versucht, mich zu blockieren.

SPIEGEL: Wie sich Villeneuve nach seinem Boxenstopp in Suzuka Ihnen in den Weg gestellt hat, erinnert an üble Formel-1-Zeiten, als Ayrton Senna und Alain Prost sich mutwillig von der Strecke schossen.

Schumacher: Villeneuve hat ein Gentlemen''s Agreement gebrochen, wonach man bei der Boxenausfahrt nicht sofort auf die Rennlinie einschert. Zudem ist er, als ich ausweichen mußte, zickzack gefahren. Das war nicht ungefährlich.

SPIEGEL: Vor der Saison hatten Sie eher Frentzen den Titel zugetraut. Haben Sie Villeneuve unterschätzt?

Schumacher: Wenn ich an seinen Auftritt 1996 auf dem Nürburgring denke, da war er klar zu langsam. Aber er hat sich mächtig gesteigert, weiß die Möglichkeiten seines Autos besser zu nutzen. Er hat Frentzen gebügelt. Und das will was heißen.

SPIEGEL: Gibt es etwas an Villeneuve, das Ihnen gefällt, vielleicht sogar imponiert?

Schumacher: Wir sind zu verschieden, als daß mir da etwas imponieren könnte.

SPIEGEL: Villeneuve hält den Tod für »eine natürliche Sache«, manche Rennkurse für »zu sicher« und schwärmt vom Gefühl, »am Abgrund zu fahren«.

Schumacher: Das ist total konträr zu mir und exakt der Grund, warum ich mich mit seiner Art nicht identifizieren kann. Er ist nicht auf meiner Schiene. Deshalb bin ich ganz froh, daß er auch nicht in unsere Fahrergewerkschaft eingetreten ist. Seit zwei Jahren machen wir Druck beim Weltverband, die Autos so zu konstruieren, daß sie nicht aufsteigen, wenn sich zwei mit den Rädern berühren. Jacques lehnt so was ab, weil er angeblich den Kitzel braucht.

SPIEGEL: Villeneuve leistet sich eben eine gewisse Egozentrik. Die Haare trägt er weißblond gefärbt, die Holzfällerhemden gern ein paar Nummern zu groß. In einer eher angepaßten Branche wird er prompt als Outlaw gefeiert. Irritiert Sie das?

Schumacher: Wenn ich, wie zu Beginn meiner Karriere, eine Marke wie Mercedes vertrete, kann ich nicht à la Villeneuve im Schlabberlook rumlaufen. Ich muß mich anpassen und gebe einen Teil meiner Persönlichkeit ab. Das tue ich heute noch: Ich kleide mich so, wie es Ferrari verdient hat und wie es der Situation angemessen ist.

SPIEGEL: Haben Sie nie das Bedürfnis, mal auszubrechen?

Schumacher: Zum Glück bin ich nicht so flippig, daß ich mich in einem Boss- oder Cerruti-Anzug verbiegen muß. Die Formel 1 ist ein Geschäft. Ich möchte da weiterkommen und sehe nicht ein, daß ich mich als Querschläger etablieren soll, nur um meine Persönlichkeit zu entfalten.

SPIEGEL: Weggefährten von Ihnen haben festgestellt, daß Sie seit Ihrem zweiten WM-Titel deutlich lockerer geworden sind.

Schumacher: Ich glaube nicht, daß mich der Erfolg lockerer gemacht hat, sondern die Zeit. Ich bin erfahrener, stehe fester im Leben.

SPIEGEL: Ferrari hat Sie geholt, weil Ihre deutschen Tugenden - Ehrgeiz, Zuverlässigkeit, Präzision - Erfolge versprechen. Und tatsächlich arbeitet der Rennstall mit Ihnen seriöser denn je. Haben Sie umgekehrt etwas von der italienischen Mentalität angenommen?

Schumacher: Als ich zum erstenmal das Ferrari-Werk besucht habe, bin ich tatsächlich erschrocken. Das war einfach nicht up to date. Das Team Ferrari war im Umbruch, nicht zuletzt auch durch meine Verpflichtung war Rennleiter Jean Todt in der Lage, neue und effizientere Strukturen zu schaffen. Aber ist es typisch deutsch, seriös zu sein? Ist nicht jeder erfolgreiche Sportler ehrgeizig und seriös? Ich habe eine Einstellung, und die lautet: Ich möchte meinen Job so gut wie möglich machen. Ich komme gerade aus Suzuka, wechsle die Klamotten und fliege gleich weiter zu Tests auf der Ferrari-Hausstrecke in Fiorano. Wenn ich da nicht ernsthaft bei der Sache wäre, bräuchte ich mir diesen Akt nicht anzutun. Ohne Disziplin geht nichts voran. Larifari ist bei mir nicht drin. Da arbeite ich genauso wie Ayrton Senna oder Alain Prost - und der eine war Brasilianer, und der andere ist Franzose.

SPIEGEL: Senna hat die kompromißlose Arbeitsethik in die Formel 1 eingeführt. Sein Unfalltod 1994 hat verhindert, daß Sie sich mit ihm in vergleichbaren Autos haben messen können. Ein irreparabler Schönheitsfehler Ihrer Karriere?

Schumacher: Senna war der Beste. Ihn zu schlagen, hieß den Besten zu schlagen. 1994 hätte ich mich ihm gegenüber beweisen können. Aber im Mai verunglückte er.

SPIEGEL: Sie haben Senna als den großen Helden der Formel 1 beerbt. Macht Ihnen die Armada von Fans, die rote Kappen tragen und schwarz-rot-goldene Fahnen schwenken, nicht manchmal angst?

Schumacher: Es ist ein schönes Gefühl, wenn man weiß, daß so viele Menschen hinter einem stehen. Angst würde mir machen, wenn die plötzlich bei mir im Wohnzimmer stünden.

SPIEGEL: Gibt es in Deutschland neuerdings einen erhöhten Bedarf an Idolen?

Schumacher: Den Bedarf hat es immer schon gegeben. Und er ist auch kein deutsches Phänomen, wenn ich Länder wie Italien, England oder Frankreich betrachte. Die Schweiz zählt da zu den wenigen Ausnahmen. Die haben mit Idolen nicht viel am Hut.

SPIEGEL: Deshalb haben Sie sich auch am Genfer See niedergelassen?

Schumacher: Ich habe in meinem Job soviel Streß und so viele Leute um mich herum, daß es nur ein Kriterium gibt: Wo kann ich meine Ruhe haben?

SPIEGEL: Sie haben gesagt, Ihre Villa sei nicht das Optimum, sondern nur ein Kompromiß. Ist Ihnen klar, wie das bei Menschen ankommt, die im Plattenbau wohnen?

Schumacher: Das ist ein typisches Beispiel, wie die Medien etwas negativ auslegen können. Das Optimum bekomme ich nur, wenn ich selbst baue. Wir wollten aber sofort einziehen. Also haben wir ein Haus genommen, von dem aus ich nach vorn den See und nach hinten die Berge nicht so sehen kann, wie ich mir das vorstelle. Und in der Nachbarschaft stehen traumhafte Anwesen mit einem unverstellten Blick. Ich bleibe dabei: Wir haben zwei Gästezimmer und auch sonst genügend Platz, aber das Haus ist ein Kompromiß. Die Medien wollen das mißverstehen und tun so, als sei der Schumacher ein verschwenderischer Nimmersatt.

SPIEGEL: Der Fußballprofi Jürgen Klinsmann, der ebenfalls ins Ausland gezogen ist, beklagt, daß in Deutschland sich alles nur um »Geld, Preis und Leistung« dreht.

Schumacher: Das kann ich gut nachvollziehen. Wenn ich in Amerika jemandem sage, ich fahre einen Ferrari, sagt der »Wow, great!« und gratuliert mir. Bei uns sagt man hinter dem Rücken: Guck dir den jungen Spund an, fährt mit einem Ferrari rum, schmeißt das Geld zum Fenster hinaus.

SPIEGEL: Umgekehrt gibt es aber auch Prominente, die ihre Wichtigkeit und Privilegien weidlich ausnutzen.

Schumacher: Das finde ich peinlich. Ich halte mich für eine ganz normale Person wie jeder andere auch. Ob ich auf einen Manager von einer großen Firma oder auf einen Bauarbeiter zugehe, das ist für mich dasselbe. Ich will mich mit Menschen unterhalten, nicht mit Funktionsträgern. Natürlich sage ich zu Herrn Kohl nicht »He, Jung, wie jeht et dir?«, so wie ich das bei einem Bauarbeiter täte. Aber mich wundert es, wie extrem anders als ein Otto Normalverbraucher ich aufgenommen und behandelt werde. Ich komme oft mit Leuten zusammen, die in ihrem Bereich eine sehr hohe Position einnehmen, die sich mir gegenüber unterwürfig verhalten. Das ist mir sehr unangenehm.

SPIEGEL: Wie versuchen Sie das öffentliche Bild zu beeinflussen, das von Ihnen entworfen wird?

Schumacher: Ich kann auf mein Erscheinungsbild achten, mehr nicht. Es gab mal eine Zeit, da wurde ich als Mensch dargestellt, der wie ein Computer funktioniert. Da lag man komplett daneben. Derzeit komme ich im großen und ganzen ordentlich rüber.

SPIEGEL: In welchen Fernsehsendungen treten Sie auf, wo verweigern Sie sich?

Schumacher: Ich muß sagen können: Das paßt zu mir. Und es muß mir Spaß machen. Christiane Herzog, die Frau des Bundespräsidenten, lud mich gemeinsam mit Thomas Gottschalk in ihre Kochsendung ein. Ich habe zugesagt, weil man mit Thommy immer Spaß hat.

SPIEGEL: Orientieren Sie sich an anderen Sportstars, die in einer ähnlichen Situation wie Sie sind?

Schumacher: Ich lese Interviews, schärfe darüber meine Meinung. Aber eines anderen Linie abzuschauen funktioniert nicht.

SPIEGEL: Wie sehen Sie Boris Becker?

Schumacher: Boris hat sein Leben komplett umgestellt. Aber ich könnte seine Richtung nicht gehen, weil ich nicht der Typ dafür bin.

SPIEGEL: Welche Veränderungen haben Sie bei Becker beobachtet?

Schumacher: Er ist einfach auf dem Weg vom Tennisspieler zu einem Manager und Entertainer. Ich kann mir auch nicht vorstellen, so viele Partys zu besuchen - diese High-Society-Aktionen sind überhaupt nicht mein Ding.

SPIEGEL: Vermißt der Weltbürger Schumacher manchmal seine rheinische Heimat?

Schumacher: Unterwegs vermisse ich eher die Ruhe der Schweiz oder das schöne Wetter von Monte Carlo.

SPIEGEL: Können Sie sich eine Rückkehr nach Deutschland vorstellen?

Schumacher: Das erste halbe Jahr in Monaco war schwierig. Danach war mir klar: Ich kann mich überall wohl fühlen, wo die Landschaft mir zusagt. Ich habe kein Bedürfnis zurückzukehren.

SPIEGEL: Boris Becker hat es getan.

Schumacher: Boris ist anders. Der liebt die Stadt, der braucht Action. Ich habe ihn gefragt: Warum gehst du nicht auch in die Schweiz? Es gibt keine Paparazzi, du kannst klasse leben. Aber sein Metier ist London, Paris, München. Meine Frau und ich, wir leben viel zurückhaltender, wir wollen ein normales Leben führen - auch wenn das manchmal nicht möglich ist.

SPIEGEL: Warum?

Schumacher: Neulich lese ich einen Artikel über meine Frau, in dem sie dargestellt wird als geltungssüchtige Primadonna. Corinna hätte es verdient, daß die Leute mehr Respekt zeigten und sie fairer behandelten. Sie ist mein erster Kritiker und eine wertvolle Ratgeberin - etwa bei meinen sozialen Engagements. Sie möchte allerdings nicht in der Öffentlichkeit stehen und ständig Interviews geben.

SPIEGEL: Das Publikum will nicht nur den Rennfahrer Schumacher im Auto sehen, sondern auch an dessen Alltag teilhaben.

Schumacher: Neulich habe ich einen unserer Hunde zu Testfahrten mitgenommen. Irgendwann in einer Pause habe ich mit ihm herumgetollt. Und sofort springt ein Fotograf vor uns her, um dieses Bild zu bekommen. Das raubt mir so richtig die Privatsphäre, da kriege ich einen Haß.

SPIEGEL: Die Folge ist, daß Sie sich privat abschotten.

Schumacher: Mein Glück ist, daß ich sicher nicht einsam bin. Ich habe meine Familie, meine Freunde. Zuletzt war ich mit den Ferrari-Mechanikern auf meiner Kartbahn in Kerpen. Wir waren unter uns, in so einem Umfeld blühe ich richtig auf.

SPIEGEL: Um abgeschieden zu sein, haben Sie ein Ferienhaus in Norwegen erworben.

Schumacher: Ein Glücksfall. Ich bin da in einer Fußballmannschaft, gehe zum Training, und keiner kriegt was davon mit. Ich kann ein ganz normaler Herr Schumacher sein und nicht der Schumi für alle.

SPIEGEL: Sie sind wahrscheinlich der einzige Amateurkicker, der sowohl in Norwegen als auch in der Schweiz spielt. Suchen Sie bei Ihren gelegentlichen Auftritten im Fußball-Lager Nähe oder Geselligkeit?

Schumacher: Der Formel 1 wird nachgesagt, daß dort nur egomanische Menschen eine Chance haben. In meinem Fall stimmt das sicher nicht. Ich suche den Spaß mit anderen. Ich bin kein Einzelgänger, ich bin ein Mannschaftsspieler. Das ist auch bei Ferrari ganz wichtig, im Team etwa über die richtige Boxenstopptaktik nachzudenken. Wenn unser Technikchef Ross Brawn wie in Suzuka eine geniale Strategie austüftelt und das Team sie hundert Prozent umsetzt, kann ich mich darüber tierisch begeistern.

SPIEGEL: Sie gehen 1998 in Ihre achte Formel-1-Saison. Wie werden Sie sich motivieren, wenn Sie am Sonntag Ferrari zum ersten WM-Titel nach 18 Jahren verholfen haben sollten?

Schumacher: Wenn wir mal realistisch sind, haben wir in diesem Jahr von den Schwächen des Williams-Teams profitiert. Die haben immer noch das beste Auto. Das muß unser Ziel für 1998 sein: Wenn das Auto maßgeschneidert nach meiner Vorstellung paßt, das ist der Kick.

SPIEGEL: Was passiert, wenn Villeneuve in Jerez Rennen und Titel gewinnt und auch 1998 wieder das bessere Auto fährt?

Schumacher: Alle Voraussetzungen, daß wir nächstes Jahr ein konkurrenzfähiges Auto haben, sind da. Wenn es dann nicht klappt, wird es wohl nie mehr klappen.

SPIEGEL: Sie würden Konsequenzen ziehen?

Schumacher: Wenn ich der Schuldige wäre, müßte Ferrari die Konsequenzen ziehen. Wenn von der Fahrzeugentwicklung keine Fortschritte erzielt werden, dann müßte ich mir einen anderen Arbeitsplatz suchen.

SPIEGEL: Herr Schumacher, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Um das Aussteigen zu erleichtern, wird das Lenkrad herausgenommen.

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