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Dämliche Heizung

In Deutschland gehen die Flutlichter aus. Bäder senken die Wassertemperatur. Im Motorsport stehen alle Räder still. Aber viele Klubs erwarten mehr Zuschauer durch die Ölkrise.
aus DER SPIEGEL 48/1973

Aus dem Eifelort Balkhausen wetterte Sportfunktionär Hans Bär wider die Herren des Deutschen Fußballbundes (DFB) im verkehrsreichen Frankfurt: »Die Herren sollen mal in die Eifel fahren. Da fährt sonntags keine Eisenbahn, kein Bus -- nichts.«

Der Vorsitzende des Kreisklassen-Klubs SC Balkhausen-Türnich fürchtete um die Existenz seines Spielbetriebes. Denn in einer spontanen Aufwallung von Solidarität hatte der DFB« schon bevor Bonn ein Sonntags-Fahrverbot einführte, empfohlen, sonntags auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. überdies stoppte der Verband die Flutlichtspiele. Doch viel Energie spart das nicht. In Frankfurt beträgt die Stromrechnung pro Spiel nur 150 Mark, in Hamburg 400. Den Spitzenverbrauch erzielt Münchens Olympiastadion: 3000 Mark.

Einbußen müssen allein Amateurklubs abseits der Verkehrsstränge wie der SC Balkhausen gewärtigen. Im bezahlten Fußball, vor allem in den auch sonntags spielenden Regionalligen, können die Klubs als Arbeitgeber Sondergenehmigungen an auswärts wohnende Kicker verteilen. Außerdem erwarten die Stadtvereine mehr zahlende Gäste.

»In Holland war es auch so«, freute sich Walter Windte vom FC St. Pauli, »da kamen an den Sonntagen mit Fahrverbot mehr Zuschauer als vorher.« Auch in den vierziger Jähren, als kaum Privatwagen verkehrten, hatten Fußballanhänger Sonntag für Sonntag die Stadien gefüllt. Letzte Woche vor dem Regionalligaspiel gegen die Spielvereinigung Fürth verlegte München 1860 den Termin auf Sonntag und ließ vorsorglich 75000 Karten drucken.

Die meisten Verbands-Funktionäre fügten sich in die vermeintliche Notgemeinschaft ein, bildeten unverzüglich Krisenstäbe und beschlossen strenge Sparmaßnahmen.

Die Motorsport-Vorstände sagten sofort alle Veranstaltungen bis zum Jahresende ab. Allerdings: Von mehr als 200 Rallyes standen nur noch 20 aus. Bei kaum einer lokalen Sternfahrt verbrauchen die durchschnittlich 50 teilnehmenden Wagen auf Strecken zwischen 500 und 1000 Kilometern mehr als 10 000 Liter Superkraftstoff.

Erst wenn die Krise bis Januar dauert, wäre auch die wichtigste europäische Fernfahrt. die Rallye Monte Carlo, gefährdet: Nahezu 3000 Kraftfahrzeuge rasen dabei durch mehr als zehn Länder. Die Motoren von Teilnehmern und Troß schlucken rund drei Millionen Liter Treibstoff.

Aber am härtesten werden von der Krise die Sportschwimmer betroffen. Sie können ihr tägliches Trainingspensum von wenigstens vier bis zu zehn Kilometern nur bei einer Mindesttemperatur von 25 Grad im Wasser durchstehen. Kleinkinder benötigen zum Schwimmunterricht sogar 30 Grad warmes Wasser. Das Leistungszentrum in Würzburg (300 Leistungsschwimmer) ermäßigte die Beckentemperatur schon um drei auf 25 Grad.

Das benachbarte Würzburger Vereinsbad (Maße: 20 mal 12,5 Meter) gab monatlich 20 000 Mark für Heizungskosten aus und verbrauchte jährlich 200 000 Liter Heizöl. Doch auch wenn der Öl-Nachschub bedarfsdeckend fließen würde, könnte der Verein die nahezu verdoppelten Kosten nicht auffangen. Sollte der Ölmangel anhalten. müßten die Sportschwimmer ebenso die Badehosen einpacken wie die meisten älteren Badegäste.

Die großen Hallen in der Bundesrepublik hielten dagegen bislang optimistisch an ihrem dichten Programm fest. In der Dortmunder Westfalenhalle (jährlicher Ölverbrauch: 1,5 Millionen Liter). mit 23 000 Plätzen die größte bundesdeutsche Sporthalle, ist die Heizung nur beim Training der Leichtathleten, Handball- und Tennisspieler ausgeschaltet worden. Pressechef Hans Ost: »Die meisten hatten schon gebeten: Stellt doch die dämliche Heizung ab.«

Kalte Füße bekommen freilich jetzt die Werbemanager der Treibstoff-Konzerne Esso und Aral ("Schönes entdecken"). Mit einer sechsstelligen Summe hatte Esso für die Weltmeisterschaft die bekanntesten Fußball-Nationalspieler zur Absatzwerbung verpflichtet. Nur Bayern Münchens Star Franz Beckenbauer schloß sich aus: Er wirbt schon seit Jahren für mehr Benzindruck an den Aral-Tankstellen.

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