Damien Seguin bei der Vendée Globe Er wurde ohne linke Hand geboren – jetzt gehört er zu den besten Extremseglern

Der Franzose Damien Seguin ist der erste Skipper mit Behinderung bei der Vendée Globe und wird wohl in der Spitzengruppe ankommen. Er sagt: »Mit Leidenschaft kannst du alle vermeintlichen Grenzen überwinden.«
Damien Seguin bei der Vendee Globe 2020: »Ich wollte das auch machen«

Damien Seguin bei der Vendee Globe 2020: »Ich wollte das auch machen«

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FRED TANNEAU / AFP

»Ich weiß nicht, ob ich ein Vorbild bin. Aber ich will zeigen, was man erreichen kann«, sagt Damien Seguin.

Der 41-Jährige ist fünfmaliger Weltmeister in seiner Bootsklasse. Dass der Franzose bei der Vendée Globe, der wohl herausforderndsten Solo-Regatta mit den Besten der Besten um die Welt startet, könnte man für selbstverständlich halten. Doch Seguins Geschichte ist besonders. Er ist ohne linke Hand geboren. Seine internationalen Erfolge hat er bislang im paralympischen Sport erzielt.

Bei der diesjährigen Ausgabe der Vendée Globe, bei der die ersten Segler an diesem Mittwoch nach fast achtzig Tagen auf See in Les Sables d’Olonne zurückerwartet werden, ist er in über dreißig Jahren Vendée-Geschichte der erste Skipper mit Behinderung. Er wird die Regatta, wenn nichts mehr dazwischenkommt, in der Spitzengruppe abschließen. Das hatte der Paralympics-Sieger von 2004 und 2016 selbst nicht für möglich gehalten.

Seguin kurz nach dem Start bei der Vendée Globe

Seguin kurz nach dem Start bei der Vendée Globe

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Alexis Courcoux / imago images / PanoramiC

Auch wenn es ja sein Ziel gewesen war: zeigen, was man erreichen kann. »Dann können andere Eltern ihren Kindern mit Behinderung sagen: Wir wissen, es ist machbar«, sagte er in einem Interview auf der Website des Veranstalters  vor dem Start im November.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sein Ziel noch »einfach ankommen« gelautet: Zeigen, dass er Stürme, Wellen und andere Widrigkeiten bis hin zur Lebensgefahr ebenso gut wie die anderen Skipper ohne Behinderung meistern kann. Seine eigenen Eltern hätten ihm schließlich auch nie Grenzen erklärt, sagt er. Schon als sie ihm statt Schuhen mit Klettverschluss trotz seiner Einschränkung selbstverständlich solche mit Schnürsenkeln kauften, habe er gelernt, dass er mit mehr Einsatz alles erreichen konnte, was andere ohne Einschränkung auch schaffen. Das habe er sein Leben lang so mitgenommen. Er sagt: »Mit Leidenschaft kannst du alle vermeintlichen Grenzen überwinden.«

Seguin ist zwischen der Côte d’Azur und den höchsten Bergen der Westalpen aufgewachsen. Als er etwa zehn Jahre alt war, zog die Familie in die Karibik. Auf Guadeloupe kam der erste Kontakt mit dem Segelsport zustande. 1990 beobachtete Seguin die Zielankunft der Regatta Route du Rhum. Er erinnert sich: »Ich wusste nichts darüber, aber alle redeten davon. Das war wie eine Offenbarung. Diese gigantischen Boote, die Segler, die nach Autogrammen gefragt, wie Rockstars gefeiert wurden. Ich wollte das auch machen.«

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Er meldet sich zum Segelkurs an. Mit 13 Jahren bestreitet er die ersten Wettkämpfe. Nach der Schule fängt er zunächst ein Biologiestudium an, das er jedoch abbricht. Er wechselt an nationale Segelakademie Frankreichs in Lorient und schließt eine Sportlehrerausbildung ab.

An vier Paralympics nimmt er teil, gewinnt Gold und Silber. Doch nach den Spielen in Rio de Janeiro 2016 wird Segeln aus dem Programm genommen. Seguin entschließt sich, ganz aufs Hochseesegeln zu setzen. Er startet bei der Route du Rhum, der Vendée-Arctique und anderen Regatten – und jetzt der größten Herausforderung der Solo-Segler, der Vendée Globe.

Am meisten stolz sei er bis jetzt auf sein »olympisches Abenteuer« gewesen, sagt er. »Ich habe dort eine einzigartige Atmosphäre erfahren, und besondere menschliche Geschichten.« Vor allem die Rolle als Flaggenträger Frankreichs in London 2012 hätte ihm einen »enormen Schub« gegeben.

In den vergangenen Wochen schrieb und filmte er immer wieder von den Emotionen, die die Erfüllung seiner Kindheitsträume auslösten. Und auch die Extremsituationen: Winde in Sturmstärke und hoher Seegang durch alle Klimazonen, auch fast drei Monate Einsamkeit.

Seguin hat sich bei der Vendée vorgenommen zu zeigen, dass ein Mensch mit Behinderung auch mit den Besten ohne Behinderung mithalten kann. Seine eigene hat er dabei weniger als Einschränkung denn als Ansporn und Auftrag empfunden. In Frankreich hat er auch ein Projekt zur Förderung von Inklusion im Wassersport gegründet. Als seine größte Qualität benennt er selbst die Widerstandsfähigkeit, die er aus seiner Lebenserfahrung zieht. Sie kommt, sagt er, gerade bei einer solchen Herausforderung wie der Weltumseglung zur Geltung.

Am Boot hat Seguin wegen seiner Behinderung kaum Änderungen vorgenommen. Nur die sogenannte »Kaffeemühle«, die Windensäule, mit deren Hilfe etwa Segel gehisst, geborgen und eingestellt werden, hat eine Hülse für eine Handprothese, um auch den linken Arm einsetzen zu können. Der Rest ist wie bei den anderen Skippern: Die Jachten der Bootsklasse Imoca sind im Aufbau gleich, alle um die 18 Meter lang und rund acht Tonnen schwer.

Verfolgen Sie die Position der Segler im Live-Tracking:

77 Tage sind die Skipper inzwischen allein auf See. Seguin segelt seit Wochen in der Spitzengruppe. Anfang Januar lag er sogar auf Rang zwei. Dabei segelt er als Einziger der Vorderen ohne Foils – jene Tragflächen, die die Jachten beschleunigen und förmlich zum Fliegen bringen. Doch Seguins Boot ist alt, Jahrgang 2008, und seine Vendée-Kampagne, gesponsert von einer Krankenkasse, mit vergleichsweise wohl geringem Budget ausgestattet. Die Aufrüstung mit Foils kostet geschätzt eine halbe Million Euro.

Seguin hat dennoch lange vorn mithalten können. Sein Boot hat auf den über 48.000 Kilometern Weltumrundung bis jetzt keinen größeren Schaden genommen, während andere mit Ruder-, Kiel- und Mastbruch, Walkollision und anderen Zwischenfällen ausfielen. Doch jetzt auf den letzten Tausend Kilometern den Atlantik aufwärts beschleunigen die Foiler. Seguin ist etwas zurückgefallen. Er hatte Pech mit dem Wind, schwierige Tage haben ihn Strecke gekostet.

Vor dem Start hatte er gehofft, einfach anzukommen. Jetzt könnte er wohl als bester Nicht-Foiler und unter den Top-Sechs abschließen. Und die vorderen Plätze hat Seguin noch nicht aufgegeben. Auf  Twitter schrieb er : »Ich habe Spaß am Angreifen. Ich werde bis zum Ende angreifen.«

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