Corona-Maßnahmen Was bedeutet ein November-Shutdown für ... den Sport?

Kommt der Shutdown, hat das auch auf den Sport schwere Auswirkungen - in all seinen Facetten.
Leerer Amateurfussball-Ascheplatz

Leerer Amateurfussball-Ascheplatz 

Foto: Udo Gottschalk / imago images

Im Sport geht nichts über gute Vorbereitung, über Antizipation dessen, was einen erwartet. Das wissen natürlich auch Alfons Hörmann und Karl-Heinz Rummenigge.

Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, und Rummenigge, Klubboss des FC Bayern München, haben sich in den vergangenen Tagen schon bereit gemacht für den Gegner, der auf sie zukommen könnte: Es ist der Shutdown, über den an diesem Mittwoch Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten diskutieren. Es geht um strenge Einschränkungen des öffentlichen Lebens für den November.

Dem Sport in all seinen Facetten drohen weitreichende Einschränkungen, wie aus der Beschlussvorlage des Bundes hervorgeht, über die der SPIEGEL vorab berichtete. Während der Beratungen wurde dann bekannt, dass vorerst keine Zuschauer mehr beim Profisport zugelassen werden.

Hörmann und Rummenigge leisteten vorweg Lobbyarbeit für ihre Branche. Hörmann nannte den Vereinssport ein "soziales Tankstellennetz", Sport sei Teil der Lösung und nicht Teil des Problems. Rummenigge trat in der Öffentlichkeit als Mahner im Dienste der Bundesliga auf. Eine Unterbrechung der Saison könne für viele Vereine das Ende bedeuten, es bestünde die Gefahr, dass die Liga "als Ganzes kollabiert".

Ist das wirklich so? Und was passiert, wenn öffentliche Anlagen und Fitnessstudios schließen müssen und Mitglieder reihenweise kündigen? Wenn Profiteams in verschiedensten Sportarten vielleicht noch ihre Wettbewerbe fortsetzen, aber gar keine Zuschauer mehr in die Hallen und Stadien kommen dürfen? Ein Überblick.

Amateursport: Hier drohen wohl die schwersten Folgen, heißt es in der Beschlussvorlage doch knallhart: "Institutionen und Einrichtungen, die der Freizeitgestaltung zuzuordnen sind, werden geschlossen." Darunter fallen auch der Freizeit- und Amateursportbetrieb. Der Eimsbütteler Turnverein in Hamburg ist einer der größten der Stadt mit rund 15.000 Mitgliedern verteilt auf 45 Sportarten. Seit die Beschlussvorlage in der Nacht zum Mittwoch durchgesickert ist, rotieren die Verantwortlichen des Vereins, für 13 Uhr ist eine Krisensitzung anberaumt worden. 

Einen drohenden totalen Shutdown sieht der ETV-Vorsitzende Frank Fechner skeptisch: "Ich sehe die Notwendigkeit, dass etwas passieren muss. Ich finde aber, dass das Thema zu undifferenziert betrachtet wird", sagt er dem SPIEGEL. "Die Mitglieder haben eine lange Durststrecke mitgemacht und sind diszipliniert. Die würden durch einen Lockdown erneut an ihrer Sportausübung gehindert werden. Das müssen die ja als Bestrafung wahrnehmen."

Der ETV hatte im ersten Shutdown und den folgenden Monaten nur wenige Mitglieder verloren. "Das große Problem ist, dass wir nur wenige neue Mitglieder aufgenommen haben", sagt Fechner. Sorgen bereitet dem ETV nun der neuerliche Shutdown in Kombination mit einem pikanten Datum: der reguläre Kündigungstermin am 30.11. "Ich befürchte, dass wir eine Austrittswelle zum Jahresende haben werden", sagt Fechner. "Und das wird die Vereine sehr beschädigen."

Fitnessstudios: "Ein weiterer Shutdown wird dazu führen, dass viele Studios sich endgültig bilanziell überschulden und deswegen in die Insolvenz gehen müssen", ist sich Ralph Scholz sicher. Da reichen schon vier Wochen. Scholz ist Vorsitzender des Deutschen Industrieverbands für Fitness und Gesundheit, er sagt dem SPIEGEL: "Wir befürchten, dass mit dem zweiten Lockdown die Grundversorgung an Sportangeboten nachhaltig zerstört wird." Seiner Meinung nach hätten die Fitnessstudios bewiesen, dass sie in der Lage sind, "die Hygieneregelungen umzusetzen und die Nachverfolgbarkeit zu gewährleisten". Es reiche also aus, wenn man nur atmungsintensive Trainingsprogramme (HIT-Training, Ausdauer etc.) reduziere, aber zumindest Teilbereiche offen halte.

Im Profisport ist die Haltung klar: Basketballer, Handballer, Eishockeyspieler - alle wollen weitermachen. Stefan Holz ist Geschäftsführer der Basketball-Bundesliga. Dem Sportinformationsdienst sagte Holz, für die Liga sei es "ein Desaster, wenn es wieder einen Lockdown geben würde. Wenn man uns den Spielbetrieb einstellt, kann man den Laden zusperren". Der Chef der Eishockey-Liga, Gernot Tripcke, warnte die Politik, dass sie dem Sport mit dem Ausschluss von Zuschauern "die Basis zum Überleben" entziehe. Sein Kollege Frank Bohmann von der Handball-Bundesliga sagt dem SPIEGEL mit Blick auf die kommenden Einschränkungen: "Wir fahren nur auf Sicht und probieren so lange wie möglich, unser Kinn über Wasser zu halten. Aber wir werden auch wieder über einen möglichen Saisonabbruch diskutieren." Ende April hatte der deutsche Handball seine Bundesligasaison vorzeitig eingestellt. Das Minusgeschäft durch Spiele ohne Zuschauer wäre für die meisten Klubs nicht zu stemmen gewesen. Seit dem 1. Oktober läuft die neue Spielzeit als einzige größere Hallensportart in Deutschland.

Zu Saisonbeginn war die Hoffnung der Handballer, die Zuschauerzahlen stetig steigern zu dürfen. Normalerweise macht das Ticketing eines Profiklubs im Handball 25 bis 30 Prozent des Gesamtetats aus - dann, wenn die Halle maximal ausgelastet wird. Die bisherige Regelung mit nur wenigen oder teilweise auch gar keinen Zuschauern war vielerorts weiterhin ein Verlustgeschäft, auch angesichts der Ausgaben für ein Hygienekonzept. Bis Weihnachten wolle man mindestens spielen, sagt Bohmann, im Zweifel auch ohne Zuschauer.

Profifußball: Bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) sind sie alarmiert. Zwar geht die Vertretung der 36 Erst- und Zweitliga-Klubs nicht davon aus, dass es einen Stopp des Spielbetriebs geben wird wie im März. Man rechnet mit einem Ausschluss der Zuschauer bis Jahresende und dem Fortgang der Saison mit sogenannten Geisterspielen. Gleiches hört man aus der Politik. Der nun beschlossene Zuschauerausschluss wird die Klubs finanziell treffen, aber sie werden es überleben.

Auf den von Rummenigge genannten Worst Case der Spielunterbrechung ist die DFL vorbereitet. Sie hat nach SPIEGEL-Informationen eine Brückenfinanzierung geplant, würde sich Geld leihen und müsste es dann später mit einem hohen Zinssatz zurückzahlen. Ausgeschlossen wird der Einstieg eines externen Investors, um die Liga im Falle des Falls zu retten.

Als Reaktion auf den Shutdown im Frühjahr hat die DFL eine kleinere Rücklage aus den TV-Einnahmen gebildet. Das allerdings würde die Klubs beim Wegbrechen der Fernsehgelder nicht auffangen können. Um das Risiko zu minimieren, dass ein großes Stück der TV-Einnahmen ausbleibt, hat die DFL die Auszahlungsmodalitäten verändert: Statt vier große Tranchen in der Saison, die an die DFL und danach an die Klubs ausgezahlt werden, fließen die Zahlungen der Rechteinhaber wie Sky nun monatlich. Bei einer temporären Spielunterbrechung würde so nur ein kleinerer Teil der Fernsehgelder ausbleiben.

Ansonsten verlassen sich die Profiklubs auf das von DFL und dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) für die neue Saison überarbeitete Hygienekonzept. Es gilt für Bundesliga, zweite und 3. Liga sowie DFB-Pokal und Bundesliga der Frauen.

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