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LEICHTATHLETIK Das Chromosomen-Komplott

Seit ihrem WM-Sieg in Berlin debattiert die Welt darüber, ob es sich bei der südafrikanischen Läuferin Caster Semenya womöglich um einen Mann handelt oder ob sie intersexuell ist. Der Fall entwickelt sich zum Drama für die junge Sportlerin.
aus DER SPIEGEL 39/2009

Die Weltmeisterin schlurft in T-Shirt, Jeans und Badelatschen ins Restaurant des High Performance Centre (HPC), eines Sport-Leistungszentrums in Pretoria. Caster Semenya, 18, bestellt sich einen Obstteller, plaudert kurz mit Kommilitonen. Dann verschwindet sie wieder in ihr Apartment.

Semenya soll nicht reden. Mit niemandem. Die Wahrheit könnte einige Leute hier den Job kosten.

Das HPC ist eine Kaderschmiede des südafrikanischen Sports mit idealen Trainingsmöglichkeiten, guten Trainern, bei Bedarf steht den Athleten auch ein Psychologe zur Verfügung. Den braucht Caster Semenya jetzt besonders dringend.

Caster Semenya stammt aus Masehlong, einem Dorf weit oben im Norden von Südafrika. Ihre Eltern sind einfache Arbeiter. Vor fünf Wochen gewann ihre Tochter bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin die Goldmedaille über 800 Meter. Bei ihrer Rückkehr nach Südafrika wurde Semenya wie eine Nationalheldin bejubelt. Es gibt Bilder, die zeigen, wie sie von Fans auf Händen getragen wird, wie sie zu Hause in ihrem Dorf vor der Hütte ihrer Eltern posiert. Man sieht auf den Bildern eine glückliche junge Frau, die lacht und tanzt. Doch die Freude ist aus dem Gesicht Semenyas gewichen.

Um die Läuferin aus Südafrika tobt eine Debatte, wie sie für eine Frau schlimmer kaum sein könnte. Es geht um die Frage, ob sie wirklich eine Frau ist, ein Mann oder intersexuell. Es ist eine Debatte, die weltweit geführt wird, von Medizinern und Sportfunktionären, sie reden über Chromosomen, es fallen Begriffe, für die es in der Muttersprache Semenyas keine Vokabeln gibt. Vielleicht wird man ihr am Ende der Diskussion die Goldmedaille wieder abnehmen. Sicher ist, dass die junge Sportlerin aus der Äffare, für die sie nichts kann, nicht unbeschadet herauskommen wird.

Als Caster Semenya in Berlin Gold gewann, war die Sportwelt fassungslos. Sie düpierte im Finale die Konkurrenz, lief Weltjahresbestzeit und siegte mit über zwei Sekunden Vorsprung. Experten blickten argwöhnisch auf ihren muskulösen Körper, auf die männlichen Züge in ihrem Gesicht. Wer ist diese Athletin?

Der Leichtathletik-Weltverband IAAF ordnete einen Geschlechtstest an - und löste damit eine Krise aus, wie sie der Sport selten erlebt hat. Südafrika reagierte empört. Rassistische Südafrikaner hätten dem Weltverband Briefe geschickt mit Hinweisen, Caster sei keine Frau, erklärte der Präsident des nationalen Leichtathletik-Verbands, Leonard Chuene. »Es gibt das Geschrei doch nur, weil sie schwarz ist und ihre europäischen Mitstreiter ausgestochen hat«, schimpfte der Vorsitzende des Sportausschusses im Parlament, Butana Komphela.

Als dann vorvergangene Woche herauskam, die IAAF-Untersuchungen hätten ergeben, Caster Semenya habe keine Eierstöcke und keine Gebärmutter, stattdessen einen dreifach erhöhten Testosteronwert und innen liegende Hoden, war die Wut kaum zu bremsen. Semenyas Vater Jacob rief: »Sind diese Leute verrückt? Sind sie Gott?« Sportminister Makhenkesi Stofile drohte mit einen »dritten Weltkrieg«, sollte Semenya ihre Medaille verlieren.

Caster Semenya hat sich zurückgezogen, so weit es geht. Sie gibt keine Interviews, ihre Betreuer haben alle Rennen abgesagt. Nach ihrer Rückkehr aus Berlin war sie oft auf den Titeln südafrikanischer Zeitungen zu sehen. Ihr Verband drängte sie zu einem Fotoshooting für ein GlamourMagazin. Auf dem Cover sieht man Semenya mit lackierten Fingernägeln, sie trägt Ohrringe. »Wow«, steht unter dem Foto, »guckt euch Caster jetzt an!«

Semenya wuchs auf in der Provinz Limpopo, sie war schon als Kind immer schneller, beweglicher, robuster als die anderen Mädchen im Dorf. Immer trug sie Hosen, Röcke waren ihr zuwider. Sie spielte gern Fußball. Mit 14 Jahren flog Caster aus ihrer Mannschaft - weil sie zu hart spielte.

Sie wechselte zur Leichtathletik. Obwohl sie meist barfuß lief, hängte Caster ihre Gegner immer ab. Es gab die ersten Tuscheleien, weil sie muskulöser als alle anderen war, weil ihre Stimme so tief ist. Manchmal protestierte die Konkurrenz, ihre Lehrer legten dann bei Wettkämpfen eine Kopie der Geburtsurkunde vor.

Anfang 2009 ging Semenya nach Pretoria. Die Universität der Hauptstadt hatte ihr ein Angebot gemacht: ein monatliches Taschengeld, freies Wohnen, Förderkurse für ein Studium. Zum ersten Mal trainierte sie systematisch, zum ersten Mal hatte sie richtige Spikes an den Füßen. Innerhalb eines Jahres verbesserte sie ihre 800-Meter-Bestzeit um 9 Sekunden, die 1500 Meter lief sie um 25 Sekunden schneller.

Der Auftritt bei der Weltmeisterschaft in Berlin war ihr spektakulärster auf der großen, internationalen Bühne. Und manche, die ihre Karriere bislang begleitet haben, sagen, es war wohl auch ihr letzter.

Wilfred Daniels ist ein kleiner, drahtiger Mann. Er war mehrfacher südafrikanischer Meister über die Mittelstrecken. Daniels war Semenyas Verbandstrainer und als Athletenbetreuer in Berlin dabei. Als er von der WM zurückkam, trat er zurück. Aus Scham wegen des Umgangs mit Semenya. »Wir haben Caster nicht richtig behandelt. Wie wir mit der Sache umgegangen sind, ist scheußlich«, sagt er.

Es ist nicht so, dass man sich nicht auch in Südafrika Fragen gestellt hätte über Semenya. Die Frage ist nur: Was genau wusste man über sie?

Am 7. August, zwölf Tage vor ihrem WM-Sieg, war Semenya von ihrem Heimtrainer Michael Seme zu einer Untersuchung gebeten worden, man sagte ihr, es handele sich um einen »routinemäßigen Dopingtest«. Sie wurde in das Medforum-Krankenhaus in der Innenstadt von Pretoria gebracht, begleitet von Seme und vom Teamarzt des Verbands, Harold Adams. Auch der Verbandsmanager soll dabei gewesen sein. Wer die Untersuchung angeordnet und wer sie bezahlt hat, ist unklar. Der südafrikanische Verband bestreitet, dass die Untersuchung überhaupt stattgefunden hat.

Semenya musste sich ausziehen, wurde auf einer Liege angeschnallt, vermessen, fotografiert, abgetastet, durchleuchtet, ihr wurde Blut abgenommen. Zweieinhalb Stunden dauert die Prozedur. Rat- und hilflos schickt sie zwischendurch eine SMS an eine Freundin: »Was soll ich hier? Ich weiß nicht, was sie hier mit mir machen.«

Fest steht, dass es auch in Berlin noch vor dem ersten Start innerhalb der Mannschaftsleitung Diskussionen um Semenya gab. Teammediziner Adams, der zum Ärztestab von Staatspräsident Jacob Zuma zählt, empfahl dem Verbandschef Chuene, die Läuferin zurückzuziehen. Adams sitzt auch in der medizinischen Kommission der IAAF und ahnte die Debatten, die da kommen könnten. Chuene lehnte ab: »Ein Rückzug kommt nicht in Frage.«

Am Tag vor dem Finale wurde Semenya im Teamhotel dann noch mal untersucht. Diesmal ist ein IAAF-Arzt dabei, ebenso Adams. Wieder muss sie sich komplett ausziehen, wieder wird sie abgetastet. Wieder sagt ihr niemand, was die Prozedur soll. Kurz vor dem Endlauf rät Adams seinem Verbandspräsidenten noch einmal, Semenya zurückzuziehen. »Nein«, entgegnet Chuene kategorisch. Er will die WM-Medaille. Auch in Südafrika weiß man, was so etwas wert ist. »Eine Million Dollar« an Preis- und Antrittsgeldern pro Jahr seien spielend drin, rechnen Funktionäre unter der Hand bereits hoch.

Der Fall Semenya ist ein Drama. Statt ihn rechtzeitig zu klären, ließ man sie in Berlin antreten, in der Hoffnung, dass niemand etwas merkt. Vielleicht aus Gier, vielleicht aus Überheblichkeit. Möglicherweise wird der Fall Konsequenzen nach sich ziehen im südafrikanischen Sport. Aber was hilft das Caster Semenya?

Der Weltsport debattiert nun, wie in Zukunft mit intersexuellen Athleten umzugehen ist und was mit Semenyas Medaille geschehen soll. Bis zur Tagung des IAAF-Councils in Monaco im November sollen die medizinischen Tests ausgewertet sein, die der Verband in Auftrag gab. Dann will die IAAF eine Entscheidung treffen. Dass Semenya ihre Medaille zurückgeben muss, ist unwahrscheinlich, weil es keine Regel gibt, gegen die sie verstoßen hat.

Die IAAF hat sich bislang nur vorsichtig mit Fällen von Intersexualität beschäftigt. Die medizinische Kommission hat 2006 Grundsätze zur Geschlechtsprüfung in der Leichtathletik verfasst. Darin steht, dass intersexuelle Sportler mit bestimmten Diagnosen am Wettkampf problemlos teilnehmen können. Konkret ist vom Androgenresistenz-Syndrom und vom Adrenogenitalen Syndrom (AGS) die Rede, zwei der häufigsten Befunde. Vom AGS betroffene Mädchen bilden vermehrt männliche Sexualhormone wie Testosteron.

Es gibt über 20 Diagnosemuster für Intersexuelle, der Sport kann schlecht für alle eine eigene Regel aufstellen. Oft ist ein Befund gar nicht möglich. Und bei der Hälfte der Betroffenen liegen die Ursachen völlig im Dunkeln.

Für Helmut Digel, Council-Mitglied im Weltverband, ist nicht nur die IAAF, sondern auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) mit seiner medizinischen Kommission jetzt in der Pflicht. »Das IOC ist für die übergeordneten Sportfragen zuständig«, sagt Digel, »wir brauchen so schnell wie möglich Richtlinien. Es muss jetzt einen offenen Austausch zwischen Betroffenen, Nichtbetroffenen und Wissenschaftlern geben.«

Intersexualitätsexperten wie die Medizinethik-Professorin Claudia Wiesemann von der Universität in Göttingen befürchten keine Wettbewerbsverzerrungen im Sport. »Die Diagnosen sind überwiegend irrelevant für den Wettkampf, weil sich keine Vorteile ergeben«, sagt sie. Für Wiesemann wäre es die beste Lösung, wenn jeder Mensch einfach in dem Geschlecht startet, das in seinem Personalausweis steht. »Alle weiteren Tests sind sinnlos, weil die Varianz der Geschlechtsmerkmale so groß ist, dass es nicht immer ein eindeutiges Ergebnis gibt.«

Während in Europa medizinische Fragen erörtert werden, tobt in Südafrika der Kampf um die Wahrheit. Was wussten die Funktionäre?

Die krudeste Vorstellung gab zuletzt Verbandschef Chuene ab. Er ist seit zehn Jahren im Exekutivkomitee der IAAF. Er wurde in den neunziger Jahren Präsident des südafrikanischen Verbandes, weil er sich im ANC verdient gemacht hatte. Kritiker sagen, ihn interessierten eher die Tagesgelder und die Anzahl der Sterne der internationalen Hotels, in denen er gern logiert, als die Belange seiner Sportler.

Chuene trat aus Protest aus dem Exekutivkomitee der IAAF aus - und wenig später wieder ein. Er behauptete, in Südafrika sei Semenya nie untersucht worden. Er verkündete außerdem, Harold Adams, dessen Aussagen Chuene belasten, sei kein Teamarzt seines Verbandes.

Zuletzt geriet der smarte Mister Chuene jedoch in Erklärungsnot. Als er vergangene Woche gefragt wird, wo die Untersuchungen an Caster Semenya denn gemacht wurden, meint er: »Hm, irgendwo.« War es in Berlin? Ja, es müsse wohl in Berlin gewesen sein. Hat er mit Semenya über die Tests gesprochen? »Es steht mir nicht zu, mit Caster über medizinische Tests zu reden, das ist reine Privatsache«, sagt Chuene.

Es ist eine Privatsache, über die die ganze Welt diskutiert. Menschenrechtsorganisationen schalteten sich ein, Frauenrechtlerinnen, Südafrika beschwerte sich bei der Uno. Die Frau, um die es geht, schweigt. Ganz im Sinne von Chuene. Er hat Semenya eine PR-Managerin und einen Anwalt zur Seite gestellt. Sie sollen verhindern, dass die traurige Weltmeisterin womöglich erzählt, wie sich wirklich alles zugetragen hat.

Ihr Ex-Coach Daniels kämpft um die Wahrheit - und gegen seinen Verband. »Ich fühle die Schuld«, sagt er. Daniels glaubt nicht daran, dass Semenya noch mal die Kraft aufbringt, in einem großen Stadion ein großes Rennen zu laufen. »Die eine Hälfte des Stadions wird buhen, die andere Hälfte nicht wissen, wie sie sich verhalten soll«, sagt Daniels. »Ich fürchte, dass die großen Wettkämpfe für sie vorbei sind.« LUKAS EBERLE, HORAND KNAUP

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