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TOUR DE FRANCE Das ewige Versprechen

Das alljährliche Wechselspiel um Jan Ullrich zwischen Hoffnung und Enttäuschung begann diesmal früher denn je. Während die Geduld vieler Radsportexperten aufgezehrt scheint, setzt das Fernsehen auf Ullrichs Angriff in den Bergen. Mit dem T-Mobile-Star steht und fällt die Quote.
aus DER SPIEGEL 28/2005

Sollte ein trotteliger Lastwagenfahrer daran schuld sein, wenn Jan Ullrich auch diesmal die Tour de France verliert? Unentschlossen juckelte der Mann einen Tag vor dem großen Radspektakel durch den Kreisverkehr, zwang das Materialauto des T-Mobile-Teams hinter sich zur Vollbremsung und löste damit jene Kettenreaktion aus, an deren Ende der Stolz der deutschen Radsportnation hilflos im Heck des Kombis zappelte. Übersät von Glassplittern, verletzt am Hals - und vermutlich auch an der Seele.

Von dem Unglück existieren nur Augenzeugenberichte, keine Aufnahmen. Wären Fotografen oder Kameraleute dabei gewesen, um das blutverschmierte Unfall- opfer abzulichten, dann wäre jeder Kilometer, den Jan Ullrich, 31, bei der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt vorwärts strampelt, zum heroischen Akt hochstilisiert worden.

So aber blieb den Millionen, die zu Hause vorm Fernseher mitfiebern, ein anderes, fatales Bild von der ersten Tour-Woche haften: wie der sommersprossige Deutsche von der Menschmaschine Lance Armstrong, 34, gleich beim ersten Einzelzeitfahren abgehängt, gedemütigt und demoralisiert wird. Statt Mitleid wegen des Crashs zu spenden, verfestigte sich beim Publikum der Eindruck, dass der schludrige Radprofi ganz offensichtlich erneut seine Tour verbockt. Er habe beim Auftakt »versagt«, urteilte »Bild« schroff.

Das alljährliche Wechselspiel zwischen Hoffnung und Enttäuschung scheint sich fortzusetzen, es gehört zu Jan Ullrichs Karriere wie die Farbe Gelb zu Armstrong. Die Hoffnung wurde genährt von Berichten, wonach sich Deutschlands Radstar wohl gewissenhafter denn je auf seine letzte Chance vorbereitet hatte, nicht als ewiger Verlierer im Duell gegen den sechsmaligen Tour-Sieger dazustehen. Experten nahmen die ganze Liste mit Ullrichs typischen Mängeln zur Hand: Anerkennend wurde notiert, dass der Wahl-Schweizer im Winter disziplinierter trainiert habe; dass er lediglich auf ein Frühjahrsrennen wegen einer Erkältung verzichten musste; dass er den Akupunkteur John Boel zurück

ins Team beordert hat; und dass er die Originalsonnenbrille von der 97er Triumphfahrt aus der Asservatenkammer hervorgekramt hat. Aber dann war es ein Lkw in einem Kreisverkehr, der alles wieder ins Rutschen brachte.

Früher als sonst fiel das Vertrauen in den angeblich geläuterten Sportler wie ein Soufflé zusammen. »Die Ullrich-Entschuldigungen langweilen mich«, greinte Rudi Altig in »L'Equipe«, gemessen an seinem Monatsverdienst von 250 000 Euro, monierte der Weltmeister von 1966, gebe er dem Radsport nichts Großes zurück: »Man wartet und wartet.«

Jan Ullrich ist Gefangener einer Fügung des Schicksals, das ihn 1997 zum Himmelsstürmer machte, zum jungen Nationalhelden, für den es damals keine Widerstände gab, schon gar keinen Armstrong. Er hat Erwartungen geschürt, manche Radkoryphäe attestierte ihm Unbesiegbarkeit auf Jahre hinaus, und die Deutschen glaubten es gern.

Sein Sieg war wie ein Versprechen, das er bis heute nicht einlösen konnte. Deshalb blieb ihm auch ein Platz auf der Höhe von Boris Becker und Michael Schumacher verwehrt, die auf dem Rasen von Wimbledon und dem Asphalt der Formel 1 nach frühen Erfolgen gleich nachlegen konnten - und damit in den Augen der Deutschen größer wurden als das Ereignis selbst. Man stelle sich einmal vor, Becker wäre nach dem Tennismärchen von 1985 in London erfolglos geblieben: Er hätte dreimal die U. S. Open gewinnen können - und sich doch immer für die Niederlagen in Wimbledon rechtfertigen müssen.

In ähnlicher Lage steckt Ullrich. Was zählt da schon, dass er die Spanien-Rund-

fahrt, Olympiagold und zweimal die Weltmeisterschaft im Zeitfahren gewann? Die Ansprüche an Ullrich haben die Maßstäbe so sehr ins Irreale verrückt, dass der zweite Platz von Andreas Klöden bei der vorigen Tour beiläufig zur Kenntnis genommen wurde: Na ja, ganz manierlich.

Eine Zeit lang versuchte sich Ullrich der Last zu entziehen, indem er sehr vorsichtig seine Ziele bei der Frankreich-Rundfahrt formulierte. Seit ihm das als Zaudern ausgelegt und Armstrongs Kompromisslosigkeit vorgehalten wird, gibt er nach und spricht offen vom Tour-Sieg. Ullrichs Dilemma erinnert an Monty Pythons Kinoklamotte »Das Leben des Brian«, eine Persiflage auf die Jesusgeschichte: Brian aus Nazaret, ein durchs Leben stolpernder Mitläufer, wird fälschlicherweise für den Heiland gehalten. Er läuft vor der Anhängerschar davon, doch sie treibt ihn in die Enge und bejubelt ihn als ihren Messias. Genervt gibt Brian seinen Widerstand auf und sagt, um endlich seine Ruhe zu haben, den fatalen Satz: »Also gut - ich bin der Messias!« Prompt schnappen die Menschen über und huldigen ihm. Am Ende landet er am Kreuz.

Im Irgendwo zwischen Hosianna und Verurteilung befindet sich auch Ullrich ständig. Mitte Mai preist »Bild« seine Fitness: »So früh war er noch nie so gut. Das wird Lance Armstrong gar nicht gefallen!« Doch nach dem Unfall vor dem Tour-Start richtet Kolumnist Franz Josef Wagner, Donnergott des Boulevardblattes: »Halten Sie mich ruhig für einen herzlosen Schweinehund - aber ich denke, dass Ullrich in dieser seelischen Verfassung nicht mitfahren sollte.« Anrede: »Lieber Jan Ullrich«.

Man kann sich ja prächtig reiben an ihm. Den Kopf schütteln über das Skandaljahr 2002, als er betrunken nach einem Unfall im Porsche flüchtete, in einer Disco-Nacht

Aufputschpillen schluckte und anderntags positiv auf Doping getestet wird. Ihn sogar belehren, dass sein kraftvoller, gleichmäßig schwerer Tritt im Hochgebirge ein Handicap ist, wenn man sich selbst für fachkundig genug hält. Man kann auch seine hastig dahingesagten Standards ("Jeder hat heute sein Bestes gegeben") bespötteln. Des Öfteren ist Ullrich sogar unfreiwillig komisch. In einem Interview für die »Bunte« fragte ihn Rudolf Scharping kürzlich, was »neben deinem Können dein größtes Kapital für diesen Sport« sei. »Mein gesegneter Schlaf«, antwortete Ullrich.

Nach fast zehn Jahren in der Öffentlichkeit nimmt die Zahl derer merklich ab, die den gebürtigen Rostocker tauglich finden als Projektionsfläche für Wünsche und Träume eines breiten Publikums. Er ist eher Deutschlands verhinderter Liebling: Vor Kameras wirkt er zu starr und unsicher, und um die Kunst zu lernen, sich nahbar zu geben, ohne sich vereinnahmen zu lassen, fehlt ihm der Geltungsdrang. Michael Schumacher organisiert seine wenigen Auftritte außerhalb der Rennpiste straff durch, um die Kontrolle zu behalten. Boris Becker genießt es, über den Tennisplatz hinaus zur bedeutungsvollen Person erhoben zu werden. Ullrich nicht. »Er ist aus einfachem Holz geschnitzt - er fährt nur tausendmal schneller als andere«, sagt sein zukünftiger Teamkollege Patrik Sinkewitz, 24. Ullrich, vom Wesen her eher Mannschaftssportler als Egomane, irritiert es, wenn er mehr darstellen soll als einen Radrennfahrer. Er fühle sich, sagte er einmal, wie »aus Glas. Unerklärlich, dass immer alles über mich rauskommt«.

So unerklärlich ist das nicht angesichts des Aufwands, den die öffentlich-rechtlichen Anstalten für ihre Live-Übertragungen der 21 Etappen treiben. Allein das ZDF

hat 96 Mitarbeiter zur Tour geschickt. 120 Stunden Programm müssen gefüllt werden, mit Fachleuten wie den ehemaligen Profis Rolf Aldag und Marcel Wüst, mit Exkursen über Land und Leute, mit Zuschauer-Abstimmungen - und mit Jan Ullrich.

Zwar glaubt ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz, dass »der Radsport in Deutschland eine breitere Basis gefunden hat - die Zuschauer kennen inzwischen auch andere Namen«. Im Vorjahr habe Andreas Klöden den Einschaltquoten gut getan, auch Jens Voigt oder seit seinem Parforceritt am vergangenen Freitag Fabian Wegmann fänden ihr Publikum. Doch um wie im Rekordjahr 2003 neun Millionen Deutsche zum Einzelzeitfahren am Samstag und drei Millionen mitten in der Woche vor den Fernseher zu bringen, braucht es einen Ullrich, der um den Sieg fährt.

Entsprechend euphorisch japsten die Kollegen der ARD, sieben Jahre lang Kooperationspartner des Telekom-Rennstalls, vorige Woche nach dem Mannschaftszeitfahren über den »Magenta-Express«, der nur 35 Sekunden nach Armstrongs Equipe ins Ziel gekommen war - als ob die beständige Überlegenheit des US-Teams aus einem Naturgesetz resultiere. T-Mobile, frohlockte das Erste, hätte »Sekunden verloren, Moral gewonnen« und damit alle »Skeptiker Lügen« gestraft. Monica Lierhaus, die Tour-Moderatorin der ARD, orakelte reflexartig: »Inwieweit war das der Befreiungsschlag?«

Das Fernsehen giert nach Ullrichs Performance, zumal in diesem Jahr der Sprinter Erik Zabel vom T-Mobile-Team zur Österreich-Rundfahrt und damit quasi in die Verbannung geschickt wurde. Meist sind die Ankünfte der Flachetappen aus deutscher Sicht so spannend wie ein Fußballspiel Kamerun gegen Mali. Dass der Zuspruch nach oben schnellt, wenn die Tour erst einmal die Alpen und Pyrenäen erreicht und die Entscheidung naht, darauf hoffen sie alle im Begleittross der öffentlich-rechtlichen Sender. Redaktionsintern wurde die Parole ausgegeben: »Die Tour ist für Jan noch nicht beendet.«

Und schon wird eifrig die Vorstellung geweckt, am Dienstag beginne die Jagd auf Armstrong. Beinahe beschwörend wird Ullrich aufgefordert, einstige Tour-Sieger wie Eddy Merckx ("Jan ist müde im Kopf") oder Bjarne Riis ("Er probiert einfach nichts Neues"), die ihn mit seinen 31 Jahren abschreiben, des Irrtums zu überführen. Vielmehr möge er beweisen, dass er nicht wie Armstrong zum rücksichtslosen Berserker zu werden braucht, um Armstrong zu bezwingen.

Nach außen hin lobt der Dominator der vergangenen sechs Jahre seinen deutschen Kontrahenten zwar, aber in Wahrheit verachtet er Ullrichs Attitüde des Nettseins.

Als sich die beiden vor einem Jahr während der letzten Tour-Tage in einem Zelt über den Weg liefen, streckte Armstrong nur seine Hand zum Gruß aus. Ullrich fiel ihm freundschaftlich in die Arme, der US-Star war fassungslos. »Er hat mich umarmt«, berichtete Armstrong wenig später einem Teamkollegen. »Kannst du dir das vorstellen?«

Was er wirklich vom Sportler Ullrich hält, gibt der Amerikaner allenfalls in seiner Heimat preis. »Diese verdammten Clowns, die man gern als meine Rivalen bezeichnet, können doch nur im Juli Rad fahren«, spottete Armstrong in einem Interview. »Schauen Sie sich Jan Ullrich an: Heute habe ich gelesen, dass er wegen einer Erkältung auf der Rolle in der Garage fährt. Da kann ich nur lachen! Ich bin letzte Woche in New York drei Stunden bei Eis und Schnee gefahren.« DETLEF HACKE

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