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Fußball »Das ist Manipulation«

aus DER SPIEGEL 35/1996

SPIEGEL: Herr Lemke, Sie attackieren den Beschluß des europäischen Verbandes Uefa, die Champions League aufzustocken. Was haben Sie dagegen, daß dort künftig zwei deutsche Klubs mitmachen dürfen?

Lemke: Die Champions League muß die Liga der Meister bleiben, sonst verwässert dieser Wettbewerb. Der Uefa-Pokal wird entwertet, weil acht Topklubs aus diesem Cup abgezogen werden. Daß man bei der Auslosung zum Viertelfinale mit der Zunge schnalzt, wird kaum noch passieren. Und für die Bundesligaklubs fällt schließlich ein Uefa-Pokal-Platz weg. Bundestrainer Berti Vogts hat es auf den Punkt gebracht: Diese Entscheidung geht nur in Richtung Geld, Geld, Geld.

SPIEGEL: Daß es im Profifußball ums Geschäft geht, ist keine neue Erkenntnis.

Lemke: Aber noch nie ist so massiv Einfluß genommen worden. Nun schreiben Fernsehen und Sponsoren fest, welche Klubs sich für welche Wettbewerbe qualifizieren. Das ist eine Manipulation, wie sie noch nie versucht wurde - auch wenn es Münchens Manager Uli Hoeneß weh tut: Das ist ein sportlicher Skandal.

SPIEGEL: Worin sehen Sie eine Manipulation, wenn auch der Vize-Meister sich für die Champions League qualifiziert?

Lemke: Wenn es so wäre. Ich habe den Verdacht, daß dieses einzig logische Kriterium nicht gelten wird. Wie die Uefa um den Qualifikationsmodus rumeiert, ist für mich ein Zeichen, daß es den Herren nur um eines geht: namhafte Klubs wie Real Madrid oder Bayern München in jedem Fall dabeizuhaben. Und dann kann es passieren, daß Real Madrid als Sechster der spanischen Meisterschaft am Ende Europapokalsieger wird. Wer das sportlich in Ordnung findet, den kann ich nicht retten.

SPIEGEL: Der abgezockte Geschäftsmann Lemke singt das Hohelied vom fairen Wettstreit?

Lemke: Ich kann damit leben, wenn das Fernsehen während eines Fußballspiels Auszeiten haben möchte, um zusätzliche Werbeinseln zu plazieren. Ich kann nicht damit leben, daß eine wirtschaftliche Entscheidung zugunsten ganz bestimmter Interessen getroffen wird.

SPIEGEL: Wessen Interessen werden bedient?

Lemke: Die Uefa hat erkannt, daß die Champions League noch nicht rundläuft. Das Fernsehen, und hier die wichtigste Säule RTL, konnte die über 60 Millionen Mark pro Jahr für die TV-Rechte nicht wieder einspielen. Die sind nicht zufrieden, weil die Ware Fußball noch nicht gestimmt hat.

SPIEGEL: 1997 laufen die Fernsehverträge aus ...

Lemke: ... deshalb kann man vermuten, daß die Sender an eine Vertragsverlängerung Bedingungen geknüpft haben. Jedenfalls hat die Uefa eine Lösung gesucht, um das Fernsehen glücklich zu machen.

SPIEGEL: Sie spekulieren.

Lemke: Keineswegs. Ich habe vor vier Monaten an einer Diskussionsrunde mit Vertretern der werbetreibenden Wirtschaft teilgenommen. Dort referierte RTL-Programmdirektor Hans Mahr und verkündete, daß die Einführung der Europaliga kurz bevorstehe. Da sind mir fast die Ohren weggeflogen. Ich dachte, wie kann der das mit solcher Bestimmtheit sagen? Aber die Zeit hat ihm recht gegeben. Denn was jetzt vollzogen wird, ist der erste Schritt zur Europaliga.

SPIEGEL: Sie haben in Bremen doch selbst die mediale Vermarktung bis zum Exzeß vorangetrieben. Jetzt werden Sie die Geister, die Sie riefen, nicht mehr los.

Lemke: Wenn das Fernsehen für das viele Geld, das es bezahlt, sein Produkt schönredet - kein Problem. Aber wenn es in sportliche Abläufe eingreift, dann ist die Grenze überschritten. Wenn RTL sich mit prominenten Klubs schmücken will, dann sollen die einen RTL-Cup veranstalten. Das ist dann ein Einladungsturnier und kein sportlicher Wettbewerb. Aber wenn die das unter dem Dach der Uefa versuchen, da kriege ich einen großen Zorn, weil aus der Liga der Meister eine Liga der Mächtigen, des Geldes und der Einschaltquote wird.

SPIEGEL: Ist das nicht reine Marktwirtschaft?

Lemke: Fußball funktioniert nicht nur nach marktwirtschaftlichen Gesetzen. Sonst hätte der FC Bayern bald einen Etat von einer Milliarde - und der VfL Bochum könnte seine Mannschaft aus der Bundesliga abmelden, weil er die Stadionkosten nicht mehr bezahlen kann. Aber wir brauchen diese Vereine. Das ist doch der Reiz, der Kick, wenn Freiburg die Bayern schlägt. Aber wenn die Münchner keinen Wert mehr darauf legen, dorthin zu fahren, weil sie sagen, wir können es mit unseren Terminen nicht vereinbaren, weil wir gerade die Weltliga planen - dann ist unser Fußball tot.

SPIEGEL: Kommt da Ihr alter Konflikt mit den Bayern wieder hoch?

Lemke: Ich greife nicht den FC Bayern an. Ich kann verstehen, wenn der Uli Hoeneß in München oder der Michael Meier in Dortmund die Sektkorken knallen läßt, aber sie feiern nur ihre Interessen und nicht die der anderen 16 Klubs.

SPIEGEL: Wäre nicht selbst ein gesunder Klub wie der SV Werder ohne die Fernsehgelder morgen pleite?

Lemke: Wenn wir diesen Champions-League-Skandal durchgehen lassen, dann macht das Schule. Dann kommen als nächstes ARD und ZDF und wollen für den DFB-Pokal in jeder Runde zwei Knallerpaarungen garantiert haben. Oder sie schlagen vor, die Beteiligung der Amateurklubs abzuschaffen, weil die fürs Fernsehen irrelevant sind. Und in der Bundesliga fordert Sat 1 eines Tages, daß Meppen aufgrund seiner Randlage nicht attraktiv ist; oder man stellt fest, daß es in der Region Berlin ein Defizit an Profiklubs gibt. Wird dann nur noch Bundesligist, wer Einschaltquoten verspricht? Dann müssen wir Sport neu definieren, dann geht es nicht mehr um fairen Wettbewerb, sondern um Profitmaximierung.

SPIEGEL: Wie wollen Sie diese Entwicklung aufhalten?

Lemke: Vereine und Verbände müssen sich wehren gegen entscheidende Eingriffe von Sponsoren und Fernsehen in unseren Sport. Notfalls müssen wir eben auf ein wenig Geld verzichten. Und treiben weiterhin ehrlichen Sport.

* Beim Spiel des FC Bayern München gegen Paris St. Germainam 23. November 1994.

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