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LEICHTATHLETIK Das Phantom der Laufbahn

Warum floh Marie-José Pérec aus Sydney, Stunden bevor sie ihr olympisches Gold über 400 Meter verteidigen sollte? Warum lebt die Französin seit 28 Monaten wie im Untergrund? Die Fachwelt rätselt, für den Sommer hat »die Göttliche« ihre Rückkehr avisiert.
aus DER SPIEGEL 2/2003

Die Antwort auf alle Fragen liegt scheinbar so nah. Es gibt eine Telefonnummer für ein Appartement im 13. Arrondissement in Paris. Es meldet sich eine helle Frauenstimme vom Anrufbeantworter. Die Stimme sagt, man solle eine Nachricht hinterlassen.

Es ist ihre Wohnung. Es ist ihre Nummer. Es ist ihre Stimme. Aber sie meldet sich nie zurück.

Dabei gibt es viele Leute, die eine Botschaft für Marie-José Pérec hinterlassen. Unlängst bat sogar der französische Staatspräsident um Rückruf. Jacques Chirac ist ein Fan der dunkelhäutigen Läuferin, denn sie hat drei olympische Goldmedaillen für ihre Nation gewonnen. Er wollte wissen, ob es ihr gut gehe. Doch Marie-José Pérec, die von ihren Landsleuten nur »Marie-Jo« genannt wird, blieb wieder stumm.

Vielleicht, weil sie die Nachricht nie abgehört hat. Vielleicht, weil sie sich nicht für Chirac interessiert. Vielleicht, weil Marie-José Pérec, 34, schon längst nicht mehr in einer Welt lebt, in der es wichtig ist, zurückzurufen.

Marie-José Pérec war eine der erfolgreichsten Sportlerinnen Frankreichs. Bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona gewann sie Gold über 400 Meter, vier Jahre später schaffte sie in Atlanta gar das Double, siegte über 200 und 400 Meter. Die Grande Nation hatte endlich wieder eine Heldin und feierte sie als »die Göttliche«.

Doch größer als die Sportlerin Marie-José Pérec ist der Fall Pérec.

Er bewegt die Sportwelt seit dem Spätsommer 2000. Damals reiste die Läuferin zu den Spielen nach Sydney. Sie wollte zum dritten Mal hintereinander über 400 Meter gewinnen. Nie zuvor war das einer Athletin gelungen. Ihr Lauf gegen die australische Ikone Cathy Freeman sollte Olympias großer Showdown werden.

Doch es kam nicht dazu. Einen Tag vor ihrem Qualifikationsrennen verließ Pérec Hals über Kopf die Stadt. Es war ein Skandal, Frankreich war entsetzt, Australien fühlte sich betrogen. Die Welt rätselte über die Gründe. Doch bis heute gibt es keine Erklärung.

Denn Pérec verschwand und tauchte nicht mehr auf. Zurück blieb ein leeres Appartement im 13. Arrondissement und ihre Stimme auf dem Anrufbeantworter. Marie-Jo ist auf der Flucht. Seit 28 Monaten.

Nur hin und wieder gibt es Hinweise auf ihren Verbleib. Am 4. Oktober 2001 fotografierte ein Paparazzo der Illustrierten »Paris Match« sie und ihren amerikanischen Freund Anthuan Maybank, ebenfalls ein 400-Meter-Läufer, bei der Fahrt in einem Mietwagen durch Chicago.

Am Tag des Terroranschlags vom 11. September meldete sich Pérec aus New York, um ihren besorgten Eltern zu sagen, dass es ihr gut gehe.

Am 21. November 2001 bestätigte der Hausmeister der Trainingsarena Stade de Rivière-des-Péres auf Guadeloupe, Pérec beim Training gesehen zu haben.

Marie-Jo ist auf der Karibikinsel geboren. Ihr Vater vermietet dort Ferienhäuser. Sie trainierte zuletzt regelmäßig in ihrer Heimat. Sie zu finden ist trotzdem schwierig, denn sie bewegt sich in der Art eines Auftragskillers. Pérec trimmt sich jeden Tag an einem anderen Ort. Sie wechselt häufig den Wohnsitz. Sie will nicht entdeckt werden.

Aber warum nicht?

Weggefährten berichten, dass sich Marie-José Pérec schon immer verfolgt fühlte. Dass sie nie mit dem Bild zurechtkam, das die Öffentlichkeit von ihr entwarf. Es gibt wilde Verschwörungstheorien, Dopinggerüchte und wenige brauchbare Spuren. Eine führt nach Rostock, Mecklenburg-Vorpommern.

Wolfgang Meier, 60, hat Pérec das letzte Mal im Januar 2001 gesehen. Sie holte in ihrer ehemaligen Wohnung in der Rosa-Luxemburg-Straße ihre Möbel ab. Das Einzige, was sie zurückließ, waren ein paar unbezahlte Arzt- und Telefonrechnungen.

Meier war Pérecs letzter Trainer. Er sitzt auf einer braunen Holzbank in der Laufhalle des LAV Rostock, das Neonlicht flackert. In der DDR gehörte Meier zur Sportprominenz. Er coachte Marita Koch, die seit über 17 Jahren den Weltrekord über 400 Meter hält und mit der er heute verheiratet ist.

Die Verbindung mit Pérec kam im Januar 2000 über eine gemeinsame Bekannte in Paris zu Stande. In Pérec sah Meier zehn Jahre nach der Einheit noch mal die Chance für eine »große Nummer«. Und für Pérec gab es vielleicht keinen besseren Ort als Rostock, um durch die Hölle zu gehen.

Die Französin litt an den Folgen des Pfeifferschen Drüsenfiebers. Drei Jahre lang hatte sie keinen großen Wettkampf bestritten. Meier ließ sie Autoreifen hinter sich herziehen. Oft trieb er sie an, bis sie sich erbrach. Die Radikalkur, glaubt Meier, wäre ein Erfolg geworden. »Sie hätte Olympia gewonnen. Ich habe für sie eine Zeit von 48,86 Sekunden errechnet. Das hätte locker gereicht. Gold ging für 49,11 Sekunden weg.« Meier schreibt die Zahlen auf einen Zettel und kringelt sie ein.

Er hat noch nicht die Lücke geschlossen, die Pérec in seinem Leben hinterließ.

Wolfgang Meier glaubt an ein Wirken höherer Mächte, die Pérec Geld gegeben hätten, damit sie in Sydney das Weite sucht und Cathy Freeman gewinnt: »Im Sport gibt es ja auch eine Mafia.«

Die Presse stellte viel simplere Mutmaßungen an. Warum hatte sich Pérec ausgerechnet Meier anvertraut, dessen Wirken ihr Jahre zuvor suspekt erschien? Einmal hatte sie sogar öffentlich beklagt, der Weltrekord von Meier-Schützling Marita Koch sei nur durch »eine biologische Vorbereitung« möglich gewesen. Und in der Tat wurde nach der Wende eine Medikationsliste entdeckt, wonach die DDR-Läuferin Oral-Turinabol genommen hatte.

Australische Medien merkten spitz an, dass in Sydney zum ersten Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele nicht nur Urin-, sondern auch Bluttests durchgeführt würden, bei denen zum Beispiel ein Betrug mit Epo aufgeflogen wäre.

Hatte Pérec schlicht Angst vor einer Dopingkontrolle?

Andererseits: Am 31. August, kurz vor ihrem Abflug nach Sydney, wurde die Athletin in Frankreich auf Doping überprüft - ohne Befund. Und im Land der strengen früheren Sportministerin Marie-Georges Buffet gibt es schon seit längerem Blutkontrollen.

Also doch ein Komplott?

Pérec behauptete, in ihrem Appartement in Sydney von einem Unbekannten bedroht worden zu sein. Es gibt dafür keinen Beweis. Das Hotel war hermetisch abgesichert, weil auch IOC-Funktionäre dort logierten. Auf den Überwachungsfilmen ist kein ominöser Fremder zu sehen.

Fest steht: Von Anfang an wurde der Fall wie eine Staatsaffäre behandelt. Auf dem Rückweg beim Zwischenstopp in Singapur schlug ihr Lebensgefährte Maybank einen Kameramann des australischen Senders Channel 9 nieder. Das Paar wurde festgesetzt, kam aber schnell frei, weil sich der französische Botschafter einschaltete. Als Pérec und Maybank am 22. September um 6.30 Uhr auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle landen, erwartete sie bereits eine Limousine des Innenministeriums, die sie an einen unbekannten Ort brachte.

Dabei wurde Marie-José Pérec in Frankreich nie wirklich geliebt. Sie war kein dauerlächelnder Star wie der Ski-Olympiasieger Jean-Claude Killy. Sie war kein nationales Symbol wie die Schauspielerin Brigitte Bardot. Sie wurde nur bewundert.

Pérec verkörperte das Bild einer idyllischen Leichtathletik. Sie galt als Gegenentwurf zu den Muskelpaketen Koch oder Jarmila Kratochvilova. Sie war in den Köpfen ihrer Anhänger die unschuldige Moderne in einer Welt aus Testosteron. Pérec war schlank, elegant, hatte lange Beine. Sie hätte ein Model sein können. Sie hörte HipHop.

Weil Pérec stets unnahbar blieb, wuchs sie in der Phantasie der Franzosen irgendwann zur Diva. Dabei gibt es gar keine Fotos von ihr auf Partys oder Empfängen. Sie führte kein Jet-Set-Leben, ließ sich nicht fassen. Aber genau das ist es wohl, was ihr das Mythische verliehen hat, nachdem sie von der Sportbühne geflohen war.

Die Legendenbildung begann schon kurz nach ihrem Verschwinden. Es hieß, sie habe eine Schlafkur in der berühmten Klinik Villa des Pages in Le Vésinet bei Paris gemacht. Es hieß, sie sei schwanger und lebe in Los Angeles. Es kursierte das Gerücht, sie trainiere mit der Sprint-Olympiasiegerin Marion Jones in Santa Barbara. Der britische »Guardian« veröffentlichte eine Weltkarte mit den Orten, an denen das Phantom der Laufbahn angeblich gesehen wurde.

Sogar in Südamerika schlug der Fall Wellen. Der peruanische Online-Dienst »Deporte Peruano« verbreitete, Pérec sei bei Fidel Castro untergetaucht. Und tatsächlich wurde sie im März 2002 in einem Hotel in Baracoa an der Ostküste Kubas zweifelsfrei identifiziert. Fast zeitgleich meldeten sich bei Pariser Zeitungen aber auch Zeugen, die Pérec im Kino, im Supermarkt, im Louvre oder in der Metro erkannt haben wollten.

Es war fast wie bei Elvis. Aber was stimmt wirklich?

Jérôme Bureau sucht seit über zwei Jahren nach der Wahrheit.

Bureau ist Journalist bei »L''Equipe«, einer der größten Sportzeitungen Europas. »L''Equipe« hat geholfen, Marie-José Pérec groß zu machen. Zuletzt war das Blatt indes eher damit beschäftigt, Pérec in der Versenkung aufzuspüren - und Bureau war der Zielfahnder.

Der Reporter hat eine spezielle Verbindung zu dem Fall. Er führte das letzte Interview mit Pérec. Es war sieben Tage nach ihrer Flucht, sie meldete sich aus ihrer Pariser Wohnung auf seinem Handy, sie telefonierten eine Stunde lang, aber die meiste Zeit weinte Pérec.

»L''Equipe« hat alles versucht, um sie noch einmal zu stellen. Man ließ Fluglisten nach ihrem Namen checken. Man klapperte ihre Verwandten ab. Man stöberte in Telefonbüchern in Guadeloupe nach einer Nummer. Man schickte einen Reporter auf die Insel. Fast wäre ihm der Coup geglückt. In dem ersten Stadion, das der Mann inspizierte, trainierte tatsächlich Pérec. Doch als er sie ansprach, stürmte sie wortlos in ihr Auto und brauste davon.

Bureau ist mittlerweile müde von der Jagd. Kürzlich ließ er Pérec über einen Mittelsmann eine Nachricht zukommen: »Wir werden nicht zurückkommen, um dich zu suchen. Wenn du reden willst, und wenn du bereit bist, dann ruf du uns an, und wir kommen.« Nun wartet Bureau auf ihren Anruf. Es gibt für ihn ohnehin keine Ge-

heimnisse mehr im Fall Pérec. Er glaubt »an eine einfache Geschichte«.

An die Geschichte einer Frau, die sich schon immer schwer tat, mit Druck umzugehen. Einmal, bei der Weltmeisterschaft 1991 in Tokio, weckte Pérec mitten in der Nacht ihren damaligen Trainer, Jacques Piasenta, weil sie massiert werden wollte. Piasenta ging in Pérecs Bad, um sich die Hände zu waschen. Das Waschbecken war voller Schokolade. Pérec hatte ganze Schachteln in sich hineingestopft und dann erbrochen.

Pérec wusste um ihre Probleme. Sie brauchte viel Ruhe. Deshalb nahm sie sich regelmäßig eine Auszeit. Vor den Spielen in Atlanta tauchte sie drei Monate ab. Vor Sydney verschanzte sie sich in Rostock. Wenn Journalisten unangemeldet vorbei- kamen, konnte sie von einem Moment auf den anderen zur Furie werden. Wolfgang Meier erlebte öfter solche Ausraster, Pérec wirkte dann für ihn »fast schizophren«.

Die Ruhephasen vor großen Wettkämpfen dienten der mentalen Vorbereitung. Marie-José Pérec baute sich dann Feindbilder auf, um sich zu motivieren. Lange Zeit war die Weltrekordlerin Koch ihr Feindbild, vor Sydney war es Cathy Freeman. Einmal bezeichnete sie die Australierin als »arrogant« und »anmaßend«.

Doch dann hielt Pérec dem Druck, den sie sich selbst aufgebaut hatte und den die Öffentlichkeit auf sie ausübte, nicht mehr stand. Sie floh, um sich »selbst zu befreien«, so formulierte sie es später etwas geschwollen gegenüber ihrem Ex-Freund Jean-Pierre Nadir, einem ihrer engsten Vertrauten.

Wird sie zurückkehren?

Die Hinweise verdichten sich. Über Dritte stellte Pérec unlängst ein Comeback in Aussicht. Sie sei in den USA und suche nach einem Trainingsquartier. Im Dezember erschien ein Artikel in »Le Parisien«, in dem unter anderen die Präsidentin des Leichtathletikverbandes von Guadeloupe Andeutungen über eine »große Vorbereitung« machte.

Das Timing würde stimmen. Es steht wieder ein Großereignis an. So wie vor drei Jahren in Sydney. Im August werden die Weltmeisterschaften ausgetragen. In Paris. Es wäre die perfekte Bühne.

Pérec wäre dann 35 Jahre alt, doch das, so ließ sie über ihren Vertrauensmann Nadir der Welt mitteilen, werde sie nicht hindern: »Das Leben schickt Botschaften, und die WM in Paris, das ist wie eine Himmelsbotschaft.« GERHARD PFEIL

* Mit dem französischen Botschafter Michel Filhol am 21.September 2000 am Flughafen in Singapur.

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