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»Das Resultat einer Drehbewegung«

SPIEGEL-Reporter Hans-Joachim Noack über den Fall Uli Stein *
Von Hans-Joachim Noack
aus DER SPIEGEL 32/1987

In der Entstehung läßt sich der Kampf in der Luft, dann auf dem Boden, als die übliche Strafraumszene beschreiben: Hoch steigen Stürmer und Torhüter, verhakeln sich ineinander, während der Ball über die Linie flutscht. 2:1 drei Minuten vor Schluß - die Entscheidung in einem Fußballspiel.

Doch der Treffer und mit ihm jener Erfolg, der am Dienstag letzter Woche im Frankfurter Waldstadion dem Deutschen Meister Bayern München gegen den Pokalsieger Hamburger SV den sogenannten Supercup beschert, ist da kaum noch der Rede wert. Zum Ereignis wird, daß der Keeper, indem er sich nach dem Sturz aus dem Geschlinge befreit hat, dem Angreifer die ausschwingende rechte Faust an den Kiefer knallt.

Der Schläger heißt Uli Stein, der sieht dafür die rote Karte - eine Antwort des nahe dabeistehenden Schiedsrichters, an der wohl nur der Täter selbst etwas auszusetzen hat. Er nennt den Vorgang einen Zufall, »das Resultat einer Drehbewegung«.

Acht, vielleicht auch zehn, maximal zwölf Pflichtspiele Aussperrung vom Geschäftsbetrieb behält sich die Sportgerichtsbarkeit des Deutschen Fußball-Bundes für solche und ähnliche Verstöße vor.

Der Torsteher des HSV - neben Toni Schumacher der bundesweit beste Mann zwischen den Pfosten, aber wie der heißblütige Mensch aus Köln auch der größte Quertreiber - also wieder mal auf einem traurigen Gipfelpunkt. Einprägsamer als in dieser 87. Minute im Match der beiden Erzrivalen aus Hamburg und München hat sich die jähe Kurzschlußhandlung eines aufgeheizten, gestreßten Profikickers nur selten besichtigen lassen.

Mehr als 20000 Zuschauer auf den Rängen und Millionen vor dem Bildschirm erleben entgeistert, was sich am Ende sogar die Experten bloß schwer erklären können. Während der Bremer Sportpsychologe Fritz Stemme den von Stein nachträglich behaupteten »Blackout« für eine Floskel hält, diagnostiziert der Chefarzt Manfred Weigert aus Berlin den »Zustand des Sympathicotonus«. Soll heißen, eine extreme Kampfsituation habe die verstärkte Ausschüttung des Enthemmer-Hormons Adrenalin bewirkt.

War es so, oder reagiert der Uli nur gleichsam schlüssig, wie es seinem vermeintlichen Naturell entspricht? Sein Arbeitgeber, der um ein Saubermann-Image bemühte HSV, scheint sich sicher zu sein. Der hatte »keine andere Wahl«, sagt am Tage nach der Entgleisung der Manager Felix Magath, als den Outcast »auf unbestimmte Zeit« zu beurlauben, ihm »zu empfehlen, sich nach einem neuen Verein umzusehen«.

Natürlich ist das ein Rausschmiß, und der wird auch durch die angestrebte Verpflichtung des jugoslawischen Torwarts Mladen Pralija bekräftigt. Ob die Hamburger freilich gut beraten sind, sich von einem der raren Vertreter absoluter Extraklasse fast schon panikartig loszusagen, darf bezweifelt werden.

Sportlich bewertet, verrät die Trennung von Stein eine Konfliktlösung, wie sie bei Amateurklubs verständlich ist. Da mag das Spiel ja noch Spiel sein - im Berufsfußball, der mit Millionensummen hantiert, um dann Kampftag für Kampftag zu einem unerbittlichen Verdrängungswettbewerb aufzufordern, muten derlei Beschlüsse eher weltfremd an.

Bliebe die Frage nach der Moral, der zu folgen vermutlich trotz allem wichtig wäre. Nur: Wo ist die in einer Branche, in der ja selbst der üble Tritt in die Weichteile als bedauerlicher Betriebsunfall gilt? Wann je hat sich ein Verein dazu aufgerafft, einem seiner Angestellten zu kündigen, nur weil der etwa hinter dem Rücken des Schiedsrichters eines der berüchtigten versteckten Fouls verübte?

Gesetzt den Fall, daß der Uli Stein bei sich war, als er schlug - er schlug in einer geradezu entwaffnenden, das gesamte aufgestaute Aggressionspotential offenlegenden Unmittelbarkeit. Und der Malträtierte, der Bayern-Stürmer Jürgen Wegmann, hat das ja noch nicht mal so empfunden: »Ein Reflex, keine Absicht« sei die Attacke gewesen.

Eine Kronzeugen-Aussage, die einem wie Stein nicht hilft, der den DFB-Teamchef Beckenhauer einen »Suppenkasper« geschimpft hat und auch ansonsten die sprichwörtlich typische Torhüter-Macke zu haben scheint. Vor allem aber: Gerade der unverhüllte Boxhieb ins Gesicht - der noch immer gängigste Ausdruck roher Gewalt - verlangt nach Sühne, die die verstaubten Ideale vom angeblich sauberen Sport bewahren soll.

Da rückt dann eine pharisäerhafte Wertegemeinschaft ganz eng zusammen und bedroht mit Ausschluß, wer so ihre schönen Selbsttäuschungen tangiert. »Gesunde Härte« ja - aber ein Mann, der das nervlich nicht durchsteht, was ihm von gewerbsmäßigen Scharfmachern schließlich auch antrainiert worden ist, hat das Weite zu suchen.

»Der HSV«, sagt der Manager Magath, einst Steins Kollege, wäre sonst »unglaubwürdig« geworden. Für gleichzeitig in Ordnung hält er, dem Delinquenten jetzt unter die Arme zu greifen, was im Klartext bedeutet, ihn an einen anderen Klub zu verschachern.

Während der Sünder in seinem Hause konsterniert an den Nägeln kaut, »das alles noch nicht versteht« und sich »nach Menschlichkeit« sehnt, wird er schon möglichen Käufern angepriesen. So macht man das. Denn der Uli sei ja »mitnichten ein mieser Charakter«, beschwört der Präsident Wolfgang Klein.

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