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»Das Volk im Herzen«

Chinas Sportler zählen zu den letzten Staatsamateuren in der olympischen Welt. In einer »Fabrik für Goldmedaillen« in Shenyang drillt die Partei die Sieger von morgen.
aus DER SPIEGEL 29/2001

Es ist schwül und heiß in der Sporthochschule von Shenyang. In der Halle, die seit den Zeiten des Großen Vorsitzenden Mao nicht mehr renoviert zu sein scheint, schwitzen knapp 30 Gewichtheberinnen - unter ihnen die stärksten Frauen der Welt. Die meisten tragen weiße T-Shirts, schwarze Stretchhosen und kurz geschorene Haare. Um die Knie haben sie weiße Binden gewickelt.

In einer Ecke hievt eine schmale Frau wohl zum hundertsten Mal an diesem Tag eine Stange mit blassgelben und grünen Gewichten in die Höhe: Li Zhuo, 20, Landes- und Asienmeisterin in der Klasse bis 48 Kilogramm Körpergewicht und nach Expertenmeinung ein Weltstar von morgen.

100 Kilo, mehr als doppelt so viel, wie sie selbst wiegt, lagern auf Brustkorb und Armen. Die Adern treten hervor, die Arm- und Beinmuskeln spannen sich wie die Taue eines Hafenschleppers. Ihr Gesicht läuft leicht rot an, dann wuchtet sie die Hanteln nach oben.

Dreimal pro Durchgang stößt sie die Gewichte über den Kopf. Immer bei der letzten Übung stöhnt sie leise auf, die Knie knacken. »Oi, oi, oi« und »ai, ai, ai«, feuern drei Kolleginnen sie an. »Fast 10 000 Kilo hebe ich jeden Tag«, sagt Li stolz.

Li Zhuo gilt als Naturtalent. Vor sieben Jahren entdeckten Verbandsspäher das drahtige Mädchen mit den harten Gesichtszügen in einer Sportschule der Kreisstadt Tieling; damals brachte Li auf Anhieb 80 Kilo in die Höhe. Seitdem sind das Gewichtheben und die verwitternde Halle im Friedensbezirk von Shenyang der Mittelpunkt ihres Lebens. Ein Leben, das es gut mit ihr meinen wird, wenn alles wie vorgesehen läuft. Schließlich ist Frauen-Gewichtheben seit den Spielen in Sydney olympisch. Und alle vier der für diese Disziplin nach Australien geschickten Chinesinnen gewannen Gold.

Viele von Chinas baumstarken Damen stammen aus der rauen Industrieprovinz Liaoning, in der besonders kräftige und zähe Menschen aufwachsen. »Wiege des Sieges - Fabrik von Goldmedaillen« steht im Rundbogen über dem Eingang der Sporthochschule. Entlang der Campusstraße zeigen Dutzende roter Schautafeln die Fotos der erfolgreichsten Studenten.

Das Votum des IOC, Olympia 2008 nach Peking zu vergeben, ist, so Li Zhuo, wie die »Morgenröte«, die Chinas Sportlern eine schönere Perspektive verspricht. In Erwartung reicher Medaillenbeute wird sich die Regierung des Gewichthebens wohl verstärkt annehmen, die Trainingsbedingungen, so hofft die Athletin, verbessern. »Im eigenen Vaterland Gold zu gewinnen und zu sehen, wie die Nationalfahne gehisst wird, das wäre das Allergrößte«, schwärmt Xu Jiao, Lis Zimmernachbarin.

Die 21-Jährige, 75 Kilogramm Körpergewicht, ist genau das Gegenteil von Li: mollig, mit den Oberarmen eines Bierkutschers, schlagfertig und hübsch.

Zwei Dinge haben sie allerdings gemeinsam: die tiefe Stimme und den Traum, es jener Kollegin nachzutun, die gerade zur Dusche hinter dem grünen Vorhang schlappt: die Goldmedaillengewinnerin von Sydney in der Schwergewichtsklasse (über 75 Kilo), Ding Meiyuan.

Die Aussicht auf olympisches Edelmetall, zunächst mal in Athen 2004, scheint auszureichen, um ein Leben zu akzeptieren, das vom Alltag vieler westlicher Sportlerinnen Lichtjahre entfernt ist. Im Gegensatz zu den Fußballern, die sich in den letzten Jahren weitgehend aus der bürokratischen Klammer des Staatssports befreien konnten, stecken die weiblichen Schwerathleten aus Liaoning noch fest im Griff der Parteikader. Hier herrscht der alte Schliff mit klaren Hierarchien: Trainer und Funktionäre haben das Sagen, die Sportlerinnen haben zu gehorchen.

Rote Transparente in der Sporthalle verkünden, was sie stets tun und denken sollen: »Ich kämpfe für das Vaterland« und »Das Volk ist in meinem Herzen«. Im Büro des Trainers Jiang Xuehui hängt der Übungsplan für das ganze Jahr: Bis auf die Stunde ist das Programm der Sportlerinnen präzise festgelegt. »Wir arbeiten nach wissenschaftlichen Methoden«, sagt Jiang.

Doch eigentlich sind die nach seiner Ansicht nicht so wichtig. Wie einst die Partei Maos Leistungen nach seinem Tode bewertete (70 Prozent positiv, 30 Prozent negativ), unterteilt auch Jiang das Pensum der Sportlerinnen: »70 Prozent macht die Disziplin aus, 30 Prozent das Training.«

Hilft da nicht auch ein wundersamer Schildkrötentrank, wie ihn der berüchtigte Trainer Ma Junren seinen Läuferinnen einflößte? Ma, obwohl offiziell in Ungnade gefallen, ist auf dem Campus immerhin auf einem großen Plakat zusammen mit KP-Chef Jiang Zemin zu sehen.

Auf Lis Bett steht ein volles Glas mit ovalen Pillen, das eine Funktionärin schnell vor fremden Augen versteckt. Doch Trainer Jiang versichert: »Wir dopen nicht, wir sind strikt dagegen.« Ausführlich betet er die Risiken der Sünder herunter: Geldstrafen für die Mannschaft, Sperren für die Sportler, Berufsverbot für Trainer und Funktionäre.

An diesem Morgen haben Dopingkontrolleure Blut und Urin der Gewichtheberinnen untersucht. Die nennen die Proben »Flugzeugtests«, weil die Prüfer so schnell und unerwartet wie ein Flugzeug am Himmel auftauchen.

Das Erfolgsgeheimnis seiner Schützlinge beschreibt Jiang so: »Sie haben keine Furcht vor harter Arbeit, einen starken Willen und ein Herz für das Vaterland.« Auch der bescheidenen Umgebung kann er etwas abgewinnen: »Wären die Lebensumstände zu gut, dann würden wir ja aus unseren Sportlerinnen lauter Weicheier machen.« Kein Weichei zu sein heißt für Li und Xu: Sie dürfen ihre Eltern nur einmal im Jahr besuchen. Lediglich der Sonntagnachmittag ist trainingsfrei. In einer Disco war Li noch nie, im Kino selten. Ein Freund? Beide schütteln den Kopf. Li: »Das gehört nicht zu unserem Leben.«

Jeden Tag müssen sie um fünf Uhr aus dem Bett. Dann heißt es bis spätnachmittags: Hanteln reißen, Hanteln stoßen. Pausen sind nur erlaubt, wenn es die Funktionäre wollen: An diesem Vormittag etwa muss Li die Sportschule auf einer Feier zum 80. KP-Geburtstag repräsentieren. Abends steht politische Schulung auf dem Programm, das heißt Zeitungslektüre und die TV-Abendnachrichten. Nach der Massage herrscht ab 22 Uhr Nachtruhe.

Li und Xu teilen sich im vierten Stock des Wohnheimes ihre Zimmer mit jeweils zwei anderen Sportlerinnen. Die Wände des Treppenaufgangs sind so dunkel und muffig wie die Ruinen eines tausendjährigen Tempels. Von der Flurdecke hängt Wäsche. Auf einer Tafel steht mit schwarzem Filzstift geschrieben: »Nicht nachlassen!«

Ihr Bett hat Li mit Ziegelsteinen erhöht, damit sie darunter mehr persönliche Sachen verstauen kann. Die Sportlerinnen besitzen gemeinsam einen braunen Schrank, einen Fernseher, einen Compaq-Computer und eine DVD-Anlage, gestellt von der Hochschule. Am Heizungsrohr hängt eine kleine chinesische Fahne, auf einem Tischchen stehen ein blaues Kuscheltier und ein Foto von Li mit dem Generalsekretär des Gewichtheberverbandes.

»Ich fühle mich hier wohl, ich mag ein stabiles Leben«, sagt ihre Kollegin Xu. Fernseher und Computer zu haben ist viel für jemanden, der aus bescheidenen Verhältnissen stammt. Xus Eltern sind Mais- und Gemüsebauern, Lis Mutter und Vater Fabrikarbeiter. Wie Millionen anderer Angehöriger von maroden Staatsbetrieben in der von einer Wirtschaftskrise heimgesuchten Provinz sind sie derzeit arbeitslos.

Die Athletinnen wollen versuchen, aus ihrem Leben mehr zu machen. Nach ihrer Sportkarriere plant Li, Trainerin oder Kader zu werden, Xu möchte »auf eine richtige Uni«, um Journalismus zu studieren.

Die Hochschule zahlt ihnen jeweils 800 Yuan (rund 220 Mark) im Monat - immerhin über 100 Yuan mehr, als Arbeiter in den Städten Liaonings im Durchschnitt verdienen. Olympiasiegerin Ding kassiert sogar 1300 Yuan. Hinzu kommen Siegprämien. Wie hoch die ausfallen, bestimmt allerdings der Staatsrat in Peking nach Gutdünken.

Erst am Ende des Jahres werden sie erfahren, wie dick der Geldumschlag für ihre Erfolge bei den Ostasien-Meisterschaften im letzten Mai sein wird. Li gewann in Osaka Gold, Xu schaffte wegen einer Muskelzerrung am Arm nur Silber. »Sie ist eine Siegerin des Willens«, tröstete die Presse.

Die Anerkennung tat ihr gut. Denn trotz aller Triumphe stehen Chinas Kraftpakete im Schatten der flinken Tischtennis-Spielerinnen, der glamourösen Turnerinnen und der eleganten Turmspringerinnen. Die sind häufig Gast bei TV-Galas, heimsen öfter lukrative Werbeverträge ein und lächeln von den Titelseiten der Frauenzeitschriften.

Neidisch auf die anderen Sportlerinnen sind sie jedoch nicht, versichern Li und Xu. »Wir sind stark«, sagt Xu selbstbewusst »und wir sind genauso schön wie die anderen Frauen.« ANDREAS LORENZ

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