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TAUCHEN Das Volks-U-Boot

aus DER SPIEGEL 1/1960

Unter Verzicht auf Atemsack, Maske und Schnorchel können Anhänger des Tauchsports in absehbarer Zeit ihr unterseeisches Treiben um eine bisher unbekannte Spielart bereichern, die sie sogar befähigt, Geschwindigkeitswettbewerbe unter Wasser im Gesellschaftsanzug zu bestreiten, ohne dabei naß zu werden.

Dazu kann ihnen jenes modernste aller Sport-Vehikel verhelfen, dessen Prototyp noch im Januar zu einem geheimen Termin bei Überlingen (Bodensee) zum ersten Tauchversuch in das eiskalte Wasser gehievt werden soll: Wagners Volks-Unterseeboot.

Mit diesem Wassertest des ersten tauchfähigen Jedermann-Motorboots glaubt sein Konstrukteur, der 36jährige, aus Österreich stammende Ingenieur Ernst Wagner, die erste Etappe jenes Ziels erreicht zu haben, das er sich vor Jahresfrist gesetzt hatte, als er während einer internationalen Bootsschau in New York erklärte: »Die Leute werden das Fahren über Wasser bald langweilig finden und eine neue Attraktion verlangen. Diese Attraktion wird unter Wasser liegen. Man wird sich darauf einrichten und Unterwasser-Motorboote bauen müssen.«

Wagner spekuliert auf das Interesse all derjenigen Wassersportfreunde, die bisher als flossenbewehrte »Nackt-Taucher« (skin divers) der anstrengenden und mitunter auch gefährlichen Unterwasserjagd frönten oder auf Seen und Flüssen mit knatternden Motorbooten zwischen Seglern und Paddlern umherkurvten; von ihnen will Wagner möglichst viele zu Amateur -U-Boot-Fahrern umpolen.

Der Konstrukteur - er war im Krieg an der Entwicklung bemannter Torpedos beteiligt - verspricht: »Mein Boot wird sicherer als jedes Kampf-U-Boot sein. Man kann seelenruhig mit seiner Großmutter auf Unterwasserfahrt gehen.«

Nach Art eines Messerschmitt-Kabinenrollers sollen die Sitze für zwei Personen in dem 3,80 Meter langen, aus Stahl und Plexiglas gefertigten Wagner-Bootskörper hintereinander liegen. Die Plexiglas-Kuppel, an der ein feststehendes Sehrohr angebracht ist, gewährt einen Sichtwinkel von 180 Grad.

In Bug und Heck, die bombenförmig auslaufen, sind je ein Elektromotor mit einer Leistung von drei Pferdestärken angebracht, die von 45-Volt-Batterien gespeist werden. Die Motoren, an denen die Antriebspropeller sitzen, lassen sich sowohl vertikal als auch horizontal einstellen. Diese Eigenschaften der Antriebsquellen verleihen dem Boot eine Wendigkeit, die es zu einem »Hubschrauber unter Wasser« (so Wagner) macht: Das Klein-U-Boot - ohne die bei großen Unterseeboten üblichen Wasserballast-Tauchtanks - kann mit Hilfe der Schraubenverstellungen in sanftem Gleitwinkel oder auch senkrecht tauchen und aufsteigen, vorwärts und rückwärts fahren.

Bedient wird das Boot über zwei Steuerknüppel, die zur Regulierung der Geschwindigkeit - - bis zu 25 Kilometer in der Stunde - mit Drehgriffen versehen sind. Das ohne Bemannung und ohne Batterien 380 Kilogramm schwere Tauchboot gestattet Tauchzeiten bis zu zwei Stunden; zwei Sauerstofftanks versorgen die Kuppel des Tauchboots mit Atemluft.

Obwohl Wagners Volks-U-Boot angeblich auch in Tiefen von 40 Metern dem Wasserdruck noch standhalten würde, hat der Konstrukteur eine Narrensicherung ausgetüftelt, um Unfallgefahren zu mindern: Bei einer Wassertiefe von 15 Metern bewegt der Wasserdruck ein Ventil, das die Ausschaltung der Elektromotoren bewirkt und zugleich aus zwei Säcken Preßluft befreit, die das Boot an die Oberfläche zwingen soll.

Wagner veranschlagt den Kaufpreis mit 2500 US-Dollar (10 500 Mark): »Ich nenne den Dollarpreis, weil die meisten Interessenten in den USA sitzen.«

Schon vor dem ersten Tauchversuch wurde Wagners Volks-Tauchboot in der US-Presse als besondere Attraktion der New Yorker Boots-Ausstellung hervorgehoben, die Ende des Monats eröffnet werden soll. Falls das Stahl-U-Boot ein Verkaufsschlager wird - Wagner zweifelt nicht -, soll auf der Überlinger Werft eine Serie von Luxus-Sportmodellen aus dem Kunststoff Polyester aufgelegt werden.

Freilich muß Wagner bereits bei einem ausgiebigen Tauchversuch außerhalb seines Werftgebietes unbekannte Schwierigkeiten gewärtigen, die sich nicht durch technische Berechnungen beheben lassen: Das Befahren deutscher Binnengewässer mit Unterwasserbooten ist nämlich in keinem Gesetz und keiner Verordnung erwähnt, so daß noch niemand weiß, wie die Behörden auf die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten von Sport-Tauchbooten - etwa bei Unterwasserpartien an Badeufern oder Periskop-Beobachtungen von Nacktkultur -Reservaten - reagieren werden.

Solche Besorgnisse bereiten dem Tauchboot-Konstrukteur Wagner jedoch schon deswegen nur wenig Kopfzerbrechen, weil er sich auf die U-Boot-Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten konzentrieren will. Begründet Wagner: »Unsere Gewässer sind zu verdreckt und zu dunkel.«

Ungeachtet dieser wenig günstigen Beurteilung hat auch der Bremerhavener U-Boot-Experte und Ingenieur Gustav Kuhr ein Sport-Tauchboot entworfen, dessen Hülle - sobald ein geeigneter Werkstoff verfügbar ist - zwecks besserer Aussicht vollkommen durchsichtig werden soll.

Exportartikel Tauchboot: Mit der Großmutter ...

... auf Unterwasserfahrt: Konstrukteur Wagner

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