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DOPING »Das war aber Zeit, mein Junge«

Frankreichs Radrenn-Idol Richard Virenque hat sich mit einem späten Geständnis beim Festina-Prozess als Lügner entlarvt. Im Licht täglich neuer Enthüllungen erscheint er als gefallener Held eines verseuchten Sports. Von Walter Mayr
aus DER SPIEGEL 44/2000

Oben stehen die Journalisten wie eine Wand. 80, 100, vielleicht mehr. Sie warten auf ein Wort des Bergkönigs.

Unten steht er, Richard Virenque. Fünfmal war er bester Kletterer der Tour de France. Jetzt steckt er in einem unterirdischen Gerichtssaal, hat nur ein paar Stufen vor sich und zögert. Sechs Polizisten begleiten ihn.

»Wartet«, sagt Virenque. Er tupft sich die verheulten Augen trocken, noch im Schmerz ein Mann der Medien. Schwach soll ihn die Meute nicht sehen. Es genügt, dass er an diesem Morgen »oui« geflüstert hat auf die Frage, die er zuvor 839 Tage lang mit »non« beantwortet hatte: ob er sich je gedopt habe. Jetzt ist es raus. Virenque muss irgendwo hin mit seiner Scham.

»Allons«, sagt er schließlich, gehen wir. Die Polizisten setzen sich in Bewegung. Links steht die Wand aus Journalisten. Rechts ist der Hinterausgang. Richard Virenque entscheidet sich für rechts. Die Quittung erhält er am nächsten Morgen.

»Es wurden die Tränen von Monsieur Virenque analysiert. Das Ergebnis: Krokodilsspuren«, spottet das führende Satire-Blatt Frankreichs. Und im TV-Sender Ca-

nal Plus sagt ein Puppen-Double des Geständigen: »Ich fühle mich nun leichter, fast so, als hätte ich Epo genommen vor einem schweren Berg.«

Richard Virenque ist ein Lügner. Er hat Epo genommen, das den Hämatokrit-Wert anhebt, das die Zahl der roten Blutkörperchen steigert, die Beine leichter macht. Er hat das bestritten, unter schwerstem Verdacht, mehr als zwei Jahre lang, weil er sich »nicht umdrehen lässt wie ein Pfannkuchen«. Bis zu diesem Morgen.

Als das Kurierfahrzeug seines Rennstalls Festina mit dem Pfleger Willy Voet am Steuer 1998 von Zöllnern gestellt wird, fühlt Virenque sich noch unanfechtbar. Er ist Nationalheld - einer, der von Bernadette Chirac empfangen wird, der Frau des Staatspräsidenten.

Sieben von acht Mannschaftskameraden Virenques gestehen, gegen die Regeln verstoßen zu haben. Nur Pascal Hervé, der Edeldomestik und ganz der treue Sherpa, wankt nicht, solange der Meister selbst noch nicht über den Berg ist. Denn Virenque leugnet hartnäckig. Vor der Fernsehkamera, vor dem Untersuchungsrichter, vor sich selbst.

234 Epo-Flakons der Marken Neo-Recormon, Eprex und Erantin sind bei Voet beschlagnahmt worden, 80 Ampullen Wachstumshormon, 160 Einheiten Testosteron, dazu ein wenig Asaflow, das den Thrombose-Tod der Fahrer als Folge verschärften Epo-Dopings verhindern hilft. Alles in allem: die Ration für die Frankreich-Rundfahrt 1998. Hat er damit etwas zu tun? Er, Richard Virenque, 1997 auf der Tour nur von Jan Ullrich geschlagen?

Er ist der größte Kletterer der Tour de France seit fast 20 Jahren. Nicht mal die noch größeren nach dem Krieg, Federico Bahamontes und Lucien van Impe, haben geleistet, was Virenque geschafft hat: innerhalb von sechs Jahren fünfmal das rot gepunktete Trikot des besten Bergfahrers zu erringen. Er hat am meisten zu verlieren. Und er verliert.

»Das ist das Ende, Willy«, sagt der Bergkönig im Gerichtssaal von Lille nach seinem Geständnis. Er liegt da erstmals wieder in den Armen von Willy Voet, seinem Pfleger, der 1998 festgenommen wurde und der dann Ross und Reiter nannte. Voets Zahlenkolonnen - nach Fahrer und anteiligem Konsum von Epo, Wachstumshormon und Testosteron geschieden - bilden das Rückgrat der Anklage, die den einstigen Festina-Star Virenque wegen Anstiftung zum Doping verfolgt und die ihm zwei Jahre Gefängnis eintragen kann.

Virenque hat Voet, seinen ehemals väterlichen Freund und hoch geschätzten Pharmaknecht, öffentlich einen Dealer genannt, als er noch hoffen konnte, dadurch selbst unbehelligt zu bleiben. Er hat die Überzeugung geäußert, die Schuldigen seien ja nun im Gefängnis und die Fahrer die wahren Opfer, als Voet schon bei Würstchen mit weißen Bohnen im Knast saß und auf dem Bildschirm den Prolog der Tour 1998 sah, mit Virenque in tragender Rolle.

Voet hat ihm dann bei einer Gegenüberstellung ins Gesicht gebrüllt: »Du Bastard wärst tot, wenn ich dir alles injiziert hätte, was du wolltest.« Jetzt heulen sie gemeinsam, zum Steinerweichen, und Voet sagt: »Das war aber Zeit, mein Junge. Du bist nicht verloren. Du hast doch keinen umgebracht. Wir sind letzten Endes Opfer des Systems.«

Das System des Radsports steht zum Befund im Saal A des Justizpalasts von Lille, jeden Morgen ab neun. Die Kühltaschen, in denen Voet seine Fahrerapotheke transportierte, bilden auf dem Richtertisch Farbkleckse. Von Fensterluken gefiltert, bescheint ansonsten das fahle Licht des Nordens, des alten Kohlereviers an der belgischen Grenze, eine dem Namen nach ehrenwerte Gesellschaft, die ihrem Sport den vorläufigen Totenschein ausstellt.

Jean-Marie Leblanc ist da, der Direktor der Tour de France. Daniel Baal auch, Chef des französischen Radsportverbandes. Für Hein Verbruggen, den Präsidenten des Internationalen Radsportverbandes, ist ein Stuhl reserviert. Zusammen mit ihren Rechtsvertretern füllen die Sportbosse beinahe allein die Reihen - der Nebenkläger, wohlgemerkt. Angeklagt sind Pfleger, Masseure, Drogenkuriere, kleine Apotheker.

Und angeklagt ist Richard Virenque. Versteht er, worum es hier geht? Dass mehr auf dem Spiel steht als sein Ruf? Dass sein Starrsinn alles verzögert hat, dass ohne ihn vieles längst vergessen wäre, dass er das Millionen-Monopoly Radsport versaut?

Da sitzt nun dieser Virenque, aus Casablanca stammender Bergkönig der neunziger Jahre, in grauem Anzug und hellbraunen Geckenschuhen ein Lauserlächeln riskierend, in Reihe 1 vor würdig ihre Roben schwenkenden Anwälten. Er wirkt herausragend und deplatziert zugleich, wie die Brennnessel im Zierrasen.

Er schweigt, während vor seinen Augen Zeugen, Nebenkläger und Mitangeklagte die Wahnwelt dechiffrieren, in der er sich eingenistet hat, in der er ein sauberer Held ist. Von A wie Amphetamin bis Z, dem Festina-Code für Wachstumshormon, wird das Rennfahrer-Leben durchbuchstabiert. P steht für Clenbuterol, ein Kälbermastmittel, dessen Vorzüge bei Jungrindern wie Radprofis zum Tragen kommen - mehr Fleisch und weniger Fett bringen mehr Kohle. X ist das Kürzel für eine Einheit Epo.

Die Rede ist von »Augen« (Pervitin- oder Captagon-Tabletten, in Fruchtriegel verpackt und bei der Verpflegungskontrolle überreicht); vom »pot belge«, dem belgischen Drink, einem Heroin-Kokain-Amphetamin-Coffein-Cocktail; von »Trinkflaschen mit Fallschirm«, also Coffein-Amphetamin-Zäpfchen an Rennfahrer-Flaschen; und von »Heizkesseln« im allgemeinen - Fahrern, die Drogen nehmen.

Virenque und die anderen Erben von Fausto Coppi, Eddy Merckx und Bernard Hinault schrumpfen in der Wahrnehmung der Zuhörer von Lille zu einer Betriebssportgruppe der globalen Pharmaindustrie. Aber nicht alles ist neu in diesem Gewerbe, nicht alles schlimmer als früher.

Schon Eddy Merckx wurde wegen Dopingvergehens bestraft wie Felice Gimondi und Jacques Anquetil. Rudi Altig wurde, lange bevor er als Tour-de-France-Experte der ARD anheuerte, vom Tour-Arzt als »rollende Apotheke« umrissen, und auch Didi Thurau hatte Gift im Leib. Spätestens seit der Brite Tom Simpson 1967 am Mont Ventoux mit Amphetaminen im Blut sterbend vom Rad fiel, ist die Unschuld der Sportart dahin.

So umfassend allerdings, so systematisch wie jetzt im Prozess gegen Virenque und andere gebeichtet, wurde wohl nie gedopt. Von der »Generation Epo« ist die Rede, die seit Anfang der Neunziger, als der Stoff die Szene flutete, am Ruder sei. Epo mache den Fahrer um zehn Prozent schneller. Alle anderen Dopingmittel zusammen bewirkten vielleicht ein halbes Prozent.

»Die Achtziger, das war eine andere Epoche«, sagt Voet über den damaligen französischen Star Charly Mottet, als sei der seit Jahrzehnten tot: »Damals konntest du noch gewinnen, ohne was zu nehmen.«

»Plötzlich fahren Leute an dir vorbei, die bis dahin nie an dir vorbeifuhren«, sagt der kleine Luc Leblanc, Weltmeister von 1994, als er in den Zeugenstand tritt. Erst als er gemerkt habe, dass es »ohne« nicht mehr gehe, habe er begonnen, sich zu dopen, »ins Metier« zu gehen, wie die Fahrer das nennen. Bis dahin sei er »mit reinem Wasser« gefahren. Leblanc sagt: »Ich wollte einfach auf meinem Niveau bleiben.« Er meint: auf dem Niveau der anderen.

Hat er auch beim Gewinn des WM-Titels 1994 in Agrigent nachgeholfen? »Ich bin hier als Zeuge, nicht als Angeklagter«, protestiert Leblanc. Voet muss aussagen. Er fällt das Todesurteil für den Rad-Champion, unaufgeregt, im Tonfall des altgedienten Giftmischers: Natürlich habe auch Leblanc damals Epo, Wachstumshormon und »einen kleinen Zuschlag vor Großereignissen« bekommen, 10 Milligramm Diprostene intramuskulär am Vorabend, 20 Gramm morgens vor dem Rennen.

»Selbstverständlich war er trotzdem der Beste an jenem Tag«, sagt Voet: »Die anderen haben schließlich das Gleiche bekommen.« Unter den anderen war Richard Virenque, der Dritter wurde. Luc Leblanc darf seinen Titel behalten. Die Frist für eine Aberkennung ist im Herbst 1999 verstrichen.

Auftritt Laurent Brochard, ein scheuer Pferdeschwanzträger. Er war Weltmeister 1997, drei Jahre nach Leblanc, gleichfalls in Diensten von Festina, gleichfalls vollgedopt. Das stellt sich, fast zufällig, heraus.

Eigentlich soll Brochard nur erklären, wie es kam, dass er seinen Titel behielt, obwohl bei ihm Lidocain nachgewiesen worden war; wer damals auf die Idee kam, ein Attest zurückzudatieren und so das Dopingmittel genehmigen zu lassen; und wie weit französischer Radsportverband und Weltverband bei diesen kriminellen Machenschaften mitgespielt haben.

Der Richter aber findet heraus: Auch Brochard hatte die Rundumbehandlung erhalten. Er war »präpariert« wie die anderen, sagt Voet, das heißt auf einen Hämatokrit-Wert (Fahrercode: »Hubraum") haarscharf unter den zulässigen 50 geeicht:

»Dazu kamen drei Injektionen mit Wachstumshormon à zwei Einheiten, auch Kortison, am Vorabend 10 Milligramm Diprostene und eine weitere mit 20 Milligramm eine Stunde vor dem Rennen.«

Brochard, der Champion, steht neben Voet wie der Kaiser ohne Kleider. »Er war trotzdem der Beste an jenem Tag«, setzt Voet in bester Absicht an, doch der Richter unterbricht ihn: »Das haben Sie uns schon bei Luc Leblanc beschrieben.« Abtritt Brochard.

Am Abend, an dem sie Brochards Titel gefeiert haben, ist Bruno Roussel, der sportliche Leiter von Festina, unversehens ins Zimmer gekommen mit dem Einsatzplan für die anstehende Woche. Da haben ihm die Fahrer verkündet, dass daraus leider nichts werde: »Das geht nicht. Wir haben uns gerade einen ,pot belge'' gemacht.« Das Risiko, beim Rennen mit Spuren des Heroin-Kokain-Amphetamin-Coffein-Cocktails erwischt zu werden, sei zu groß.

Roussel sagt, er habe versucht, den »dritten Weg« im Radsport einzuschlagen: das Doping unter medizinischer Aufsicht. Irgendwann um 1997 herum sei ihm die Kontrolle über die Fahrer entglitten. Die »Barone«, die Alpha-Tierchen des Rennstalls, angeführt von Virenque, hätten das Ruder an sich gerissen.

Den eigenen Arzt Eric Ryckaert, inzwischen wegen systematischen Dopings verurteilt, haben die Barone als Bedenkenträger verhöhnt. Im Vergleich zum Italiener Michele Ferrari, Branchenname »Dottor Epo«, sei Ryckaert gewissermaßen nur Fiat-Klasse, ein »Doktor Punto«. Wenn der einstige Anführer Virenque nun behaupte, er habe sich gedopt, ohne es zu merken, sei das Unfug, sagt der Ex-Sportdirektor Roussel: »Er war es, der den größten Druck ausgeübt hat.«

Dieser Satz allein könnte genügen, um den Bergkönig ins Gefängnis zu bringen. Auch Christophe Bassons, einst als »Meister Proper« - weil bekennender Nichtdoper - im Fahrerlager belächelt bis verschrien, hatte Gelegenheit zu studieren, wer der Leithammel bei Festina war. Virenques Rolle, so Bassons, war die eines »Herren oder Despoten, den es unverzüglich zu bedienen galt, wo und wann er es verlangte«.

Bassons ist erst 26 und fast schon am Ende. Er hätte nach Experten-Einschätzung das Zeug zum Champion gehabt, Wettbewerbsgleichheit vorausgesetzt. Seinen Eintritt in die Festina-Welt schildert er wie ein Kind die erste Geisterbahnfahrt.

Er sieht Fahrerzimmer, in denen sich Kollegen Handtücher um die Arme gewickelt haben, er sieht Flaschen mit Natriumlösung an Bilderhaken baumeln und beim Frühstück aufgeschwollene Gesichter, die von missratener Kortison-Dosierung am Vorabend erzählen. Einmal erwischt Bassons die falsche Kaffeetasse und tanzt dann, wie er sagt, durch »bis morgens um sieben, obwohl seit drei Stunden keine Musik mehr spielt«.

»Wenn du siehst, wie Lance Armstrong mit fast 54 Stundenkilometern fährt, ist das ein Skandal«, sagt Bassons'' ehemaliger Trainer Antoine Vayer. Sein Schützling hatte öffentlich kundgetan, dass ohne Doping im Radsport nichts mehr zu holen sei. Armstrong selbst sei dann bei der Tour 1999 auf ihn zugekommen, sagt Bassons, und habe ihm ins Gewissen geredet: »Du schadest dem Radsport. Du solltest die Tour verlassen.«

Der Prozess gegen Virenque und andere ist eine Delikatesse für Berufszyniker, ein Linsengericht hingegen für jene, die bis jetzt geglaubt hatten, am Beginn eines Wettbewerbs sei doch noch alles möglich. Im italienischen Forli steht der Tour-de-France-Sieger von 1998, Marco Pantani, beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit wegen »Sportbetrugs« vor Gericht. In Lille fallen vor versammelter Presse jeden Tag Namen und Schamschwellen.

»Riis, Bjarne Riis - das ist der, der am Ende seiner Karriere noch die Tour de France gewonnen hat«, sagt mit messerscharf kalkuliertem Spott der Richter Daniel Delegove. Im fachkundigen Publikum, wo der von Willy Voet kolportierte Riis-Spitzname »Mister 60 Prozent« - Anspielung auf einen drastisch überhöhten Hämatokrit-Wert - bekannt ist, werden solche Einordnungen goutiert.

Der angeklagte Bergkönig Virenque hängt währenddessen in seinem Sessel und lässt nicht erkennen, ob es ihn freut, wenn auch andere zur Sprache kommen. Er erträgt den Prozess wie ein Lausbub den Stubenarrest. Vielleicht ist er auch nur in Gedanken in Paris.

Dort stellt zur gleichen Stunde der Tour-Direktor Jean-Marie Leblanc den Plan für die Tour de France 2001 vor, die am 7. Juli beginnen wird.

* Oben: vorigen Mittwoch im Justizpalast von Lille; unten: beider Tour de France im Juli 1997, rechts Jan Ullrich.* Vergangenen Montag in Lille.

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