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MARATHON Das Ziel heißt Runner's High

Ob in Hamburg oder nächsten Sonntag in Berlin, ob im stürmischen Ostfriesland oder in der Düsternis eines Salzbergwerks: Deutschland rennt Marathon. 42,195 Kilometer sind für immer mehr Lauffans die Strecke zum Glück.
aus DER SPIEGEL 39/2001

Die zierliche Frau ist sich ihrer Bedeutung bewusst. Naoko Takahashi, 29, Olympiasiegerin im Marathonlauf, reist mit einer zehnköpfigen Entourage nach Berlin, darunter ein eigener Koch; sie wünscht einen japanisch parlierenden Friseurmeister zu ihrer Verfügung und für die Nachtruhe eine Hotelsuite vor den Toren der Stadt.

Doch Heinz Milde, 62, der seit 28 Jahren den Berlin-Marathon organisiert, nimmt der Dame aus Fernost die paar Allüren nicht übel. Stars wie die Goldmedaillengewinnerin von Sydney, so weiß der Diplomkaufmann, machen aus einem gewöhnlichen Volkslauf ein weltweit beachtetes Sportereignis.

Längst zählt das Rennen durch die Hauptstadt zu den »Big Five« (neben New York, Chicago, Boston und London) - ein Pflichttermin für alle Fortgeschrittenen unter den Dauerläufern.

Und so werden am kommenden Wochenende Zehntausende in die eigens verkehrsberuhigte Metropole einfallen, um ihrer Leidenschaft zu frönen: In einer Masse Gleichgesinnter 42,195 Kilometer zu laufen - auch wenn sie von Frau Takahashi bestenfalls die Fersen sehen werden.

Seit Wochen sind die Meldelisten dicht. 31 234 Läufer haben sich eingeschrieben, außerdem 6000 Inline-Skater, und entlang der Strecke werden eine Million Zuschauer erwartet. Der Stadtmarathon zwischen der Straße des 17. Juni, Brandenburger Tor, Potsdamer Platz, Kurfürstendamm und Gedächtniskirche werde, behauptet Renndirektor Milde, der größte, den die Welt bislang gesehen habe.

Allein aus Japan haben sich etwa 100 Journalisten angekündigt, mehr als zur Leichtathletik-WM Anfang August im kanadischen Edmonton, und das Staatsfernsehen überträgt live zur Prime-Time nach Asien. »Eigentlich«, befindet Milde, »is det kaum mehr zu verkraften.«

Berlin ist indes nur die Spitze der Bewegung. Allerorten mobilisieren Marathonveranstaltungen so viele Menschen wie nie zuvor. Auch die Großstadt-Läufe in Hamburg, Köln, Frankfurt oder München verkünden Teilnehmerrekorde. Und selbst die Provinz rennt im Trend. Denn ob im Heidedörfchen Stüde, im ostfriesischen Nest Hesel oder im sachsen-anhaltinischen Flecken Gardelegen: 42 Kilometer markierte Wegstrecke mit Verpflegungsposten, Rot-Kreuz-Ständen und Blasmusik im Zielbereich finden sich überall in der Republik.

Deutschland, ein Läuferland. Running, nicht mehr Jogging, heißt die magische Vokabel, die der geschundenen Leistungsgesellschaft ein bewussteres Leben verheißt. Denn nur wer sich dauernd in Bewegung hält und dabei gelegentlich seine Grenzen auslotet, so lautet die Botschaft, schüttelt den Alltagsballast ab - und wird mit massivem Ausstoß von Glückshormonen belohnt.

So finden sie auf ihrem Selbsterfahrungstrip schließlich zum Marathon: Erfolgstypen jedweder Couleur, aber in rauen Mengen auch Frühergraute, Mittdreißiger in der Beziehungskrise, Vorruheständler, überspannte Jungväter, Frischluft-Entwöhnte, Übergewichtige, Verschlackte, Cellulitis-Geplagte, Ex-Raucher, Ex-Trinker, Ex-Kiffer - und natürlich Politiker.

Außenminister Joschka Fischer, 53, der schon drei Marathonläufe hinter sich gebracht hat, ist ein Held der Bewegung. Sein Buch »Mein langer Lauf zu mir selbst«, das vor zwei Jahren erschien, haben bislang 210 000 Menschen erworben. Beim Knaur-Verlag, der die Taschenbuchrechte hält, rechnet man mit 100 000 weiteren Exemplaren. Der Titel ist ein Bestseller, weil kaum einer die persönliche Verwandlung durchs Laufen ("fünfmal die Woche 12 bis 16 Kilometer") so sichtbar verkörpert wie der Autor höchstselbst: Erst war Fischer dick, und jetzt ist er dünn.

Das ist das Maß. Spätestens seit Fischer gilt das Kilometerfressen als gesellschaftsfähig. Fünf Millionen Deutsche, schätzen Marketing-Experten aus der Sportartikelindustrie, seien regelmäßige Läufer. Tendenz: stark zunehmend. Thomas Staiger, Geschäftsführer des Bekleidungsherstellers Tao und bekennender Marathonfan, hat gar eine »regelrechte Hysterie« ausgemacht.

Der Fachhandel befeuert den Boom. Denn die Nachfrage nach Inline-Skates oder Kickboards, den Trendprodukten der Vorjahre, war zuletzt dramatisch abgeebbt - die aus der Mode gekommenen Vehikel lagen wie Blei in den Geschäften.

Laufschuhe indes verkauften sich in Deutschland im vorigen Jahr wie irre: 45 Millionen Paar. Um 14 Prozent schnellte der Umsatz bundesweit nach oben. Der japanische Konzern Asics, der seinen Marktanteil hier zu Lande innerhalb eines Jahres um mehr als die Hälfte steigerte, ließ seine Marketing-Abteilung bei der Internationalen Sportartikelmesse in München unlängst jauchzen, man schwebe »auf Erfolgswolke sieben«.

Zur Glückseligkeit der Händler trägt bei, dass die hechelnde Klientel ebenso anspruchsvoll wie zahlungskräftig ist. Vorbei sind die Zeiten, in denen Jogger mit schlabbrigen T-Shirts und ausgebeulten Trainingshosen über Deutschlands Grünflächen hetzten.

Wer heute läuft und etwas auf sich hält, trägt um die Brust einen Herzfrequenzmesser, am Handgelenk eine Stoppuhr, an den Beinen eng anliegende Hosen mit elastischen Membranteilen und an den Füßen Schuhe, für die man schon mal drei Hundertmarkscheine aus dem Portemonnaie ziehen muss. Bis vor zwei Jahren sei es »fast unmöglich gewesen, Schuhe für mehr als 200 Mark zu verkaufen«, sagt der Inhaber eines Sportfachgeschäfts. »Nun laufen viele, die beruflich stark eingespannt sind«, folgert Bekleidungsfachmann Staiger, »und die wollen sich dann etwas gönnen.«

Schließlich geht es nicht nur ums Laufen an sich. Es geht um eine Lebenseinstellung - und die wird, vor allen anderen selbst ernannten Experten, ideologisch unterfüttert von dem Kernphysiker und Internisten Ulrich Strunz, 57.

Der Ultra-Triathlet aus dem fränkischen Roth, einst Restaurantkritiker für den Gourmetführer »Gault Millau« und nun von seinem Münchner Verlag zum »Fitnesspapst« ausgerufen, formuliert eingängig wie kein Zweiter die Standesregeln der Bewegungsapostel. Es sind Anweisungen in einfachen Sätzen: »Ich lebe täglich. Also laufe ich täglich.«

Was Strunz schreibt, wird ihm von seiner Gemeinde aus der Hand gerissen. Rund 1,5 Millionen seiner Bücher hat der Medicus bereits unters Volk gebracht, und die hervorstechende Stilform seiner Werke ist eine Art Wohlfühl-Imperativ: »Laufen Sie sich jung! Essen Sie sich jung! Denken Sie sich jung!«

Dabei bleibt es nicht. Strunz hält etwa 200 Vorträge im Jahr, mal vor kleinen Managerzirkeln, mal in riesigen Hallen. Mehr als 100 000 Menschen hat er auf diese Weise bereits den alten Wunsch Iuvenals nach »mens sana in corpore sano« ("ein gesunder Verstand liege in einem gesunden Körper") ins 21. Jahrhundert übersetzt.

Vor seinem Auditorium wirkt der braun gebrannte Doktor so vital, dass selbst gestandene Geschäftsleute gelegentlich die Fassung verlieren. »Ihr Seminar hat mein Leben verändert«, schrieb der Top-Manager eines großen Versicherungsunternehmens, »Sie sind sozusagen mein Guru.«

Der Kick, den Wanderprediger Strunz herbeiredet ("Ich bin ein Verkäufer für Glück"), kommt beim Marathon von ganz alleine. Denn wenn die Muskeln allmählich erschöpfen und Milchsäure ins Blut abgeben, sendet die Hirnanhangdrüse als Betäubungsmittel Glückshormone aus: so genannte Endorphine, die die Schmerzübertragung blockieren. Das ist der Punkt, den die Läufer ehrfürchtig »Runner''s High« nennen - sie laufen und laufen und laufen, obwohl sie eigentlich nicht mehr können.

Einige Sportsfreunde, so scheint es, sind dem Rausch erlegen. Denn welche Ausmaße die Laufwelle hier zu Lande bereits angenommen hat, dokumentiert ein Verein, der sich beim Hamburg-Marathon im April 1999 gründete.

Die Verbindung nennt sich »100 Marathon Club Deutschland« - und nimmt nur Mitglieder auf, die nachweislich 100-mal in ihrem Leben 42,195 Kilometer gelaufen sind. Gründungsmitglied Werner Sonntag, 75, ein Laufbuchautor aus dem schwäbischen Ostfildern, schrieb in dem Branchenblatt »Runner''s World": »Wir sind, verdammt noch mal, was Besseres.« Sein Laufkollege

* Horst Preisler, 66, pensionierter Personalchef einer Hamburger Klinik, hat bereits mehr als 1000 Marathons hinter sich, so viele wie niemand sonst auf diesem Planeten. Einmal brach sich Preisler in Dresden fünf Kilometer nach dem Start den Arm und schleppte sich trotzdem durch. Ein anderes Mal lief er in einer Halle in La Rochelle sechs Tage und Nächte mit nur kurzen Unterbrechungen auf Betonplatten 661 Kilometer.

* Hans-Joachim Meyer, 61, pensionierter Lehrer, lief 500 Marathons in zehn Jahren. Unter Gleichgesinnten trägt er den Spitznamen »Eisen-Meyer«, weil er einmal mit einer Trümmerfraktur im Oberschenkel ins Ziel humpelte.

* Christian Hottas, 45, ein Sportmediziner, lief 502 Marathons und Ultramarathons in 14 Jahren. Bei 35 Läufen schob er seine kleine Tochter im Kinderwagen vor sich her. Auch seinen Hund Charly nahm er zu diversen Marathons mit. Hottas druckte dem Tier zur Anerkennung eine Visitenkarte und richtete für Charly eine Homepage ein.

Der Arzt mit dem Kinnbart, der einen leichten Bauchansatz nicht verbergen kann, rekapituliert Streckenprofile von Rennen, die Jahre her sind und referiert seine Bestzeiten von ebenfalls lange zurückliegenden Läufen bis auf die dritte Stelle hinter dem Komma. Er ist ein Pedant und hat alles archiviert. In 22 Ordnern stecken die Urkunden sämtlicher Läufe, an denen Hottas jemals teilgenommen hat, und in seinem Computer bringt er seine »Sportliche Biografie« nach jedem Rennen auf den neuesten Stand.

»Ich bin nicht laufsüchtig«,

sagt Hottas, »aber gar nicht

verrückt ist auch nicht normal.« Ungeachtet seiner ärztlichen Kollegen aus der Orthopädie, die den Marathonläufern ihre zig Millionen Mikrotraumen vorrechnen, die sie dem Knieapparat zumuten, plant Hottas mit dem 100 Marathon Club Deutschland Großes in den Weihnachtsferien: zwölf Marathons an zwölf aufeinander folgenden Tagen.

Nun gibt es sicherlich graduelle Unterschiede zwischen den Extremisten der 100er-Riege und den Tausenden, die durch den Englischen Garten oder um die Alster laufen, um einmal im Jahr mit Startnummer auf dem Bauch ein kleiner Teil der großen Bewegung zu sein. Oder die im November eine Woche Urlaub nehmen, um beim New York Marathon dabei zu sein - vergangenes Jahr eroberten 1607 Deutsche per pedes Midtown Manhattan. Doch der Hang, sich mit Skurrilitäten vom Gewöhnlichen abzusondern, nimmt rapide zu.

Um neue Reize zu setzen, kommen Veranstalter auf immer schrillere Ideen. So rühmt sich Hamburg eines Marathons durch die zwei gekachelten Röhren des alten Elbtunnels. Und den wohl nur vorläufigen Höhepunkt erreichte das bizarre Treiben im thüringischen Sondershausen.

Dort quälten sich 35 Marathonläufer im Salzbergwerk »Glückauf« 700 Meter unter der Erde durch einen aufgelassenen Stollen - mit Helmen auf den Köpfen und unter medizinisch bedenklichen Bedingungen. »Frischluft«, stöhnte ein Teilnehmer hernach im Schacht, »war Mangelware.« MICHAEL WULZINGER

* Mit Ehefrau Nicola Leske beim New- York-Marathon am 7.November 1999.

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