Opfer des DDR-Staatsdopings "Keine Medaille kann das Leid je aufwiegen"

Der Hilfsfonds für die Opfer des DDR-Dopings ist leer, doch das Leid der Ex-Athleten dauert an. In Schwerin bemüht man sich um neue Mittel - und um Forschung, die auch nach 30 Jahren Einheit noch fehlt.
Siegen für den Sozialismus: Schon 1976 in Montreal kam das staatlich gesteuerte Doping im DDR-Sport zum Tragen

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Foto: Wolfgang Weihs/ picture alliance / dpa

Das Telefon klingelt noch immer. Für viele ehemalige Athleten, die sich an die Anlauf- und Beratungsstelle für Geschädigte des DDR-Leistungssports in Schwerin wenden, ist die DDR auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch jeden Tag am eigenen Leib spürbar. Doping und Drill, Gewalt und Missbrauch haben physischen wie psychischen Schaden hinterlassen.

Die bislang einzige explizite staatliche Unterstützung, das Doping-Opferhilfe-Gesetz, ist Ende 2019 ausgelaufen. Anne Drescher aber will die Betroffenen nicht alleinlassen. Bei der Landesbeauftragten Mecklenburg-Vorpommerns für die Aufarbeitung der SED-Diktatur melden sich auch neue Sportler, sagt Drescher. Viele hätten noch immer Bedarf, ihr eigenes Schicksal zu sortieren und die Schäden zu verstehen, die Sport und Staat angerichtet haben.

Aufklärung und Verstehen, das ist für Betroffene das Wichtigste. Doch auch die Hoffnung auf Entschädigung haben sie in Schwerin noch nicht aufgegeben.

Können Dopingopfer wie politisch Verfolgte rehabilitiert werden?

Vom staatlichen Doping in der DDR betroffene Sportler haben auch nach dem Fristende des Dopingopfer-Hilfegesetzes die Möglichkeit, eine Entschädigung zu beantragen. Sie können je nach Bedürftigkeit einen Antrag nach dem Opferentschädigungsgesetz stellen, oder eine verwaltungsrechtliche Rehabilitierung beantragen. Diese sogenannten SED-Unrechtsbereinigungsgesetze wurden nach der Wiedervereinigung eingesetzt, um Betroffene, die in der DDR zum Beispiel politisch verfolgt oder beruflich benachteiligt wurden, zu rehabilitieren.

"Wenn wir vom DDR-Staatsdoping sprechen, vom Staatsplan 14.25, der gegen Kinder und jugendliche Athleten zur Anwendung kam, ist das ganz klar rechtsstaatswidriges Handeln", sagt Anne Drescher dem SPIEGEL. "Das ist im Verwaltungsrechtlichen Rehabilitierungsgesetz gemeint, wenn von einer 'hoheitlichen Maßnahme einer deutschen behördlichen Stelle', die 'mit tragenden Grundsätzen eines Rechtsstaates unvereinbar sind', gesprochen wird, die zu einer gesundheitlichen Schädigung geführt hat."

Das Problem sei, dass das staatliche Zwangsdoping bislang nicht so gesehen wurde. "Aus unserer Sicht gehören die gedopten Sportler aber in diese Betroffenengruppe", sagt Drescher. Sie seien demnach antragsberechtigt. Eine Frist gebe es für die Rehabilitierung nicht.

Derzeit begleitet Drescher zwei Sportler in ihren Verfahren. Sie hofft auf eine positive Entscheidung: Nach ihrer Ansicht könnte diese auch ein Signal für andere Betroffene sein, das aufwendige Antragsverfahren anzugehen und auf staatliche Anerkennung zu hoffen. Das könnten individuelle Unterstützung zur Folge haben, bis hin zu einer Rente.

1633 geschädigte Sportler erhielten eine einmalige Entschädigung

In Schwerin gibt es in der Landesstelle für die Aufarbeitung der SED-Diktatur seit 2018 eine explizite Beratungsstelle für DDR-Dopingopfer. Betroffene können sich hierin wenden, wenn sie etwa Hilfe bei der Aufklärung ihrer eigenen Sportlerbiografie, Unterstützung bei der Beantragung von Dokumenten oder der Antragstellung für eine mögliche Entschädigung benötigen. Neben der Beratung geht es auch um Bildungsarbeit und wissenschaftliche Aufarbeitung, etwa in Schulen, bei Vorträgen oder mit Veröffentlichungen. Die hauptamtlich besetzte Stelle ist zunächst auf fünf Jahre befristet.

"Zu uns in die Beratung kommen ehemalige Sportlerinnen und Sportler, die unter schweren Erkrankungen leiden. Sowohl die Medikation, als auch die Trainingsmethoden im Spitzensport der DDR gelten als ursächlich für deren gesundheitliche Folgeschäden. In Synergie von Wissenschaft und Beratungspraxis werden diese Zusammenhänge erforscht und veröffentlicht sowie gleichzeitig die Erkenntnisse für die Beratung nutzbar gemacht", sagt Drescher. "Es ist immer noch zu wenig bekannt, wie viel Leid durch den DDR-Leistungssport verursacht wurde - gerade auch bei noch ganz jungen Sportlern. Keine Medaille kann das je aufwiegen."

Der Bund hatte 2002 und 2016 jeweils Doping-Opferhilfe-Gesetze verabschiedet. Anerkannte Betroffene erhielten einmalig 10.500 Euro. Doch auch das zweite Dopingopfer-Hilfegesetz ist Ende 2019 ausgelaufen. Nach der ersten Fassung wurden 194 Anträge und nach der zweiten Fassung 1439 Anträge bewilligt, abgelehnt wurden 115 beziehungsweise 245 Anträge.

Insgesamt wurden nach den Gesetzen also 1633 Sportler und Sportlerinnen als Opfer des Zwangsdopings in der DDR staatlich anerkannt. Weitere 60 Verfahren sind nach Auskunft des Bundesverwaltungsamtes auf SPIEGEL-Anfrage noch nicht endgültig entschieden. Sie sollen bis Ende des Jahres abgeschlossen sein.

Forschungsstand zu Folgen des DDR-Dopings noch immer gering

Zu den Doping zugeschriebenen Folgen zählen unter anderen Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, eine nachhaltige Stoffwechselstörung, aber auch seelische Erkrankungen wie Depressionen und Schmerzstörungen. Dazu kommen kaputte Rücken und Gelenke vom übermäßigen Training, das durch die sogenannten unterstützenden Mittel möglich gemacht wurde. Auch Todesfälle werden mit den Folgen des Dopings, etwa durch Krebs oder Organversagen, in Verbindung gebracht.

Doch der Forschungsstand zu den Folgen des DDR-Dopingsystems ist auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung kaum vorhanden. In Mecklenburg-Vorpommern laufen deshalb mehrere Forschungsprojekte. Die Dissertationen entstehen in Zusammenarbeit mit den Universitäten Greifswald und Rostock sowie den Helios Kliniken Schwerin. Im kommenden Jahr sollen die Ergebnisse vorgestellt werden. Vorläufig war in einer Ankündigung bereits davon die Rede, dass "betroffene Sportler im Vergleich zu einer Kontrollgruppe unter erheblichen gesundheitlichen Schädigungen leiden".

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Foto: imago images / sportfotodienst

Die politische Führung der DDR hatte 1974 im Staatsplan 14.25 systematisches Doping im Leistungssport beschlossen, um dem noch jungen Staat bei internationalen Vergleichen so viele Medaillen wie möglich zu beschaffen. Dies sollte der nationalen Repräsentation dienen. Von "Diplomaten im Trainingsanzug" war die Rede. In der Folge waren auch Kinder und Jugendliche an den Sportschulen gedopt worden.

Doch die Anerkennung als Dopingopfer gestaltet sich für die Betroffenen oft schwierig. Das staatliche Dopingsystem selbst ist zwar gut dokumentiert. Doch für die Sportler im Einzelnen fehlten oftmals beweiskräftige Akten und Gutachten, die den Medikamentenmissbrauch belegten.

In den vergangenen zwei Jahren ist zudem über die Frage, wer Opfer ist und wer nicht, ein teilweise heftiger Streit entbrannt. Die Ansichten darüber gehen inzwischen selbst bei einstigen gemeinsamen Antidopingkämpfern um die 1999 gegründete Doping-Opfer-Hilfe auseinander. Während manche Sportler wussten, was sie zu sich nahmen oder ihnen zugeführt wurde, waren andere wohl im Unklaren - mindestens über die gesundheitlichen Konsequenzen.

ara
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