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Den Verstand intelligent ausschalten

Fritz Stemme, 63, ist Professor für Psychologie an der Universität Bremen. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Wenn bundesdeutsche Athleten bei Welt- oder Europameisterschaften antreten, taucht hernach in den Bilanzen beinahe regelmäßig der Begriff »Versager« auf. Jüngstes Beispiel: der Brustschwimmer Rolf Beab, der über 100 Meter bei den Europameisterschaften in Straßburg nicht das Finale erreichte.

»Wenn du auf dem Startblock stehst«, so begründete der Vize-Europameister von 1985 den angesichts guter Trainingsleistungen überraschenden Einbruch. »spürst du die Schlinge um deinen Hals. Du mußt gewinnen, um weiterhin von der Sporthilfe optimal gefördert zu werden.« Der psychischen Belastung des Leistungs- und Erfolgsdrucks hielt Beab auch physisch nicht stand.

Ein Phänomen, das bei Athleten aus der DDR, der UdSSR und den USA im Vergleich zu den Bundesdeutschen viel seltener zu beobachten ist. Sie sind durch ein Supertraining mit neuen psycho-physiologischen Techniken mental so stabil geworden, daß sie den Wettkampfstreß offenbar mühelos aushalten.

Das Supertraining wurde zunächst von Sowjets und Amerikanern in der Raumfahrt angewandt und dann auf den Sport übertragen. In den Vereinigten Staaten erschienen allein im letzten Jahr 20 Bücher, die sich mit den neuen Trainingsmethoden befassen, in Deutschland kommen die Anleitungen »Psychotraining für Sportler« sowie »Mentales Training« jetzt auf den Markt. _(Syer/Conolly: »Psychotraining für ) _(Sportler«. Rowohlt Verlag Reinbek; 208 ) _(Seiten; 14,80 Mark; Porter/Forster: ) _("Mentales Training«. BLV München; 144 ) _(Seiten; 32 Mark )

Erste Hinweise auf das Supertraining hatte es schon 1976 bei den Olympischen Spielen in Montreal gegeben. Dort gewann die UdSSR 49 Goldmedaillen, die DDR 40, die USA hingegen nur 34. Der Westen vermutete hinter den Erfolgen des Ostblocks neben Dopingmitteln auch ein revolutionäres Training. Die Russen schwiegen zu allen Spekulationen.

Drei Jahre später, bei einem geselligen Abend während eines internationalen Mathematiker-Kongresses in Mailand, unterhielt sich der Amerikaner Charles Garfield, früher einmal ein erfolgreicher Gewichtheber, mit sowjetischen Wissenschaftlern. Einer von ihnen erzählte plötzlich von neuen Trainingsmethoden, die Physiologen und Psychologen entwickelt hätten. Sie würden das vegetative Nervensystem stark machen.

Garfield überredete die Sowjets, an ihm einen Demonstrationsversuch vorzunehmen. Innerhalb weniger Tage erreichte der Amerikaner dann durch psychosomatische Regulationstechniken, die Sowjets nannten das »psichosomatitscheskoje samoregulirowanije«, seine Bestleistung von 165,5 Kilo, obwohl er monatelang nicht trainiert hatte.

Mit Methoden, die die sowjetischen Kosmonauten bei der Vorbereitung auf lange Raumflüge verwandten, wurde auch Gewichtheber Wassilij Alexejew zum stärksten Mann der Welt. Die Wissenschaftler hatten ihm erklärt, daß seine Leistungsgrenze wahrscheinlich bei 250 Kilo liege. Zu dem Zeitpunkt brachte

Alexejew 226 Kilo zur Hochstrecke, beherrschte noch nicht die Selbstregulation von Herzschlag, Blutdruck und Körpertemperatur.

Alexejew hob später sogar 256 Kilo. Er hatte gelernt, was die Wissenschaftler Energiekontrolle nennen. Es war ein rein psychisch-geistiger Akt, der alle verfügbaren Energiereserven auf den Punkt lenkte.

Als erste profitierten die Sportler der DDR von den sowjetischen Erkenntnissen. Der frühere Weltklasseturner Wolfgang Thüne berichtete nach seiner Flucht, er könne, wie seine einstigen Kollegen auch, unmittelbar vor einem Wettkampf nicht nur feststellen, welche Muskelgruppen nicht optimal durchblutet seien. Er habe auch die Fähigkeit antrainiert, diese Muskeln dann gezielt besser mit Sauerstoff zu versorgen. Mit den Methoden der Kosmonauten werde sogar die Angst vor einem Genickbruch beim Doppelsalto mit Schraube als Abgang vom Reck ausgeschaltet.

Das Supertraining wird im Hochleistungssport immer mehr zum unverzichtbaren, weil effektivsten Bereich der Wettkampfvorbereitung werden. Es umfaßt die physische, psychische und geistige Schulung und geht über die herkömmlichen Programme weit hinaus.

Dabei werden innere Bilder, geistige Vorstellungen und positive Bewußtseinsinhalte im Zustand tiefer Muskelentspannung produziert und durch wiederholtes Üben im Gehirn festgeschrieben. Wie in Hypnose kann man nicht mehr selbst unterscheiden, was wahr oder nur simuliert ist. Der Organismus reagiert auf diese Informationsdefizite, indem er dem Athleten im Wettkampf Leistungen ermöglicht, die er im Geiste bereits vollbracht hat.

Schon immer gab es Naturtalente, die intuitiv so zum Erfolg kamen. »Zuerst sehe ich den Ball da, wo ich ihn hinhaben will«, beschrieb einmal Golfchampion Jack Nicklaus die Sekunden vor dem Schlag. Dann sehe er, wie der Ball fliege, wo er lande, erst danach, so Nicklaus, kehre er in die Realität zurück: »Jetzt liegt der Ball wirklich vor mir, ich führe den Schlag aus, und oft verläuft die Flugbahn tatsächlich so, wie ich es mir vorgestellt habe.«

Wenn er sich suggeriert habe, daß er den Gegner zum Beispiel in der siebenten Runde ausknocken werde, so der einstige Box-Weltmeister Muhammad Ali zu seinen mitunter verblüffend präzisen Kampfvoraussagen, dann habe er zu dem Zeitpunkt oft tatsächlich das Gefühl verspürt: »Jetzt ist es Zeit für den entscheidenden Schlag.«

Pele, der weltbeste Fußballer aller Zeiten, stellte sich intensiv vor, er könne mit dem Ball am Fuß durch die Abwehrspieler hindurchdribbeln, sie nicht nur umspielen. Während des Spiels ging er »besonders dicht an meine Gegner heran, daß es aussah, als wollte ich sie umrennen«. Tatsächlich umspielte er sie, zwar fast auf Tuchfühlung, aber ohne sie wirklich zu berühren.

Solche Erfolge werden fälschlicherweise auf »mentales Training« zurückgeführt. Doch die Stars nutzten ihre Fähigkeiten eher zufällig, nicht systematisch. Durch das Supertraining ist dieser Weg zum Erfolg trainierbar geworden, in fünf Stufen.

Zunächst einmal ermitteln Wissenschaftler nach einer physiologischen und psychologischen Bestandsaufnahme anhand der Daten, wo die maximale Leistungsgrenze des Athleten liegen könnte. Dann fragen sie den Sportler nach seiner eigenen Einschatzung. Ist die Differenz zwischen beiden Urteilen groß, kennt der Athlet offensichtlich seine realistische Grenze nicht, weil er sie sich nicht vorstellen kann. Hier verspricht das Supertraining Erfolg.

Es beginnt mit dem Erlernen einer speziellen Entspannungstechnik, die sich aus einer progressiven Muskelrelaxation (16 ausgesuchte Muskelkomplexe werden nacheinander gespannt und nach sieben Sekunden wieder entspannt) und autogenem Training zusammensetzt. Das Erlernen der Technik dauert bis zu sechs Wochen.

In der Entspannung verändert sich das Hirnstrombild: Aus Alpha- und Beta-Wellen werden schließlich Theta-Wellen. Sie zeigen an, daß das Bewußtsein das Unbewußte wahrzunehmen beginnt.

Das ist der Zustand, in dem mit der sogenannten Visualisation begonnen wird. Dabei wird in einer Art umgekehrter Psychoanalyse immer wieder an die emotionalen und leistungsgebundenen Höhepunkte erinnert: ein großer Sieg, das Glücksgefühl danach, der Beifall.

Die neuen. Forschungsergebnisse zeigen, daß man auf diese Bilder angewiesen ist, Worte allein reichen nicht. In diesem Punkt wurden bei Versuchen mit einem Psycho-Training in der Bundesrepublik die meisten Fehler gemacht, wurden den Athleten Tonbandkassetten gegeben, deren Texte wie zum Beispiel »Ich bin stark« meist wirkungslos blieben.

Denn die rechte Gehirnhälfte ist nicht nur für kreative Leistungen zuständig, sondern auch für das Raumgefühl und die Intuition. Diese Vorgänge sind schwer zu verbalisieren. Hierfür müssen praktisch »Filme« produziert werden, die die Athleten bei Bedarf wie Kassetten in einen inneren Videorecorder einlegen.

Ist das erreicht, wird auf die künftige Leistung umgeschaltet. Dabei muß stets eine realistische Marke angepeilt werden. Sonst bekommen die Sportler plötzlich Angst.

Wird die künftige Höchstleistung im Geiste ohne Angst vorweggenommen, muß noch das sogenannte Arousal (engl. to arouse = aufrütteln ) dazukommen. Das ist ein Vorstartzustand, der ein positives Lampenfieber einschließt. Ist das _(1975 beim Titelkampf gegen Joe Frazier ) _(in Manila. )

optimale Arousal gefunden, wird durch Training eine Dauereinstellung wie bei einem Zuckerkranken vorgenommen.

Sind visualisierter Erfolg und optimales Arousal einige Monate lang täglich zweimal eine halbe Stunde trainiert, stellt sich ein Zustand ein, den die Athleten so beschreiben: Sie spüren die Gewißheit, es zu schaffen, sie wollen damit auch nicht länger warten. Stimmt jetzt auch noch die Konzentration, wird meist die angepeilte Leistung erreicht.

Die Trainingsprogramme von Sowjets und Amerikanern unterscheiden sich inzwischen kaum noch, die USA haben den Rückstand wettgemacht. Noch vor 25 Jahren setzte die Nasa auf das Darwinsche Prinzip des Überlebens bei Auslesetests. Übrig blieb, wer absolut cool reagierte, wenn es bedrohlich wurde, das waren die Armstrongs, Conrads, Glenns. Die Sowjets bauten dagegen von Beginn an entsprechend der Pawlowschen Lehre auf das Training.

Inzwischen trainieren in den USA Sportler von der zierlichen Läuferin Mary Decker bis hin zu Muskelprotz Arnold Schwarzenegger nach der neuen Methode.

Sie wird sogar schon über den Sport hinaus angewandt. So berichtete Lee Iacocca, Chrysler-Manager und Kultfigur amerikanischer Geschäftsleute, daß er sich vor schwierigen Entscheidungen immer wieder daran erinnere, wie er als Kind sein erstes Geld verdient habe, indem er in einem Supermarkt älteren Kunden den Einkaufswagen geschoben habe. Und dann sage er sich stets: »Warum soll es nicht gelingen, schließlich war ich ja mit zehn Jahren schon Leiter einer Transportabteilung.«

Aber auch das Supertraining kann aus müden Sportlern keine Sieger machen. Es setzt hochmotivierte Athleten voraus, deren Intelligenz ihnen sagt, daß ihre kritische linke Gehirnhälfte immer über den intuitiven Bewegungsablauf richtet. Und daß deshalb mit Hilfe des intelligenten Supertrainings der Verstand zeitweise ausgeschaltet werden muß

Syer/Conolly: »Psychotraining für Sportler«. Rowohlt Verlag Reinbek;208 Seiten; 14,80 Mark; Porter/Forster: »Mentales Training«. BLVMünchen; 144 Seiten; 32 Mark1975 beim Titelkampf gegen Joe Frazier in Manila.

Fritz Stemme
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