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EISKUNSTLAUFEN Der abgestürzte Engel

Als Olympiasiegerin sprang sie sich in die Herzen der Amerikaner. Oksana Bajul, das Waisenkind aus der Ukraine, erhielt Millionenverträge und zog nach Connecticut. Drei Jahre später nimmt das Märchen eine jähe Wendung. Von Udo Ludwig
aus DER SPIEGEL 8/1997

Der Nachmittag im Internationalen Eislaufzentrum von Connecticut, der »Heimat von Weltmeistern und Olympiasiegern«, ist wieder endlos eintönig. Vor der Glasscheibe zur ovalen Laufbahn stolzieren die Mütter der zukünftigen Eisprinzessinnen Amerikas auf und ab. Dick gepuderte Ladies mit schweren Klunkern um den Hals ergötzen sich an ihren Enkeln oder warten darauf, »irgendeine Berühmtheit« besichtigen zu können.

Doch durch die Tür schwingt nur der Kantinenchef. »War Oksana schon hier?« trällert er fröhlich in die Runde. Seine ironische Frage findet kein Verständnis. »Leider nicht«, quetscht eine Mutter heraus und widmet sich den Resten ihres Kuchens.

Oksana Bajul, 19, hat es vorgezogen, sich vorerst dem öden Trainingsalltag zu entziehen. Die Olympiasiegerin ist Hauptdarstellerin eines amerikanischen Dramas und steckt soeben in einem äußerst spannenden, möglicherweise dem finalen Akt. Zuletzt waren ein Alkoholexzeß, ein zu Schrott gefahrener Mercedes, ein Fingerbruch, eine Kopfwunde und Verwerfungen alter Freundschaften zu beklagen.

Das Märchen eines Aschenputtels, das über Nacht zum Star wurde, hat eine brutale Wendung genommen. Die Folgen einer durchzechten Nacht drohen eine Karriere, die bald in Hollywood ihren Höhepunkt erfahren sollte, vorzeitig zu zerstören.

Die amerikanische Fernsehnation delektiert sich an einer Soap-opera, deren Drehbuch das reale Leben liefert. In den Morgenshows rühren Aufstieg und Fall eines Eisstars die Hausfrauen an, abends högt sich David Letterman über die angebliche Trunksucht der Ukrainerin, und zwischendurch schluchzt diese höchstselbst im TV-Studio ("Ich habe so viele Menschen enttäuscht"), händchenhaltend mit Star-Interviewerin Oprah Winfrey.

Selten zuvor hat die amerikanische Nation mit solcher Hingabe am Leben einer Ausländerin Anteil genommen. Je nach Sichtweise schwankt das Publikum zwischen Bewunderung und Mitleid, zwischen Spott und Abneigung, aber niemandem ist das Schicksal der Eisläuferin gleichgültig.

Denn Oksana Bajul ist den Zuschauern an einem denkwürdigen Februartag vor drei Jahren geradewegs in die Herzen gelaufen. Zwei Drittel aller TV-Apparate in den USA waren bei den Olympischen Spielen in Lillehammer eingeschaltet, um den Ausgang einer pikanten Geschichte mitzuerleben.

Damals duellierten sich US-Darling Nancy Kerrigan und die als »Eishexe« verrufene Tonya Harding um die Goldmedaille. Daß Freunde der Harding einige Wochen zuvor das Schienbein der Konkurrentin mit einer Eisenstange malträtiert hatten, pumpte den Zweikampf zum Quotenhit auf. Doch dann gewann mit dem denkbar knappsten Ergebnis - und für die Amerikaner unfaßbar - ein seltsam kostümiertes, knallrot geschminktes Mädchen aus Osteuropa, das die Aufmerksamkeit noch steigerte, als es sich bei der Siegerehrung vor Weinkrämpfen schüttelt.

Zunächst waren die Manager vom US-Sender CBS, die sich die Übertragung aus Norwegen viel Geld kosten ließen, über den scheinbar quotenschädigenden Ausgang schockiert. Aber dann entdeckten sie in der zerbrechlich wirkenden Goldprinzessin den idealen Stoff für rührselige Human-touch-Geschichten.

Oksana Bajul wird am 16. November 1977 in der sowjetischen Industriestadt Dnjepropetrowsk geboren. Der Vater macht sich aus dem Staub, als sie zwei Jahre alt ist. Die Großeltern, die sich zumeist um sie kümmern, verliert sie innerhalb eines Jahres. Schließlich stirbt ihre Mutter an Eierstockkrebs. Oksana ist 13 und allein. Das Eislauftalent wird von Galina Smijewskaja, einer berühmten Trainerin, aufgenommen. Im fernen Odessa teilt Oksana fortan mit deren Tochter Galya ein Zimmer.

Kaum hat Oksana Olympiagold gewonnen, sendet CBS herzzerreißende Bilder über die angeblich unwürdigen Verhältnisse, unter denen am Schwarzen Meer Sieger heranwachsen. Das Eis in der zugigen Halle von Odessa schimmert wegen der Algenverpestung des Wassers grünlich; wenn Löcher in die Laufbahn reißen, müssen die Athleten mit Wasser aus Gartenschläuchen die Oberfläche selbst ausbessern. Aus ihrem Zimmer in der Mietskaserne schaut Oksana in einen stinkenden Hinterhof, nachts sollen schon mal Schüsse durch die Straßen peitschen.

Da erscheint Bob Young wie ein Retter. Der Nationaltrainer der US-Paarläufer plant in seiner Heimat Connecticut ein internationales Eislaufzentrum. Und für sein 7,5-Millionen-Dollar-Projekt wählt er »nur das Beste": modernste Eismaschinen, luxuriöse Fitneßräume und Galina Smijewskaja, seines Erachtens »die beste Trainerin aller Zeiten« - und Oksana Bajul.

Auch andere russische Welt- und Olympiasieger lassen sich nach Simsbury locken, einem 22 000-Einwohner-Nest unweit von Hartford. Die fremden Stars sollen für das Young-Projekt weltweit Public Relations machen. Schon bald verschicken Eltern aus Kalifornien und Florida, Spanien, Korea und der Schweiz ihre Kinder zu den 50 Trainern in die Provinz.

Young profitiert davon, daß sich Eiskunstlaufen nach den Tränenspielen von Lillehammer »zum Big Deal« aufschwingt. Nach American Football bringt der telegene Hallensport die höchsten Einschaltquoten - mehrere, meist ausverkaufte Eisrevuen touren durch die Staaten.

Bereitwillig stecken Eltern Millionensummen in die sportliche Ausbildung ihres Nachwuchses: teils, weil sie im Ruhm der Töchter ihre eigenen Träume verwirklicht sehen wollen, häufiger noch, weil Erfolge gigantische Renditen verheißen. Obwohl nur mit Silber gekürt, wurde Nancy Kerrigan dank Werbeverträgen mit Reebok, Revlon, Disney und Campbell-Suppen zur Multimillionärin.

Als Vorzeigemodell des Booms gilt jedoch Oksana Bajul - lebendiges Beispiel dafür, daß der amerikanische Traum von der Tellerwäscherkarriere für jeden, der wie sie »hart arbeitet«, wahr werden kann. Ihr Profikontrakt ist mit jährlich rund zwei Millionen Dollar dotiert; davon leistet sie sich einen Mercedes für 100 000 Dollar und eine Villa für eine halbe Million.

Daß Oksana alsbald bei aller natürlich wirkenden Schüchternheit leicht bekleidet wie eine arabische Tänzerin übers Eis schwebt, befördert sie ins gehobene Entertainment. Kolumnisten küren sie zu »einer der zehn faszinierendsten Persönlichkeiten Amerikas«, für die einen ist sie »die sibirische Inkarnation von Bardot« (esquire), für andere die neue »Monroe« (chicago tribune).

Oksana trägt inzwischen vorzugsweise Versace, sie färbt sich ihre hellbraunen Haare schifferblond und fühlt sich damit der New Yorker Partygesellschaft zugehörig. Sie prostet im »Fashion Cafe« Arnold Schwarzenegger zu und smalltalkt mit Madonna. Die Clintons laden sie ins Weiße Haus ein, bunte Blätter zeigen sie in Nachtbars, stets frohgelaunt.

Sie träumt von Schauspielkarriere und Model-Engagements. Ihr Manager bestärkt sie darin. Sie verliert die Fähigkeit, zwischen realem Leben und Märchenwelt unterscheiden zu können. Sie vernachlässigt das Training. Bei Wettbewerben von Profis landet sie abgeschlagen auf hinteren Plätzen. Zuschauer weinen, als sich die Stürze auf dem Eis häufen.

Als Ausgleich für die erlittenen Frustrationen jagt sie auf dem Highway den verloren geglaubten Teenagerjahren hinterher. Nach New York braucht sie gerade mal eine Stunde und 40 Minuten, wofür man normalerweise die doppelte Zeit benötigt. »Jeder sagt, ich fahre zu schnell«, bekennt sie belustigt, »auch die Polizei.«

Simsbury erscheint ihr zunehmend als goldener Käfig. Morgens wacht sie in ei-

nem zweistöckigen Haus auf, das sie allein bewohnt. Wenn sie die knapp fünf Meilen

*Am 27. Januar vor dem Gericht in West-Hartford.

zum Trainingscenter zurücklegt, kommt sie an vier Kirchen, sechs Tankstellen und fünf Banken vorbei - Simsbury, das bedeutet dreimal Gasgeben für sie.

Abwechslung bringen nur die Sportbars. Dort schließt sie Bekanntschaften mit Leuten, für die sie die unantastbare Heldin ist, der man keinen Wunsch abschlagen mag; die es toll finden, wenn sie sich für ein Magazin in lasziven Posen ablichten läßt. Selbst Ersatzmutter Galina schätzt die Gefahr falsch ein: Oksanas Eskapaden seien »vergängliche Teenagerprobleme«.

Körperliche Veränderungen verschärfen die Situation. Oksana wächst in einem Jahr fünf Zentimeter und legt einige Pfunde zu. Schlecht trainiert häufen sich Verletzungen, zu Jahresanfang muß sie eine 25-Städte-Tour wegen Rückenproblemen absagen.

Zum Zeitvertreib fährt sie am 12. Januar ins Civic Center von Hartford, wo auswärtige Kollegen die Eisrevue »Der Geist von Pocahontas« aufführen. Nach der Vorstellung feiern die Sportler Wiedersehen in der »Bar with no name«, einem etwas schrägen Laden mit einer über dem Tresen aufgehängten Harley-Davidson.

Oksana genehmigt sich vier bis fünf Long Island Ice Teas, ein Gemisch aus Wodka, Gin, Rum, Tequila und ein paar Spritzern Cola, das jeden Seemann auf die Planken schickt. Doch sie fühlt sich noch lange »nicht betrunken«, glaubt, die zwölf Meilen nach Hause zu schaffen: »Schließlich bin ich ein russisches Mädchen.«

Hinter Hartford beginnt freies Feld. Aus dem Autoradio von ihrer Freundin Madonna befeuert, treibt sie den grünen Mercedes auf knapp 160 Stundenkilometer - erlaubt ist nicht mal die Hälfte. Als ihr Mitfahrer Ari Zakarian, ein armenischer Eisläufer, zur Mäßigung mahnt, ist es schon zu spät: Hinter einer Kuppe macht die Straße einen Rechtsbogen. Die Karriere als Glamourgirl endet morgens um 2.20 Uhr erst an dünnen Bäumen, schließlich im Graben. Am folgenden Tag wird sie wegen »Trunkenheit am Steuer« und »rücksichtslosen Fahrens« vorübergehend in Haft genommen.

Unfälle solcher Art ereignen sich jedes Wochenende allein zwischen Boston und New York zu Dutzenden - doch für einen Eislaufstar verändert sich in diesen Sekunden die Welt. Zwar klettert Oksana nur mit einer Platzwunde am Kopf, die mit zwölf Stichen genäht wird, aus dem Auto, und auch der Beifahrer kommt mit einem Fingerbruch davon. Doch ihr Manager Michael Carlisle muß eingestehen, daß die »Amerikanisierung« der Ukrainerin vorerst als gescheitert zu betrachten gilt.

Young fahndet nach Mitschuldigen für die Tragödie. Der Druck des Fernsehens, sagt er, sei »riesengroß« gewesen, die Sender inszenierten nur noch »dramatisch aufgemachte Märchen«. Selbst Megastars wie der Basketballer Michael Jordan oder der Golfer Tiger Woods würden »dieser festen Umklammerung« auf Dauer nicht standhalten. Um wie vieles schwerer haben es dann erst die um einige Jahre jüngeren Kinderstars im Turnen, Eislaufen und Tennis - wie das Beispiel des All-american-Girl Jennifer Capriati zeigt, das 16jährig Olympiasiegerin war und mit 18 mit Heroin erwischt wurde.

Nach dem Unfall verschanzt sich Oksana in ihrer Villa. In der Öffentlichkeit erscheint die einstige Cinderella »mit dem engelsgleichen Ausdruck« (Clinton) nun als Symbol für die der Trunksucht anheimgefallene US-Jugend. Bars machen Werbung mit ihrem Namen ("Oksana war auch schon hier"), Karikaturisten verspotten den Absturz, Zeitungsleser empören sich: »Betrunken Auto zu fahren ist so gefährlich, als wenn man einem Schimpansen ein Maschinengewehr in die Hand gibt.«

Als Oksana vor Gericht erscheint, ist es fast so wie bei O. J. Simpson: Dutzende von Kamerateams sind angereist, eine Eskorte aus acht Polizisten drängt die Angeklagte durch die Menge der Reporter.

Der Untersuchungsbericht weist aus, daß sie 97,11 Meilen schnell gefahren sei und dabei einen Alkoholwert von 1,68 Promille im Blut gehabt habe. Oksana hilft vor Gericht eine in schwerem Moll vorgetragene Entschuldigung. Zudem basieren die Polizeierkenntnisse auf nachträglich angestellten Berechnungen - ein Verfahren, das rechtlich umstritten ist. Oksana kommt mit einer Geldbuße von 95 Dollar davon, sie muß an einem Alkoholerziehungsprogramm teilnehmen und 25 Stunden Sozialarbeit leisten.

Die Beschuldigte berichtet reuig, daß sie bereits mit dem Verein der »Mütter gegen betrunkenes Fahren« Kontakt aufgenommen habe. »Machen Sie das mit Ihrer ganzen Seele«, fordert sie der Richter auf. Bisher hat sich Oksana an die mahnenden Worte gehalten. Eine lange vor dem Unfall geplante Serie von Fernsehauftritten und eine bundesweite Promotionstour für ihre Biographie, die vor einigen Tagen veröffentlicht wurde, hat sie abgesagt.

Nur in New York erscheint sie vorigen Donnerstag zu einer Buchsignierung bei Dalton auf der Fifth Avenue. Sie hat sich züchtig in einen blauen Rollkragenpullover gezwängt, lächelt angestrengt den Fotografen zu und malt alsdann stumm ihren Namen in die Bücher.

»My own Way« heißt das 46-SeitenWerk, das bestückt ist mit bunten Bildern und sich an eislaufende Kinder richtet. Für 16,99 Dollar erfahren die Käufer statt der wahren Lebensbeichte banale Intimitäten: Oksanas weiß-brauner Cockerspaniel heißt Rudik: »Er wohnt bei mir und versteht beides - Russisch und Englisch.«

* Am 27. Januar vor dem Gericht in West-Hartford.

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